[814] Gemach auf Küchmeisters Burg. Küchmeister, Graf Sayn, Schäven und Johann von Schönfeld sitzen um einen Tisch mit Weinkrügen und Bechern.
SCHÄVEN.
Ich mal nicht trüber, als es draußen steht,
Frag, Marschall, wen du willst
KÜCHMEISTER.
Nennt mich nicht so.
SCHÖNFELD.
So, oder so doch er hat recht: der Plauen
Weiß es herauszuschrecken
KÜCHMEISTER.
Schrecken? wen?
GRAF SAYN.
Vertraute Ritter, Schreibervolk und Knechte
Schickt' er auf unsre Häuser aus, die stoßen
Wie Raben dreist auf alles, was drin glänzt.
Der alte Tetting, dessen graues Haupt
Mehr Wunden zählt, als dieser Plauen Jahre,[814]
Er hatt zehn Mark erspart, um auszuruhn
Die letzten Tage von ruhmvollen Taten;
Der Plauen drückt's ihm ab. Was scheut' er Menschen?
Streckt er nach Gottes Gut doch frech die Hand
Und bricht den heil'gen Schmuck von den Altären,
Um aus Monstranzen Sündengeld zu münzen!
Zu bettelhaften Trott hält ihm die Zeit,
Er tritt ihr ungeduldig auf die Fersen.
KÜCHMEISTER.
So schlägt sie hinten aus.
SCHÄVEN.
Und trifft uns alle!
KÜCHMEISTER.
Bin ich der Meister denn? Was kümmert's mich!
GRAF SAYN.
Fürwahr, wir hatten eines andern uns
Zu dir versehn. Ich sprech hier nicht für mich,
Im Namen sämtlicher Gebiet'ger red ich.
Noch heut erst waren alle wir versammelt
Und sprachen viel
KÜCHMEISTER.
Ich weiß und trankt nicht wenig.
GRAF SAYN.
Da fiel der ein' auf das, auf jenes jener
KÜCHMEISTER.
Der auf die Bank, der andre untern Tisch
Nicht wahr? und ich soll eiligst auf die Beine
Nun wieder dem gemeinen Besten helfen?
SCHÄVEN.
Ja, großer Michel Küchenmeister! Held!
Ich sagt es nicht allein, sie alle sprachen:
»Da ist der Marschall noch daß Gott ihn segne!
Das ist ein Mann! Wo solche Tugend noch «
SCHÖNFELD.
Bah, Larifari!
SCHÄVEN.
Was! sagst du das mir?
SCHÖNFELD.
Ich sage: Larifari!
GRAF SAYN zu Küchmeister.
Nun zur Sache!
Rat uns, was ist zu tun nun?
KÜCHMEISTER.
Auszuschlafen.
GRAF SAYN.
Vermeng hier nicht die Sprecher mit der Sache!
Was mich betrifft, ich trank nur grad so viel,
Um schärfer in der Dinge Lauf zu schauen,
Und sage dir: wahr deine silbernen Becher,
Den Schwertgriff da
KÜCHMEISTER heftig.
Wer wagt's, darnach zu fassen?
GRAF SAYN.
Der alles wagt!
KÜCHMEISTER.
's ist gegen die Statuten![815]
GRAF SAYN.
So schreibt er neue auf mit seinem Schwert!
Gar seltsam doch ich nennte jeden Lügner,
Der mir's erzählt', daß du wie'n kranker Löwe
Hier über deines Kriegsruhms Trümmern liegst
Und mitten in dem Sturme, der dich zaust,
Nichts tust, als deine graue Mähne schütteln.
KÜCHMEISTER.
Sprich so nicht noch einmal!
GRAF SAYN.
Nicht so? Noch mehr!
Dich überwältigt dieses Plauens Glück,
Und dein Gestirn, das vormals hat geleuchtet
Hell in des Unglücks Nacht, es sinkt verbleichend
Zurück in die gemeine Dämmerung,
Je höher diese junge Sonne steigt,
Die alle Stern auslöscht am Firmament
Und das unsel'ge Land versenkt in Feuer!
SCHÖNFELD am Fenster.
Bei Gott! des Meisters Kompan kommt!
SCHÄVEN.
Hierher?
Alle, außer Küchmeister, fahren erschrocken auf.
KÜCHMEISTER.
Nun glaub ich's selbst! Das muß ein Sturm sein, der
Bis von Marienburg so den Staub aufwirbelt!
JOST VON HOHENKIRCH eintretend.
Gegrüßt Ihr Herren! zur gelegnen Stunde
Find ich euch hier versammelt all.
KÜCHMEISTER.
Was bringst du?
HOHENKIRCH.
An dieses Lands Gebiet'ger insgemein
Ergeht des hohen Meisters Gruß und Meldung,
Daß in dem Haupthaus auf St. Burkhardstag
Ein allgemein Kapitel angesagt,
Wo Seine Hoheit in hochwicht'gen Dingen
Des treuen Rats der Brüder sich versieht.
Und in dem Namen des hochwürd'gen Meisters
Entbiet ich alle, die hier gegenwärtig,
Auf selb'gen Festtag gen Marienburg.
KÜCHMEISTER.
Was soll es da? Ich hab dort nichts zu schaffen.
Der in den Sturm gesteuert ohne mich,
Lenk auch hinaus!
EIN DIENER schnell eintretend, zu Küchmeister.[816]
O Herr! ein Wort
KÜCHMEISTER.
Was ist's?
Sie reden während des Folgenden lebhaft und heimlich miteinander.
SCHÖNFELD zu Hohenkirch.
Hast wacker zugehalten. Komm!
Ihm zutrinkend.
Dem Orden!
HOHENKIRCH einen Becher fassend.
Auf Eintracht drin und frische Händel draußen!
KÜCHMEISTER zu dem Diener.
Vom Plauen, sagst du, sind sie abgesendet?
DIENER.
Ja Herr, ein Ritter, Knechte und ein Schreiber.
KÜCHMEISTER.
Unmöglich! Nanntest du nicht meinen Namen?
DIENER.
Ich tat es.
KÜCHMEISTER.
Und die Narren bleiben doch?
DIENER.
In Meisters Namen fordern sie die Schlüssel
Zu Kellern und Gemach; was dort an Schätzen,
Auf ihre Saumroß denken sie's zu laden.
KÜCHMEISTER.
Gut, gut! Der Schatz, der Land und Orden groß macht,
Er ist in dieser Brust. Wohlan! sie sollen
Ihn haben nun! Doch seht euch vor er brennt!
Nun eil, ruf mein Gesinde, faß die Schergen!
Werft sie zum Schloß hinaus und schließt das Tor!
DIENER.
Doch Herr
KÜCHMEISTER.
Kein Wort! Gehorch, bei deinem Leben!
Diener ab.
KÜCHMEISTER sich plötzlich hoch aufrichtend, zu Hohenkirch.
Jetzt reit zurück zum Plau'n, sag ihm: ich komme!
Er geht ab.
GRAF SAYN.
Was hat er vor?
SCHÄVEN.
Laßt uns ihm eilig folgen!
Alle ab.
Buchempfehlung
Am Hofe des kaiserlichen Brüder Caracalla und Geta dient der angesehene Jurist Papinian als Reichshofmeister. Im Streit um die Macht tötet ein Bruder den anderen und verlangt von Papinian die Rechtfertigung seines Mordes, doch dieser beugt weder das Recht noch sich selbst und stirbt schließlich den Märtyrertod.
110 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.
432 Seiten, 19.80 Euro