LXXXII. Brief

Amalie an Fanny

[7] Innigstgeliebte Freundin! –


Fünf volle Wochen schrieb ich Dir keine Zeile! – Gewis, meine Theuerste, ich wollte Dir durch die Nachricht von meiner sehr wankenden Gesundheit keinen Kummer verursachen. Ein schleichendes Fieber hat mich seither keinen Tag verlassen. Die Aerzte bezweifeln mein Aufkommen, und behaupten, es wäre verschloßner Gram, der im Innern wütete. – Mein Zustand gleicht jezt einem im Stillen lodernden Feuer, das heimlich um sich frißt. Bei mir sind die Leiden nun so hochgespannt, daß ich weder weinen noch klagen kann. Eine sprachlose Kälte für alles was in der Natur ist, hat meine Seele eingenommen, und beherrscht mich von frühe bis Abends. Diese stumme Fühllosigkeit – sagen die Aerzte – seye meiner Gesundheit weit nachtheiliger als das in laute Klagen ausbrechende Gefühl, das sonst bei geringern Leiden, als die jezzigen sind, bei mir gewöhnlich war. Mich dünkt, eine heimlich nagende Verzweiflung hat sich in meiner Seele eingeschlichen, und der lezte empfindliche Streich, den mir mein Mann ohnlängst versezte, wird vielleicht auch der lezte Stoß seyn, den er meinem Leben gab! – Ich fühle so etwas Drohendes in diesem kranken Körper, das mir izt sehr willkommen seyn würde, wenn es lindernde Ankündigung meiner nahen Auflösung wäre! – Aber ach, eine so schnelle und glükliche Erlösung gönnt mir die Natur nicht! – Sie hat sich an mir vergriffen, da sie meinem Körper dauerhafte Anlage schenkte, diese unbarmherzige Erhalterin meines Lebens! –[7] Sie hat mich zur anhaltenden Verzweiflung geschaffen, und ahndete wohl nicht, daß gränzenloses Elend meine armseligen Tage verbittern würde! – Doch wozu diese Klagen für ein Herz, das nicht einmal mehr die süße Wonne der Mittheilung fühlt? – Sonst war es mir Linderung, Dir Thränen vorzuweinen, die mir das Unglük abnöthigte. Aber nun ist sie vertroknet die Quelle dieser Erleichterung; aller Trost ist unvermerkt aus meiner Seele gewichen, und dumpfe Raserei an seine Stelle getretten! – Ich will Dir izt mit dem eiskalten, verstokten Gefühl einer Trostlosen die barbarische Grausamkeit erzählen, die ich wieder aufs Neue von meinem Manne duldete! – Eines Abends hatte das Spiel denselben wie gewöhnlich, gehaßt. Schon rükten die schwermüthigen Dämmerungsstunden heran, und noch harrte ich seiner, von bangen Ahndungen gemartert, am Fenster. Tausendmal blikte ich mit hochangeschwollenem Herzen den schönbeleuchteten Himmel an, als ob ich seine Gestirne um Mitleid anflehen wollte! – Die schauerliche Stille der Nacht harmonierte so ganz mit dem Kummer, der schwer auf meinem Herzen lag! – Eine wollüstige Schwermuth riß mich zu Träumen hin, die man gedankenlos genießt, wenn der leidenschaftliche Gram in dem Herzen eines Melankolischen ein Kaos von unnennbaren Ideen erzeugt. Nur bisweilen wekte mich die schauervolle Erinnerung meines abwesenden Mannes aus diesem fürchterlichen Schlafe! – Ich sah ihn jezt am Spieltische fremde Gelder in leidenschaftlicher Hizze darwerfen, zur Befriedigung des schändlichen Eigennuzzes seiner lokkern Mitgesellen! – Meine Thränen rollten auf seine sträflichen Hände, und flehten um Mitleid, um Erbarmung! – Erschrokken blikte der Leichtsinnige um sich, und sah sein vom Kummer blaßes Weib vor seinen Augen stehen! – Das Gefühl schien einige Minuten seine Rechte behaupten zu wollen, aber rasch, von dem übermannenden Laster hingerißen,[8] vergaß er im nemlichen Augenblikke wieder seine leidende Gattin, die zitternd am Spieltische ihr Schiksal erwartete! – So, meine Freundin, schwärmte meine herumirrende Phantasie fort, bis das Knarren meiner Thüre mich darinn störte, und der Bediente Licht brachte. Es war schon neun Uhr vorbei, und noch schwelgte mein Mann in den Armen des Lasters, da indessen meine Thränen stromweise floßen! – Ich hatte nicht den Muth mich um ihn zu erkundigen, denn wie leicht würde sein vom Spiel gereizter Zorn mir Tod und Verderben gedroht haben! – So oft nun die Glokke eine neue Stunde anzeigte, eben so oft fuhr mir ein schmerzhafter Stich der grausamsten Ungewisheit durch die Seele! In dem Drang meiner unbeschreiblichen Marter eilte ich zu meinen Büchern, und wählte Cäciliens Leiden zur Zerstreuung. – Der Jammer dieser Dulderin milderte auf einige Minuten den meinigen. – Ich sah dieses gutherzige Mädchen als eine Gehülfin meiner Leiden an, die durch gleiches Schliksal an mich gekettet, meine Drangsalen mit mir theilte! Ganz in diese für mich so passende Lektüre vertieft, durchblätterte ich mehrere Stellen dieses so herrlich schönen Buchs, das so ganz meinem Kummer Nahrung gab! – Auf einmal öffnete sich die Thüre des Zimmers, und mein Mann erschien in der Furiengestalt eines Wütrichs! – Kaum vermochte ich mich aufrecht zu halten! – Noch staunte ich ihn zitternd an, als er rasch mit verbißner Wut das aufgeschlagene Buch vom Tische auf den Boden warf! – Wie eine unschuldige zum Gericht verurtheilte arme Sünderin hob ich das Buch mit gänzlicher Ergebung wieder vom Boden auf! Ich fühlte den Angstschweiß auf meinem Gesichte; doch, ohne den geringsten Laut von mir zu geben, erwartete ich jeden Augenblik den lezten willkommenen Druk von einem Rasenden, der seine Vernunft verloren hatte! – Auch hatte das Leben für mich wirklich zu wenig Reize mehr, um[9] wegen dieser elenden Last nach Hülfe zu rufen. Ich schämte mich seiner Ausschweifungen zu sehr, um ihre schändlichen Folgen fremden Leuten zu offenbaren. Ehrengefühl übertäubte jezt in mir die Furcht des Todes, und so sehr sich auch mein junges Blut gegen diese vielleicht plözliche Zernichtung sträubte, so war doch meine Seele stolz genug, mit Männerstärke den Ausgang dieser Mörderszene ohne das geringste Winseln abzuwarten! – Kaum hatte ich dem Schöpfer einen reuigen Seufzer über meine Sünden zugeschikt, so ergriff mich das Ungeheuer beim Halse, und war zum Morden bereit!!! – Jesus sey mir gnädig! – rief ich ihm halb röchelnd zu! – Dieser halb erstikte Schrei brachte ihn wieder zur Vernunft, und er lies ab von einer Handlung, die ihn in Henkershände würde geliefert haben, wenn er sie vollendet hätte! – Die Todesangst mit all ihren Bangigkeiten trieb mich Arme jezt von einem Zimmer ins andere! – Ueberall suchte ich Erbarmen und Rettung! – Bis ich endlich auf einmal dem Ausgang der Thüre zutaumelte, forteilte zu meinem Oheim, und mehr todt als lebendig zu seinen Füßen hinstürzte! – Ich lag bis den andern Morgen betäubt im Blute, das durch die heftige Wallung durch Mund und Nase sich drängte! – Die geschwinde Oeffnung einer Ader kühlte aber auch bald wieder die fieberischen Zukkungen ab, welche diese Angst mir zugezogen hatte. Doch kaum konnte ich meinen Mund vor Schwachheit wieder öffnen, so war mein erstes Wort: Verzeihung dem Unsinnigen, der blos aus kranken Sinnen nach meinem Blute dürstete! – Noch stand mein Oheim versteinert an meinem Bette, als diese Erinnerung ihn schnell aufwärmte zur feurigsten Rache!!! –

»O des marmorherzigen Mörders! – schrie er jezt – Ha! – Bei meiner Priesterwürde seys geschworen, ich will ihm durch meinen Fürsten Schranken sezzen lassen, diesem[10] gräßlichen Unthier! – Ich will hineilen zu den Füßen meines Fürsten; meine grauen Haare sollen meiner Forderung das Gewicht der Wahrheit geben! – Ich will ihm diese brennenden Thränen eines Greises auf sein Herz weinen; er wird mich hören, er wird ihn aufsuchen laßen, den Böswicht, der meine alten Tage mit der unmenschlichsten Grausamkeit vergiftet! – Laß mich, mein Kind! – laß mich! – Bald sollst du von deinem Vertilger befreit werden! –«

Schon wollte der gefühlvolle Mann aus meinen kraftlosen Händen sich loswinden, als ich meine lezten Kräfte sammelte, und mich ihm fest an den Hals warf! – Mein heulendes, dumpfes Schluchzen tönte unserm nahen Freunde gräßlich in die Ohren! – Ganz unvermuther kam jezt Baron von Sch.... ängstlich ins Zimmer geeilt, und fand uns beide in dieser erschütternden Stellung! – Aber doch war dieser würdige Mann stark genug, meine fest angeklammerten Hände von dem Halse meines Oheims zu lösen. Er wandte alle Künste der Beredsamkeit an, ihn zu besänftigen.

»Nein, mein Freund, – sagte er – Sie müßen sich nicht durch ihn beschimpfen, wenn Sie seine Schande dem Richter aufdekken. Trennen Sie Amalien auf ewig von ihm, und überlaßen Sie den Verworfenen seinem eigenen Verhängnis! –«

Nun, liebste, theuerste Fanny, hast Du hier eine Nachricht, die Dir gewis willkommen seyn wird. Gott gebe mir Kraft zur Ausführung, und Dir gebe er glüklichere, zufriedenere Stunden, als deine Amalie erlebt! – –[11]

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 7-12.
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