1.

[73] Ein Indianer kam herangeritten

Und fragte zögernd: »Find' ich dich allein,

Darf ich mein Väterchen um etwas bitten?« –

»Frisch von der Leber weg, was soll es sein?

Mach' dir's behaglich, Freund; du bist willkommen;

Die Thür ist offen, diese Hütte dein.«

Er aber sagte, wie von Angst beklommen:

»Der Hammer, den du übers Meer gebracht,

Der würde heute mir vortrefflich frommen;

Leih' mir ihn, Väterchen, für diese Nacht.«

Und als er das Gewünschte kaum empfangen,

Da hat er dankend sich davongemacht,

Daß mich des Mannes sonderbar Verlangen,

Daß mich des Nachbars Eile schier verdroß.

Doch, als die nächste Sonne aufgegangen,

Hielt er vor meinem Fenster, hoch zu Roß;

Und wieder trat ich freundlich ihm entgegen,

Als plötzlich mir ein Blitz die Augen schloß.[73]

Ich sprach: »Ich forsche nicht nach deinen Wegen,

Nur hast du gar zu frühe mich geweckt,«

Und nahm den Hammer, um ihn wegzulegen.

Mich hat gewiß der Sonne Glanz geneckt,

Nein! – Seh' ich recht? – Was eben mich geblendet,

Ist blankes Silber, das den Stahl bedeckt.

»Herein, mein Sohn, das Blatt hat sich gewendet;

Erzähle rasch von deinen Abenteuern!

Mein guter Engel hat dich hergesendet.«

Ich mußte meine Bitte oft erneuern,

Obgleich ich schöne Worte nicht gespart,

Den Nachbar zum Geständnis anzufeuern;

Doch endlich, schlicht und ernst, nach seiner Art,

Erwidert er: »Wohlan, ich will dir's sagen;

In deinem Busen ist es treu bewahrt:

Ein Stückchen Silber hab' ich heimgetragen,

Nachdem ich's im Gebirge letzte Nacht

Mit deinem Hammer mir herausgeschlagen.

O Väterchen, ich that es mit Bedacht:

Kein voller Kessel dampft auf meinem Herde;

Ich ritt hinüber nach dem reichen Schacht,

Damit mein armes Weib gesättigt werde;

Ich weiß ja, wo die Silberstufen liegen,

Dem Blick verborgen durch ein bißchen Erde.« –

»Wie! eine Mine, greifbar und gediegen,

Hast du entdeckt, von der nur wen'ge Meilen

Uns trennen, Freund, und mir den Fund verschwiegen?[74]

Laß uns sogleich an Ort und Stelle eilen;

Du bist ein Sonntagskind, zum Glück geboren!

Zu Pferde denn, daß wir zusammen teilen;

Dein soll die Hälfte sein, das sei geschworen.

Der Tag ist lang, und wir, wir reiten scharf;

Fort, an die Arbeit – keine Zeit verloren!«

Und als ich so mit Worten um mich warf,

Da hub er ruhig an: »Du wirst mich schelten;

Doch sage selbst, ob es geschehen darf.

Ich möchte den Gefallen dir vergelten

Und dich an die geheime Grube führen.

Zwar geh ich ungern hin, und selten – selten,

Auch stets allein, das Silber zu berühren;

Der Himmel will es so; wenn ich's vergäße,

Ich würde seine Rache bald verspüren,

Daß Feuer mir die Eingeweide fräße,

Und jede Nacht – ich denk' es mit Erbeben –

Ein Teufel auf der wunden Gurgel säße.

Denn wisse, was die Götter uns gegeben,

Was unsre Väter treulich hinterlassen,

Trotz Todesmartern, hilft uns nur zu leben;

Wir sollen's nicht mit gier'gen Händen fassen

Und schöpfen nur, wenn wir mit Sorgen ringen,

Aus einem Erbe, das wir nie verprassen.« –

»O,« rief ich aus, »wer spricht von solchen Dingen?

Ich dränge nicht, ich rate nicht zum Raube,

Und keinen will ich um das Seine bringen.[75]

Beredt ist deine Zunge; doch erlaube:

Erbärmlich scheint mir der Gedanken Flug,

Und was du fürchtest – welcher Aberglaube!

Sich arm zu stellen, früher war es klug;

Jetzt aber leben wir in andern Zeiten,

Und nicht verhungern, das ist nicht genug.

Du wardst als Christ getauft, kannst du's bestreiten?

Die Götter deiner Väter sind gestürzt;

Wir müssen handeln, müssen vorwärts schreiten

Und alles kennen, was das Dasein würzt.

Zum Segen unsrer Brüder, unsrer Kinder,

Mein Freund, sei unser beider Weg gekürzt.

Geld heißt die Losung – ja, du bist der Finder;

Dein ist der Reichtum, und auch ohne mich

Kommst du zum Ziele, doch mit mir geschwinder.

Wenn je das Glück von unsrer Seite wich,

Wir kaufen's wieder.« – Als ich dies gesprochen,

Da sah ich, wie der Mann zur Thüre schlich,

Mit leiser Stimme, wie vom Schmerz gebrochen,

Entgegnend – und ich fühlte, o der Pein!

Jedwede Silbe mir im Hirne kochen –:

»Verzeih' mir, Väterchen, es darf nicht sein.«

Quelle:
Ludwig Ferdinand Schmid: Dranmor’s Gesammelte Dichtungen, Frauenfeld 41900, S. 73-76.
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