Napoleon in Rußland

[79] Um die Herrschaft auf der Erde

Hub mit seinem Siegerschwerdte

Und mit fürchterlichem Droh'n

Endlich sich Napoleon:

Wie der Sturmwind mit dem Meere

Zog der ruhmgekrönte Held

Mit dem ungeheuren Heere

Gegen Rußland in das Feld.


Und sie konnten sich nicht helfen

Wie die Schafe vor den Wölfen[79]

Floh das tapfre Russenheer

Land und Städte wurden leer.

Niemand sah man in den Straßen,

Schier ganz Moskau war entfloh'n,

Zwar erstaunt, doch sehr gelassen

Schritt herein Napoleon.


Ney, des Heeres Allerbester,

Orden trug er schier ein Sester,

Ritt an seiner Seite hin,

Denn der Kaiser liebte ihn;

Und es ließ die Stimm' erschallen

Jetzt zu Ney Napoleon,

Ney, es will mir nicht gefallen,

Meinst Du nicht, es brenzelt schon?


Welch' ein übertriebnes Feuer!

Das sind keine Freudenfeuer!

Das ist Moskaus großer Brand,

Wie er in der Zeitung stand.

Seht, in Millionen Flammen

Schlägt er über jener Stadt

Und Napoleon zusammen,

Eh' er sich's vermuthet hat.


Zehnmalhunderttausend Reiser,

Stürzen nicht, wie Moskaus Häuser,

Nicht mit solchem Krachen ein;

Feuer löset das Gestein,

Feuer packt das Holz entsetzlich.

Feuer ras't in jedem Haus,

Feuer jagt die Feinde plötzlich

Sammt Napoleon hinaus.
[80]

Dieser flieht und schaut zum Himmel:

Vor ihm ist ein Schneegewimmel,

Hinter ihm die Feuersbrunst,

Dies erschöpfet seine Kunst.

Solches hat er nie vernommen:

Vorne heiß und hinten kalt!

Ei, da muß zu Schanden kommen,

Auch der Allerstärkste halt.


Hunger, Durst mit weiten Nachen

Stürzen wie ergrimmte Drachen,

Deren Magen groß und leer,

Lechzend auf sein stolzes Heer;

Und ein Frost ergreift die Schaaren,

Schnee bedecket Alles weiß,

Die am Abend Menschen waren,

Standen Morgens da als Eis.


Die verfolgten Krieger weichen.

Einmalhunderttausend Leichen

An der Beresina Strand,

Der erschrockne Russe fand.

Denn sie bauten eine Brücke,

Drängten sich in wildem Lauf,

Traten dreimal sie in Stücke,

Gingen so schier Alle drauf.


Oberst Müller hat's gesehen,

Er kann kühn als Zeuge stehen,

Für den fürchterlichen Tag,

Weil er mit im Felde lag.

So erfroren Frankreichs Krieger

Und es floh Napoleon,

Der bezwungne Weltbesieger,

Schaudernd kaum allein davon.

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Lyrische Karrikaturen, Lahr 1869, S. 79-81.
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