Der Mittwoch, eine dröstliche Hülsenblüthe

[8] Posaunen hauchen wilden Geisterlaut,

Dazwischen hürchelt banges Orgelstöhnen,

Leis wuchert bst! der Andacht Ginsterkraut –

Da steh ich in dem Dom – umringt von Schönen.

Sie dort, die Blonde unter Kerzgeflimmer!

Ein einsam gramgeboren Frauenzimmer,

Sie zupft, ha! mit dem Finger, prickt und pocht

An der Laterne quirlendem Gedocht.


Und drüben an der schmerlegrausen Säul',

Hohlhüstelnd ragt die schwimmelnde Matrone,[8]

Der Blick des Auges schwärmt dahin, ein Pfeil,

Ausschwirrend durch des Lebens Nachtschablone.

Hi! Still! na! o, ich bin verloren,

Zerrückt, zerknistert, gluthig angeschmoren,

Was ist das, die Laterne spritzt und kocht –

Auch sie zupft, zirpst am eignen Lebensdocht.


Und Käuzchenschrei ruschelt mit Geierpfiff

Wirr durch der Halle wimmerfahlen Brodem –

Verfallenes Gemäuer, eingestürztes Schiff,

Glockengebraus, Gespensterschwadenodem ...

Und Mitternacht! Dann plötzlich Lichtgefunkel

Da wälzet aus des Dienstags Trümmerdunkel

Der Mittwoch frühlichtflimmernd sich empor,

Und säuselt Schauerluft in's linke Ohr.


Hahu! regnet es nicht? Saugt nicht den Duft

Des molchgesäugten giftiggelben Schwadens

Natur? zückt greiser Blitz in wunde Brust,

Verzweifelnd an dem Glücke des Entladens?

Scheu flattert auf der Troß der Quazaquelen,

Die Lampe schüttert lächelnd im Verschwehlen,

Die Damen knicken um, der Dolde gleich,

Der Bräutigam entrispelt dem Bereich.


Hui! ich erwach'! Des Traumes Vampyr flieht,

Und schon an der Gardine zupfen Strahlen

Der Morgensonne bst! Frohlock', Gemüth!

Die Lerchen zitschern weg die lecken Qualen.

Des Kummers feuchte Moderkatakombe

Stürzt donnernd ein und nur die müß'ge Rombe

Der glitzerhaften Qualerinnerung

Schlirrt noch einmal – und du bliebst jung?


Kling klar! Johann! Die schwarzen Schimmel vor!

Spann an! wir fahren heut' noch durch die Haide,[9]

Dort, wo die Krähe duckt, die Kröt' im Moor,

Dort soll versausen meiner Seele Freude.

Lang ist der Tag – d'rum gleich der Wetterwolke

Ausbrechen laß' die Bracken bis zum Kolke!

Wie geigt die Grill' wie brodelt's im Gestumpf!

Sehr mangelt mir der Sitz ... hinaus zum Sumpf!

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Lyrische Karrikaturen, Lahr 1869, S. 8-10.
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