Fünfte Szene

[526] Willibald am Büchergestelle; Ida hinter dem Fenstervorhange, stickend.


WILLIBALD nimmt ein Buch nach dem andern, trällernd. La, la, la, la, la, la – es wird schon gehn, er fängt schon an zu lavieren. La, la, la. – Er schlägt ein Buch auf. Hm, »Sonderraths Gedichte«, Preis drei Taler. –'ne Schande! La, la, la, la – Schlägt ein andres auf. »Deutscher Eichenhain«, Preis zehn Silbergroschen und zweimal so dick – 'ne Affenschande![526]

IDA schlägt die eine Seite des Vorhangs zurück. Was für eine schöne Stimme haben Sie doch, Herr Willibald!

WILLIBALD sieht verwundert um. Sieh, Fräulein Ida! Ich hatte Sie wirklich nicht bemerkt. Er fängt wieder an zu blättern.

IDA. Ich habe da hinter dem Vorhange gesteckt und mich so ganz im stillen an Ihrem Gesange gefreut.

WILLIBALD. O bitte! Ein schlechtes Vergnügen! Etwas leiser. La, la, la, la.

IDA. Was das für ein reines, klares Steigen ist! Beinahe wie Gerstäcker.

WILLIBALD blätternd. Ich wäre wohl nicht ganz ohne musikalische Anlage, wenigstens wollen meine Freunde das behaupten; aber alles wilder Schlag, verwahrlost! es geht manches so zugrunde.

IDA. Aber warum pflegen Sie ein so schönes Talent nicht?

WILLIBALD blätternd. Heinrich der Vierte – Heinrich der Fünfte – Heinrich der Sechste – Lauter. Ich bin vielfach darum angegangen worden, meine Stimme auszubilden, indessen – Sich halb gegen sie wendend. ich mache mir nicht viel aus Musik, – ein Klang, eine vorübergehende Aufregung! ich stelle die Musik gar nicht hoch, ungefähr wie einen Regenbogen oder Meteor; Wieder abgewendet und blätternd für sich. erster – zweiter – dritter Band – Lauter. Nein, wenn ich mich nicht mit Leib und Seele der Poesie verschrieben hätte, dann wäre ich eher ein Maler geworden.

IDA. Aber zur Musik haben Sie nun einmal dieses enorme Talent.

WILLIBALD wie halb vor sich. Oh, zur bildenden Kunst wäre meine Anlage weit ausgesprochener – Blätternd. »Seraphine« von Gutzkow, auch ein verschimmeltes Brot! ... Lauter, nachlässig. Ja, darin hätte ich wohl etwas leisten können, besonders wenn ich mich der altdeutschen Schule zugewendet hätte; diese alten knorrigen Heiligen mit ihren Eisengesichtern, das wäre so recht was für mich gewesen. Ida sieht ihn verwundert an; er legt das Buch fort und[527] nähert sich ihr, lächelnd. Wundert Sie das, liebes Fräulein?

IDA. Mein Gott, man sollte ja vor Demut in ein Mauseloch kriechen, wenn man von so vielen Gaben hört, und hat selbst so gar nichts.

WILLIBALD lächelnd. Was ist's denn weiter! Das ist ja nichts Besonderes.

IDA sieht ihn verwundert an. Nicht?

WILLIBALD nimmt ihre Schere vom Fenster und betrachtet sie. Meinen Sie, daß ein Talent so allein stehn könne? Poesie, Musik, bildende Kunst – alles Brechungen desselben Strahls! nur durch Zufälligkeiten – Erziehung, Gelegenheit etc. – bedingt. So bin ich denn Poet geworden, und wäre vielleicht ein viel besserer Maler. Doch – ich bin nun mal in diese Richtung geraten und meine, daß man nur eins mit ganzer Kraft erfassen soll, wenn man etwas Tüchtiges leisten will. Sonst Maler – ja, Maler wäre ich gern geworden; kein Bildhauer – der Stein ist tot, die Farbe hat Leben, und ich liebe das Lebendige, Kräftige.

IDA. Und Ihre Gedichte sind doch so weich.

WILLIBALD lächelnd. Hm, ein weicher Eichenhain! kurios!

IDA hat indessen in ihrem Arbeitskörbchen gesucht und langt eine Börse hervor, die sie Willibald reicht. Guten Morgen, Vielliebchen!

WILLIBALD verwundert. Was ist? Was meinen Sie? Er öffnet die Börse und sieht hinein.

IDA. Guten Morgen, Vielliebchen! habe ich gesagt; denken Sie nicht mehr an unser Diner im Schloßgarten?

WILLIBALD. Ah so, richtig! Verzeihn Sie, ich hatte in der Tat – es geht mir so vieles durch den Kopf: habe ich denn gewonnen? Ich weiß es wahrhaftig nicht mehr.

IDA etwas pikiert. Freilich haben Sie gewonnen; warum gäbe ich Ihnen sonst die Börse?

WILLIBALD betrachtet die Börse. Eine Leier in einem Lorbeerkranze, Geschmeichelt. sehr hübsch! sehr verbindlich! Er drückt ihr die Hand. Ich danke Ihnen herzlich.

IDA. Danken Sie nicht zu früh! Ich habe auch meine Tücke.[528]

WILLIBALD freundlich. Sollte es möglich sein?

IDA. Einen Hinterhalt, eine Bitte.


Willibald sieht sie fragend an.


IDA schüchtern. Nur ein kleines Gedichtchen! nur ein paar ganz kleine Verschen! zum Geburtstage meiner guten ehemaligen Gouvernante.

WILLIBALD verlegen. Fräulein, ich bitte um Gottes willen, damit verschonen Sie mich.

IDA schmeichelnd. Sie schlagen's mir ab?

WILLIBALD beklemmt. Sehn Sie, Fräulein, wenn ich sterben sollte, ich könnte es nicht. Hm! hm! Wiegenfestliedchen! Hochzeitscarmen! Hm! Rascher. Wissen Sie was? Sagen Sie es dem Werning, dessen Sache ist das so recht, und der tut's auch gern.

IDA verdrießlich. Nein, der Mensch hat kein Gemüt.

WILLIBALD. I, nun?

IDA. Dessen holprichte Verse, die will ich nicht, die passen gar nicht; sie müssen ganz anders sein, so wie die Ihrigen – so als wenn sie allenfalls von einem Frauenzimmer herrühren können –

WILLIBALD nimmt wieder die Schere. Sehr gütig! sehr verbunden! Hm! Kurios, das Kompliment hat mir doch noch niemand gemacht.

IDA. Nun, so mach' ich es Ihnen.

WILLIBALD beugt sich über die Schere, wie halb vor sich. Hören Sie, Fräulein, ich glaube, um die Gedichte so recht, ich meine so in tiefstem Grunde aufzufassen, muß man doch wohl – ein Mann sein.


Ida sieht beleidigt auf.


WILLIBALD. Das dürfen Sie nicht übel nehmen, Fräulein; manches ist nun eben für Männer geschrieben, und die Frauen haben ja auch ihr geistiges Departement, wo wir mit unserm Urteile zu kurz kommen.

IDA gereizt. Nun, ich mache keine Ansprüche auf literarisches Urteil, ich sage über Sie nur nach, was ich von Männern gehört habe; ebenso wie ich.

WILLIBALD schüttelt ironisch den Kopf. Dieses Mal doch nicht.[529]

IDA. Doch, und Männer vom Fach.

WILLIBALD. Gott behüte!

IDA. Warten Sie! Sie steht auf und geht an ein Büchergestelle, Willibald folgt ihr, sie steigt auf die Bücherleiter und faßt einen Haufen Journale.

WILLIBALD hastig. Was suchen Sie, Fräulein! Ich bitte, machen Sie sich keine Mühe meinetwegen.

IDA. Nein; Sie sollen glauben, Sie starrer Thomas; ich will nicht in meiner Behauptung stecken bleiben. Sie legt noch einzelne Blätter zurecht.

WILLIBALD vor sich. Was will sie? Journale? Eine Vignette? Ein Genius, der die Fackel entzündet? Um Gottes willen, die Person hat das Abendblatt! Laut. Lassen Sie, ermüden Sie sich nicht! ich glaube alles.

IDA blättert in den Journalen. Wo steht's denn: dieser »flüsternde Wasserquell im Eichenhaine« –?

WILLIBALD außer sich. Liebes Fräulein, ich weiß schon, kommen Sie nur – Ach Jesus! Man hört draußen eine Stimme: »Ist Herr Speth zu Hause?« IDA steigt schnell von der Leiter und legt die Journale auf den Tisch. Die Briesen! Sie setzt sich ans Fenster und schließt den Vorhang wieder halb; rasches Klopfen an der Tür.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 526-530.
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