5.

[163] Nacht war's, im Wagen schnarchten die Genossen,

Es schlich das Rad den keuchend-müden Rossen

Mitkeuchend nach durch bahnlos tiefen Sand.

Rings, meiner Blicke schauerliche Weide,

Lag wie ein Bahrtuch, grau und weit die Heide,

Traumhaft und neblicht, ein verzaubert' Land.


Im Dämmer blinkte hie und dort die Rinde

Zerstreuter Birken, deren Laub im Winde

Sich schützend schlang um den verwachsnen Stamm,

Und meilenweit kein Laut sonst in der Runde

Als heisres Bellen ferner Schäferhunde

Und später Frösche Ruf aus Schilf und Schlamm.


Und wie mein Auge, das des Morgens harrte,

Schlaftrunken in die ewge Öde starrte,

Umsonst ein Licht verlangend, einen Stern:

Da plötzlich sah's, dem Wagen stracks entgegen,

Ein dunkles Etwas kauern, stehn, sich regen,

Nicht nah dem Weg und doch dem Blick nicht fern.


Erst kroch, gestaltlos wie die Nacht und finster,

Der Schatten hockend fort durch Moos und Ginster,

In Dunst gehüllt, wohl selbst nicht mehr als Dunst:

Dann wuchs er langsam, schritt gestreckt und schneller

Die Straß' entlang, ward heller stets und heller,

Und dehnte sich und schwoll mit Zauberkunst.


Der Riesenschemen bildet sich am Ende

Zu einem Weib, es fliegt um Brust und Lende

Der Nebel wallend wie ein Nachtgewand;

Ihr Haar umflattert sie gleich einer Schleppe,

Und leisen Fluges schwebt sie durch die Steppe,

Weit ausgestreckt die weiße Knochenhand.


Sieh, wo sie geht, wird dunkler noch und stummer

Die Nacht, ein schwüler Hauch, wie Todesschlummer,

Weht mich aus ihres Mantels Falten an,

Das Moos versinkt, worauf ihr Fuß geschritten,

Und aus verkrüppelter Gestrüppe Mitten

Begleitet leises Wimmern ihre Bahn.
[164]

Und wann sie Hütten trifft auf ihren Pfaden,

Da klopft ihr Finger dröhnend an die Laden,

Da reckt ihr Leib sich dräuend übers Dach,

Da bückt sie sich, um durch des Fensters Fugen

Scharf auf der Schläfer Lagerstatt zu lugen

Und in der Armut heiliges Gemach.


Weh jeder Pforte, die sie arglos offen,

Den Menschen wehe, die sie wach getroffen,

Ihr Antlitz sieht den nächsten Tag nicht mehr.

Hört es und kriechet tiefer in die Betten,

Verrammelt Haus und Hof, Euch zu erretten:

Dies ist die Nacht: – Das Heid'weib geht umher!


Warum mit der Hyäne Lauertritten

Umschleichst du diese strohgedeckten Hütten?

Hier weilt kein Opfer, deines Würgens wert.

Was ist der Tod von Hirten oder Bauern,

Den kaum der Nachbarn flüchtiges Bedauern,

Kaum Witwen- oder Waisen-Kummer ehrt?


Statt hier ein dunkeles Geschlecht zu schlagen

Folg jenen Wolken, die gen Süden jagen,

Dem Nordwind, der auf bessre Fährte trägt!

Dort ladet dich der Tod zu Königsfesten

Und deiner harrt in prunkenden Palästen

Ein Edelwild, wie du noch keins erlegt!


Rasch nickte sie und hob mit Zähneblecken

Hoch das Medusenhaupt aus ihren Decken,

Ein lautes Lachen schrillte durch die Nacht;

So heult der Schakal, wenn er in der Syrte

Ein Rehlein traf, ein Lamm, das sich verirrte,

Und wenn er sich zum Sprunge fertig macht.


Der Schläfer Chor fuhr auf aus seinen Träumen,

Wild fing das Viergespann sich an zu bäumen,

Der Wagen ging in scheuem Taumel durch.

Ein Stündlein noch, da rötete sich's östlich,

Das Posthorn klang, wie munter und wie tröstlich, –

Gelobt sei Gott: wir sind in Lüneburg!

Quelle:
Franz von Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Tübingen 1978, S. 163-165.
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