Am vierten Sonntage nach Ostern

[628] »Ich gehe zu dem, der mich gesandt hat.«


Nicht eine Gnadenflamme hehr

Vor deinem Volke soll ich gehn;

Nein ein versteinert Leben schwer,

Wie Sodoms Säule muß ich stehn,

Und um mich her

Die Irren träumend schwanken sehn.


Und ob auch Öde mich umgiebt,

Ob mich erstickt der Nebel fast,

Mir Wirbelsand die Augen trübt,

Doch weiß ich, daß mein Herz dich faßt,

Daß es dich liebt,

Und daß du mich gesendet hast.


Den Lebenshauch halt' ich von dir,

Unsterblich hast du mich gemacht;

Nicht Glut, nicht Dürre schadet mir.

Ich weiß, ich bin in deiner Wacht,

Und muß ich hier

Auch stehn wie ein Prophet der Nacht.


Ich hebe meine Stimme laut,

Ein Wüstenherold für die Not:

Wacht auf ihr Träumer, aufgeschaut!

Am Himmel steigt das Morgenrot.

Nur aufgeschaut!

Nur nicht zurück, dort steht der Tod!


Nur aufgeschaut, nur nicht zurück!

Laßt Menschenweisheit hinter euch!

Sie ist der Tod, ihr schnödes Glück

Ist übertünchtem Grabe gleich.

O hebt den Blick!

Der Himmel ist so mild und reich.
[628]

Könnt' ich mein Auge heben nur,

Mein steinern Auge zu dem Blau:

Wie sög' ich aus der Himmelsflur

So liebekrank den milden Tau!

Doch hat Natur

Und Schuld verschlossen mir die Brau'.


Ob nimmer sich die Rinde hebt?

Ach einmal, einmal muß es sein!

Wenn Sodoms Säule sich belebt,

Dann bricht auch meine Stunde ein,

Wenn es durchbebt

Den armen blutberaubten Stein!


Dann soll ich wissen, was ich bin,

Warum so todesstarr und satt;

Dann weiß ich, was den klaren Sinn

Getrieben zu der öden Statt;

Dann knie ich hin

Vor dem, der mich gesendet hat.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 628-629.
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