XLVIII.

Heftige Wirkungen der Liebe. Geschichte des Antiochus Soters und der Stratonica.

[105] Die Liebe ist ein Feuer, welches sich nicht allezeit verbergen läst. Sie drucket der Seele solche Veränderungen ein, welche sie über kurz oder lang äusserlich bekannt machen. Diese Empfindung der Wollust und der Zärtlichkeit, welche durch die Bemühungen, die man anwendet, sie geheim zu halten, noch mehr gereizet wird, erreget gewisse Unordnungen, die betrübte Folgen nach sich ziehen können. Es ist die Begebenheit dieses jungen Menschens eine bekannte Sache, welcher von einer heftigen Leidenschaft gegen die liebenswürdige Gaußin so sehr ausser sich gebracht wurde, daß er eines Tages für Freude, Liebe und Wuth, vor ihren Füssen sturbe. Man hat mir von einem Soldaten erzählet, der sich zu Metz in eine Comödiantin verliebte, die dazumal daselbst spielte. Diese Leidenschaft nahm bey diesem Menschen so sehr überhand, daß er davon krank wurde; man brachte ihn in den Spital; da er sich sehr übel befande, so entschloß sich die Comödiantin auf seines Hauptmanns Ansuchen,[105] ihn zu besuchen. Der Kranke kam, da er sie erblickte, so sehr ausser sich, daß er, da er ihre Hand ergriefe, sie mit solcher heftigen Bewegung küste, daß er auf der Stelle davon des Todes war.


In dem Alterthum ist nichts merkwürdigers als die Krankheit des Antiochus Soters. Dieser junge Prinz verliebte sich in seine Stiefmutter die Stratonica, er gab sich aber alle Mühe diese Leidenschaft zu unterdrücken, weil er wohl wuste, daß sie nicht billig war; da aber nichts im Stand war, die Empfindung welche sein Herz beherrschte, zu verlöschen, so entschloß er sich lieber zu sterben, als seine Liebe zu entdecken. Er schmachtete und nahm von Tag zu Tag mehr und mehr ab. Seleucus sein Vater, der ihn liebte, und die Ursache des Uebels, das ihn quälte, nicht wuste, nahm seine Zuflucht zu der Wissenschaft des Erasistratus. Dieser Arzt entdeckte sehr bald, daß die Liebe die Ursache des Uebels wäre, welches ihn drückte; er wuste aber den Gegenstand nicht, für welchen Antiochus seufzete: Damit er solchen nun ausfindig machen mögte, brachte er ganze Täge bey ihm zu, und gab beständig Achtung, ob er nicht bey dem Anblick irgend eines Frauenzimmers vom Hof die Farbe verändern würde. An einem gewissen Tag, da ihn die Stratonica besuchte, bemerkte der Arzt, daß sich sein Puls erhebte, und[106] mit mehrerer Stärke und Geschwindigkeit schluge, daß ein verwirrtes Athemholen seine Worte unterbrache, daß seine Augen lebhafter und feuriger, und sein Gesicht über und über ganz ungewöhnlich roth wurde. Er war allzugeschickt, als daß er sich hiebey hätte betrügen sollen. Er wuste nunmehro zwar, woher der sieghafte Streich kame, allein es kame darauf an, solches dem König zu berichten; und wie sollte man mit ihm von der Liebe seines Sohns gegen die Königin reden? Antiochus war inzwischen sterbens krank, und stunde in der grösten Gefahr zu unterliegen, wenn man ihm nicht mit dem einigen Mittel, das für sein Uebel übrig war, zu Hülfe kommen würde. Erasistratus besann sich auf einen listigen Umschweif. Er gieng zu dem Seleucus, und zeigte ihm an, daß ihm das Uebel seines Sohns bekannt sey; welches nichts andersts als die Liebe wäre; er wäre in eine Person bey Hof verliebt, würde aber wahrscheinlicher Weise das Schlachtopfer seiner Leidenschaft werden müssen, weil solche eine Frau zu ihrem Gegenstand erwählet hätte, die ihm nicht werden könnte: Nun wessen Frau ist sie dann, sagte der König? Meine, antwortete der Arzt: und ihr wollt meinen Sohn umkommen lassen, erwiederte Seleucus. Würden Ew. Majestät nicht eben dieses thun, versetzte Erasistratus, wenn er in die [107] Stratonica verliebt wäre? Wollten die Götter, sagte der König, daß sie diejenige wäre, in die er sich verliebt hat, so würde sein Leben in Sicherheit seyn. Sie ist es auch, sagte der Arzt alsdann, Ihro Majestät, die Königin ist die Person, die er liebet und anbetet. Seleucus behauptete seinen Charakter, besuchte seinen Sohn, und sagte ihm, daß die Stratonica seine Gemahlin wäre, und Antiochus war in kurzer Zeit im Stand des Gegenstandes seiner Wünsche zu geniessen. Dieser Fürst belohnte den Eifer des Arztes als ein seines Wunsches befriedigter König. Erasistratus bekam für diese Cur hundert Talente, das ist dreyhundert tausend Livres.

Quelle:
[Dumonchaux, Pierre-Joseph-Antoine] : Medicinische Anecdoten. 1. Theil, Frankfurt und Leipzig 1767 [Nachdruck München o. J.], S. 105-108.
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