Neunzehntes Kapitel

[136] Es wird ein höchst bemerkenswerter Plan gefaßt.


Eines Abends, es war eine kalte stürmische Nacht, hüllte sich der Jude in seinen Mantel, klappte den Kragen hoch, so daß von seinem Gesicht nur die Augen zu sehen waren, und entfernte sich vorsichtig aus dem Hause. Vor dem Tor blieb er stehen, bis es inwendig verschlossen und verriegelt war, und eilte dann, so schnell er konnte, die Straße hinunter.

Das Haus, in das man Oliver gesperrt, befand sich in der Gegend von Whitechapel. Der Jude blieb an der Ecke der Straße eine Weile stehen, spähte um sich und schlug dann die Richtung nach Spitalfields ein.

Dicker Schmutz lag auf dem Pflaster, ein schwarzer Nebel hing über den Straßen, und ein leiser Staubregen ging hernieder und machte alles kalt und klamm. Es war gerade die richtige Nacht für ein Scheusal, wie der Jude, um sich auf den Gassen herumzutreiben. Wie er sich so verstohlen durch Nacht, Nebel und Schmutz an den Mauern entlangdrückte, glich er einem ekelhaften Tier, das nächtlicherweile aus seiner Höhle kommt, um sich im Schlamm ein scheußliches Mahl zu suchen.[136]

Er setzte seinen Weg durch alle möglichen engen gewundenen und schmutzigen Gassen fort, bis er schließlich Bethnal Green erreichte. Dann wandte er sich plötzlich nach links und kam in ein Gewirr von gemeinen und schlammbedeckten Straßen; er war offenbar dort mit jedem Winkel vertraut und bog endlich in eine Gasse ein, in der nur eine einzige Laterne schien. Dort klopfte er an eine Haustür, wechselte mit der Person, die öffnete, ein paar hastige Worte und klomm dann die Treppe hinauf.

Wie er die Hand auf die Klinke legte, hörte man einen Hund knurren, und gleich darauf fragte eine Männerstimme, wer da sei.

»Ich bin's, Bill, ich, lieber Freind,« sagte der Jude und schob den Kopf ins Zimmer.

»Also, herein gefälligst,« brummte Sikes, »kusch dich, Mistvieh, du kennst wohl den Teufel nicht, bloß weil er nen Mantel anhat?«

Wirklich schien sich der Hund durch die Verkleidung des Juden haben täuschen lassen; denn als Fagin ablegte und seinen Rock über eine Stuhllehne warf, legte er sich leise mit dem Schweif wedelnd wieder in die Ecke, aus der er gekommen war.

»Nun?« fragte Sikes.

»Nu, lieber Freind?« erwiderte der Jude. »Ah, Nancyleben!«

Die Dirne zog die Füße vom Ofengitter zurück, schob ihren Stuhl beiseite und nötigte Fagin mit einer stummen Geste, sich an den Kamin zu setzen.

»Kalt is es heinte draußen, Nancyleben,« klagte Fagin und wärmte sich seine knochigen Hände über dem Feuer, »daß es einem durch und durch geht.«

»Na, um Ihnen durchs Herz zu gehen, müßts schon noch ein bissel kälter sein,« brummte Sikes. »Gib ihm was zu trinken, Nancy. Teufel noch einmal, eil dich! Den alten Leichnam da vor Kälte schlottern zu sehen wie ein Gespenst, das aus dem Grab kommt, – übel könnt einem dabei werden.«

Rasch brachte Nancy eine Flasche aus einem kleinen Wandschränkchen, Sikes schenkte ein Glas Schnaps ein und reichte es dem Juden.[137]

»Ich dank Ihnen scheen, Billeben,« sagte der Jude und setzte das Glas, kaum daß er es an die Lippen geführt, wieder nieder.

»Sie fürchten sich wohl, daß Gift drin ist, was?« höhnte Sikes und fixierte den Juden.

Dann nahm er selbst einen kräftigen Schluck, schüttete den Rest in die Kohlenglut und füllte das Glas von neuem.

Fagin sah sich langsam im Zimmer um, während Sikes das zweite Glas hinuntergoß – nicht vielleicht aus Neugierde, denn er kannte es seit langer Zeit, aber er war immer mißtrauisch und argwöhnisch. Es war eine ärmlich eingerichtete Wohnung mit nicht viel mehr darin als dem Wandschrank, so daß man glauben konnte, seine Bewohner wären gewöhnliche Taglöhner. Nur ein paar schwere Knüttel im Winkel machten einen verdächtigen Eindruck.

»So,« sagte Sikes, mit den Lippen schmatzend, »so weit bin ich fertig.«

»Fürs Geschäft?« forschte der Jude.

»Fürs Geschäft,« bestätigte Sikes. »Also los! Was haben Sie zu sagen?«

»Was is mit der Bude in Chertsey, Bill?« fragte der Jude leise und rückte seinen Stuhl näher an Sikes heran.

»Ja, das möcht ich auch fragen,« brummte Sikes.

»Nu, Sie wissen doch, was ich sagen will, lieber Freind,« sprudelte der Jude hervor. »Was glauben Sie, weiß er, was ich will, Nancyleben?«

»Nee, er weiß es nicht,« höhnte Sikes, »oder er wills nicht wissen, – was aufs Gleiche raus kommt. Nur raus damit und die Sache beim Namen nennen. Sitzen Sie nicht da und blinzeln Sie; oder sprechen Sie in Rätseln? Also was gibt's?«

»Betuch, Billeben, betuch,« flüsterte der Jude abwehrend. »Was, wenn uns jemand hört? Geben Se acht, es wird uns noch ä mol jemand heeren.«

»Na gut, soll uns jemand hören,« murrte Sikes, »mir ist's Wurst –« er schien es aber doch für besser zu halten dem Rate des Juden zu folgen, denn er dämpfte gleich darauf seine Stimme.[138]

»Nu nu,« beschwichtigte der Jude, »es war doch bloß ä Vorsicht von mir, lieber Freind. Also, was is mit der Bude in Chertsey? Und wann geht's los, Bill? Silberzeug, mein lieber Freind, Silberzeug!« Und er rieb sich die Hände und zog verzückt die Augenbrauen in die Höhe.

»Es ist nichts damit,« versetzte Sikes kalt.

»Nix damit?« rief der Jude und fuhr von seinem Stuhl auf.

»Nein, nichts damit,« wiederholte Sikes. »Es ist lange kein so gutes Geschäft, wie wir erwartet haben.«

»Dann habt ihr's schief angefaßt,« sagte der Jude und wurde bleich vor Ärger. »Reden Se nix.«

»Aber ich will reden,« schrie Sikes. »Wer sind Sie denn, daß Sie mir das Maul verbieten wollen? Ich sag Ihnen: Toby Crackit hat die Stelle vierzehn Tage lang ausbaldowert, aber keiner von der Dienerschaft ist rumzukriegen.«

»Sie wolln mer doch sowas nicht einreden, Bill,« remonstrierte der Jude, immer ruhiger werdend, je mehr sich der andre in die Hitze hineinredete, »Sie wolln mer doch nix einreden, daß nicht a einziger von den Leuten wirklich rumzukriegen gewesen is?«

»Jawohl will ich das,« versetzte Sikes. »Zwanzig Jahrlang sind sie schon bei der Alten gewesen, und nicht um fünfhundert Pfund werden sie anbeißen.«

»Aber von den Frauenzimmern werden Sie mer das doch wohl nicht einreden wollen, Bill?« wendete der Jude ein.

»Es ist nicht dran zu denken.«

»Und durch den hübschen Toby Crackit auch nicht? Gott, Sie müssen sich doch in die Weibsleut auskennen!«

»Nein, auch durch den hübschen Toby Crackit nicht,« beharrte Sikes auf seiner Ansicht. »Wie gesagt, nicht einmal die falschen Kotletten, die er sich angeklebt hat, und die kanariengelbe Weste haben geholfen bei ihnen.«

»Warum hat ers nicht mit ä Schnurrbart versucht und mit ä paar Militärhosen?« fragte der Jude.

»Das hat er auch gemacht,« brummte Sikes, »und ist auch nicht weiter damit gekommen.«[139]

Der Jude machte ein verdutztes Gesicht. Ein paar Minuten lang saß er da und ließ den Kopf hängen, dann blickte er auf und meinte mit einem tiefen Seufzer, wenn der hübsche Toby Crackit wirklich die Wahrheit gesprochen habe, sei es allerdings mit dem Geschäft nichts.

»Es is rein zum verzweifeln,« setzte er hinzu und rieb sich die Knie, »rein zum verzweifeln, lieber Freind. Jetzt solln mer aufgeben, worauf wer uns schon so lang gefreit haben?«

»Jawohl, stimmt,« sagte Mr. Sikes, »verdammtes Pech.«

Eine lange Pause folgte, während der der Jude in tiefes Grübeln versunken dasaß. Seine Mienen zeigten den Ausdruck geradezu dämonischer Schurkerei. Von Zeit zu Zeit schielte Sikes nach ihm hinüber, und Nancy, um ihn nicht aufzubringen, saß stumm da und blickte in die Kohlenglut.

»Fagin,« brach Sikes plötzlich das Schweigen, »geben Sie fünfzig Goldfüchse extra, wenn wirs mit dem Einbruch probieren?«

»Gemacht,« rief der Jude, plötzlich aus seinen Gedanken erwachend.

»Wirklich? Abgemacht?« fragte Sikes.

»Wenn ich sag, is es gemacht,« rief der Jude und seine Augen funkelten vor Aufregung.

»Gut,« sagte Sikes und schob die Hand des Juden verächtlich beiseite. »Also gut, dann gehen wir's an, wann Sie's für richtig halten. Toby und ich sind vorgestern Nacht über die Gartenmauer gestiegen und haben die Fensterladen untersucht. Die Bude wird Nachts zugeriegelt wie ein Gefängnis, aber eine Stelle haben wir schon rausgefunden, wo's ohne viel Lärm gehen wird.«

»Wo ist die Stelle?« fragte der Jude hastig.

»Na: also, wenn Sie über den Rasen weggehen,« flüsterte Sikes.

»Ja?« fragte der Jude neugierig, daß ihm die Augen fast herausquollen.

»Hm,« flüsterte Sikes durch einen heimlichen Wink Nancys zur Vorsicht gemahnt, »was kümmert Sies denn,[140] wo's ist? Sie können's ohne mich nicht machen, aber doch ist's am gescheitesten, man verrät Ihnen nichts.«

»Wie Se wollen, lieber Freind; ganz wie Se wollen,« sagte der Jude. »Sonst brauchen Se niemand als Toby?«

»Niemand. Bloß noch ein Brecheisen und einen Jungen. Das erste haben wir selber, das zweite müssen Sie uns verschaffen.«

»En Jungen?« rief der Jude. »Dann is es also bloß eine dünne Tür?«

»Was geht das Sie an,« knurrte Sikes; »ich brauch einen Jungen, und er darf nicht zu groß sein. – Donnerwetter,« murmelte er nachdenklich, »wenn ich bloß das Bürschchen vom Ned hätte, von dem Schornsteinfeger; der hat seine Buben nie groß werden lassen und hat sie für solche Fälle im Taglohn verdingt. Aber den Alten haben sie natürlich außer Land geschafft, und dann ist der Jugendschutzverein gekommen und hat den Jungen aus dem Geschäft genommen, ihm Lesen und Schreiben beigebracht und ihn schließlich anderweitig in die Lehre gegeben. Aber so machen sie es natürlich immer,« grollte Sikes; »wenn sie Geld genug hätten, würden sie in einem halben Jahr nicht ein halbes Dutzend Buben mehr in London haben, die wir brauchen könnten.«

»Ja, das stimmt,« klagte der Jude. »Übrigens heern Se, Bill!«

Er machte Sikes mit einer Kopfbewegung auf Nancy aufmerksam, die noch immer in die Kohlenglut blickte, und gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, er möchte sie hinausschicken. Ungeduldig zuckte Sikes mit den Achseln, als sei dies eine ganz überflüssige Vorsichtsmaßregel, dann aber fügte er sich Fagins Wunsch und befahl Nancy, ihm einen Krug Bier zu holen.

»Plötzlich willste Bier haben?« fragte Nancy, verschränkte die Arme und blieb ruhig sitzen.

»Ich sag dir: ich will Bier haben.«

»Ach Quatsch,« versetzte die Dirne kaltblütig, »sprechen Sie nur weiter, Fagin; ich weiß doch, was er sagen will, Bill. Meinetwegen braucht er sich nicht zu genieren.«

Der Jude zögerte noch immer, und Sikes sah verwundert von ihm zu Nancy und wieder zurück.[141]

»Sie werden sich doch nicht an die da kehren, Fagin?« fragte er schließlich. »Wir kennen sie doch wahrhaftig lang genug, daß man ihr trauen kann. Sie müßte doch rein zum Teufel sein! Die hält dicht, was, Nancy?«

»Det gloob ik ooch,« erwiderte die junge Dame, rückte ihren Stuhl an den Tisch und lümmelte sich auf die Ellbogen.

»Nancyleben, Gott, ich weiß doch,« schmeichelte der Jude. »Aber –« wieder machte er eine Pause.

»Was, aber?«

»Fürchten tu ich mich, ob sie nicht gleich könnt wieder meschugge werden vor Wut,« sagte der Jude; »so wie neilich abends in der Nacht.«

Miß Nancy brach in ein schallendes Gelächter aus, goß ein Glas Schnaps hinunter, schüttelte trotzig den Kopf und murrte etwas wie: ach Quatsch, nicht ums Verrecken, und andre Bemerkungen, die bezwecken sollten, die beiden Gentlemen in Sicherheit zu wiegen. Der Jude nickte denn auch zufrieden mit dem Kopf, setzte sich zurecht und ebenso Mr. Sikes.

»Nu, Fagin?« fragte Nancy höhnisch. »So sagen Se's doch und drücken Se nich lange rum. Ich weiß doch, Sie denken an Oliver.«

»Gott, is das ne gescheite Schickse; die gescheiteste Schickse, wo ich jemals hab gesehen in meinem ganzen Leben,« sprudelte der Jude und klopfte ihr auf den Rücken. »Natürlich denk ich an Oliver hi i i!«

»Was ist's mit Oliver?« fragte Sikes.

»Oliver is der richtige für Eich, sag ich Ihnen, lieber Freund,« flüsterte der Jude heiser, legte den Finger an die Nase und grinste entsetzlich.

»Der!?« rief Sikes.

»Ja, nimm ihn nur, Bill,« riet Nancy, »ich an deiner Stelle täts sicher; vielleicht is er nich so jerissen wie n'andrer. Aber braucht es doch auch nich zu sein, wenn er dir helfen soll, die Türe aufmachen. Verlaß dir drauf, Bill, auf den is noch der meiste Verlaß.«

»Stimmt!«

»Das is es doch, was ich Ihnen sage,« rief Fagin, »wir haben ihn in den letzten paar Wochen gut unter[142] der Fuchtel gehabt, und es is höchste Zeit, daß er selber arbeitet um sein Brot. Übrigens sind die andern auch viel zu groß.«

»Was die Größe anbelangt, die hätt er schließlich,« meinte Sikes überlegend.

»Und tun wird er alles; alles, was Se verlangen, lieber Freind, dafür steh ich Ihnen gut,« beteuerte der Jude. »Er is noch ganz grien und weiß sich nix zu helfen. Se müssen ihn nur ordentlich ins Bockshorn jagen.«

»Na, ins Bockshorn jagen, das würden wir schon machen,« murmelte Sikes; »wenn wir mal bei der Arbeit sind, und er muckst sich auch nur, sehen Sie ihn nicht lebendig wieder, Fagin. Überlegen Sie sich das, bevor Sie ihn herschicken,« sagte Sikes und wog eine Brechstange in der Hand, die er unterm Bett hervorgeholt hatte.

»Hab mer schon alles überlegt,« flüsterte der Jude eindringlich, »hab ihn scharf im Auge behalten, kann ich Ihnen sagen. Wenn er erst einmal sich darüber klar is, daß er bei was ordentlichem mitgemacht hat, gehört er uns sei ganzes Leben. Die Gelegenheit könnt gar nicht günstiger sein –« er verschränkte die Arme über der Brust, zog die Schultern in die Höhe und schüttelte sich nur so vor Freude.

»Unser soll er sein?« fragte Sikes. »Du meinst wohl dein?«

»Vielleicht mein ich das, lieber Freind,« gab der Jude mit schrillem Glucksen zu; »also gut: mein, wenn Ihnen das lieber is, Bill.«

»Und was,« fragte Sikes und maß den Juden mit haßerfülltem Blick, »was ist der Grund, daß Sie sich mit dem Grünschnabel gar soviel Mühe geben? Wo doch jede Nacht mindestens fünfzig Burschen um Covent Garden herum lungern, die Sie sich jeden Moment auflesen können?«

»Se sind nichts wert, lieber Freind,« antwortete Fagin ziemlich verlegen; »se sinds nicht wert, daß mer sich ihrer annimmt. Schauen Se sich se doch bloß an, und Se wissen Bescheid. Aber mit dem da, sag ich Ihnen, – wenn man den richtig in der Hand nimmt, kann[143] man was Tüchtiges aus ihm machen. Ibrigens hat er uns jetzt in der Hand, und gut möchten wir ausschauen, wann es ihm gelingt, davonzulaufen. Deshalb sag ich Ihnen, muß er bei was Ordentlichem mitgemacht haben. Das genügt, sag ich Ihnen. Es ist doch viel gescheiter so, als man schafft ihn aus der Welt; das wär obendrein gefährlich, und wozu das Material verlieren?«

»Also, wann geht's los?« fragte Nancy, einem Wutausbruch Mr. Sikes zuvorkommend.

»Sehr richtig,« sagte der Jude. »Wann geht's los, Bill?«

»Ich hab mich mit Toby für morgen Nacht verabredet,« sagte Sikes verdrießlich. »Soll die Sache verschoben werden?«

»Gut,« sagte der Jude. »Da ist auch kein Mondschein.«

»Nein, is nicht,« brummte Sikes.

»Nu, und is alles vorgesehen, um die Sechore wegzuschaffen?«

Sikes nickte.

»Und was, wenn – –?«

»Ach was, es ist ja alles in Ordnung,« unterbrach ihn Sikes. »Scheren Sie sich nicht um diese Sachen. Schicken Sie lieber den Burschen morgen her –; eine Stunde vor Tagesanbruch gehn wir's an. Halten Sie das Maul, das ist alles, was Sie zu tun haben.«

Nach einigem Hinundher entschieden sich die drei dahin, Nancy solle sich am kommenden Abend nach Einbruch der Dunkelheit zu Fagin begeben und Oliver mitbringen.

Wenn sich der Junge, bemerkte Fagin listig, mit dem Plan nicht sollte befreunden können, so würde er Nancy, die sich noch vor kurzem für ihn verwendet habe, bereitwilliger folgen als sonst jemand. Weiter wurde vereinbart, daß Oliver gänzlich der Fürsorge Mr. William Sikes' anvertraut werden solle, und daß dieser mit ihm ganz nach Gutdünken, wie es die Umstände erfordern sollten, verfahren dürfe.

Nachdem diese Punkte festgelegt waren, begann Mr. Sikes wie toll Branntwein zu trinken und fuchtelte dabei in geradezu beängstigender Weise mit seiner Brechstange in der Luft herum, dabei Bruchstücke von Liedern,[144] gemischt mit wilden Flüchen, auf höchst unmelodische Art herunterzuheulen. Schließlich bestand er in einer Art besoffnen Berufsenthusiasmus darauf, seinem Freund eine ganze Kiste voll Einbrecherwerkzeugen zu demonstrieren, und brachte zu diesem Zweck eine Kiste hereingeschleppt. Bevor er sie aber noch öffnen konnte, stolperte er über sie, fiel zu Boden, schlief auf der Stelle ein und fing sofort an zu schnarchen.

»Also gute Nacht, Nancyleben,« sagte der Jude und mummte sich dicht in seinen Mantel.

»Gute Nacht.«

Die Blicke der beiden begegneten sich, und der Jude sah ihr scharf in die Augen, als wolle er auf dem Grund ihres Herzens lesen, aber sie hielt ruhig seinen Blick aus. Er verstand: sie war so verläßlich wie Toby Crackit selbst nur sein konnte. Wieder wünschte er ihr gute Nacht, versetzte, als sie einen Augenblick den Rücken wendete, dem schlafenden Mr. Sikes einen heimlichen Fußtritt und tappte sich dann die Treppe hinunter.

»Immer machen sie Masematten,« murmelte er vor sich hin, als er nach Hause schlich. »Das Faule an die Frauenzimmer is, daß ä ganz kleine Kleinigkeit oft hinreicht, und schon kommt das Gefühl bei ihnen eraus. Zum Glück dauerts nicht lang. Haha! Der Mann gegen das Kind – und e Beitel Gold.«

Sich so mit philosophischen Betrachtungen die Zeit verkürzend, strebte er durch Schlamm und Schmutz seinem finstern Hause zu, wo bereits der Baldowerer ungeduldig auf ihn wartete.

»Was ist? Ist Oliver zu Bett? Ich muß reden mit ihm,« war Fagins erster Satz, als sie die Treppe emporstiegen.

»Schon ein paar Stunden,« erwiderte der Baldowerer und öffnete die Türe. »Da liegt er.«

Oliver lag tief schlafend auf einem groben Bett, das auf dem Boden zurechtgemacht worden war, bleich vor innerer quälender Unruhe und Kummer. Infolge der dumpfen Luft in seinem Kerker sah er aus – blaß wie der Tod. Und wie ein junges Menschenkind, aus dem soeben eine vornehme Seele hinübergeflohen ist.

»Nicht jetzt,« murmelte der Jude und wandte sich leise ab. »Morgen – morgen.«[145]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 136-146.
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