XLV. Brief

An Amalie

[105] Liebes, gutes Malchen! – Dein lezter Brief freute mich unendlich, weil er das Gepräge der wieder heranrükkenden Heiterkeit auf deiner Stirne an sich trug. – Deinem Herzen ist Antheil nöthig. Ich fühle es, ich bin es überzeugt, daß Du die ganze Zeit deines Lebens nicht ohne Etwas wirst aushalten können, woran Du Dich nicht in deinen Trübsalen ketten kannst; das ist das Schiksal jedes gefühlvollen Herzens, jedes feurigen Kopfes; sie müßen sich ergießen, sie müßen sich mittheilen können, sonst geräth dieses Herz und dieser Kopf aus Mangel an Mittheilung auf Abwege, die nach dem Gang des Temperaments schon manchmal in gefährliche[105] Leichtgläubigkeit ausarteten. Dein Temperament ist nun eben nicht das glüklichste, es gränzt zu sehr an Schwermuth. Doch laß es gut seyn, meine Freundin, und arbeite ihm wakker entgegen, diesem Feind deiner heitern Stunden. Dein warmes Herz ist ja zu allem Guten offen, und wie unendlich sind diese Gefühle fürs Gute und Schöne in der lieben Natur, die deine Aufmerksamkeit beschäftigen können. Der Denkende hat nie Langeweile; der Denkende fühlt jedes Glük doppelt; der Denkende ist auch einsam zufrieden. – Nur hüte Dich, Dir zum Denken solche Gegenstände zu wählen, die deine Schwermuth reizen und dein Temperament in Gährung bringen. Deine Empfindungen über die Schwermuth sind meisterlich aus deinem Herzen entworfen. Mit Wollust las ich diesen herrlichen Schwung von Einbildungskraft, mit Entzükken wiederholte ich diese Gefühle der innigsten, vertrautesten Freundschaft unter uns, und bedaure die Menschen, denen dieser Vorgeschmak des Himmels nicht zu Theil wird. – Wie ist es möglich, daß man das Wort Freundschaft in der Welt so mishandelt? – Der Schurke, der Heuchler, der Lasterhafte, der Fühllose, der Dumme, der Niederträchtige, Jeder verschwendet dieses heilige Wort so leichtsinnig an den ersten Beßten, der ihm begegnet. Es wird zur gemeinen Waare herabgewürdigt, ein Schleichhandel des Eigennuzzes wird damit getrieben, Betrügereien angesponnen, Gutherzige damit hintergangen, Unschuldige verführt, Weinende auf lügnerische Art getäuscht, und das alles unter der Larve der Freundschaft! – Warum ist doch diese sanfte Leiterin der menschlichen Fehler so selten unter den Menschen? – Fehlt es denn in der Welt so sehr an Gutmüthigen, an Verständigen, an Tugendhaften? – Mich dünkt, der Jüngling ist aus Uebermas seiner zügellosen Leidenschaften nicht so leicht der Freundschaft fähig; wird er zum Mann, dann hält ihn Eigennuz und mürrische Laune[106] davon zurük; wird er zum Greis, o dann ist sein Herz vollends kalt für diese herrlichste der Gaben! – Und bei unserm Geschlecht, da, meine Beßte, sieht es vollends traurig um die Freundschaft aus. Das junge tändelnde Mädchen hascht gieriger nach einem Kopfpuz als nach einer Freundin. Der Neid, die Eitelkeit, die Verläumdungssucht halten frühe schon eine weiche Weiberseele in ihrem Nezze, und erstikken jedes Gefühl für Wohlwollen und Freundschaft, noch ehe der junge Verstand reift. Die meisten Weiber haben ihren angewöhnten Ton unter sich, feiner oder gröber, nach der Art ihrer Erziehung; doch ist es immer der kalte Komplimententon, das abgeschmakte Alltagsgeschwäz, das am Ende doch immer mit Verläumdung aufhört. – So wenig Weiber wissen liebenswürdige Lebhaftigkeit in Gesellschaften ohne Koketterie, Offenherzigkeit ohne Ziererei, Anstand ohne Sprödigkeit, Freimüthigkeit ohne sklavische Furcht anzubringen. Da sizzen sie zusammengeschraubt, an die fade Etikette gebunden, an teuflische Verstellung und Politik gewöhnt, falsch eine gegen die andere, aus Hochmuth, aus Dummheit, oder aus Eifersucht. – Der Mund ist süß, die Komplimenten zierlich und das Herz eiskalt und zurükhaltend. – Würden die Weiber ihrem Leben durch natürlichen, wizzigen, gesellschaftlichen Umgang, mehrere Nahrung geben, so würden beide Geschlechter glüklicher seyn, und die Verläumdung müßte aufhören, wenn man bei den Weibern etwas mehr, etwas besseres, als bloßen Genuß ihres Körpers suchen könnte. – Aber so lange es so wenig unterhaltende Weiber im Umgange giebt, eben so lange wird die Vernünftige an der Seite ihrer Besuche mit all ihrer Unschuld unter die Buhlerinnen gerechnet. – Die meisten zur guten Gesellschaft unfähigen Weiber kennen nur zween Wege im Umgang, den fleischlichen oder den gleichgültigen. Daher kömmt der Unglauben an den reinen Umgang einer vernünftigen Frau[107] mit Männern. – Doch nun wieder zur Freundschaft zurük: – Da nun die Verläumdungssucht den dummen Weibern so sehr anhängt, so sind sie ohne Grundsäzze für Menschenliebe, ohne Standhaftigkeit im Karakter, ohne Gefühl fürs wahre gesellschaftliche Leben; blos Insekten, die sich untereinander vertilgen, so oft sie können, und durchaus mit solchen Denkungsarten zur Freundschaft unfähig. – Die Weiber theilen sich mit ihren Thorheiten und Bosheiten in Klassen ein, und jede Klasse hat ihr Anstößiges, woran die Bande der Freundschaft scheitern. Die Wizzige ist nasenweise und verschließt ihr zu wenig gutes Herz aus Stolz. – Die Eitle opfert der Misgunst ihr Herz für ihre Moden, für ihre Stuzzer; wagt es eine andere in der Gestalt einer reizenden Freundin ihren Neid zu empören, o dann stößt die Eitle den blutigen Dolch der Rache der Freundschaft, die ihr begegnet, tief ins Herz! – Die Geschwäzzige naht sich der Freundschaft mit dem leichtsinnigen Geplauder einer faselnden, unsinnigen Thörin, beschimpft die Tugend der Freundschaft durch niedriges Gassengewäsch... und so wird auch die Geschwäzzige als eine Unwürdige von jedem fühlenden Herzen zurükgestoßen. – Die Fühllose schleppt ihr Maschinenherz in der Welt herum, und wird, von der Freundschaft ungesucht, dem elenden Schlendrian ihres ungeselligen Lebens überlassen. – Die ganz Dumme ist todt für die Natur, todt für die Freundschaft, todt für die Liebe, und ein unerträgliches Unthier, das jede Gesellschaft mit ihrer Dummheit zum Stillschweigen zwingt. – Die Spielerin erstikt durch ihren Eigennuz die wohltätige Freundschaft und sezt ihrer göttlichen Großmuth Geldbegierde entgegen. – Die Kokette misbraucht die arme Freundschaft in lauter Lügen, sie zerfezt sie, und wirft die Theile davon verschwenderisch überall hin, und wird doch am Ende, als eine unwürdige Tochter derselben, aus dem Tempel der Redlichkeit und der Freundschaft[108] verbannt. – Die Buhlerin ist ohnehin schon von der Natur von jedem Genuße des feinen Gefühls ausgeschloßen, und folglich auch von der Freundschaft. – Die Heuchlerin entsezt sich bei den offnen, freien Blikken der Freundschaft und kriecht beschämt zum heimlichen Laster zurük. – Die Andächtlerin ermüdet dieselbe mit ihrer Afterreligion und erhascht zu ihrer Geisel einen skrupulösen Schwarzrok zum Vertrauten ihres Aberglaubens. – Die freudenlose, finstere Hausmutter wagt es auch nicht, sich den Freuden zu nahen, die sie verschafft, und wird von der geselligen Freundschaft zum Umgang ihrer Bosheits-vollen, pöbelhaften Dienstboten verdammt. – Die adeliche Dame versagt dem unadelichen ehrlichen Manne nur zu oft aus Ahnenstolz ihre Freundschaft, und geräth, zur Schande ihrer wenigen Philosophie, aus Langerweile, aus Bedürfniß, in die freundschaftlichen Arme ihres unadelichen Kammerdieners. – Ist es nicht traurig, meine Freundin, daß es unserm Geschlecht so sehr an einer guten, zur Freundschaft fähigen Denkungsart fehlt, die doch das Glük der meisten Weiber machen würde? – Ich staune über mein Geschlecht, bemitleide es, und schweige. Doch nun zur katholischen Beicht: – Der Menschenkenner, der Philosoph im Beichtstuhl ist mir immer verehrungswürdig, aber den übrigen Lastträgern der Bigotterie sollte man dieses Amt durchaus verbieten. Sie machen den gemeinen Mann zum Märtirer seiner Sünden, und haben nicht Kopf genug, das Zutrauen des Denkers zu gewinnen. Warum wählt denn die weltliche Obrigkeit die Mitglieder ihres Gerichts, so viel möglich, aus der aufgeklärten Klasse von Menschen? – Nicht wahr, blos darum, damit keinem Schuldigen zu wenig und keinem Unschuldigen zu viel geschehe? – Eben so gerecht sollte es im Beichtstuhl aussehen. Die Vernunft muß da ohne Vorurtheil mit offnen Augen hinblikken, das Ohr muß mit Weltkenntniß zu unterscheiden wissen, und das[109] weiche Herz des Priesters muß da Mitleid fühlen, wo es selbst vielleicht schon oft mit der nemlichen Schwachheit gefehlt hat. – Nun aber, meine Liebe, will ich abbrechen, mit dem Gefühl der ewigen festen Freundschaft –


Deine Fanny.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 105-110.
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