Zehnte Szene

[551] Sonderrath. Seybold.


SEYBOLD. Hör, Sonderrath, du bist doch ein unbeschreiblich leichtsinniger Mensch.

SONDERRATH. Hör, Seybold, das brauchst du mir nicht mehr zu sagen, das weiß ich längst auswendig.

SEYBOLD. Der faulste Schlingel in ganz Deutschland! was wird denn nun aus deinen Reminiszenzen vom Rhein?

SONDERRATH. O Gott! O Gott!

SEYBOLD. Ich habe praenumeriert, aber ich kann nicht spüren, daß ich für mein Geld etwas bekäme.

SONDERRATH. Wenn du mich liebhast, so schweig mir still hiervon; es wird mir schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke.

SEYBOLD ernsthaft. Es ist schändlich, ich mag dich nicht gleich ausschelten, aber du verdientest, daß ich dich heruntermachte wie einen Lumpen, du handelst unverantwortlich an dem frommen Manne, dem Speth.

SONDERRATH. Ach, ich habe soviel anderes zu tun. Du meinst wohl, ich hätte Zeit genug; ich habe gar keine Zeit.

SEYBOLD. Was hast du denn für Geschäfte? Die Weine probieren?[551]

SONDERRATH hastig. Richtig! wie spät ist's? Er sieht wieder nach der Uhr.

SEYBOLD. Gehn dir noch immer die Uhren nicht schnell genug? Ich wollte sie doch lieber gleich voranstellen! – Aber ich frage, was hast du denn für Geschäfte?

SONDERRATH. Sieh, erstlich muß ich ungeheuer viele Briefe schreiben –

SEYBOLD. Von denen bekomme ich wenigstens keinen mit.

SONDERRATH schnell. Ja, ich bin dir auch nichts schuldig.

SEYBOLD lacht. Nur weiter!

SONDERRATH. Dann muß ich mir viele Bewegung machen, ich werde zu dick.

SEYBOLD. Schaff du dir eine unglückliche Liebe an, dann wirst du schon mager werden.

SONDERRATH ihn bei der Hand fassend. Ich kenne jetzt ein Mädchen! –

SEYBOLD. Ich weiß schon, deine Schwanenjungfrau.

SONDERRATH. Nein, die nicht.

SEYBOLD. Auch schon entthront? Deklamierend. »Eine Erscheinung, so großartig, rein und glühend zugleich, wie die Stirn der Alpen, wenn das Abendrot den Schnee zu entzünden scheint« – o Sonne! wo bist du geblieben!

SONDERRATH kleinlaut. Ach, an der habe ich mich eben auch getäuscht; denk dir, die hat einen elenden, ledernen, gelben Grafen geheiratet, einen Kerl, wie einen Habicht, der schon zehn Jahre am Scheuntore trocknet; Lebhaft. aber das Bärbchen, das ist quick wie Pulver; das solltest du sehn, wenn es sonntags seine roten Zwickelstrümpfchen –

SEYBOLD einfallend. Gott verzeih' mir, der Sonderrath ist ins Idyll geraten!

SONDERRATH. Nun, nun, die überbildeten Damen stehn mir doch auch ellenlang zum Halse hinaus.

SEYBOLD lachend. Frisch zu! Thyrsis und Daphne! Wenn in den roten Zwickelstrümpfchen auch ein paar breite Gänselatschen stecken, das macht nichts.

SONDERRATH impertinent. Hm![552]

SEYBOLD. Nur frisch zu, ein Gedicht nach dem andern, eins auf ihr Spinnrädchen, eins auf ihr Fürtüchelchen; die läßt du dann drucken und trinkst ein Gläschen Wein dafür.

SONDERRATH. Jude!

SEYBOLD. Bist du böse?

SONDERRATH unbehaglich. Ach nein, aber du hast eine Freude daran, mir alle meine Illusionen tot zu schlagen. Kleinlaut. Woran soll man sich denn er frischen? An der nüchternen Wirklichkeit, das ist doch nicht möglich.

SEYBOLD lächelnd. Mitunter doch.

SONDERRATH. Unmöglich! nein, es ist nicht möglich; ich habe mein Bestes versucht. Jawohl, glänzende seidne Locken! Bei der einen glänzen sie von Schmutz, bei der andern von Pomade, die sie hineinschmiert – puh! Er schüttelt sich.

SEYBOLD spöttisch. Du bist mir ein schöner Liebhaber; wenn ich eine Dame wäre, ich ließe dich durch den Bedienten zum Hause hinauswerfen.

SONDERRATH lachend. Meine Dame hat aber keinen Bedienten unter ihrem Kommando, Komisch. nur so 'n kleines Hänschen in zerrissenen blauen Höschen, das dem Papa die Schweinchen mit der Schwippe zusammenknallt.

SEYBOLD. Charmant!

SONDERRATH. Nun, laß es gut sein; wir wollen nicht mehr davon reden, oder du wirst mich noch um alle Poesie schwätzen.

SEYBOLD. Dann wäre ich doch ein zweiter Herostrat! Zwar was an deiner Poesie bisher von Damen ausgegangen ist –

SONDERRATH lebhaft einfallend. Ad vocem »Poesie von Damen ausgegangen«, du weißt noch gar nicht, aus welcher elenden Lage du mich gerettet hast; denke dir um Gotteswillen, die Blaustrümpfe hatten mich unter.

SEYBOLD. Wo?

SONDERRATH. Hier in diesem Zimmer; hast du sie nicht zur Tür hinaus rutschen gesehn?

SEYBOLD. Wann?[553]

SONDERRATH. Eben wie du kamst, zwei Mann hoch. Eine mit so unternehmenden weißen Schwungfedern auf dem Kopfe, so eine Blaßblaue, als wenn sie sieben Jahr im Mondschein auf der Bleiche gelegen hätte; die Person hat mir doch zugesetzt, ich wußte meines Leibes keinen Rat. Heute abend sollte ich zu ihr kommen und morgen früh himmelblaue Schokolade trinken. Seybold lacht. Und wie ich fortgehn wollte, hat sie mir förmlich Gewalt angetan. Das ist ein Satan von einem Weibe.

SEYBOLD. Wie heißt sie denn?

SONDERRATH. Ach, ich weiß nicht – Biesen – Birsen – Biestern –; sie hat auch irgendwas zusammengeschmiert, irgendein Echo, –

SEYBOLD. Claudine Briesen! das Echo im Felstale! Hastig. War die da?

SONDERRATH. Das bin ich gewahr geworden!

SEYBOLD lachend. Ha, ha, ha! O Jesus, die war da! Hat sie mich gesehn?

SONDERRATH. Das mußte sie wohl, wenn sie nicht blind war.

SEYBOLD. Und wußte sie meinen Namen?

SONDERRATH. Ich glaube, ich habe dich genannt.

SEYBOLD. Ha, ha, ha! Ja, richtig; da habe ich dich gerettet, die ist vor mir gelaufen. Oh! das Echo im Felstal! Er wirft sich vor Lachen auf einen Stuhl.

SONDERRATH. Und noch eine, so eine alte wacklichte Karkasse, die immer auf dem Stuhle hin und herrutschte, als wenn sie auf einer siedenden Teemaschine säße. Die hatte aber blutwenig zu Kaufe, sie räusperte und hustete genug, aber es half ihr zu nichts; sowie sie den Mund auftat, hui! war die andre vor ihr her und riß ihr den Bissen von der Gabel. Seybold lacht. Und wer hat sie mir auf den Hals gesetzt? Kennst du wohl den deutschen Eichenhain? Monsieur Willibald?

SEYBOLD hastig. Der war doch nicht auch hier?

SONDERRATH. Sicherlich! und tat so fidel, als wenn wir zusammen die Schweine gehütet hätten; er ist aber auch[554] abgefahren, mit seinen Damen zugleich, eben wie du kamst.

SEYBOLD lachend. O, das ist prächtig! Das ist mir zwei Louisdors wert! nur daß ich sie nicht gesehn habe, das kränkt mich. Sich fassend und aufstehend. Aber ich möchte jetzt wohl selbst nach der Uhr sehn; Herr Speth bleibt wirklich lange aus.

SONDERRATH. Was suchst du denn eigentlich bei ihm?

SEYBOLD räuspert verlegen. Ich bitte dich, wenn er kommt, sprich vernünftig mit ihm; du bringst den Mann in großen Schaden.

SONDERRATH. Ach, hör! es ist mir selbst ganz fatal, aber – unmöglich! – bei so schönem Wetter, wer kann da in der muffigen Stube sitzen und – –

SEYBOLD. So schreib im Freien! – Du bist doch ein kurioser Kerl, daß du zu deiner Begeistrung durchaus schlechtes Wetter haben mußt.

SONDERRATH. Das nicht, verrückter Einfall! aber –

SEYBOLD. Nun, faß einen kräftigen Entschluß.

SONDERRATH mit halb verstecktem Humor. Ich war eben daran, einen Entschluß zu fassen, wie du kamst.

SEYBOLD. Nun, dann frisch voran! pack ihn fest.

SONDERRATH nachdem er ihn einige Augenblicke mit unterdrücktem Lachen angesehn. Ich habe ihn fest gepackt.

SEYBOLD. Das ist brav, aber nun führ ihn auch aus.

SONDERRATH. Ganz gewiß, ich will noch heute daran.

SEYBOLD. Dann will ich dich auch einmal loben.

SONDERRATH. Bemühe dich nicht und sage mir lieber, was du bei Speth suchst.

SEYBOLD. O nichts – Gedichte.

SONDERRATH. Du suchst Gedichte?

SEYBOLD. Nein – es ist wegen einer Herausgabe von Gedichten.

SONDERRATH. Wieder ein Bändchen schlechtes Zeug zusammengeschmiert?

SEYBOLD. Nein, von einer anderen Person, einer Frau von Thielen.[555]

SONDERRATH. Und was geht dich die an?

SEYBOLD. Ich bin ihr sehr befreundet und habe ihr auch viele Verbindlichkeiten.

SONDERRATH ihm die Hand auf die Schulter legend, mit Nachdruck. Hör, dann tu ihr den Dienst und mache die Sache rückgängig; sage ihr, du wärst bei Speth gewesen, er könnte nicht und so weiter und so weiter –

SEYBOLD. Unmöglich! sie ist ja hier.

SONDERRATH rasch. Doch nicht mit dir gekommen?

SEYBOLD. I behüte! zwar – auf demselben Dampfboote – allerdings.

SONDERRATH die Hände zusammenschlagend und Seybold mit komischer Verwunderung anstarrend. Seybold! Seybold! O Himmel! Seybold hat sich einen Blaustrumpf angeschnallt, eine literarische Freundin!

SEYBOLD verlegen. Du kennst die Frau nicht.

SONDERRATH. O Gott, o Gott, ich kenne Blaustrümpfe genug! ich mag diesen nicht noch dazu kennen.

SEYBOLD. Sonderrath, es ist eine Frau – eine Frau, wie du in deinem Leben noch keine gesehn hast.

SONDERRATH. O weh, o weh!

SEYBOLD allmählich heftiger werdend. Eine Frau, sage ich dir, die mehr Talent hat als wir beide zusammen genommen.

SONDERRATH. Jammer, Jammer! O Patroklos, bist du gefallen!

SEYBOLD. Du machst mich wirklich ungeduldig. –

SONDERRATH deklamierend. »Durch zehn Lustern im Mondenschein gebleicht!«

SEYBOLD heftig. Da kommst du recht! sie ist eine bildschöne Frau.


Sonderrath sieht ihn verdutzt an.


SEYBOLD. Eine Frau wie eine Juno, nur viel anmutiger – überaus anmutig.

SONDERRATH in ganz verändertem, halbleisem Tone. Seybold, du bist so verliebt wie 'ne Nachtigall.

SEYBOLD. Das ist nun mal wieder ein Einfall.[556]

SONDERRATH im selben Tone. Seybold, du wirst so rot wie ein Krebs.

SEYBOLD schnell. Das ist nicht wahr.

SONDERRATH. Seybold, du wirst so stachlicht wie ein Igel, und das ist noch das schlimmste Zeichen.

SEYBOLD verwirrt und heftig. Soll ich mich nicht ärgern, daß du deine trivialen Späße – eine Frau, die so hoch in meiner Achtung steht –


Sonderrath geht die Bühne entlang und pfeift.


SEYBOLD. Was soll das?

SONDERRATH wendet sich halb um. Ist der Pantoffel von Samt oder von Rindleder?

SEYBOLD an sich haltend. Es ist mir nicht der Mühe wert –

SONDERRATH. Hat er einen spitzen Absatz?

SEYBOLD. Nun ist's genug! Er geht zu Sonderrath und stellt sich vor ihn; sehr ernst. Hör, Sonderrath, denk von mir, was du willst und nicht lassen kannst, aber wegen der Frau bescheide dich, daß du sie nicht kennst, und daß mir ihre Ehre viel höher steht als meine eigne. Vergiß das nicht – du hast ein loses Maul.

SONDERRATH verdutzt. Teufel auch! Er reicht ihm die Hand. Du weißt wohl, daß ich dich nicht verletzen wollte.

SEYBOLD faßt sie herzlich. Von mir ist hier nicht die Rede.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 551-557.
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