Die Hochzeitsnacht

[351] Nachts durch die stille Runde

Rauschte des Rheines Lauf,

Ein Schifflein zog im Grunde,

Ein Ritter stand darauf.


Die Blicke irre schweifen

Von seines Schiffes Rand,

Ein blutigroter Streifen

Sich um das Haupt ihm wand.


Der sprach: »Da oben stehet

Ein Schlößlein überm Rhein,

Die an dem Fenster stehet:

Das ist die Liebste mein.


Sie hat mir Treu versprochen,

Bis ich gekommen sei,

Sie hat die Treu gebrochen,

Und alles ist vorbei.«


Viel Hochzeitleute drehen

Sich oben laut und bunt,

Sie bleibet einsam stehen,

Und lauschet in den Grund.


Und wie sie tanzen munter,

Und Schiff und Schiffer schwand,

Stieg sie vom Schloß herunter,

Bis sie im Garten stand.


Die Spielleut musizierten,

Sie sann gar mancherlei,

Die Töne sie so rührten,

Als müßt das Herz entzwei.


Da trat ihr Bräut'gam süße

Zu ihr aus stiller Nacht,

So freundlich er sie grüßte,

Daß ihr das Herze lacht.[351]


Er sprach: »Was willst du weinen,

Weil alle fröhlich sein?

Die Stern so helle scheinen,

So lustig geht der Rhein.


Das Kränzlein in den Haaren

Steht dir so wunderfein,

Wir wollen etwas fahren

Hinunter auf dem Rhein.«


Zum Kahn folgt' sie behende,

Setzt' sich ganz vorne hin,

Er setzt' sich an das Ende

Und ließ das Schifflein ziehn.


Sie sprach: »Die Tone kommen

Verworren durch den Wind,

Die Fenster sind verglommen,

Wir fahren so geschwind.


Was sind das für so lange

Gebirge weit und breit?

Mir wird auf einmal bange

In dieser Einsamkeit!


Und fremde Leute stehen

Auf mancher Felsenwand,

Und stehen still und sehen

So schwindlig übern Rand.« –


Der Bräut'gam schien so traurig

Und sprach kein einzig Wort,

Schaut in die Wellen schaurig

Und rudert immerfort.


Sie sprach: »Schon seh ich Streifen

So rot im Morgen stehn,

Und Stimmen hör ich schweifen,

Vom Ufer Hähne krähn.


Du siehst so still und wilde,

So bleich wird dein Gesicht,[352]

Mir graut vor deinem Bilde –

Du bist mein Bräut'gam nicht!« –


Da stand er auf – das Sausen

Hielt an in Flut und Wald –

Es rührt mit Lust und Grausen

Das Herz ihr die Gestalt.


Und wie mit steinern'n Armen

Hob er sie auf voll Lust,

Drückt ihren schönen, warmen

Leib an die eis'ge Brust. –


Licht wurden Wald und Höhen,

Der Morgen schien blutrot,

Das Schifflein sah man gehen,

Die schöne Braut drin tot.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 351-353.
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