Der .XV. bundtgnoß.

Allē vnd ietlichē christgelöübigē menschen ein heylsame warnūg das sy sich hüten vor nüwen schedlichen leren.[163]


So alle meine xiiij. gesellen geschriben haben, gebürt mir letzsten als dem xv. beschließen mit disem radt. Wissent lieben frummen christen all gemein vnd in sunderheit, das wir schuldig sind standthafftiglich zů beliben in christlicher lere, welche vnß christus durch sich selbs vnd durch seine apostel vnd ewangelisten verkündet, darumb so vyl tausent martrer gelitten haben, in denen so trewlich vyl heilger doctores gstudiert haben, die so vyl hundert jar in trewer grundveste gestanden ist. Deßhalb vnß schimpfflich war von ettlicher newer erfindung von so altem gefestigtem wesen weichen, do von doch patriarchen vnd propheten gesagt haben vil hundert jar vor christus geburt. Aber in kurtzen iaren sind vff gestanden vngelert lerer, denen das gesatz gots vnbekant ist gesin, falsch propheten, die got nit gesandt hat, vnkrefftige gesatz geber on fürschlag heilsams ende, die an sich gehenckt haben durch glissenden schein, vnd vergyffte süssigkeit schier alle wält. Durch welche so vyl vnd namhafftige personen verfürt sind, das es zů erbarmen ist, vßerwelte menschen schier gefallen sind in abgrund deß zorn gottes. Dann was ist anders der zorn gots dann blintheit der vernunfft in verkertem verstand heiliger geschrifft vnd gots gebot, auß dem dann volgt gotlose begird vnd alles vbel.

Darumb solichem vbel zů empfliehen, ist vor allen dingen not, das jetlicher mensch vnderstand mügliche mittel schaden zů vermiden.

Das erst mittel ist, das jetlich mensch selbs läse oder im lasse läsen die vier ewangelisten vnd sant Paulus epistlen, wie mans findet im anderen theil der Bibel. Vnd soll im selbs niemand abkünden nötigen verstand, dann der geist christi, vß dem soliche ding beschriben sind, würt on zwyfel byston allen denen, so solich geschrifft läsen mit gůtem glouben, durch innerliche insprechung oder durch vsserliche lere. Auch ist nit müglich, das einer obgemelte geschrifft durch läse on sundere erleüchtung von got, wo got dar inn gesucht wurde. So nun soliche geschrifften[164] durch läsen sind, wirt auch der ainfältig lay ein grossen thail verston, was für vnd wider vnser gsatz sy in vff gestandnen leren. On zwyfel ist es durch des teüfels rot vnd hindernüß nit geschähen, das die helge Bibel alein den pfaffen, munchen vnd hohen schůler zů geaygnet ist, vnd den schlechten christen als ein schedlich ding abgesprochen, So doch in der helgen Biblien verstand, meer hilfft andechtig gebät dann scharpffe lectio, meer diemütiger gloub, dann hoch disputatz, meer ein früntlich härtz dann ein langes geschwätz. Vnd nit anderst ist, dann das der gütig got will sein leer jederman gemein sein, denen er günnet sein lyden vnd tod vnd heylsamen sacrament.

Es haben leyen, rych vnd arm, fraw vnd man, auch scharpffen verstand, sie sind auch got lieb, gott hat inen. auch nicht versagt, vnd vyl minder dann den geytigen münchen vnd pfaffen, den hoffertigen hohen schůler.

Es ist geschriben, nieman wirt gelert in der helgen geschrifft dann von got, wen got nit leret ist vngelert, vnd got offenbart den einfeltigen, das er verbirgt den hochgeachten vnd wysen. Deßhalb wem sein seel lieb ist, der veracht nit meinen radt, er läse selbs obgemelte geschrifft oder laß im sie läsen, dann die heilig geschrifft ist das schwärt des gaists, do mit wir vnß alles jrsals müssen erweren, vnd jetz sind gefärliche zeit, dar in der teüfel werckt, darvmb wer kein schwärt hat der Biblien, der verkouff sein rock vnd kouff ein Bibel dar vmb, die zeit ist hie. Nieman mag sich entschuldigen mit der armůt, kanstu brot kouffen zů spyß deß lybs, so bist du kein christ, wann du nit meer acht hast vff das brot der seel, das ist das wort gots. Kanstu nit selbs läsen, bestel ein armen schůler, der lißt dir vmb ein stück brot als vyl du ein tag bedarfft. Hastu kein bůch, bist zů arm, bättel ein bůch, es ist dir eerlicher ein ewangeli bätlen dann ein stuck brot. Bit andre vmb gotswillen das sie dir im ewangeli läsen.

Nit sag, ich hör es vff der kantzel von den pfaffen, dann du allein den minsten theil vnd schier den vnuerstendlichen der ewangelia vff der kantzel oder in der mäß[165] hörest, vnd der selb klein theil wirt von wenigen recht vtzgleit zů selen heil, vil heilsamer vnd nützer ist, so du by dir selbs wolbedacht lisest, do mit du ein ding wol bedencken mögst vnd offt läsen, wo du ein span dar inn hast, sunst fleügt das wort des pfaffen hyn on verstand, auch behebest vyl meer von dem pfaffen, so du vorhin do von geläsen hast.

Ich sag eüch für wor, not vnd fast not ists zů vnseren zyten, das wir grosse sorg haben vff das wort gots, dann an im ligt vnser heil, vnd hetten vnser vorfaren sollich vermanung angenummen, on zwyfel vnser zyt wer nit so gefärlich. Aber was vnseren vorfaren geschadt hat, soll vnß ein warnung sein, dann sälig ist der, den frembde schaden witzig machen. Was aber sind nüwe verfürliche lere will ich eüch erzelen.

Wer sagt, das etwas in der lere christi sey ein radt vnd kein gebott, der irt. Allein küscheit halten ist ein radt.

Welcher sagt, ablaß sey etwas gůts, der irret.

Wer sagt, ein mensch mög sich auß eigner krafft schicken zů der genad gottes, der irt.

Welcher sagt, das ein mensch mög thůn ein gůt wärck, ob er schon frumm ist, dar inn kein thail der sünd sy, der irt, so doch der prophet sagt, alle vnser gerechtigkeit sy vor got wie ein vnrein tuch. Vnd sagt christus, das wir kein gůte schickung vß vnß vermögen zů der genad, on mich mögt ir nicht thůn. Vnd Paulus, vß vnß selbs mögen wir auch nicht gedencken gůts.

Welcher sagt, wir mögen gnůg thůn vmb vnser sünd, der irt, dann allein hat christus für sy gnůg gethon, vnd so wir in yn glouben, werden wir theilhafftig seines gnugthuns, Als der prophet sagt. Er hat hingenummen vnser sünd.

Welcher sagt, ein mensch hab ein fryen willen, er mög höh oder gůts thůn, wann er wöll, der irret, dann got spricht, o Israel auß dir allein ist dein verderbnüß vnd vß mir allein ist dein heil, der will vnd mag vß im selbs sünden, aber auß im selbs mag er nit gůts thůn. Als geschriben stot. Herr, alle vnsere gůte wärck hastu in vns gewürckt.[166]

Welcher sagt, das menschliche natur zierlich vnnd adelich sey, der irret, dann wir sind verderbt biß vff das marck hin in, als got sagt, von kindtheit vff ist menschlich gedanck vnd sinn gäh zum vbel. Allein můß vnß die gnad gots wider zů recht bringen, so dann wir verderbt sind, wie möcht vnser gedanck oder wärck vor got gůt sin, kain böser boum bringt gůte frucht.

Menschlich schickung hilfft nicht zů rechter rew vnd leid vmb sünde. Als der Prophet sagt, Herr beker vnß, so werden wir bekert, vnd wer anders sagt der irt.

Welcher sagt, das ölung, firmung, wyhe der pfaffen, eelicher stand sien götliche sacrament, der irt vnd ist ein aigengesüchig lere.

Welcher sagt, das ein mensch, so versehen ist endtlich von got zů ewiger verdamniß, sey ein wor glyd der christlichen kirchen hie vff erd, der irt, dann niemandt ist ein glid also, des nit christus ein ewig heylmachen houpt sy.

Welcher seit, das die pfaffen nit söllen vnderworffen sin vß dem gesatz gottes den layen in zeitlichen dingen zů straff vnd vrthail, der irret, dann sant Peter sagt anders.

Welcher sagt, das der orden stand mit dry gelübten gebunden sey sicherer zů dem hail dann eelicher stand, der irret.

Welcher sagt, das die handlung vnd wandlung des hailigen fronlichnams christi, so der pfaff in der mäß thut, sey ein opffer für läbendig vnd todt, der irt. Deßhalb ein grosser theil des gůtes vnd galt, so zů mäßstifftung vnd frümmen jarzeit, dryssigst, sibent etc. vßgeben ist, ist verspilt vnd verloren.

Welcher anders sagt, dann das rechter geloub allein von got geben dem menschen, sy ein anfang des heils, der irret.

Welcher sagt, das got belone gůte wärck fürderlich, der irret, dann got belonet gůten willen in den gůten wärcken, vnd der will ist gůt, der götlichen gelouben hat, got belonet sine gaben in vnß, vnd nit vnsere wärck. Das ist ein warheit, gůt schinende wärck, als fasten, wachen, bätten[167] etc. mögen wol on rechten gelouben sein, aber rechter geloub kan nümmer on gůte wärck sein, dann rechter geloub von got geben ist nit müssig, würckt all weg gůts.

Welcher sagt, das fry williger bättel, als man in by den bättel örden hat, sey verdienstlich zů der säligkeit, der irret, dann allein den armen krancken ist bätlen erloubt, andere söllen arbeiten vmb lybs narung, hat got gebotten.

Welcher sagt, das man vmb heimlich sachen oder sünden soll ein sundern höheren gewalt suchen dann gmeine pfarrer haben, der irt.

Welcher sagt, das brüderliche lieb oder lyplich not, nit gnugsam vrsach sind zů brächen alle päbstliche, byschoffliche, ordenliche regel, gebot on alle andere dispensierung, der irret vnd ist wider sant Pauls vnd Peters lere.

Welcher sagt, das ein mensch schuldig sy andere sünd zů bychten, dann die er on sundere beschwerden mit guter trew in die gedächtnüß mag bringen, vnd die er nach seim verstandt für todt sünd mag achten, der irret, vnd die pfaffen söllen nit hart in der bycht sein, nit vyl fragen, wöllen sie nit irren, sunder absoluieren was der sünder beicht, vff got vnd vff des sünders glouben.

Welcher sagt, das kew fägfeür sy, der irret.

Welcher sagt, das man soll nach der beicht eim ein buß vffsetzen, der irret.

Welcher sagt, das man schuldig sy by todt sünd zů eim gebot der kirchen, oder ordens regel, so man es heimlich vbertrit on ergernüß der andern, der irret. Vß dem volgt, das tagzyt zů sprechen vsserhalb der kirchen oder chor, ainer für sich selbs, es sy münch, pfaff oder nun, so man sy heimlich on ergernüß der andern mag vnderwegen lassen, so man es wol thůn möcht, nieman schuldig ist by todtsünd, vnd das du dar noch scrupel der gewissen darumb hast, ist schuld dines mißgloubens vnd nit der vnder-, wegen lassung. Vß dem volgt, das heimlich fasten brechen on ergernüh der anderen ist nit todt sünd, ob schon eins nit kranck ist.

Es ist zů wissen, das alle predig vermist mit der lere Aristotelis, Scoti, Thome, Hales, Okam, Gabriel biel, Albertus u. Auch mit vermischung gaistlicher recht vnd[168] sollichen menschen gsatzen, ist verdechtlich vnd soll von dem volck nit gehört werden, mer soll man die pfaffen dar zů halten, das man ewangelische ler rein fürhalt.

Welcher sagt, das besser sy ein pfennig opffer dem pfaffen vff den altar, dann eim armen menschen geben, der irret, es wer dann der pfaff blůt arm.

Welcher sagt, das besser sy den bättel münchen ein allmusen geben dann eim andern vngewissen bätler, der irt. Aber wiß, wiltu sicher sein, so gyb almusen fürderlich dinen armen mitburgeren, belibt dir etwas vber, so gyb frembden auch.

Wie hoch man zů der bycht verbunden sy vnd zů bäpstlicher gehorsam, mag man leren auß anderen heylsamen büchlein, die jetz vff gekoufft werden.

Sähen ir, lieben fründ, solich lere hat man. xij. hundert jar gelert in der christenheit vnd ist wol dar inn gestanden, aber innerthalb vier hundert iaren sind ingewurtzlet new vngegründet leren durch hoch schůlen vnd durch bättel münch fürderlich, welche leren zů grossem schaden gedienet haben christlichem wäsen vnd gemeinem nutz, also das wir an sitten vnd an gůt abnemen vnd schier erger dann heiden sind worden, vnd armer dann bätler. Aber solich vnser verfarung hat vnsere verfürer (welche sind münch, pfaffen vnd hoch schůler) rich vnd gewaltig gmacht, das jetz sy in růw besitzen schier den halben theil der wält, vnd on straff alle laster üben, dar neben müssen wir mit vnser sauren arbeit vnd armůt sie erneren vnd nicht dar an nemen dann ergerlich exempel, verachtung vnser vnd vnser kind, vnd vergyffte vnchristliche lere. Es soll niemandt sagen, solich böse lere hab ein gůten schein der langen zeit halb, dann ir wissen das tausent vorige jar lenger sind dann nächste .iij. hundert jar, dar zů ob schon ettlich fromm lerer das widerspyl geschriben haben in dyser zeit, so hat man ire bücher vndertruckt vnd ire ler für kätzerisch gehalten, do mit solich endtchristlich erfindung vnd lere ein fürgang hette, vnd in .iij. hundert iaren ist kein lerer für hochgelobter gehalten worden, dann welcher am meisten wider[169] ewangelischen grund gefochten hat vnder gůt glissendem schein. Ob dann schon vyl volck solichen leren anhangt vnd angehangen ist, ist kein wunder, dann münch vnd pfaffen haben mit sorg vnd angst tag vnd nacht gedacht, wie sie vnß betriegen möchten, die weil wir sorg vnd angst gehabt haben vmb vnsere lybs narung für vnß, vnser kind vnd gsind, vnd auch das wir vnß nit hetten versähen, das vnsere seel sorger vnd helgen frässer vnder eim gůtem schein ein soliche seel mördery vnß zů gericht hetten. Aber got sy gelobt, das wor liecht kumpt wider an tag, got hat vnser noch nit vergessen, ob schon der teüfel vnd Endtchrist vnd alle bösen münch, pfaffen, hoch schůler dar wider streiten. Wir söllen got bitten vmb gnad, das wir solich liecht annemen mögen.

Dise vermanung hab ich wellen zů eüch thůn vnd bit ein jetlichen in sunderheit, er well sie im lassen zů gůtem dienen.


Laß dich nit belangen, ich kum schier, wils got.


Quelle:
Johann Eberlin von Günzburg: Sämtliche Schriften, 3 Bände, Band 1, Halle a. S. 1896–1902, S. 161-170.
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