Hymnus auf Göthe

[129] Es preisen alle Zungen

Den Namen Göthe laut,

Die Alten und die Jungen

Sind noch von ihm erbaut.

D'rum sag' auch ich, nicht blöthe:

Gepriesen sei der Göthe!


Es war ihm nichts zu schwierig,

Er dichtet es geschwind,

In Trauerspiel und Lyrik

Hat er den Preis verdient.

D'rum, ob er sich's verböthe:

Gepriesen sei der Göthe!


An seinem Werther härmt man

Sich seiner Zeit wie jetzt,

Das deutsche Blut erwärmt man

Am Berlichinger Götz.[129]

D'rum rufet früh und spöthe!

Gepriesen sei der Göthe!


Wen sollte nicht ermahnen

Der gottvergessne Faust,

Der auf des Lasters Bahnen

Der Hölle zugesaust.

D'rum lodre die Raköthe:

Gepriesen sei der Göthe!


In seinen Elegieen

Hat er sich nicht geniert,

Man hat's ihm gern verziehen,

Daß man sich alterirt.

D'rum thu auch ich nicht spröthe:

Gepriesen sei der Göthe!


Als alter Musenpriester

Trieb er Chinesisch noch,

Und war er gleich Minister,

So nahm er Zeit sich doch.

D'rum riefen seine Räthe:

Gepriesen sei der Göthe!


Er hat gemalt, gezeichnet,

Gott und die Welt studirt,

Und sonst sich angeeignet,

Was einen Menschen ziert.

D'rum, blies er auch nicht Flöthe:

Gepriesen sei der Göthe!


Er schrieb den Wilhelm Meister,

Ein Buch wie andre mehr,

Das gute Herz beweist er

In seinem Hermann sehr.

D'rum, gäb' es auch Emöthe:

Gepriesen sei der Göthe!
[130]

Einsamer Schlaf und Wanzen,

War ihm, er sagt's, verhaßt,

Auch hat er stets die Pflanzen

Gemüthvoll angefaßt.

D'rum rufe Hans und Gröthe

Gepriesen sei der Göthe!


Selbst an der Farbenlehre

Schrieb dieser große Mann,

Und das ist doch so schwere,

Daß man nur staunen kann.

D'rum, ob man mich auch tödte:

Gepriesen sei der Göthe!


Bettina, die so kindlich,

Sprach ihn als Freundin an;

Auch sagt er Vieles mündlich

Dem treuen Eckermann.

Drum, noch als alter Schwöthe

Gepriesen sei der Göthe!


Daß ein Genie nicht rauche

Das hat er auch gesagt,

Ob allzuvielem Lauche

Hat er in Rom geklagt.

D'rum, war ihm noch so öthe:

Gepriesen sei der Göthe!


Bei seinem Freund, dem Schiller,

Ist ihm die Zeit entflohn,

Auch sprach er mit dem Müller

Und mit Napoleon.

Drum sprach auch der zum Wröthe:

Gepriesen sei der Göthe!
[131]

In seinen alten Tagen,

Bescheidener als nie,

Beschrieb er mit Behagen

Seine Biographie.

Drum, ohne Widerröthe:

Gepriesen sei der Göthe!


Als Weisester der Weisen

Starb er im Tode ab;

Ach Jeder sollte reisen

An sein berühmtes Grab,

Worauf ich schreiben thäte:

Gepriesen sei der Göthe!

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Lyrische Karrikaturen, Lahr 1869, S. 129-132.
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