Funfzehnter Auftritt.

[186] Vorige, ohne den Landrath.

Indem Elise dem abgehenden Landrath sich zuwendet, hebt Hr. v. Kiel das Blatt auf und überliest es; stößt die Fußbank aus dem Wege.


ELISE. Man muß gestehen, ausgesuchteres Unglück, als mein Vetter, kann nicht leicht ein Mensch haben.

HERR VON KIEL. Ja wohl, Ungeschick ist Unglück. Ein klein wenig Geistesgegenwart und savoir faire im rechten Augenblicke würde ihm über all solche Calamitäten hinweg helfen.

ELISE. O prahlen Sie nicht so sehr, wer weiß, ob Ihr savoir faire sich unter schwierigen Umständen bewährte.

HERR VON KIEL auf das Blatt in seiner Hand blickend, als ob er einem Plane nachsänne. Fordern Sie mich nicht heraus, ich könnte Ihnen sonst ein Pröbchen davon geben.

ELISE. Nur her damit!

HERR VON KIEL mit leichter Verbeugung. Zu rechter Zeit und Gelegenheit. Er spielt mit dem Papier in der Hand, um ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Vielleicht gelingt mir mehr, als ich selbst denke.

ELISE. Was haben Sie denn da?

HERR VON KIEL. Das? O das ist nichts, eine Art Rückstand von den Huldigungen vor Ihrem Throne, ein paar werthlose Verse. Er steckt das Blatt in die Brusttasche.[187]

ELISE. Wie? Seit wann beschäftigen Sie sich mit Versen?

HERR VON KIEL. Seit ich auf dem Lande und bei Ihnen bin.

ELISE. Zeigen Sie doch.

HERR VON KIEL. Sie sind in der That nicht würdig, von Ihnen gekannt zu seyn.

ELISE. Lassen Sie das mich entscheiden.

HERR VON KIEL. Nun so erlauben Sie, daß ich sie Ihnen vorlese. Er liest.


»In Wonnethau gebadet lauscht im Thale

Die Blume still dem ersten Sonnenstrahle,

Der Lust verheißend auf in Osten glüht.

So bebt das Herz in freudevollen Schlägen,

So jauchzt es hoffnungsvoll dem Glück entgegen,

Das ihm am fernen Horizont erblüht.


Doch wenn die Sonnenrosse höher steigen,

Dann muß das Blumenauge still sich neigen,

Und welken vor des Mittags glüh'ndem Stern.

Und naht sich uns, wonach wir heiß verlangen,

Dann bebt das Herz, geblendet und voll Bangen,

So nah dem Ziel, sind wir ihm doppelt fern.«


ELISE. Allerliebst! – Sie setzen mich in Erstaunen – Nehmen Sie mir's nicht übel, aber das hätte ich Ihnen nicht zugetraut.

HERR VON KIEL. Ich mir auch nicht, aber was machen Gelegenheit und Umstände nicht aus uns.

ELISE. O geben Sie, ich muß die Verse besitzen.[188]

HERR VON KIEL. Sie erzeigen ihnen zu viel Ehre.

ELISE. Und Sie zu wenig. Sie empfängt das Blatt. Aber das ist nicht Ihre Hand?

HERR VON KIEL. Nein, es ist von einer zierlicheren als der meinigen copirt. Sie wissen, wie gern die Bescheidenheit des Dichters ihn in Inkognito kleidet.

ELISE. Wahrhaftig, Sie werden mit ganz neu. Verse, die ich nie von Ihnen vermuthet, Bescheidenheit, die ich nie an Ihnen bemerkt.

HERR VON KIEL verbeugt sich. O ich bin noch in meiner Entwicklung begriffen. Sie entdecken wohl nach und nach noch manches an mir, das Ihres Beifalls würdig ist.

ELISE. Aber erklären Sie mir, wie kommen nur Sie zu diesen Versen?

HERR VON KIEL betreten. Wie ich –

ELISE. Diese zarte, schüchterne Gesinnung –

HERR VON KIEL gefaßt. Mein Gott, sind diese Verse nicht ein treuer Abdruck der Stimmung, in welche Ihre Grausamkeit mich versetzt? Von Ihrer Güte und Freundlichkeit stets verführt, glaube ich mich oft der Erfüllung meiner Wünsche nah, und dann schlägt Ihre Unempfindlichkeit mich wieder ganz darnieder. »So nah dem Ziel, bin ich ihm doppelt fern.« Werden Sie dies grausame Spiel noch lange mit mir treiben? Werden Sie diese Sprödigkeit niemals ablegen, die Sie auf Ehre nicht kleidet?

ELISE hat die Augen auf das Gedicht gesenkt, das sie in den[189] Händen knifft. Ei nun, wenn Sie fortfahren, so neue Eigenschaften herauszukehren, können Sie schon noch einmal liebenswürdig werden und wer weiß –? ach was schwatze ich da! Wendet sich abzugehen.

HERR VON KIEL folgt ihr. O fahren Sie fort, das ist das süßeste Geschwätz, das jemals über diese süßen Lippen kam! Beide ab.

Quelle:
Eduard Devrient: Dramatische und dramaturgische Schriften, Leipzig 1846, S. 186-190.
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