2.

[270] Zufällig in der weiten Stadt,

Sind wir einander begegnet,

Oft wenn die Sonne geschienen hat,

Ein andermal wenns geregnet.


Ich habe dich erst nur angestaunt,

Von deiner Schönheit betroffen,

Allmälig ward ich so gut gelaunt,

Auf Gegengruß zu hoffen.
[270]

Ein Lächeln flog um deinen Mund

Als wir uns ferner sahen,

Und in dem Innersten ward mirs kund,

Dir, Schönste, dürf ich nahen.


O rührender Wuchs, o Prachtgestalt,

Der Melosgöttin vergleichbar,

Antlitz voll Nibelungengehalt,

Dein Schwung ist nimmer erreichbar!


Der liebliche Mund, ach wenn er lacht,

Ach! deine strahlenden Züge,

Sie reißen zu dir mit Wahnsinnsmacht

All meine Gedankenflüge!


Von Sehnsucht aber umhergejagt

Werd ich seit jener Stunde,

Da ich den flüchtigen Kuß gewagt,

Da du mir hingst am Munde.


Kein Feuer, keine Kohle kann glühn so heiß

Als heimliche Liebe, so mögen

Wirs halten, ein traut Geheimniß seis,

Wir wollen es würdig pflegen!


Wir wollen ach! einen schönen Traum

Zusammen träumen, wir wollen

Ausschlürfen mit seinem süßesten Schaum

Den Lebenskelch, den vollen!
[271]

Dies Werktagsleben es ist so schal,

Trübgrau wie Regenwetter,

Nur heiße Liebe ist Sonnenstrahl,

Weckt Blüthen auf und Blätter.


O könnt ich volle Stunden einmal

Dir ruhig am Busen säumen,

Vergessen die Erde, das Jammerthal,

Vergessen und selig träumen!


Beherrscherin meiner Phantasie,

Auf! nenne mir Ort und Stunde!

Gib meinem Dasein Poesie –

Dann geh ich ja gern zu Grunde!


Noch sind wir stark, noch sind wir jung,

Drum habe du Muth und wache,

Daß selige Lenzerinnerung

Uns spät noch glücklich mache!

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Leben und Liebe, Frankfurt a.M. 1856, S. 270-272.
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