|
[177] O Meer, o heil'ges Meer! Nach deiner Frische,
Nach deinem Frieden lechzet meine Seele:
So schreit um Wasser durch die Nacht der Büsche
Der Hindin trockne, todes-wunde Kehle.
Mich widert's an, der Täler und der Berge
Abwechselnd' Spiel und ew'ge Einerleiheit!
Wer rettet mich aus diesem Bann der Zwerge
In dein Asyl, du Element der Freiheit?
Wo aus der Brandung jauchzendem Gebrülle
Allnächtlich ihre Hymnen aufwärts fliegen,
Wo einst, des Zwanges ledig und der Hülle,
Die Schönheit selber nackt emporgestiegen!
Was ist das Land und seine kurzen Lenze,
Die Wind und Frost in einer Nacht verjagen,
Was Nachtigallen, die um welke Kränze
Und um mißwachsne Blumen einsam klagen?
Auch du trägst Blüten, blendender als diese,
Die schaumgekrönten Wipfel deiner Wogen,
Im Sonnenlicht grünt ewig deine Wiese,
Begrenzt nur von des Himmels blauem Bogen.
Dir reißt den Schoß, den heiligen der Mutter,
Kein Eisen auf, habgierig drin zu wühlen,
Für irdisch Rindvieh bietest du kein Futter
Und darfst der Sohle eklen Tritt nicht fühlen.
Dich hemmt des Eises Joch nicht und der Brücken,
Der Dämme lachst du, will dein Zorn erwachen,
Doch schaukelst du auf deinem freien Rücken
Den freien Mann im kecken Schiffer-Nachen.
[178]
O Meer, o Meer! durch deiner Blüten Mitte
An grünen Hügeln jach emporzuklimmen,
Im Arm und Kuß der weichen Amphitrite
Den hüpfenden Delphinen nachzuschwimmen,
Weil unten aus dem Abgrunds klarem Düster
Des Ew'gen Auge auf uns starrt und leuchtet,
Und zügelloser Wellenrosse Nüster
Mit weißem Schaum uns Haupt und Nacken feuchtet:
Das nenn' ich Lust und Kampf und Sieg und Leben,
Das gute Rast, wann spät im Abenddunkeln
Die Segel hochgebläht zum Hafen schweben,
Die Ruder all', umsprüht von hellem Funkeln.
Meer, heil'ges Meer! Dir send' ich diese Grüße,
Um dich, verlornes, klagen diese Lieder;
Nur einmal noch, bevor ich scheiden müsse,
Zeig Gottes Spiegel mir, dein Antlitz, wieder!
|
Ausgewählte Ausgaben von
Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
|
Buchempfehlung
Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.
142 Seiten, 8.80 Euro