Auf eine Hyacinte/ so im Wasser geblühet

[65] An Herrn D. Eichrodt/ Baden-Durlachischen Hofraht und Leibarzt.


Der Sommer war dahin. Der Schmuck der bunten Wiesen

Verwelkte mehr und mehr; Die rauhen Norden bliesen,

Und machten unsrer Welt mit fürchterlichem Mund

Des kalten Scorpions verhaßte Herrschaft kund.[65]

Kaum zeigte sich annoch von unsrer Gärten Ruhme

Ein welker Amarant und eine Ringelblume,

Die unter Frost und Sturm halb sterbend ausgedaurt,

Und mit gesenktem Haubt der Schwestern Tod betraurt.

Bis Flora, voller Gram bey ihrer Kinder Leichen,

Uns endlich gar verließ, und zu den schönen Reichen,

Zu jener Gegend floh, da Phöbus rege Kraft

Ein immerwährend Grün und stete Blühte schafft.

O schmerzlicher Verlust für Anthosanders Blicke!

Sein Augenmerk zerfiel. Ihr Blumen kommt zurücke!

Du unschuldsvolle Schaar, wie kurz ist deine Pracht!

So rief Er; doch umsonst. Der Kälte strenge Macht

Gab keiner Bitte Statt. Die Kraft des holden Lenzen

War noch zu sehr entfernt von unsern öden Grenzen.

Bis Anthosanders Fleiß; was die Natur versagt,

Voll reger Ungeduld zu künsteln sich gewagt.

Die Sehnsucht trieb ihn an, des Winters Grimm zu triegen.

Sein Zimmer mußte sich zu einem Garten fügen;

Da lockt Er allgemach das bunte Frühlingsheer

Mit angenemem Zwang zur frühen Wiederkehr.

Er hielt ein manches Glas bis oben angefüllet

Mit jener Segensflut, die aus den Wolken quillet,

Die die Natur gekocht, und aus der Lüfte Schooß,

An Wuchs und Kräften reich, auf unsern Boden goß.

Auf deren jedem ließ sich eine Zwiebel sehen.

So wie ein blanker Knopf sich von den steilen Höhen

Erhabner Türme zeigt, so streckt der ganze Hauff

Von dem erhöhten Sitz die runden Haüpter auf.[66]

Doch schied vor allen sich von der gemeinen Mänge

Ein Hyacintenkiel mit zierlichem Gepränge.

Des Frühlings schönstes Kind hielt seine Kluft versteckt,

Bis Florens eigne Hand es nach und nach entdeckt.

Drey Tage stund er kaum auf dem crystallnen Trohne,

Als schon der Wurzeln Heer gleich einer runden Krone

Aus seinem Kerker brach, von dem erregten Duft

Gereizet und gelockt. Des Zimmers warme Luft

Befördert ihren Trieb sich weiters auszudehnen.

Wie eine holde Reih von Perlenweissen Zähnen,

Wenn sie der erste Druck aus ihren Höhlen stößt,

Bey einem zarten Kind sich allgemach entblößt:

Nicht anderst drangen sich der Zasern erste Spitzen

Durch den geschwellten Kiel aus Hundert kleinen Ritzen;

Und füllten nach und nach, gleich einem dichten Strauß

Verwirrt, doch angenem, den Raum des Glases aus.

Bald zeigte sich ihr Tuhn. Es schwand des Wassers Mänge;

Die Wurzeln zogen es durch ihre kleinen Gänge,

Gehöhlten Teicheln gleich, und sogen seine Kraft,

Sein fünfftes Wesen, aus zu ihrem Nahrungssaft.

Das Wachstum folgte drauf. Der Kiel war nunmehr offen,

Aus dessen Spitze bald, nach Anthosanders Hoffen,[67]

Ein gelblich-grüner Berg geschloßner Blätter stieß,

Und uns ein Vorgebirg der frohen Hoffnung wies.

Doch fehlt die Blume noch. Du Muter aller Dinge,

Vergönne, daß ich jetzt in dein Geheimniß dringe,

Daß ich ein Zeüge hier von deinen Wundern sey;

Und laß mir einen Blick in deine Werkstatt frey!

Zwelf Wälle stunden da, Zwelf runde Festungswerker

Gewölbten Mauern gleich, ein angenemer Kerker,

Mit Nahrungssaft gefüllt, in dessen engem Zwang

Der Blätter dichter Busch sich in einander drang.

Ihr Innerstes beschloß der Schönheit Meisterstücke.

Zwelf Knöpfgen hatten sich mit künstlichem Geschicke

In einen Knopf gedrängt, der fern von Licht und Tag,

Wie eine Fichtenfrucht, in seiner Muter lag.

Mein Eichrodt, dessen Witz den Ursprung selbst ergründet,

Und einer Gottheit Spur in jedem Kraütgen findet;

Der nebst des Fürsten Heil auch seiner Gärten Pracht

Mit nimmer-müdem Fleiß besorget und bewacht,

Belehre deinen Freünd, der von Begihrde brennet,

Wie man den dunkeln Weg verborgner Weysheit kennet,

Woher das erste Seyn so vieler Wunder fleüßt,

Und was für Ordnung sich in ihrer Zeügung weist!

Ists ein besondrer Geist, der alle diese Schätze

Nach unsers Schöpfers Schluß, dem ewigen Gesätze,

In jeder Pflanze wirkt, und die, die ihm vertraut,

In vorgeschriebner Art zu seiner Wohnung baut?[68]

Wie? oder sind es wol verborgne kleine Gänge

Unzählbarer Figur, unendlich-grosser Mänge,

Worinn der waiche Saft, allmählich eingedrängt,

Nach seiner Formen Art die Bildungen empfängt?

Villeicht auch lehrst du mich, daß Tausend Millionen,

Daß Pflänzgen sonder Zahl in einem Sämgen wohnen,

Da stets ein Inneres im Aüseren versteckt

Sich bis zur Ewigkeit entwickelt und entdeckt.

Vergebens, werter Freünd! Ich kenne meine Schwäche?

Mein Blick erforschet kaum der Körper aüsre Fläche.

Der Ursprung ihrer Pracht, der Bildung dunkles Spiel,

Ist meinem blöden Licht ein Abgrund ohne Ziel.

Die Allmacht hat sie selbst mit einer Nacht umringet,

In deren Tiefe nicht der Allerklügste dringet.

Mich schreckt die Finsterniß, und weiset meinen Blick

Ermüdet und beschämt zum Aüseren zurück.

Der Wuchs vermehrte sich mit immer-regen Sprossen:

Sechs Blätter, die bisher ein fester Zwang geschlossen,

Zerteilten ihren Busch um den verwahrten Schatz,

Und machten allgemach dem regen Stengel Platz.[69]

Er kam, als wie ein Turm aus seinen tiefen Gründen;

Sein Kommen fiel ihm schwär. Nach langem Unterwinden

Durchdrang sein rundes Haubt des Kieles enge Kluft,

Und drückte mühsamlich sich in die freye Luft.

Bald sah man seine Pracht in neüem Schimmer blühen;

So wie vor Sonn und Licht die bleichen Schatten fliehen,

So wich die grüne Nacht, die auf den Knöpfen lag,

Der Farben erstem Spiel, dem Einbruch von dem Tag.

Dann folgt der volle Glanz in ungesaümter Eile.

Der kleine Stengel stieg, wie eine kleine Saüle

Von Jaspis ausgedreht, mit schneller Macht empor;

Um sein erhabnes Haubt erschien der volle Flor;

Die Kelche schlossen sich in Sechs geteilte Zinken,

Wie Sterne, welche dort am Firmamente blinken,

Mit doppeln Strahlen auf. Ihr holder Schimmer schien,

Wie ein vereinter Glanz von Perlen und Rubin.

Doch nein! Mein Pinsel treügt. Er kränket ihre Würde.

Kein Edelstein erreicht der holden Blumen Zierde.

Sie schmeicheln meinem Blik, mit sanft-gebrochner Glut,

Mehr, als der ganze Schmuck von einer Krone tuht.

Was soll der strenge Blitz, der aus den Steinen blicket?

Ein Demant blendet nur: der Blumen Glanz erquicket;

Mein Auge wird geschwächt, wenn jener Feüer streüt;

Und diese stärken es mit sachter Lieblichkeit.

Zu dem, was ist ein Stein, der uns so mächtig rühret,

Eh ihn der eitle Mensch mit langer Müh gezieret?[70]

Ein Klumpe sonder Form, bedeckt mit Erd und Sand,

Und borget seinen Stolz nur von des Künstlers Hand.

Hier aber können wir in so viel Wunderwerken

Auf einem jeden Blatt des Schöpfers Finger merken.

Hier ist ein lebend Werk, und kein entseelter Stein;

Der Blumen Athem bläst uns selbst ein Leben ein.

Der Balsam, welchen sie aus ihren Höhlen düften,

Ist selbst die fünfte Kraft aus reinen Himmelslüften:

Die füllet unsre Brust mit einer Regung an,

Die keine Demantkluft, kein Zeilon geben kan.

Weicht, schnöde Steine weicht! Wo seyd ihr schönen Stunden,

Da noch ein Blumenstrauß, von werter Hand gebunden,

Ein Pfand der Liebe war? Die Neigung schätzte nur

An Herzen und Geschenk die Einfalt der Natur.

Nun hat ein schnödes Gift die Menschlichkeit verletzet,

Daß man sich Gold und Stein zu seinem Abgott setzet,

Und die erlaubte Lust, die Feld und Garten krönt,

Mit Unempfindlichkeit versaümet und verhöhnt.[71]

Mein Freünd! Du opferst nicht in diesem Götzentempel,

Es gibt uns unser Fürst ein reizendes Exempel

Von einer edlen Lust, der, wie man wundernd schaut,

In seinem Carolsruh ein Eden sich erbaut;

Und da, wenn ihn die Last des schwären Zepters drücket,

An dem beblümten Schmuck sich labet und erquicket.

Er mißt der Dinge Wert mit klugem Unterschied.

Ich schweige. Carols Ruhm verdient ein höher Lied.

Quelle:
Carl Friedrich Drollinger: Gedichte. Stuttgart 1972, S. 65-72.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Gedichte

Buchempfehlung

Naubert, Benedikte

Die Amtmannin von Hohenweiler

Die Amtmannin von Hohenweiler

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen seyn! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.

270 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon