Siebenunddreißigstes Kapitel

[261] Ein Kontrast, der im Ehestande nicht ungewöhnlich ist.


Mr. Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte nachdenklich bald in den Kamin, in dem kein Feuer brannte, da es Sommer war, und bald düsteren Blickes zu dem klebrigen Papierstreifen empor, der von der Decke herabhing, von ihr Verderben nicht ahnenden Fliegen umschwärmt. Mr. Bumble saß in tiefes Sinnen versunken, – möglich, daß die Insekten[261] einen Vorgang aus seinem eigenen Leben ihm vor Augen rückten, das nicht so ganz frei von Schmerz war.

An Anzeichen, daß in seinem Dasein eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein mußte, fehlte es nicht. Wo waren der Tressenrock und der dreieckige Hut hingekommen? Mr. Bumble trug zwar noch immer Kniehosen und schwarze, wollene Strümpfe, – aber nicht die eines Kirchspieldieners. Auch sein Rock war ein andrer und sein Hut ein gewöhnlicher bescheidener runder Hut. Kurz: Mr. Bumble war nicht mehr Kirchspieldiener.

Es gibt Stellungen im Leben, die außer ihren materiellen Vorteilen noch einen ganz besonderen Wert er halten durch das mit ihnen verknüpfte Habit: Ein Feldmarschall trägt eine Uniform, ein Priester eine Stola, ein Anwalt einen Talar, ein Kirchspieldiener seinen Dreispitz. Man nehme dem Priester seine Stola und dem Kirchspieldiener Dreispitz und Tressenrock, und sie werden gewöhnliche Menschen, wie wir es alle sind. Amt und Würde, bisweilen sogar Heiligenschein, hängen mehr von Uniformen, Ornaten, Perücken und Dreispitzen ab, als so mancher sich träumen läßt.

Mr. Bumble hatte Mrs. Cornay geheiratet und war jetzt Armenhausverwalter. Ein andrer Kirchspieldiener war zu Amt und Würden gelangt, und der Dreispitz, der Tressenrock und der Amtsstab waren auf ihn übergegangen.

»Morgen sinds zwei Monate,« sagte Mr. Bumble seufzend. »Mir scheint es wie ein Jahrhundert.«

Vielleicht wollte Mr. Bumble sagen, daß er in dem kurzen Zeitraum von acht Wochen ein ganzes Leben voll Glück durchgemacht hätte, – wenn nur der Seufzer nicht gewesen wäre. Es lag so gar viel in ihm.

»Ich habe mich verkauft,« fuhr Mr. Bumble fort, »für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, eine Milchkanne, ein Zimmer voll Gerümpel und zwanzig Pfund in Gold; – viel zu billig.«

»Billig?« gellte ihm eine schrille Stimme ins Ohr. »Du wärst für einen Penny zu teuer gewesen. Der Himmel weiß, um wieviel ich dich überzahlt habe.«

Mr. Bumble drehte sich um und blickte in das Antlitz seiner Ehehälfte, die sein kurzes Selbstgespräch[262] zwar unvollkommen verstanden hatte, aber ihre Bemerkung auf gut Glück hinwarf.

»Mrs. Bumble, Madame,« rief Mr. Bumble in einem Ton, aus dem die Strenge deutlich hervorklang.

»Na und?« gellte die Dame.

»Sieh mich doch an, gefälligst,« sagte Mrs. Bumble und starrte sie fest an – (wenn sie diesen Blick aushält, sagte Mr. Bumble zu sich selbst, so hält sie alles aus. Der Blick hat, wie ich genau weiß, bei armen Leuten seine Wirkung nie verfehlt, übt er bei ihr keine Wirkung, dann ists aus mit meiner Macht).

Ob sich speziell nur arme Leute, die infolge Unterernährung sich keiner kräftigen Konstitution erfreun, ins Bockshorn jagen lassen durch Blicke, oder ob die verwitwete Mrs. Cornay und jetzige Mrs. Bumble ganz besonders hieb- und stichfest war gegen Adlerblicke, das zu entscheiden, ist schwer. Tatsache ist und bleibt, daß die würdige Armenhausmutter sich von Mr. Bumbles Adlerauge nicht im geringsten imponieren ließ und den Blick im Gegenteil ziemlich geringschätzig hinnahm und dabei grell auflachte in einer Weise, als käme ihr das Lachen wirklich und ganz aus dem Herzen.

Als dieser unerwartete Ton an Mr. Bumbles Ohr schlug, machte er zuerst ein ungläubiges und dann höchst verdutztes Gesicht; schließlich sank er in seinen früheren Zustand zurück und raffte sich nicht eher auf, als bis die Stimme seiner Ehehälfte seine Aufmerksamkeit von neuem in Anspruch nahm.

»Du willst wohl den ganzen Tag dasitzen und schnarchen, was!« fragte Mrs. Bumble.

»Ich werde so lange hier sitzen bleiben, Madame, wie es mir paßt,« erwiderte Mr. Bumble; »und wenn ich auch nicht geschnarcht habe, werde ich doch jetzt schnarchen, gähnen, nießen, lachen, kurz: was mir paßt und was mein Recht ist.«

»Dein Recht – deins?!« höhnte Mrs. Bumble mit unsäglicher Verachtung.

»Jawohl, Madame,« sagte Mr. Bumble. »In die Hände des Mannes ist es gegeben zu befehlen.«

»Und welches Recht steht der Frau zu, du Esel?« schrie Mrs. Cornays' Witwe.[263]

»Das Recht zu gehorchen, Madame,« donnerte Mr. Bumble. »Dein seliges Rindvieh von Mann hätte dir Gehorsam beibringen sollen; vielleicht würde er dann heute noch leben. Ich würde es ihm von Herzen gönnen, dem armen Kerl.«

Mit einem Blick übersah Mrs. Bumble die Situation; jetzt gings ums Leben, entweder ihm oder ihr mußte die Herrschaft zufallen. Kaum hatte sie die Anspielung auf ihren seligen Gatten vernommen, da sank sie in einen Stuhl und kreischte, Mr. Bumble sei ein hartherziges Ungeheuer, und dann gab sie einen Weinkrampf erster Ordnung zum Besten.

Tränen aber fanden zu Mr. Bumbles Seele keinen Weg, denn sein Herz war wasserdicht; den Filzhüten gleich, die gewaschen werden dürfen und durch Regen immer besser werden, stählten sich seine Nerven durch Tränenschauer, die ihn als Zeichen der Schwäche und somit als stillschweigenden Anerkenntnis seiner Obergewalt erfreuten und stolz machten. Zufrieden blickte er seine Gattin an und bat und munterte sie auf alle Weise auf, nur feste drauf los zu heulen: es sei das äußerst gesund, wie jeder Arzt wisse.

»Es weitet die Lungen, säubert das Gesicht, schärft die Augen und schlägt die Aufwallungen nieder,« sagte Mr. Bumble. »Heul nur recht fest drauf los.«

Und scherzend nahm er seinen Hut vom Rechen, setzte ihn keck aufs Ohr, ganz wie ein Mann, der sich seiner Überlegenheit bewußt ist und es offen zeigen will, – steckte die Hände in die Taschen und stolzierte zur Türe.

Mrs. Bumble-Cornays' Tränendrüsen-Manöver war jedoch nur erfolgt, da sie es aus Bequemlichkeit einem handgreiflichen Vorgehen vorzog; den Hauptangriff hatte sie sich wohlweislich noch aufgespart.

Die einleitenden Schritte dazu gaben sich kund durch einen hohlen Klang, dem das Ins-Eckfliegen eines Hutes folgte. Auf die schnöde Entblößung des Hauptes Mr. Bumbles folgte ein jäher Gurgelgriff und mit der andern Hand ein Hagel von Püffen, der auf den kahlen Schädel des Würdigen niedersauste. Dann änderte sich die Szene ein wenig durch Gesichtzerkratzen[264] und Haarausraufen. Als Mrs. Cornay-Bumble ihren Sieg vorläufig für ausreichend erachtete, warf sie ihren Gatten über einen gerade günstig dastehenden Sessel und forderte ihn auf, noch einmal etwas von Rechten zu sprechen, wenn er sich getraue.

»Laß los,« rief Bumble in befehlendem Ton, »und schau, daß du hinauskommst, sonst geschieht etwas Fürchterliches!« Und kläglich stand er auf und sann sichtlich darüber nach, wie so etwas Fürchterliches denn aussehen müsse. Dabei hob er seinen Hut auf und blickte nach der Türe.

»Willst du gehen?« fragte Mrs. Bumble höhnisch.

»Freilich, freilich. Ich gehe ja schon,« versetzte Mr. Bumble mit einer raschen Bewegung zur Türe hin. »Ich gehe ja schon, mein Kind. Du bist rein von Sinnen, daß ich –« In diesem Augenblick bückte sich Mrs. Bumble, um den kleinen, in Unordnung geratenen Teppich wieder zurechtzuschieben, und ihr Ehegatte benützte die Gelegenheit hinauszuschießen, ohne daran zu denken, seine Rede zu vollenden. So ließ er Mrs. Bumble im ungestörten Besitz des Schlachtfeldes zurück.

Den Armen das Leben so sauer wie möglich zu machen und die Ausübung von Tyrannei und Grausamkeit war ihm ein Vergnügen, aber innerlich war er natürlich ein Feigling. Das Maß seiner Erniedrigung sollte jetzt keineswegs voll sein. Nachdem er einen Rundgang durch das Haus gemacht und vielleicht zum erstenmal in seinem Leben auf den Gedanken verfallen war, daß die Gesetzgebung allzuschwer auf der Menschheit laste, da Männer, die ihren Weibern davonliefen und die Sorge für sie der Gemeinde überließen, gerechterweise keine Strafe mehr verdienten, da sie schon zu viel erlitten hätten, – setzte er seinen Fuß in ein Zimmer, wo gewöhnlich einige Armenhäuslerinnen mit Haus- und andrer Wäsche beschäftigt waren, und aus dem jetzt das Geräusch vielstimmig geführter Unterhaltung herausdrang.

»Hm,« murmelte Mr. Bumble, alle seine Würde zusammennehmend, »wenigstens dieses Weibervolk soll meine Sporen zu spüren bekommen. Hallo! Was ist das hier für ein Spektakel, ihr Weibsbilder!«[265]

Damit riß Mr. Bumble die Türe auf und schritt stolz und grimmig hinein, knickte aber sofort zusammen, als er die Gestalt seiner besseren Ehehälfte erblickte.

»Ei, liebes Frauchen,« sagte er, »ich habe dich gar nicht hier vermutet.«

»So, du hast nicht gewußt, daß ich da bin,« kreischte Mrs. Bumble. »Was willst du hier?«

»Die Weiber zur Arbeit anhalten, – sie schwätzen mir zu viel, liebe Frau,« versetzte Mr. Bumble mit einem unsichern Blick auf ein paar alte Weiber, die am Waschfaß standen und ihrer Verwunderung über die unterwürfige Haltung des Herrn Arbeitsvorstandes Ausdruck gaben.

»Du meinst, es würde hier nur geschwatzt, was?!« rief Mrs. Bumble, »was geht denn das dich an!«

»Aber, liebes Frauchen –,« wendete Mr. Bumble ein.

»Nun also, raus mit der Sprache. Was es dich angeht, will ich wissen,« herrschte Mrs. Bumble.

»Natürlich, liebes Frauchen,« gab Mr. Bumble kleinlaut zu, »natürlich gehts dich am meisten an. Ich dachte nur, du seist nicht hier.«

»Ich will dir was sagen, Bumble,« versetzte die böse Sieben, »wir brauchen deine Einmischung nicht, verstanden? Steck deine Nase nicht in Sachen, die dich nichts angehen. Man lacht schon so wie so in diesem Hause, wenn du den Rücken kehrst. Du machst dich ja jeden Tag lächerlich. Scher dich hinaus, marsch!«

Mr. Bumble schüttelte sich, als er sah, wie die beiden alten Weiber die Köpfe zusammensteckten und kicherten.

Einen Augenblick blieb er zögernd stehen. Da riß Mrs. Bumble die Geduld, sie griff nach einem Schaff voll Wasser, deutete nach der Türe und befahl ihm, sich sofort dünne zu machen, wenn er mit dem Inhalt nicht nähere Bekanntschaft machen wolle.

Das hatte gerade noch gefehlt: Herabsetzung der Würde seiner Amtsperson in den Augen untergebener Personen!

»Und das alles in sechs Wochen,« sagte Mr. Bumble zu sich selbst und sein Herz füllte sich mit Bitternis. »Vor acht Wochen! Vor knapp acht Wochen war ich[266] nicht nur Herr meiner Zeit, sondern auch Herr über andere. Und jetzt?«

Es war wirklich zu viel!

Mr. Bumble gab dem Jungen, der ihm das Tor aufschloß, ein paar Ohrfeigen und schritt gedrückt hinaus auf die Straße.

Dann wanderte er ein paarmal auf und nieder, bis sich sein Gram ein wenig gemildert, und machte dann vor einer Schenke in einer Seitengasse Halt, in der, wie ihm ein hastiger Blick durch die Vorhänge sagte, ein einziger Gast saß. Es fing stark an zu regnen. Dieser Umstand festigte seinen Entschluß. Er trat in das Gasthaus, setzte sich nieder und bestellte etwas zu trinken.

Der Mann, der in der Stube saß, war hoch gewachsen, von dunkler Gesichtsfarbe und trug einen weiten Mantel. Er sah aus wie ein Fremder und schien, nach seinem Aussehen zu schließen, weit gewandert zu sein. Er schielte nach Mr. Bumble hinüber, dankte aber kaum auf seinen Gruß.

Mr. Bumble schien sich wenig darum zu kümmern, trank stumm seinen Whisky mit Wasser und las äußerst wichtig in der Zeitung.

Doch seine Stimmung wurde immer gereizter, da er, so oft er aufblickte, einen merkwürdig stechenden Ausdruck im Auge des Fremden bemerkte, der ihn mit unverhohlenem Mißtrauen beobachtete. Nachdem diese peinliche Situation eine Weile gedauert, brach der Fremde das Schweigen und fragte mit scharfer Stimme:

»Haben Sie sich vielleicht nach mir umgesehen, als Sie vorher zum Fenster hereinspähten?«

»Ich wüßte nicht. Ich dachte nur, Sie seien –« Mr. Bumble brach kurz ab, denn er brannte vor Neugierde, den Namen des andern zu erfahren, und glaubte, dieser würde ihn jetzt nennen.

»Es ist schon gut. Ich sehe, Sie wissen nicht, wie ich heiße,« sagte der Fremde höhnisch, »sonst würde Ihnen ja mein Name bekannt sein. Ich möchte Ihnen übrigens nicht raten, sich danach zu erkundigen.«

»Ich hatte nichts Böses gemeint, junger Mann,« sagte Mr. Bumble majestätisch.[267]

»Es macht auch weiter nichts,« spöttelte der Fremde.

Abermalige Pause.

Dann fing der Fremde wieder an:

»Ich muß Sie doch schon einmal gesehen haben. Waren Sie vielleicht früher hier Kirchspieldiener?«

»Ich bin jetzt,« sagte Mr. Bumble verwundert, »Arbeitsvorstand. Früher war ich Kirchspieldiener.«

»Richtig,« brummte der Fremde. »Ich habe Sie auch damals mit dem Dreispitz gesehen. – Sind Sie noch immer so auf Ihren Vorteil bedacht wie früher?« setzte er scharf hinzu und blickte Mr. Bumble lauernd an.

»Der Mensch muß stets, auch wenn er ledig ist, auf seinen Vorteil bedacht sein,« sagte Mr. Bumble sanft, »und noch mehr, wenn er's nicht ist und wenn sich ihm Gelegenheit bietet. Die Gemeindebeamten werden nicht gut bezahlt und müssen nach Nebenverdienst scharf Ausschau halten.«

Der Fremde lächelte und nickte. Dann klingelte er.

»Schenken Sie Mr. Bumble noch einmal ein,« sagte er zu dem Wirt. »Viel Whisky und recht heiß. Sie trinken doch das gern, was?«

»Bitte, nicht zu stark,« lehnte Mr. Bumble schüchtern ab.

»Sie verstehen, was das heißt, Herr Wirt,« sagte der Fremde trocken.

Der Wirt lächelte und verschwand und kehrte mit einem Krug steifen Grogs zurück, der so stark war, daß Mr. Bumble schon beim ersten Schluck die Augen übergingen.

»Und jetzt hören Sie zu, was ich Ihnen sage,« begann der Fremde, als der Wirt wieder draußen war. »Ich bin heute absichtlich hergekommen, um Sie zu suchen, und daß Sie hier hereinkamen, war Zufall. Ich möchte etwas von Ihnen wissen. Natürlich nicht umsonst. Hier, da haben Sie vorläufig.«

Damit schob er dem ehemaligen Kirchspieldiener ein paar Sovereignstücke zu, sich dabei scheu nach der Türe umblickend. Mr. Bumble traute seinen Augen kaum, prüfte die Goldstücke und steckte sie ein.

»Denken Sie einmal ein paar Jahre zurück! Geht das? Letzten Winter warens gerade zwölf Jahre.«[268]

»Eine lange Zeit,« seufzte Mr. Bumble. »Gut, ich denke bereits zurück.«

»Schauplatz: das Armenhaus.«

»Gut.«

»Zeit: Mitternacht.«

»Ja.«

»Ort: das elende Loch, in denen liederliche Dirnen den Kindern das Leben geben, das sie selber lassen müssen, damit die Gemeinde die Bälger großfüttert.«

»Sie meinen das Wöchnerinnenzimmer?« fragte Bumble.

»Ja. Damals wurde ein Knabe drin geboren.«

»Oh, viele, viele Knaben,« erwiderte Bumble kläglich.

»Die Pest über die Teufelsbrut,« knirschte der Fremde – »ich meine einen bestimmten Jungen, einen schwächlichen Jungen mit blassem Gesicht, der hier bei einem Sargtischler in die Lehre gegeben wurde – (Hätte er nur selber sich dort einen Sarg ausgesucht) – und dann, wie es hieß, nach London davongelaufen ist.«

»Ach, Sie meinen den jungen Oliver Twist,« rief Mr. Bumble. »Freilich entsinn ich mich seiner. Einen boshafteren, niederträchtigeren Burschen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«

»Ich brauche nicht von ihm zu hören,« grollte der Fremde und fiel Mr. Bumble heftig in die Rede. »Über das Weibsbild will ich etwas wissen, das seine Mutter gepflegt hat. Wo steckt sie?«

»Wo sie steckt?« fragte Mr. Bumble schlau, um Zeit zu gewinnen. »Das ist schwer zu sagen. Wo sie sich jetzt aufhält, braucht man keine Hebammen. Sie wird wahrscheinlich arbeitslos sein.«

»Was soll das heißen?« fragte der Fremde streng.

»Sie hat letzten Winter ins Gras gebissen,« versetzte Mr. Bumble.

Der Fremde sah ihn starr an und schien es anfangs nicht recht zu glauben, dann nahm sein Gesicht einen zerstreuten Ausdruck an, und er blickte weg. Er schien sich nicht klar darüber zu sein, ob ihm die Nachricht angenehm oder unangenehm sei. Endlich atmete er auf und sagte so nebenhin, es sei ihm gleichgültig,[269] ob sie noch lebe oder nicht. Dann stand er auf und wollte fortgehen.

Aber Mr. Bumble war zu klug, um nicht zu merken, daß sich hier Gelegenheit bot, gewisse Geheimnisse, in deren Besitz seine Gattin sich befand, teuer zu verkaufen. Er erinnerte sich ziemlich genau der Zeit, in der die alte Sally gestorben war, – er erinnerte sich ihrer sogar sehr genau, denn es war an jenem Abend gewesen, wo er Hand und Herz seiner geliebten Ehegattin gewonnen. Er sagte also dem Fremden mit geheimnisvoller Miene, die alte Sally sei kurz vor ihrem Tod mit einer Frau in einer Zelle zusammen gewesen, die, wie er glaube, seine Frage besser als er beantworten könne.

»Wo ist die Person zu finden?« fragte der Fremde rasch.

»Das kann nur ich allein Ihnen sagen,« erwiderte Mr. Bumble.

»Wann?«

»Morgen.«

»Also um neun Uhr abends,« sagte der Fremde, zog einen Briefbogen hervor und schrieb darauf mit zitternder Hand die Adresse eines Hauses in einer verrufenen Gegend Londons. »Kommen Sie also morgen um neun Uhr abends mit der betreffenden Person hin. Daß die Sache geheim zu halten ist, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. Ihr Interesse ist ja mit im Spiel.«

Dann zahlte er die Zeche und ging. Als Mr. Bumble einen Blick auf den Zettel warf, bemerkte er, daß jeder Name fehlte. Er lief daher dem Fremden nach, um ihn zu fragen, wie er heiße.

»Was wollen Sie,« rief der Mann und drehte sich hastig um, als ihn Bumble am Arm berührte. »Sie gehen mir nach?«

»Nein, ich wollte nur etwas fragen,« entschuldigte sich Mr. Bumble und deutete auf den Briefbogen. »Nach wem soll ich dort fragen?«

»Nach Monks,« antwortete der Mann und ging rasch weiter.[270]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 261-271.
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