VII.


Periander von Corinth.

[389] Der ist fürwar vnd gwiß nit klůg /

Der nutz vom erbarn scheyden thůt.

Denn nutzlich ist zu keiner frist /

Das nit auch recht vnd erbar ist.

Den tod soltu dir wünschen nicht /

Solst dich auch drob entsetzen nicht.

Was tragen du vnd leiden solt /

Das leid mannlich vnd mit gedolt.

Vor wem sich ieder förchten thůt /

Dem thůt er nit allein kein gůt /

Sondern haßt vnd verfolget jn /

Wünscht jm den tod in seinem sin.

Schaw würd nit stoltz / wann dir das glück

Zůfellt / du kennst noch nit sein tück.

Bekümmer dichs auch nit zu fast /

Wann vnglück du vnd trübsal hast.[389]

Wollust vergeht wie schne vnd eiß /

Tugent vnd kunst bhält ewigen preiß.

Verheyssen magst eim etwas wol /

Doch wiß / daß es on sünd sein sol.

Was wider erbarkeyt geschicht /

Bistu zuhalten schuldig nicht.

Nichts ist so fest / so groß vnd hoch /

Der fleiß gwinnts vnd eroberts doch.

Im zaum halt du dich alle zeit /

Daß du nit / was habn ander leut /

Betastest oder greiffest an /

Dann solchs gibt gar einn bösen lon /

Böse begird thůt nimmer gůt /

Alls übel sie mit bringen thůt.

Es ist nit gnůg / daß die hand sei

Vnschuldig / wann nit auch dabei

Das hertz fromm vnd on allen list /

Auffrichtig vnd rechtschaffen ist.

Ein gůtes sprichwort merck hiebei /

Halt inn den zorn / laß jn nit frei

Seins gfallens farn / danns ist nit gůt /

Wo iemand auß zorn etwas thůt.

Es ist aber ein anders wort /

Das man von mir hat offter ghort.

Zu aller zeit bedencken sol

Ein ieder sich in allem wol /

Was er thůn vnd anfahen wil /

Dennocht gerädt es wie es wil.

Wolan jr habt gehöret an /

Die frommen herren / die euch han

Ir weise leer getheylet mit /

Die wöller ja verachten nit.

Vil löblicher vnd gůter lehr /

Die wirdig sein alls preiß vnd ehr /

Haben sie bracht hier auff die ban /

Vnd solches euch zulieb gethan.

Wenn gůte lehr wer noch so gůt /

Wann man sich nit auch hält vnd thůt

Nach solcher klůgheyt / ists verlorn /

Wann mans nur wil außwendig hörn /

Nit pflantzen in das hertz hinein /

So ists nur ein vergebner schein.

Es ist nit gnůg / daß man vil hort /

Man thů auch nach dem ghörten wort /

Man richt das leben gantz vnd gar /

Nach solcher ghörten gůten lahr.

Wil es hie also bleibenlan /

Dem höchsten euch befolhen han.

Der geb euch / was zu aller frist /

Zu leib vnd seel euch nützlich ist.

Lebt frölich lieben herrn / vnd seit

Der tugent günstig alle zeit.

Den gůten künsten deßgeleich

Wölt freudtlich jr erzeygen euch.

Die weißheyt auch für augen han /

So wirts euch allzeit glücklich gan.


Ende.


M.D.LII.[390]

Quelle:
Egenolff, Christian: Sprichwörter / Schöne / Weise Klugredenn. Darinnen Teutscher vnd anderer Spraach-en Höfflichkeit [...] In Etliche Tausent zusamen bracht, Frankfurt/Main 1552. [Nachdruck Berlin 1968], S. 389-391.
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