Uhland. Kerner

[857] In Uhland kulminiert die romantische Lyrik. Nicht nur, daß er die zerstreuten Klänge, die Tieck einst zum Teil noch wirr und formlos angeschlagen, erst zum wirklichen Liede gemacht;[857] sondern seine Lyrik steht auch schon scharf auf der Wetterscheide zwischen der romantischen und der neuesten Zeit, gleich wie ja Uhland selbst seinem Alter nach (geb. 1787) beiden Geschlechtern angehört.

Allerdings wurzeln seine schönen Lieder, durch die er berühmt geworden, noch in dem alten Boden. Es ist noch Luft, Licht und das ganze poetische Glaubensbekenntnis der Romantik, wenn er in seinem »Märchen« von dem wunderbaren Fräulein erzählt, die, von der schnurrenden Spindel der Stubenpoesie verwundet, mitten unter ihren Paladinen in Zauberschlummer versunken:


»So schlief sie in der Halle,

Die Fürstin, reich geschmückt.

Bald hatte die andern alle

Der gleiche Schlaf berückt.

Die Sänger schon in Träumen,

Rührten die Saiten bang,

Bis in des Schlosses Räumen

Der letzte Laut verklang.«


Da hat nach vierhundert Jahren des Königs Sohn, mit seinen Jägern ins Waldgebirg reitend, die seltsamen grauen Türme und Zinnen des Schlosses wieder entdeckt. Vergebens warnt ihn ein alter Spindelmann:


»Romantische Menschenfresser

Hausen auf jenem Schloß;

Die mit barbarischem Messer

Abschlachten klein und groß.«


Er haut mit dem Degen sich Bahn zum Schlosse, der Hof war wieder Wald geworden, die Vögel sangen in den Bäumen; so schreitet er über die kreuzweis vorgehaltenen Hellebarden zweier schlafenden Riesen zum großen Saal:


»Da lehnten in hohen Nischen

Geschmückter Frauen viel,

Gewappnete Ritter dazwischen

Mit goldnem Saitenspiel.

Hochmächtige Gestalten,

Geschloßnen Auges, stumm;

Grabbildern gleich zu halten

Aus grauem Altertum.«[858]


Und inmitten des stillen Kreises ruht die schöne Jungfrau, Goldstoffe über sie gebreitet und Rosen ohne Zahl. Er weckt sie mit einem Kusse, die ihn, noch halb im Schlummer mit dem Arm umwunden.


»Sie streifte die goldenen Locken

Aus ihrem Angesicht,

Sie hob so süß erschrocken

Ihr blaues Augenlicht.

Und in den Nischen allen

Erwachen Ritter und Frau,

Die alten Lieder hallen

Im weiten Fürstenbau.


Ein Morgen, rot und golden,

Hat uns den Mai gebracht;

Da trat mit seiner Holden

Der Prinz aus Waldesnacht.

Es schreiten die alten Meister

In hehrem, stolzen Gang,

Wie riesenhafte Geister

Mit fremdem Wundersang.


Die Täler, schlummertrunken,

Weckt der Gesänge Lust;

Wer einen Jugendfunken

Noch hegt in seiner Brust,

Der jubelt, tief gerühret:

Dank dieser goldnen Früh,

Die uns zurückgeführet

Dich, deutsche Poesie!«


Und ein solcher Jubel ist Uhlands eigne Poesie, die fast alle Elemente der Romantik wie zum Abschiedsgruße noch einmal austönt; ja, was die andern nur mystisch anzudeuten gewußt: das Geheimnisvolle der Natur, diese wunderbaren Stimmen einer unsichtbaren Welt, sind bei ihm oft überraschend zu lebendigem Wort und Bild geworden. So die tiefe Sabbatstille der Felder in »Schäfers Sonntagslied«:


»Das ist der Tag des Herrn!

Ich bin allein auf weiter Flur,

Noch eine Morgenglocke nur!

Nun Stille nah und fern![859]


Anbetend knie ich hier.

O süßes Graun! geheimes Wehn!

Als knieten viele ungesehn

Und beteten mit mir.


Der Himmel, nah und fern,

Er ist so klar und feierlich,

So ganz als wollt er öffnen sich.

Das ist der Tag des Herrn!«


Oder der heimliche Geisterblick der Heimatsgegend in den Worten :


»Wie willst du dich mir offenbaren,

Wie ungewohnt, geliebtes Tal?

Nur in den frühsten Jugendjahren

Erschienst du so mir manchesmal.

Die Sonne schon hinabgegangen,

Doch aus den Bächen klarer Schein!

Kein Lüftchen spielt mir um die Wangen,

Doch sanftes Rauschen in dem Hain!« –


Auch das Heimweh der Romantik geht noch durch diese Lieder; bald als sehnsüchtiger Mut:


»Wohl blühet jedem Jahre

Sein Frühling mild und licht,

Auch jener große, klare –

Getrost er fehlt dir nicht;

Er ist dir noch beschieden

Am Ziele deiner Bahn,

Du ahnest ihn hienieden

Und droben bricht er an!«


bald als Todesengel durch die blühende Landschaft vorüberschwebend:


»Droben stehet die Kapelle,

Schauet still ins Tal hinab,

Drunten singt bei Wies und Quelle

Froh und hell der Hirtenknab.


Traurig tönt das Glöcklein nieder,

Schauerlich der Leichenchor;

Stille sind die frohen Lieder,

Und der Knabe lauscht empor.[860]


Droben bringt man sie zum Grabe,

Die sich freuten in dem Tal;

Hirtenknabe! Hirtenknabe!

Dir auch singt man dort einmal.« –


Alles Menschlichschöne endlich: Liebe, Freundschaft, Tapferkeit, Treue, begrüßt uns hier in dem milden Lichte einer höheren Auffassung, die auch das Alltägliche wunderbar macht und die wir nur als eine religiöse bezeichnen können, indem sie alle irdische Erscheinung ihrem göttlichen Ursprung zuwendet. Es ist mit einem Wort eine durchaus deutsche, d.h. gläubige Poesie, die es noch ehrlich ernst mit sich und ihrem Gegenstande meint und daher unmittelbar trifft wie das Volkslied; in dieser Wahrhaftigkeit des Gefühls nur mit Arnims Dichtungen vergleichbar, vollendeter in der Liedesform als diese, aber beschränkter in dem Umfange ihrer Produktionskraft.

Es ist natürlich, eine so tiefe Innerlichkeit konnte sich in den wichtigsten Lebensfragen nicht leichtfertig oder hoffärtig mit einem oberflächlichen Rationalismus begnügen. Überall vielmehr sehen wir Uhland von einer freudigen Zuversicht persönlicher Fortdauer nach dem Tode, über Lust und Leid emporgehoben, wie im »Gruß der Seelen«, »Auf einem Grabsteine« und anderen Liedern; und es ist kein naturphilosophisches Experiment, noch etwa ein bloßer guter Mann und Weltweiser, sondern der historische Gottmensch Christus, den er anredet:


»Du, den wir suchen auf so finstern Wegen,

Mit forschenden Gedanken nicht erfassen,

Du hast dein heilig Dunkel einst verlassen

Und tratest sichtbar deinem Volk entgegen.


Welch süßes Heil, dein Bild sich einzuprägen,

Die Worte deines Mundes aufzufassen!

O selig, die an deinem Mahle saßen!

O selig, der an deiner Brust gelegen!«


Allein das, was wir als das Unterscheidende der Romantik anerkennen mußten, ihre katholische Heimat, hat Uhland gleichwohl bereits verlassen. Nicht etwa – wie sich bei ihm von selbst versteht –, daß wir hier den kleinen Krieg schon fänden, unedeln Spott oder Haß gegen die Kirche, denn er steht ja noch[861] auf gemeinschaftlichem christlichen Boden mit ihr; und ebensowenig jene widerliche ästhetische Vornehmheit, die um des romantischen Schlendrians willen sich großmütig lächelnd herabläßt, den Katholizismus hie und da noch als willkommenen künstlerischen Apparat zu benutzen. Freundnachbarlich vielmehr begrüßen wir in Uhland einen durchaus wohlgesinnten Protestantismus, der die Überzeugungen der Kirche ehrt, wo er sie auch nicht teilt – aber es ist eben darum auch nicht mehr der alte, feurig-romantische Glaube, der vor kurzem noch rationalistische Berge versetzt, es ist nur noch ein poetisches Verständnis der katholischen Schönheit.

Indem also Uhland, als reicher Erbe auf den Gipfeln der Romantik angelangt, diese in der Hauptsache hinter sich abschließt, greift er von der andern Seite zugleich schon in die neue Zeit hinaus mit seinen politischen Liedern.

Auch auf diesem neuen Pegasus finden wir ihn vollkommen sattelfest, und es ist dieselbe tüchtige Gesinnung, die uns den Dichter ehrenwert und seine Poesie zum Volksgut gemacht hat, wenn er sagt:


»An unsrer Väter Taten

Mit Liebe sich erbaun,

Fortpflanzen ihre Saaten,

Dem alten Grund vertraun;

Um unsre Schmach sich kränken,

Sich unsrer Ehre freun;

In solchem Angedenken

Des Landes Heil erneun;

Sein eignes Ich vergessen

In aller Lust und Schmerz:

Das nennt man, wohlermessen,

Für unser Volk ein Herz.«


Solchen Ton hatten indes schon vor Uhland andere Romantiker, vielleicht noch voller, angeschlagen. Um daher das Neue zu erkennen, das Uhland, wie wir vorhin sagten, mit seinen vaterländischen Gedichten angebahnt, müssen wir uns zuvörderst über Sinn und Bedeutung dieser Dichtungsart näher zu verständigen suchen. – Was ist denn eigentlich politische Poesie? Gewiß nicht versifizierte Kammerverhandlungen über Presse, Verfassungsfragen oder ordinäre Franzosenfresserei. Wer freilich möchte leugnen, daß auch solchen Bestrebungen[862] poetische Sympathien zum Grunde liegen; aber ebenso gewiß gehören alle jene Dinge in ihrer abstrakten Erscheinung einer geistigen Kombination an, für welche die Poesie, als Kunst, weder den Beruf noch die Mittel und mithin auch keinen natürlichen Ausdruck hat. Die äußeren Staatsformen, sie mögen als Recht oder Mißbrauch, als Verfassung oder als öffentliche Meinung sich kundgeben, sind immer nur die Resultate der inneren Geschichte, des normalen oder verkehrten Bildungsprozesses eines Volks. Historisch gegebene Größen, aus denen der ordnende Weltverstand, den wir Regierungskunst nennen, seine Gleichungen zu machen hat, um die unbekannte Größe des Ewigen zu finden. Die Aufgabe der Poesie dagegen ist nicht, das, was der Wogenschlag der Zeit als Begriffe abgelagert, prüfend zurechtzulegen, nicht das Erkämpfte, sondern den Kampf, das Werdende, mit einem Wort: das Dramatische jenes Bildungsprozesses selbst lebendig darzustellen. Eine vorwitzige Mengerei dieser wesentlich verschiedenen Aufgaben und Elemente, vor der schon Lessing so ernst gewarnt, kann daher im vorliegenden Falle nur die Politik phantastisch machen oder die Poesie zu einer didaktischen Rhetorik aufblasen. Von beiderlei Mißgeburten hat unsere neueste Literatur zahlreiche Exemplare aufzuweisen; ja, viele der jetzigen Dramen sind, fast wie unsere gesellschaftlichen Rätselspiele, schlechthin bloße Allegorien radikaler Stichworte; im Grunde also nur eine andere Art von Iffländerei, die uns, statt der damaligen platten Wirklichkeit der häuslichen Familiendebatte, jetzt die nicht minder redselige Wirklichkeit der Kammerdebatte aufdringen will.

Die Staatskunst ist wie die Astronomie; wie diese den Wandel der Gestirne, so sucht jene das ewige Gesetz der Bewegungen und Wechselbeziehungen der ethischen Kräfte der Menschheit zu entdecken, um das natürliche Planetensystem der Gesellschaft herzustellen. Aber die unsichtbare, bewegende Urkraft, von der dieses Gesetz eben nur der Ausdruck ist, zu ergründen und zum waltenden Bewußtsein zu bringen, werden beide jederzeit der Philosophie und Poesie überlassen müssen. Will daher die Poesie auf dem Boden des Volkslebens bildend wirken – und welche echte Poesie hätte das nicht gewollt? –, so muß sie nicht über das fait accompli der Bildung, über die auf der Oberfläche treibenden Tatsachen ganz unberufen mitschwatzen wollen, sondern in die geheimnisvolle Werkstätte selbst, wo die Tatsachen geboren und die draußen auszuprägenden[863] Metalle erzeugt werden, sich versenken, die Erinnerungen, Kräfte und Tugenden weckend, aus denen heraus der gesunde Staat sich aufbaut oder verjüngt. Das kann sie aber nur, indem sie das religiöse Volksgefühl belebt, in welchem alle jene Tugenden wurzeln.

So hat es Friedrich Schlegel, im Jahre 1809 und früher, mit seinen patriotischen Liedern gehalten, und in diesem Sinne sind auch Uhlands harmlos unpolitische Lieder allerdings politischer als seine sogenannten vaterländischen. Das Neue und Abweichende der letzteren aber von Schlegel und den andern Romantikern liegt eben darin, daß Uhland grade hier jenes Element religiöser Erhebung fallen läßt und aus der Werkstatt der Zeiten mitten in ihre wilde Bewegung hinaustritt. Er sagt es selbst:


»Ich bitt euch, teure Sänger,

Die ihr so geistlich singt,

Führt diesen Ton nicht länger,

So fromm er euch gelingt!

Will einer merken lassen,

Daß er mit Gott es hält,

So muß er keck erfassen

Die arge böse Welt.«


Ganz ritterlich. Aber wie soll nun der Dichter, als solcher, den Kampf mit der argen Welt bestehen, wenn er seine stärkste Waffe, die geistliche, vorweg von sich wirft? Indem er auf diese Weise seinem bisherigen unsichtbaren Banner entsagt, wird er sich notwendig unter eine fremde, weltliche Fahne stellen müssen. Und das tut denn auch Uhland in der Tat, wenn es weiterhin heißt:


»Andre Zeiten, andre Musen!

Und in dieser ernsten Zeit

Schüttert nichts mir so den Busen,

Weckt mich so zum Liederstreit:

Als wenn du, mit Schwert und Waage,

Themis, thronst in deiner Kraft,

Und die Völker rufst zur Klage,

Könige zur Rechenschaft!«


Die Poesie wird also vom ethischen Boden auf den Rechtsboden gestellt. Es ist das Recht, das alte gute Recht und immer[864] wieder nur das Recht, das nicht erst innerlich errungen, sondern als ein angefallenes Erbstock gerichtlich in Anspruch genommen werden soll; ein Handel, der natürlich, wie jeder Rechtsstreit, zuletzt auf einen geschriebenen und besiegelten Kontrakt hinausläuft:


»Das Recht ist ein gemeines Gut,

Es liegt in jedem Erdensohne,

Es quillt in uns wie Herzensblut;

Und wenn sich Männer frei erheben

Und traulich schlagen Hand in Hand,

Dann tritt das innre Recht ins Leben

Und der Vertrag gibt ihm Bestand.


Vertrag! es ging auch hier zu Lande

Von ihm der Rechte Satzung aus,

Es knüpfen seine heil'gen Bande

Den Volksstamm an das Fürstenhaus,

Ob einer im Palast geboren,

In Fürstenwiege sei gewiegt,

Als Herrscher wird ihm erst geschworen,

Wenn der Vertrag besiegelt liegt.«


Uns will es freilich scheinen, als ginge nicht das Recht von dem Vertrage, sondern der Vertrag von dem Rechte aus, als gebe dieses jenem und nicht der papierne Vertrag dem Rechte Bestand, und als käme endlich, bei wechselseitiger rechter Treue, überhaupt nicht viel auf solche Besiegelung an. Allein auch dieses Recht selbst bleibt poetischerweise hier ein sehr unbestimmtes, der Vertrag ein erst zu redigierender, wenn wir nicht etwa mit einem württembergischen Provinzialrecht vorliebnehmen wollen. Die Epigonen aber haben sich's bald anders gedeutet, in das ungewisse Recht einen willkürlichen Inhalt hineingefaselt und zu dem Vertrage ihre Punktation nach eignem Gelüsten aufgesetzt. Und so ist Uhland wider Willen und Wissen – wie in der protestantischen Abzweigung von der Romantik, so in dem trotzigen Rechtsgefühl – Führer geworden einer Dichterschar, die man ungenau als die schwäbische bezeichnet; denn sie geht in immer wachsendem Ungestüm rasch über Schwaben fort mit Anastasius Grün und Lenau durch Österreich nach Ungarn hinein, bis sie endlich allerwärts in einem Bacchantenzuge von Freischärlern austobt,[865] die mit Uhland und der Romantik gar nichts mehr gemein haben.

Eben deshalb gehören sie aber auch nicht mehr in den Kreis unserer Betrachtung und ebensowenig die in dieser Reihe Uhland Zunächststehenden, da wir keine Literaturgeschichte der Romantik schreiben, sondern nur ihre Hauptrichtungen nachweisen wollen, über die Hervorragendsten aus jener Reihe aber, wie z.B. über Gustav Schwabs herzliche, lebenswarme Poesie und Gesinnungstüchtigkeit, nur ungefähr das von Uhland Gesagte hier widerholen könnten. Über Justinus Kerner dagegen sei es uns erlaubt, noch wenige Worte hinzuzufügen, weil er einige Klänge der Romantik für sich allein oder doch vorzugsweise und eigentümlich ausgebildet hat.

Gleich wie nämlich von Uhland die Geschlechtsfolge der politischen Dichter ausgeht, so kann Kerner als der Ahnherr des späteren Weltschmerzes und jener Zerrissenheit betrachtet werden, die zuletzt die Romantik selbst zerrissen hat. Die Romantik, von Natur und selbst in ihren asketischen Richtungen durch ihr Gottvertrauen heiter und lebensfrisch, läßt die Wehmut, die Sehnsucht und den Schmerz nur wie Wolkenschatten über die sonnige Landschaft fliegen. Eben diese Schatten aber hat Kerner aufgegriffen und gleich Trauerflören an allen blühenden Wipfeln ausgehängt. Es ist die Nachtseite der Romantik wo seine Dichtung weilt, jener melancholische Tiefsinn, der ihn auch anderwärts zum Somnambulismus und zur Geisterschau geführt. So sehen wir ihn überall aus dem Weltleben in die Stille der Natur sich flüchten:


»O könnt ich einmal los

Von all dem Menschentreiben,

Natur in deinem Schoß

Ein herzlich Kind verbleiben!


O nimm dein reuig Kind

In deine Mutterarme,

Daß dir's am Busen lind

Zu neuer Lieb erwarme!


Bis ich wie Blum und Quell

Dir darf im Herzen bleiben,

Mutter! o führ mich schnell

Hin, wo kein Menschentreiben!«[866]


Ja, in diesem schmerzlichen Zwiespalt zwischen dem Jenseits und dem Irdischen ist ihm das Leben wie eine Krankheit, von der er nur im Tode genesen kann:


»O armer Sohn der Arzenei!

Bist selbst erkrankt im Herzen,

Kennst der Heilkräuter mancherlei,

Such eins für eigne Schmerzen!

Welt, daß ich's finde, laß mich los!

Mich heilt nur meines Grabes Moos.«


Allein es ist eben nur erst der Grundton, den Kerner angeschlagen, er selbst steht den nachstürzenden Weltschmerzlern und Zerrissenen noch völlig fremd und fern, weil bei ihm das, was jenen gänzlich fehlt, das religiöse Gefühl der Romantik, noch pulsiert. Und zwar kein unbestimmtes, ästhetisch-katholisierendes Gefühl, sondern ein positiv-christlicher Sinn, wie er in: »Die Kranke und die Stimme«, im »Saul« und vielen andern seiner Lieder sich kundgibt, und dem es redlich Ernst ist mit der sittlichen, inneren Bewältigung und Nachfolge Christi, wenn er sagt:


»Ruf auf, ruf auf den Geist, der tief

Als wie in eines Kerkers Nacht,

Schon längst in deinem Innern schlief,

Auf daß er dir zum Heil erwacht!


Aus hartem Kieselsteine ist

Zu locken ird'schen Feuers Glut,

O Mensch! wenn noch so hart du bist,

In dir ein Funke Gottes ruht.


Doch wie aus hartem Steine nur

Durch harten Schlag der Funke bricht,

Erfordert's Kampf mit der Natur,

Bis aus ihr bricht das Gotteslicht.


Schlag an, schlag an, wenn's weh auch tut

Dem Fleische, drin der Funke ist,

Noch weher tut der Hölle Glut,

Mensch! wenn du nicht zu wecken bist.«


Nun ist es aber ebenso natürlich, als durch Shakespeares melancholische Personen jedermann hinreichend bekannt, daß[867] in solchen Gemütern die Betrachtung der Welt, weil diese ihnen aus ihrer einsamen Höhe nur in der Vogelperspektive erscheint, gar leicht in ein keckes Lachen über die Nichtigkeit alles Irdischen umschlägt. Und in ein solches herzliches Lachen bricht denn auch Kerner in seinen »Reiseschatten« aus, wo die Wichtigtuerei des kleinen Menschentreibens an dem Ernst der Natur und einer höheren Weltanschauung sich ergötzlich abarbeitet. Eben dieses religiöse Gefühl des Kontrastes aber zwischen dem Diesseits und Jenseits ist die Wurzel alles gesunden Humors und die Kluft, die Kerner von den Zerrissenen scheidet. Denn da den letzteren das Jenseits abhanden gekommen und nun das irdische Leben für sich allein gelten soll und doch nicht kann, so ist es ihnen ergangen wie dem Don Quichotte, als er ein Marionettenspiel, weil er die leitende Hand und die unsichtbaren Stimmen nicht bemerkt, für die volle Wahrheit nahm und die armen Puppen kindisch zerstörte.

Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke. Bd. 3, München 1970 ff., S. 857-868.
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