Am Allerseelentage

[687] »Es kömmt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und es werden hervorgehen die Gutes getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben zur Auferstehung des Gerichts.«


Die Stunde kömmt, wo Tote gehn,

Wo längst vermorschte Augen sehn.

O Stunde! Stunde! größte aller Stunden,

Du bist bei mir und läßt mich nicht,

Ich bin bei dir in strenger Pflicht,

Dir atm' ich auf, dir bluten meine Wunden!


Entsetzlich bist du, und doch wert,

Ja meine ganze Seele kehrt

Zu dir sich, in des Lebens Nacht und Irren

Mein fest Asyl, mein Herzgeblüt,

Zu dem die zähe Hoffnung flieht,

Wenn Angst und Grübeln wie Gespenster irren.


Wüßt' ich es nicht, daß du gewiß

In jener Räume Finsternis

Liegst schlummernd wie ein Embrio verborgen:

Dann möcht' ich schaudernd mein Gesicht

Verbergen vor der Sonne Licht,

Vergehn wie Regenlache vor dem Morgen.


Verkennung nicht treibt mich zu dir,

Mild ist die strengste Stimme mir,

Nimmt meine Heller und gibt Millionen.

Nein, wo mir Unrecht je geschehn,

Da ward mir wohl, da fühlt' ich wehn

Dein leises Atmen durch der Zeit Äonen.


Doch Liebe, Ehre treibt mich fort

Zu dir als meinem letzten Port,

Wo klar mein Grabesinnre wird erscheinen.

[688] Dann auf der rechten Waage mag

Sich türmen meine Schuld und Schmach,

Und zitternd nahn mein Kämpfen und mein Weinen.


Vor dir ich sollte Trostes bar

Zergehen wie ein Schatten gar;

Doch anders ist es ohne mein Verschulden:

Zu dir als zu dem höchsten Glück

Wie unbeweglich starrt der Blick,

Und kaum, kaum mag die Zögerung ich dulden.


Doch da sich einmal Hoffnung regt,

So wird die Hand, die sie gelegt

In dieses Busens fabelgleichen Boden,

Sie wird den Keim, der willenlos

Und keinem Übermut entsproß,

Nicht wie ein Unkraut aus dem Grunde roden.


Wenn kömmt die Zeit, wenn niederfällt

Der Flitter, den gelegt die Welt,

Talent und Glück, ums hagere Gerippe:

Da steht der Bettler, schaut ihn an!

Dann ist die Zeit, um Gnade dann

Darf zitternd flehen des Verarmten Lippe.


Dann macht nicht schamrot mich ein Tand,

Dann hat gestellt die rechte Hand

Mich tief und ärmlich, wie ich es verdienet,

Dann trifft mich wie ein Dolchstoß nicht

Hinfort ein Aug' voll Liebeslicht:

Ich bin erniedriget und bin gesühnet.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 687-689.
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