23. Lise

[134] »C'est moi qui te dois tout, puisque c'est moi qui t'aime«

(Voltaire.)


Was ich bin und was ich habe,

Liebste! dank ich dir allein;

Ohne dich wo würd' ich sein?

Nirgends als im kalten Grabe.

Doch du hast mich gut gepflegt

Und in Stürmen und Gefahren

Tröstend, schon seit manchen Jahren,

Dich an meine Brust gelegt.


Bösen Kummer, schwarze Grillen,

Weggeplaudert hast du sie.

Dich betrüben mocht' ich nie;

Immer that ich deinen Willen,

Und wie wenig meiner Art

Kinderlaunen sonst behagen,

Dir verzeih' ich alle Plagen,

Die selbst du mir nicht erspart.


Und es kommt mir sehr zu statten,

Daß du keine Dame bist

Voller Trug und Hinterlist,

Keiner Schwiegermutter Schatten,[135]

Keine Puppe, steif und stolz,

Gleich verwundert und betroffen,

Angethan mit schweren Stoffen,

Und darunter leichtes Holz.


Nein! Von wohlgeratnem Gusse

Bist du, fein und zierlich zwar,

Wie ich's liebe, ganz und gar;

Aber von des Unglücks Kusse

Blieben deine Lippen bleich.

Deshalb nenn' ich dich die Meine,

Und dein Herz, du arme Kleine,

Macht mich unermeßlich reich.


Zitternd kamst du hergeflogen,

Und der Klausner hielt dich fest;

Seines Strebens ganzen Rest

Hat dein Lächeln aufgewogen;

Kind und Gattin bist du mir –

Alle Dichter schwärmen gerne;

Aber selbst aus dunkler Ferne

Kam ich wieder heim zu dir.


Hätt' ich jene Riesenfeder,

In des Aetnas Schlund getaucht,

Die ein andrer schon gebraucht,1

Lesen müßte bald ein jeder,[136]

Was ich mit gewalt'ger Hand

An die Himmelsdecke schriebe

Der zu Ehren, die ich liebe,

Deren Herz das meine fand.


Doch wie konnt' ich daran denken,

Ich, ein sonst vernünft'ger Mann,

Was sie gar nicht lesen kann,

Deutsche Verse ihr zu schenken?

Ach! ich habe jederzeit

Das nur niederschreiben wollen,

Was dem Herzen mir entquollen,

Nicht der Dichtereitelkeit.


Laß denn die Poetengabe

Diesmal dir willkommen sein;

Was ich hier für dich allein

Schüchtern eingeschaltet habe,

Ist nur deshalb ein Gedicht,

Weil ich nicht genug gepriesen

Was du Liebes mir erwiesen,

Aber das – das glaubst du nicht.


(1864.)


Fußnoten

1 Und mit solch' feuergetränkter Riesenfeder

Schreib' ich an die dunkle Himmelsdecke:

»Agnes! ich liebe dich! –«


(Heine.)


Quelle:
Ludwig Ferdinand Schmid: Dranmor’s Gesammelte Dichtungen, Frauenfeld 41900, S. 134-137.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon