XCVII. Brief

An Fanny

[55] Schon aus Venedig, meine Traute, erhältst Du diesen Brief. – Ja, ja, aus Venedig schon! – Nicht wahr, das heißt zugefahren? – Aber mein armer Körper fühlt es auch tüchtig! – O! der abscheuliche Postwagen stieß mir fast alle Rippen entzwei! – Demungeachtet soll mich die äußerste Müdigkeit nicht abhalten Dir meine Reise zu beschreiben. – Nun wo blieb ich denn im lezten Brief an Dich stehen? – Ach – Ha! – weiß schon! Als nun die ältern Nonnen den Tag meiner Abreise festgesezt sahen, so fiengen sie an, mich mit Skapuliren, Amuleten, und mit mehr dergleichen Kinderpossen schwer zu beladen. »Ja, – sagten diese einfältigen Närrinnen: – Ja, auf der Reise, da haben die Hexen just am meisten Gewalt! und glauben Sie sicher, Madame, daß Ihre lezte Krankheit gar nicht natürlich war; selbst der grundgelehrte Pater Guardian hat es bestättigt, als wir ihm Ihre Krankheit beschrieben. Gott segne von heute an alle ehrlichen Mutterkinder! – Hier schikt Ihnen der Pater Guardian ein Päkchen hochgeweihtes Pulver, das Sie täglich vor Sonnenuntergang nebst einem heiligen Sprüchelchen mit Weihwasser gemischt, einnehmen müßen.« – Ich mußte mit Gewalt diesen Schwachköpfen ein bereitwilliges Ja zunikken, blos um ihrer los zu werden. Endlich stieg ich unter ihren murmelnden Einsegnungen in den sündhaften Postwagen, der – nach ihrer Prophezeihung – einstens mit samt den Passagieren schnurstraks zur Hölle fahren würde! – Es saß ein junger und ein alter Italiener im Wagen, die ich beide für Kaufleute hielt. Aber lange wurde meine Neugierde nicht befriedigt,[55] weil ein allgemeines Stillschweigen herrschte; ich beschäftigte mich indessen mit Nachdenken. Jemehr ich den jungen schwarzbraunen Mann betrachtete, desto minder konnte ich entdekken, zu welchem Stande er eigentlich gehörte! – Sein Wesen war höflich, aber dabei geheimnisvoll. Sein Betragen mehr kriechend, als edel stolz, und seine Reden gar nicht zusammenhängend. Kurz, sein Karakter schien mir ein seltsamer Mischmasch zu seyn. Uebrigens war er nicht ungesellig, aber dennoch äußerst verschloßen, niemand konnte errathen, wohin seine Reise gienge. – Der alte Kaufmann hingegen gestund uns allen mit der äußersten Offenherzigkeit, daß er ein Bürger aus Verona wäre, und dorthin zu reisen gedächte. Dieser Mann gewann bald meine Achtung, und, so viel ich sah, ich auch die seinige. – Zuweilen ärgerte sich der gute Alte freilich ein Bischen, wenn der jüngere Reisegefährte mir höflich begegnete; da gab es dann wechselsweis grimmige Augen. – Doch schien mir, als wäre der junge Held zu feige, um laute Anmerkungen über den Kaufmann zu machen; daher lies er mich auch ruhig mit demselben fortplaudern, und, um sich schadlos zu halten, schäkkerte er unterdessen mit meinem Kammermädchen. Das alte affektirte Ding fand sich ganz wohl dabei, und glaubte ganz sicher, daß ihre abgestandenen Reize mit Beihülfe der Kloster-Reliquien Mirakel gewirkt hätten. Fast hätte mich beinahe selbst die Kraft des Klosterfrauen-Krams in Erstaunen gesezt; bis auf einmal die gesunde Vernunft mir ins Ohr flüsterte: Der junge Ritter heuchelt blos aus Neugierde dem verrunzelten Gesichte Schmeicheleien vor! So strenge ich nun auch dieser alten unkeuschen Dirne das Vertrautthun mit dem jungen Menschen verwehrte, so konnte ich es doch nicht verhindern, daß sie nicht zusammen beim Aussteigen einen ganz kleinen Seitensprung machten. Doch da mir ihre Häßlichkeit für alle Folgen bürgte, so störte ich sie[56] auch nicht weiter in ihrer mirakulösen Eroberung. – Indessen rollte izt unser Wagen unter starken Erschütterungen weiter; schon waren wir über einen guten Theil eines Tirolerbergs weg. – Ein schneidender Wind bewillkommte uns alle, und hurtig wikkelte mich der sorgfältige alte Kaufmann in seinen Pelzrok ein. – Meine Kammerzofe fieng izt auch an über Kälte zu winseln, und geschwinde versah man sie mit einer Dekke. Doch das Geschöpf gebärdete sich demungeachtet, als ob ihre Haut von Fließpapier wäre. – Ich ärgerte mich nicht wenig über so viel Ziererei, und durfte doch um des Wohlstandes willen meiner Galle nicht Luft machen. – Endlich und endlich kamen wir in der Stadt T... an, wo jeder Mitreisende aufs Neue bezahlen mußte. Das unbarmherzige Stoßen des Wagens hatte alle so schwindelnd gemacht, daß keiner beim Aussteigen ohne Taumel einen Fuß auf die Erde sezzen konnte. Es herrschte izt eine allgemeine Zerstreuung unter uns, und der junge Mensch benuzte diesen Zeitpunkt zu seinem Vortheil recht herrlich. – »Mein Freund! – (rief er dem Kaufmann zu) sind Sie doch so gütig, und bezahlen einstweilen meinen Plaz auf der Post bis Verona. Ich komme im Augenblik wieder. Ein kleines Geschäft nöthigt mich geschwinde irgendwohin zu gehen! –« Der truglose Mann gab ihm sein Jawort, und flugs verschwand unser Ritter durch die Gasse. – Wir beide eilten nun dem Postamt zu, und bezahlten unsere Pläzze. – Noch hatte der Postillion nicht geblasen, und die nächste Wirthsstube mußte uns indessen vor Kälte schüzzen. Ich lies mir izt den süßen Tirolerwein recht gut schmekken! – Selbst das verjährte Blut meines alten Begleiters wurde durch diesen herrlichen Trank aufgewärmt. Wir beide schwazten nun mit geläufigerer Zunge über verschiedene moralische, philosophische Gegenstände, und der gutherzige Alte taumelte vor Entzükken über mein Bischen Unterhaltung. Er trieb[57] seine Zufriedenheit so weit, daß er so gar darüber die Forderung an den jungen Menschen vergaß, der während dessen auch wieder zu uns gekommen war. – Wir fuhren nun ab, und unterwegens machte mir der Alte einen Lobspruch um den andern, worinn der junge Bursche feurig beistimmte. – Holla! – dachte ich izt bei mir selbst – der Vogel pfeift mit aus Eigennuz, und ist vielleicht gar ein Betrüger! – Doch auf einmal sahen wir unter muntern Gesprächen die Stadt Verona vor uns liegen. – Der Postillion klatschte, und der Wagen hielt stille. Ein schmuzziger Wirth, dem der italiänische Eigennuz auf der Stirne geschrieben stund, hob mich unter vielen Büklingen aus dem Wagen; schnell haschte der gute Kaufmann nach meiner Hand und führte mich die Treppe hinan. Während dieser kleinen Pause machte sich der junge Ritter aus dem Staube, und prellte den guten Kaufmann um sein ausgelegtes Geld. – Es schien diesen alten ehrlichen Mann gar nicht zu befremden; er zükte kaltblütig die Achseln, und eilte dann in die Arme seiner Familie. – Nun nahm ich mir vor, diesen Rasttag recht nüzlich in dieser berühmten Stadt zuzubringen. Schon schlich ich in Gedanken bei den Alterthümern Veronens umher, als plözlich das laute Geheul meines Mädchens mich in diesem Traum störte: Sie gab vor, das Heimweh überfiele sie, und that dabei wie halb verrükt! – Ich fragte sie hin und her, was ihr wäre. – Lange wollte sie nicht mit der Sprache heraus; als ich aber der Dirne Ernst zeigte – dann fieng sie an die reine Wahrheit zu beichten: »Ach! – Herzens-Madame! (schluchzte sie) ich glaube, der junge Mensch hat mich um mein halbes Geld betrogen!« – Ei, (schrie ich lebhaft) warum hast du dich betrügen lassen? »Ja, – versezte sie – Sehen Sie nur diese Brieftasche an! – Er gab mir sie zum Unterpfand. Da, sehen Sie nur ein Bischen hinein!« (das Leder war auf einer Seite etwas zerschnitten, um den Betrug glaublicher[58] zu machen) »Schauen sie nur; es sieht wirklich einem Freimäurerpatent ähnlich! – Aber reißen Sie das Schloß bei Leibe nicht auf! ich darf es bis zu seiner Zurükkunft nicht erbrechen; die Freimäurer würden ihn sonst lebendig rädern lassen, wenn sie erführen, daß dies Patent in Weiberhände gefallen ist! – Es ist sein einziges Hab und Guth, fuhr sie fort – und wer weiß, ob der arme Mensch wirklich so...« Plözlich sprang ich izt mit beiden Füßen auf das Schloß der Brieftasche, und die arme Alte fiel darüber fast sinnlos auf die Erde hin, als sie lauter altes Papier herausrollen sah! – Nun gieng es bei ihr an ein Schimpfen, an ein Fluchen, an ein Schreien, daß ich ihr aus lauter Angst eilfertig die Geschenke des Pater Guardians auf die Stirne band. – Doch für diesmal half es nicht. Ich glaube, wenn ich ihr den frommen Pater Guardian selbst in eigener hochwürdiger Gestalt aufgebunden hätte, es würde bei dieser wütenden Furie wenig genüzt haben. – Seine kräftigsten Benediktionen wären gewis an der wilden Kreatur abgeprellt, so sehr tobte sie! – Ich wußte mir nun nicht mehr anders zu helfen, als ich versprach ihr, um sie zu besänftigen, den Verlust ihres Geldes zu ersezzen. Plözlich riß dann die eigennüzzige Kreatur mit eigenen Händen alle Heiligthümer von ihrer Stirne los! – – Gewis, Freundin! ich bin sonst nicht feindselig gegen meine Dienstleute; aber dieses Mädchen scheint mir eine alte Kupplerin zu seyn, die ehedessen vom Handwerk lebte. – Ich kann sie gar nicht ausstehen, und wünschte sie gern wieder nach Teutschland zurük. – Morgen erhältst Du die Fortsezzung meiner Beschreibung; – izt unterbricht mich der Wirth! –[59]

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 55-60.
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