Der Räuber Link

[97] (Auf Verlangen gedichtet zur Drehorgel von G. Biedermaier, corrigirt durch den bösen Schwartenmaier).


Laßt uns schaudern vor der Szene,

Die ich nun enthüllen muß,

Gräßlicher als die Hyäne

Ist des Mörders Bruderkuß;[97]

Link, der Mordmensch, ach geboren

Ward er in der Mutter Schooß,

Doch dem Teufel zugeschworen

Wuchs er auf und wurde groß.


Seht, schon lief er aus der Schule

Mit dem Messer in der Hand,

Ruhig sitzen auf dem Stuhle

War ihm gänzlich unbekannt;

Ganz besonders auf die Katzen

Hatte er es abgesehn,

Und den unverschämten Spatzen

Thät' er früh den Hals umdrehn.


Fenster konnt' er gar nicht leiden,

Darum schmiß er alle ein,

Balgen, schreien, Fratzenschneiden

Waren die Vergnügen sein.

Unvorsichtig ging er frühe

Schon mit schwarzem Pulver um,

Und er gab sich alle Mühe

Zu erschrecken 's Publikum.


Seinen Lehrer, den er hatte,

Prügelt er auf eigner Stub,

Frecher war als eine Ratte

Der verzog'ne Gassenbub.

Zwetschgen bengeln, Birnen stehlen,

Teller knicken und so fort

Konnten später nicht verfehlen,

Daß er schritt zu Raub und Mord.


Gar nichts aber wollt' er lernen,

Und es war des Vaters Pflicht,

Aus dem Hause zu entfernen

Den verkappten Bösewicht.[98]

Aber dieses Zwangsverfahren

Schlug zum Guten gar nicht aus,

Dem gemäß den Flegeljahren

Ist die Zucht im Vaterhaus.


In des Waldes finstern Höhlen

Hauste Link letzt ganz allein,

Morden, rauben, brechen, stehlen,

That er grausam wie ein Stein;

Wehe, wer ist ausgetreten,

Aus dem menschlichen Verein,

Wer verlernet hat zu beten,

Er muß tief gesunken sein.


Wer nun denkt nicht an den Winter,

Wo die großen bösen Wölf'

Waren Thier- und Menschenschinder

Anno 1812!

Dort lebt in dem Schwabenlande

Eine dicke Rittersfrau,

Welche schon am Grabesrande

Stille Demuth trug zur Schau.


Ihr Herr Gatte war begraben

Schon seit manchem Leidensjahr,

Denn im braven Lande Schwaben

Dieser Fall nicht selten war.

Und in jener Hundekälte

War sie ganz allein im Schloß,

Und sie sah im weiten Felde

Einen Reiter hoch zu Roß.


Ach! wenn der Herr Sohn es wären'

Welcher heimkehrt aus der Fremd',

Und ihm Wölfe oder Bären

Rissen von dem Leib das Hemd![99]

Doch auf einmal ging die Thüre

Wie durch einen Zufall auf –

Aber sprecht! wer stürzt herfüro,

In der Hand des Dolches Knauf?


In des Sohnes bestem Rocke

Steht der Link vor ihrem Leib,

Bis herauf zum dritten Stocke

Drang er zu dem armen Weib.

Er verwürget sie und drücket

Sie vor heuchlerischer Lieb,

Daß sie jämmerlich ersticket,

Daß sie auf dem Platze blieb.


Hurtig springen die Bedienten

Zu der Flügelthür' herein,

Wollen es sogleich ergründen

Was das für Spektakel seyn?

Doch sie kommen grad zu späte,

Wie sie ihren Geist aufgibt,

Stellen aber den zu Rede,

Der sie so zu Tod geliebt.


Aber aus dem Hinterhalte

Brechen jetzt die Räuber vor,

Und verstellen jede Spalte

Und verriegeln Thür und Thor.

In die wundervollsten Möbel

Schlägt der Unmensch Nägel ein,

Und mit seinem Mohrensäbel

Haut er wie besessen d'rein.


Da wird Schonung nicht geboten,

Wo der Mensch sich nicht bewußt,

Seht, auf den gewichsten Boden

Speien sie mit roher Lust.[100]

Rauben, plündern, sengen, brennen,

Bringen Alles lebend um,

Bis sie nimmer schnaufen können

Und das ganze Haus ist stumm.


Jetzo geht es an ein Schwelgen,

Daß es unsereinem graust,

Ach! sie trinken aus den Kelchen,

Essen aber aus der Faust.

Welch' ein schrecklich Heidenleben

Führen sie, wie nicht gescheit

Schamlos, ohne nur zu beben

Vor der hohen Obrigkeit.


Wie sie nun zu Ende waren

Kehren sie zum Wald zurück,

Um die Kräfte aufzusparen

Für ein größ'res Bubenstück.

Denn es kam vom Jahresmarkte

Heim der Eltern traurig Paar,

Und der Sohn, der Link, verargte

Ihnen schnöd das letzte Jahr.


Denn mit seinen Mordgesellen

Bricht er flugs aus dem Gebüsch,

Thät den armen Vater fällen

Mit dem Dolche kühn und frisch;

Doch der Mutter ängstlich Flehen

Rührt den Sohn zu mild'rer Straf,

Statt den Hals ihr abzudrehen,

Peitscht er sie als einen Sklav.


Seinem Brüderlein daneben,

Einem hoffnungsvollen Knab,

Statt ihm einen Kuß zu geben,

Beißt er Nas und Ohren ab;[101]

Doch es konnte tapfer laufen

Dieser kleine Kamerad,

Und mit athemlosen Schnaufen

Springt er in die nächste Stadt.


Schreit und jammert ganz entsetzlich,

Winselt, zwitschert, pfeift und klagt,

Heult und hustet, bis ihn plötzlich

Jemand nach der Ursach fragt.

Und sogleich zu hohen Ohren

Kommt es einem Magistrat,

Daß die Eltern er verloren

Unter einem Blutgebad.


Und man frägt sich, was man mache,

Und man kratzt sich hinter'm Ohr,

Kitzlich nämlich war die Sache,

Das geht aus sich selbst hervor.

Doch nach vielerlei Debatte

Stimmte Alles Einem bei,

Der sogleich die Ansicht hatte,

Daß der Link zu fangen sei.


Mannschaft wird hinaus beordert,

Man umzingelt schnell den Wald,

Und der Link, herausgefordert,

Weiset seine Schreckgestalt.

Und er spricht so rohe Worte,

Daß man's gar nicht sagen kann,

Daß man glaubt, die Höllenpforte

Hätt' ihr Maulwerk aufgethan.


Doch sie werfen ihn in Ketten,

Der wie wüthend sticht umher,

Und er kann sich nimmer retten

Trotz der großen Gegenwehr.[102]

Fort mit ihm! Er fahr' zur Hölle,

In den tiefsten Schlund hinab,

Nimmer schau' er Tageshelle

Sitze wie im finstern Grab!


Hingeschleppt vor seinen Richter

Wird der Vatermörder nun,

Und die größten Kirchenlichter

Disputiren dran herum.

Ja, er wird es büßen müssen

– Freue dich, o frommer Christ –

So ein Mensch, dem sein Gewissen

Ganz abhanden kommen ist!


Und er wird sogleich befraget,

Ob er nicht ein Mörder sei,

Daß er so am hellen Tage

Treibe solche Lumperei?

Doch er will nicht Antwort geben,

Wie der Richter ihn verlockt,

Gehen wird es ihm an's Leben,

Denn man hält ihn für vestockt.


Ach wie soll ich mich zerstreuen?

Was ist das für eine Zeit!

Daß er gar nicht will bereuen

Seine große Schuldigkeit!

Ganz vergeblich, daß der Pfarrer

Ihm in das Gewissen sprach,

Ach so miserabel war er,

Daß es gar nichts half darnach.


Doch es enden alle Faxen

Und es frägt sich nur noch dies,

Ob man ihm den Kopf abhaxen

O der besser henken ließ?[103]

Und nach fünfundzwanzig Jahren,

Weil er gar nichts sagte nicht,

Wurde er hinausgefahren

Zu dem heil'gen Halsgericht.


Der Verdacht war zu handgreiflich,

Wenn auch Zeugniß dünngesä't,

Aber an dem Menschen zweifl' ich,

Dem das nicht zu Herzen geht.

Blutig waren seine Hände

Und man wußte, wer er war,

O was nimmt das für ein Ende,

Und was gibt es für Gefahr!


Doch man läßt ihm nach der Sitte

Vor dem Tod noch einen Wunsch,

Und man reicht auf seine Bitte

Ihm Essenz zu einem Punsch –

Aber dieser Hottentotte

Setzt die Flasche an den Hals,

Leert sie aus und macht zum Spotte

Mit der Zunge seinen Schnalz.


Alles ist bereits versammelt

Vor dem Thore, Alt und Jung,

Und mit Militär verrammelt

Für die kleinste Unordnung.

Still wird's bald an allen Ecken,

Als ein Ton die Ohren packt,

Wie wenn Einer einen Stecken

Mitten auseinander knackt.1
[104]

Ha! es war der grimme Henker,

Der zerbrach den Todesstab,

Doch der Link, der ew'ge Zänker,

Spricht mit Hohn zum Volk herab:

Willst du morden, stehlen, fischen.

Hochverehrtes Publikum,

Laß dich niemals nicht erwischen,

Mach' es nicht wie ich so dumm!


Kaum war dieses ausgesprochen,

Zappelt er schon in der Luft,

Dann von Knochen hin zu Knochen

Wird gerädert unser Schuft;

Und zum Schluß wird er zerrissen

Von vier Ochsen, die das freut,

Und als guter Rabenbissen

In die Landschaft hingestreut.


Hätt' ich Zungen, hätt' ich Wörter,

Zu verwünschen, wie's gehört,

Diesen schlechten Vatermörder,

Der die Mutter selbst nicht ehrt!

Jeder aber überlege,

Daß er bleib' ein guter Christ,

Unerforschlich sind die Wege

Dessen, der im Himmel ist!

Fußnoten

1 Diese erhabene Schilderung ist des größten Dichters würdig. Anmrkg. des Amtmanns Müller.


Quelle:
Ludwig Eichrodt: Lyrische Karrikaturen, Lahr 1869, S. 97-105.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon