Der Graf von Thal
1.

[186] Das war der Graf von Thal,

So ritt an der Felsenwand;

Das war sein ehlich Gemahl,

Die hinter dem Steine stand.


Sie schaut' im Sonnenstrahl

Hinunter den linden Hang,

»Wo bleibt der Graf von Thal?

Ich hört' ihn doch reiten entlang!


Ob das ein Hufschlag ist?

Vielleicht ein Hufschlag fern?

Ich weiß doch wohl ohne List,

Ich hab' gehört meinen Herrn!«


Sie bog zurück den Zweig.

»Bin blind ich oder auch taub?«

Sie blinzelt' in das Gesträuch,

Und horcht' auf das rauschende Laub.


Öd war's, im Hohlweg leer,

Einsam im rispelnden Wald;

Doch überm Weiher, am Wehr,

Da fand sie den Grafen bald.


In seinen Schatten sie trat.

Er und seine Gesellen,[186]

Die flüstern und halten Rat,

Viel lauter rieseln die Wellen.


Sie starrten über das Land,

Genau sie spähten, genau,

Sahn jedes Zweiglein am Strand,

Doch nicht am Wehre die Frau.


Zur Erde blickte der Graf,

So sprach der Graf von Thal:

»Seit dreizehn Jahren den Schlaf

Rachlose Schmach mir stahl.


War das ein Seufzer lind?

Gesellen, wer hat's gehört?«

Sprach Kurt: »Es ist nur der Wind,

Der über das Schilfblatt fährt.« –


»So schwör' ich beim höchsten Gut,

Und wär's mein ehlich Weib,

Und wär's meines Bruders Blut,

Viel minder mein eigner Leib:


Nichts soll mir wenden den Sinn,

Daß ich die Rache ihm spar';

Der Freche soll werden inn',

Zins tragen auch dreizehn Jahr'.


Bei Gott! das war ein Gestöhn!«

Sie schossen die Blicke in Hast.

Sprach Kurt: »Es ist der Föhn,

Der macht seufzen den Tannenast.« –


»Und ist sein Aug' auch blind,

Und ist sein Haar auch grau,

Und mein Weib seiner Schwester Kind –«

Hier tat einen Schrei die Frau.
[187]

Wie Wetterfahnen schnell

Die dreie wendeten sich.

»Zurück, zurück, mein Gesell'!

Dieses Weibes Richter bin ich.


Hast du gelauscht, Allgund?

Du schweigst, du blickst zur Erd'?

Das bringt dir bittre Stund'!

Allgund, was hast du gehört?« –


»Ich lausch' deines Rosses Klang,

Ich späh' deiner Augen Schein,

So kam ich hinab den Hang.

Nun tue was not mag sein.« –


»O Frau!« sprach Jakob Port,

»Da habt ihr schlimmes Spiel!

Grad' sprach der Herr ein Wort,

Das sich vermaß gar viel.«


Sprach Kurt: »Ich sag' es rund,

Viel lieber den Wolf im Stall,

Als eines Weibes Mund

Zum Hüter in solchem Fall.«


Da sah der Graf sie an,

Zu einem und zu zwein;

Drauf sprach zur Fraue der Mann:

»Wohl weiß ich, du bist mein.


Als du gefangen lagst

Um mich ein ganzes Jahr,

Und keine Silbe sprachst:

Da ward deine Treu' mir klar.


So schwöre mir denn sogleich:

Sei's wenig oder auch viel,[188]

Was du vernahmst am Teich,

Dir sei's wie Rauch und Spiel.


Als seie nichts geschehn,

So muß ich völlig meinen;

Darf dich nicht weinen sehn,

Darfst mir nicht bleich erscheinen.


Denk nach, denk nach, Allgund!

Was zu verheißen not.

Die Wahrheit spricht dein Mund,

Ich weiß, und brächt' es Tod.«


Und konnte sie sich besinnen,

Verheißen hätte sie's nie;

So war sie halb von Sinnen,

Sie schwur, und wußte nicht wie.


2.

Und als das Morgengrau

In die Kemnate sich stahl:

Da hatte die werte Frau

Geseufzt schon manches Mal;


Manch Mal gerungen die Hand,

Ganz heimlich wie ein Dieb;

Rot war ihrer Augen Rand,

Todblaß ihr Antlitz lieb.


Drei Tage kredenzt' sie den Wein,

Und saß beim Mahle drei Tag',

Drei Nächte in steter Pein

In der Waldkapelle sie lag.


Wenn er die Wacht besorgt,

Der Torwart sieht sie gehn,[189]

Im Walde steht und horcht

Der Wilddieb dem Gestöhn.


Am vierten Abend sie saß

An ihres Herren Seit',

Sie dreht' die Spindel, er las,

Dann sahn sie auf, alle beid'.


»Allgund, bleich ist dein Mund!«

»Herr, 's macht der Lampe Schein.«

»Deine Augen sind rot, Allgund!«

»'s drang Rauch vom Herde hinein.


Auch macht mir's schlimmen Mut,

Daß heut vor fünfzehn Jahren

Ich sah meines Vaters Blut;

Gott mag die Seele wahren!


Lang ruht die Mutter im Dom,

Sind wen'ge mir verwandt,

Ein' Muhm' noch und ein Ohm:

Sonst ist mir keins bekannt.«


Starr sah der Graf sie an:

»Es steht dem Weibe fest,

Daß um den ehlichen Mann

Sie Ohm und Vater läßt.«


»Ja, Herr! so muß es sein.

Ich gäb' um Euch die zweie,

Und mich noch obendrein,

Wenn's sein müßt', ohne Reue.


Doch daß nun dieser Tag

Nicht gleich den andern sei,

Lest, wenn ich bitten mag,

Ein Sprüchlein oder zwei.«
[190]

Und als die Fraue klar

Darauf das heil'ge Buch

Bot ihrem Gatten dar,

Es auf von selber schlug.


Mit einem Blicke er maß

Der nächsten Sprüche einen;

»Mein ist die Rach'«, er las;

Das will ihm seltsam scheinen.


Doch wie so fest der Mann

Auf Frau und Bibel blickt,

Die saß so still und spann,

Dort war kein Blatt geknickt.


Um ihren schönen Leib

Den Arm er düster schlang:

»So nimm die Laute, Weib,

Sing mir einen lust'gen Sang!«


»O Herr! mag's Euch behagen,

Ich sing' ein Liedlein wert,

Das erst vor wenig Tagen

Mich ein Minstrel gelehrt.


Der kam so matt und bleich,

Wollt' nur ein wenig ruhn,

Und sprach, im oberen Reich

Sing' man nichts anderes nun.«


Drauf, wie ein Schrei verhallt,

Es durch die Kammer klingt,

Als ihre Finger kalt

Sie an die Saiten bringt.


»Johann! Johann! was dachtest du

An jenem Tag,[191]

Als du erschlugst deine eigne Ruh'

Mit einem Schlag?

Verderbtest auch mit dir zugleich

Deine drei Gesellen;

O, sieh nun ihre Glieder bleich

Am Monde schwellen!


Weh dir, was dachtest du Johann

Zu jener Stund'?

Nun läuft von dir verlornem Mann

Durchs Reich die Kund'!

Ob dich verbergen mag der Wald,

Dich wird's ereilen;

Horch nur, die Vögel singen's bald,

Die Wölf' es heulen!


O weh! das hast du nicht gedacht,

Johann! Johann!

Als du die Rache wahr gemacht

Am alten Mann.


Und wehe! nimmer wird der Fluch

Mit dir begraben,

Dir, der den Ohm und Herrn erschlug,

Johann von Schwaben!«


Aufrecht die Fraue bleich

Vor ihrem Gatten stand,

Der nimmt die Laute gleich,

Er schlägt sie an die Wand.


Und als der Schall verklang,

Da hört man noch zuletzt,

Wie er die Hall' entlang

Den zorn'gen Fußtritt setzt.


3.

[192] Von heut am siebenten Tag

Das war eine schwere Stund',

Als am Balkone lag

Auf ihren Knien Allgund.


Laut waren des Herzens Schläge:

»O Herr! erbarme dich mein,

Und bracht' ich Böses zuwege,

Mein sei die Buß' allein.«


Dann beugt sie tief hinab,

Sie horcht und horcht und lauscht:

Vom Wehre tost es herab,

Vom Forste drunten es rauscht.


War das ein Fußtritt? nein!

Der Hirsch setzt über die Kluft.

Sollt' ein Signal das sein?

Doch nein, der Auerhahn ruft.


»O mein Erlöser, mein Hort!

Ich bin mit Sünde beschwert,

Sei gnädig und nimm mich fort,

Eh heim mein Gatte gekehrt.


Ach, wen der Böse umgarnt,

Dem alle Kraft er bricht!

Doch hab' ich ja nur gewarnt,

Verraten, verraten ja nicht!


Weh! das sind Rossestritte.«

Sie sah sie fliegen durchs Tal

Mit wildem grimmigen Ritte,

Sie sah auch ihren Gemahl.
[193]

Sie sah ihn dräuen, genau,

Sie sah ihn ballen die Hand:

Da sanken die Knie der Frau,

Da rollte sie über den Rand.


Und als zum Schlimmen entschlossen

Der Graf sprengt' in das Tor,

Kam Blut entgegen geflossen,

Drang unterm Gitter hervor.


Und als er die Hände sah falten

Sein Weib in letzter Not,

Da konnt' er den Zorn nicht halten,

Bleich ward sein Gesicht so rot.


»Weib, das den Tod sich erkor!« –

»'s war nicht mein Wille« sie sprach,

Noch eben bracht' sie's hervor.

»Weib, das seine Schwüre brach!«


Wie Abendlüfte verwehen

Noch einmal haucht sie ihn an:

»Es mußt' eine Sünde geschehen –

Ich hab' sie für dich getan!«

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 186-194.
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