Einundzwanzigstes Kapitel

[153] Unterwegs.


Es war ein freudloser Morgen, als sie hinaus auf die Straße traten. Es stürmte heftig und regnete in Strömen, und finstere Wolken hingen träg am Himmel. Die Nacht mußte sehr naß gewesen sein, denn große Pfützen hatten sich auf der Straße gesammelt, und die Rinnsteine liefen über. Ein matter Schimmer am Himmel verkündete den Tagesanbruch und verstärkte das unheimliche Düster der Gegend nur[153] noch mehr. Noch war keine Seele auf, die Fensterläden der Häuser waren fest verschlossen und die Gassen öde und leer. Als sie in die Bethnal Green Street einbogen, fing es an, Tag zu werden. Ein Teil der Laternen war bereits ausgelöscht, und ein paar Bauernwagen holperten langsam und schwerfällig in die Stadt herein. Die Schenken standen offen und waren hell erleuchtet, und hier und da wurde ein Laden aufgemacht. Gruppen von Arbeitern trotteten in ihre Fabriken, dann kamen Männer und Weiber mit Fischkörben auf den Köpfen, Eselskarren mit Gemüse beladen und Kastenwagen mit Schlachtvieh, und Metzger mit Metzgerwaren zogen ihres Weges. Je näher sie der City kamen, destomehr nahm der Lärm und der Verkehr zu, und als sie in die Straßen zwischen Shoreditch und Smithfield einbogen, war bereits alles von einem wirren Getöse erfüllt. Die frühe Tätigkeit der halben londoner Bevölkerung hatte begonnen.

Sie gingen die Sun and Crown Street hinunter und überquerten Finsburysquare und schlugen die Richtung über Chiswell Street nach Barbican ein. Dann eilten sie weiter nach Smithfield. Ein Wirrwarr mißtönenden Lärmes schlug ihnen entgegen und erfüllte Oliver mit Schrecken.

Es war Markttag. Der Boden war mit Schmutz und Schlamm bedeckt, daß man fast bis zu den Knöcheln einsank, und darüber schwebte ein dicker Dampf, der ununterbrochen von rauchenden Viehleibern aufstieg und sich mit dem Nebel vermischte, der wie eine Decke über den Schornsteinkappen hing. An Pfähle gebunden standen zu zweien und dreien lange Reihen von Kühen und Ochsen neben den Rinnsteinen. Bauern, Metzger, Viehtreiber, junge Gauner, Diebe und Landstreicher wogten durcheinander in bunten Haufen. Das Keifen der Weiber, das Bellen der Hunde, das Brüllen und Stampfen der Ochsen, das Blöken der Schafe, das Grunzen der Schweine und das Geschrei der Händler hallte aus allen Ecken und Winkeln wieder. Unrasierte schmutzige Gestalten rannten hin und her, stürzten in das Gewühl hinein und wieder heraus: kurz es war ein sinnverwirrendes abstoßendes Schauspiel.[154]

Mr. Sikes, Oliver fest am Handgelenk haltend, bahnte sich mit den Ellbogen seinen Weg durch das dichteste Gewühl und hatte für all das, was es hier zu sehen und zu hören gab, keinen Blick. Hier und da nickte er einem vorübereilenden Bekannten zu, lehnte die vielen Einladungen zu einem Morgenschnaps standhaft ab und arbeitete sich mit entschlossenem Gesicht durch die Menge hindurch, bis sie durch die Hosier Lane ihren Weg nach Holborn wieder gefunden hatten. »Nun, Bursche,« brummte Sikes mit einem Blick nach der Uhr der St. Andreaskirche, »Schlag sieben jetzt, marsch vorwärts.« Und weiter zerrte er ihn in höchster Eile. Sie setzten ihren Marsch im schnellstem Tempo fort, bis sie um die Hydeparkecke hinaus waren und in die Kensingtonstreet einbogen. Hier verlangsamte Sikes seine Schritte, bis ein leerer Wagen, der in kurzer Entfernung hinter ihnen fuhr, herangekommen war. Auf Mr. Sikes Frage, ob der Wagen nach Houndslow fahre, bejahte der Kutscher und machte sich erbötig, sie bis Isleworth mitzunehmen.

»Ist das Ihr Junge?« fragte der Kutscher.

»Jawohl, ist er,« sagte Sikes, blickte Oliver scharf an und legte wie zufällig die Hand auf die Tasche, in der die Pistole stak.

Als sie an all den vielen Meilensteinen vorüberkamen, konnte Oliver seine Neugierde, wohin ihn denn Mr. Sikes zu schaffen gedenke, kaum mehr verbergen. Sie kamen an Kensington, Hammersmith, Chiswick, Kew Bridge, Brentford und noch manchen andren Orten vorüber, und immer noch schien es, als seien sie am Anfang ihrer Wanderung. Schließlich machte der Wagen an einer Schenke Halt.

Hastig stieg Sikes vom Wagen, und als er Oliver herunterhalf, warf er ihm wieder einen grimmigen Blick zu und schlug mit der Faust auf die Seitentasche.

»Adieu, mein Junge,« sagte der Fuhrmann.

»Er ist maulfaul,« knurrte Sikes und schüttelte Oliver am Kragen, ihn immerwährend drohend anblickend. »Er ist maulfaul; machen Sie sich nichts draus, Mann.«

»I wo werd ich,« versetzte der Kutscher und stieg wieder auf seinen Bock.[155]

Sikes wartete, bis der Wagen außer Sicht war, und sagte dann höhnisch zu Oliver, wenn er vielleicht Verlangen darnach verspüre, solle er sich nur nach ihm umgucken.

Dann schwenkten sie eine kurze Strecke hinter der Schenke nach links ab, schlugen einen vor ihnen sich ausbreitenden Weg ein, schritten eine Zeitlang an Gärten und vornehmen Häusern zu beiden Seiten vorüber, ohne sich weiter aufzuhalten, bis sie in eine Stadt gelangten. Hier las Oliver an der Mauer eines Hauses mit ziemlich großen Buchstaben das Wort »Hampton« geschrieben. Ein paar Stunden lang liefen sie noch in den Feldern umher, wanderten dann wieder in die Stadt zurück und kehrten in eine Schenke ein, vor der ein unleserliches Schild hing, und Sikes bestellte in der Küche ein Mittagessen neben dem Herdfeuer.

Die Küche war ein altes Gewölbe mit niedriger Decke. Oben quer darüberhin lief ein großer Balken, und am Herd standen Bänke mit hohen Lehnen. Dort saßen und tranken und rauchten mehrere wettergebräunte Männer in Arbeiterkitteln. Sie nahmen von Oliver gar keine und von Sikes nur geringe Notiz. Nachdem Oliver ein paar Schnitten kaltes Fleisch gegessen, übermannte ihn die Müdigkeit, und bald sank er in festen Schlaf.

Es war schon ganz dunkel geworden, als er von Mr. Sikes mit Püffen aufgeweckt wurde. Nachdem er sich ein wenig ermuntert hatte, setzte er sich auf und fand beim Umherblicken, daß sein Herr in eifriger Unterhaltung mit einem Arbeiter begriffen war und mit diesem hinter einem Krug Wein saß.

»Soso. Sie fahren also nach Lower Haliford, was?« fragte Sikes.

»Jawohl,« antwortete der Mann, der ein wenig zu viel über den Durst getrunken zu haben schien. »Und verdammt bald auch noch. Mein Gaul hat keine Ladung mehr, da wirds flott gehen. So! Noch 'n Schluck auf meinem Gaul seine Gesundheit. Gott verdamm mich, ich sag Ihnen, das ist ein Mordsluder!«

»Können Sie mich und meinen Jungen da eine Strecke weit mitnehmen,« fragte Sikes und schob seinem neuen Freund den Krug hinüber.[156]

»Wenn Sie gleich wollen, meintwegen,« antwortete der Mann aus dem Kruge aufblickend. »Wollt Ihr bis Haliford?«

»Wir wollen nach Shepherton.«

»Gut, da können Sie mitfahren, so weits auf der Strecke geht,« sagte der Kutscher. »Betty, was is mit dem zahlen?«

»Der Herr hier hat alles schon beglichen,« erwiderte das Schenkmädchen.

»Nee, so was,« lallte der Mann trunken. »So was gibts doch gar nicht.«

»Warum solls so was nicht geben?« brummte Sikes. »Wer soll mich hindern, n Krug Bier und noch n Schluck drüber zu zahlen?«

Der Kutscher dachte einen Augenblick ernst über die Logik, die in dieser Antwort lag, nach, packte dann Sikes beim Arm, murmelte so etwas wie: er wäre ein braver Kerl, und dann taumelte er, Sikes und Oliver hinter sich, zur Türe hinaus. Der Gaul, auf dessen Gesundheit die beiden getrunken hatten, stand bereits angeschirrt vor der Türe. Ohne weitere Umstände stiegen Oliver und Sikes ein, und der Fuhrmann nahm die Zügel zur Hand. Dann raste der Wagen im Galopp zur Stadt hinaus.

Es war eine finstere Nacht. Feuchter Nebel stieg vom Flusse auf und lagerte sich über den öden Gefilden. Es blies schneidend kalt, und die ganze Gegend lag düster und schwarz da. Es wurde weiter kein Wort gewechselt, denn der Fuhrmann war bald schläfrig geworden, und auch Sikes schien nicht in der Stimmung zu sein, mit ihm eine Unterhaltung anzuknüpfen. Zusammengeduckt saß Oliver in einer Ecke, halb ohnmächtig vor Unruhe und Furcht, und die gespenstigen Bäume, die mit ihren Zweigen wie boshafte Schemen herniedergriffen, als freuten sie sich über die Unheimlichkeit des Ortes, schienen ihm wie lebende grauenhafte Wesen.

Als sie an der Sunburrykirche vorüberkamen, schlug es sieben Uhr vom Turm. Gegenüber brannte ein Licht hinter einem Fenster, und ein düsterer Eibenbaum davor warf seine trüben unheimlichen Schatten über einen Grabhügel. Nicht weit davon entfernt brauste dumpf[157] ein Wasserfall, und durch die Blätter des alten Baumes rauschte leise der Abendwind. Es klang wie stille Musik für die Toten. Sie fuhren durch Sunburry und noch zwei, drei Meilen weiter, dann hielten sie an. Sikes stieg ab, faßte Oliver bei der Hand und schritt stumm mit ihm weiter.

Sie kehrten nirgendswo ein, wie der Knabe erwartet hatte, sondern schritten immer weiter und weiter in Schmutz und Finsternis hinein, durch finstere Gassen und durch kalte offene Felder, bis sie schließlich von weitem die Lichter einer Stadt glänzen sahen. Oliver bemerkte, daß sie einer Brücke zuschritten.

Dort angelangt, wendete sich plötzlich Sikes einer Böschung nach links zu.

›Der Fluß,‹ dachte Oliver und wurde fast ohnmächtig vor Entsetzen. ›Er hat mich hierher an diesen einsamen Platz geschleppt, um mich zu ermorden.‹

Er wollte sich gerade zu Boden werfen und um sein junges Leben flehen, da sah er, daß sie vor einem einsamen Hause standen, das verwittert und baufällig aus der Finsternis herauslugte. An jeder Seite der windschiefen Eingangstüre waren Fenster angebracht, aber nirgends erglänzte ein Licht. Das Haus war stockdunkel und allem Anscheine nach unbewohnt.

Immer noch Oliver an der Hand haltend, näherte sich Sikes der niedrigen Türe und drückte auf die Klinke. Die Türe gab seinem Druck nach, und sie schritten zusammen ins Haus hinein.

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 153-158.
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