6. Szene

[313] Faust – Mephisto – Bulla als Helena verkleidet.


MEPHISTOPHELES.

Nun wird es Zeit, das Jammern aufzugeben!

Das Winseln und das Gnade-Lallen

laß' ich mir dann und wann gefallen,

doch gibt's auch and're Lust im Leben.

Denn, wie ich aus Erfahrung weiß,

bist du zum Beten noch zu heiß![313]

FAUST ohne hinzusehen.

Hinweg, Verführer!

MEPHISTOPHELES.

Ja, das ist

so euer Ruf, eh' ihr was wißt.

Den Teufel hat noch stets verbannt,

wer seine Künste nicht gekannt.

Sieh' her, mein Freund, wen ich dir bringe.

FAUST.

Ich will nicht sehen!

MEPHISTOPHELES.

Hör' ich recht?

Spricht einer so, der alle Dinge

der Erde sehen wollte!? Schlecht,

mein Freund, schlägt dir das Beten an!

Mut zeigtest du und warst ein Mann,

nun seh' ich, daß in feiger Angst

du vor den eignen Augen bangst.


Führt Bulla vor ihn hin.


Sieh her!!

FAUST sieht auf.

Welch' Blendwerk bringst du da?

MEPHISTOPHELES.

Es ist die schöne Helena!

Die artigste der Erdendamen!

Selbst Trojas Mummelgreise bekamen,

sie brauchten sie nur wo zu wittern,

im Knie ein jugendliches Zittern.

FAUST gebannt.

Bei meinem Leben! Sie ist schön!

MEPHISTOPHELES.

Drum sag' ich: Laß dein Bußgestöhn,

sei Paris! Freu' dich ihrer Glut!

Das Beten macht dir dickes Blut!

FAUST noch immer wie gebannt sie ansehend.

Wie Meeresleuchten winkt dein Blick,

du Bild aus lang versunk'nen Tagen.

Du gibst mir einer Menschheit Glück,

nach der ich Sehnsucht je getragen.

Die schönen Maße lichter Hallen,

aus denen Götterfreude sieht,

der blauen Woge Sprung und Fallen,

im Hain der Hirtenflöte Lied.[314]

Du Welt versöhnter Heiterkeit

laß meine Schwermut dir vermählen

und laß im Einklang uns'rer Seelen

verschwingen Fluch und Kampf und Leid!


Nähert sich ihr mit ausgebreiteten Armen.


Umfange mich! Erlöse mich – – –

BULLA wirft Mantel und Schleier ab.

Hahahaha! Nun hab' ich dich!!

FAUST fahrt zurück.

Weh' mir!

BULLA.

Erkennst du mich, mein Freund?

Du hast dich einst gar groß gemacht,

hoch über meiner Macht vermeint.

Doch besser lacht, wer endlich lacht!

Nun komm, mein Lieber, du wirst sehen,

ich weiß viel süßen Zeitvertreib:

Ob Helena, ob sonst ein Weib,

das Wunder ist sehr bald geschehen!

FAUST flieht.

Fort! Fort! Schon leckt der Hölle Brand!


Ab.


MEPHISTOPHELES.

Du Narr, war dir das unbekannt?

Was unsereiner selbst nicht kann,

das stellt er durch ein Weibsbild an!


Nimmt Bulla um die Hüften und beide gehen lachend ab.


Quelle:
Bruno Ertler: Dramatische Werke. Wien 1957, S. 313-315.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon