Verlorne Liebe

[216] Lieder schweigen jetzt und Klagen,

Nun will ich erst fröhlich sein,

All mein Leid will ich zerschlagen

Und Erinnern – gebt mir Wein!

Wie er mir verlockend spiegelt

Sterne und der Erde Lust,

Stillgeschäftig dann entriegelt

All die Teufel in der Brust,

Erst der Knecht und dann der Meister,

Bricht er durch die Nacht herein,

Wildester der Lügengeister,

Ring mit mir, ich lache dein!

Und den Becher voll Entsetzen

Werf ich in des Stromes Grund,

Daß sich nimmer dran soll letzen

Wer noch fröhlich und gesund!


Lauten hör ich ferne klingen,

Lust'ge Bursche ziehn vom Schmaus,

Ständchen sie den Liebsten bringen,

Und das lockt mich mit hinaus.

Mädchen hinterm blühnden Baume

Winkt und macht das Fenster auf

Und ich steige wie im Traume

Durch das kleine Haus hinauf.

Schüttle nur die dunklen Locken

Aus dem schönen Angesicht![216]


Sieh, ich stehe ganz erschrocken:

Das sind ihre Augen licht,

Locken hatte sie wie deine,

Bleiche Wangen, Lippen rot –

Ach, du bist ja doch nicht meine,

Und mein Lieb ist lange tot!

Hättest du nur nicht gesprochen

Und so frech geblickt nach mir,

Das hat ganz den Traum zerbrochen

Und nun grauet mir vor dir.

Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,

Fort und lache nicht so wild!

O ich möchte dich zertrümmern,

Schönes, lügenhaftes Bild!


Spät von dem verlornen Kinde

Kam ich durch die Nacht daher,

Fahnen drehten sich im Winde,

Alle Gassen waren leer.

Oben lag noch meine Laute

Und mein Fenster stand noch auf,

Aus dem stillen Grunde graute

Wunderbar die Stadt herauf.

Draußen aber blitzt's vom Weiten,

Alter Zeiten ich gedacht,

Schauernd reiß ich in den Saiten

Und ich sing die halbe Nacht.

Die verschlafnen Nachbarn sprechen,

Daß ich nächtlich trunken sei –

O du mein Gott! und mir brechen

Herz und Saitenspiel entzwei!


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 216-217.
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