Sonnenblumen

[9] Am Abend zwischen Traum und Wachen,

Ich dachte nicht grad an heilige Sachen,

Vor mir der Nazarener stand.

Die schönen Gottesaugen lagen

Auf mir wie zwei freundliche Fragen.

Hielt eine Blume in der Hand,

Hochstengelig ein goldener Stern

Lehnt an der Schulter unserm Herrn,

Wie frommer Maler Engelsgestalten

Ihre Friedenspalmen halten:

Eine Sonnenblume, voll erschlossen,

Von einem lieblichen Licht umflossen,

Hob sich von seinem blauen Kleid

Als ein glänzendes Geschmeid.

So schwebte wie ein Nebel zart

Vor mir die göttliche Gegenwart,

Darauf ich holden Schreckens geblickt,

Bis ich darüber eingenickt.[9]


Am Morgen, nach gesundem Schlaf,

Stand mir der Sinn ins Feld hinaus,

Wo ich auf eine Hütte traf,

Ein leicht gezimmert hölzern Haus.

Drum ragten als ein Schirm und Zaun,

Als ein golden Gegitter anzuschaun,

Hochsäulig aufgereiht beisammen,

Sonnenblumen, zehn helle Flammen.


Das war ein dichterlicher Platz,

Wie nur am Wege hold versteckt

Ein Sonntagskind ihn einmal entdeckt.

Ein Wässerlein lief mit süßem Geschwatz

Durch eine schattige Wiese hin,

Sonst war die Stille hier Königin;

Ihr König, der Frieden, saß auf der Bank

Und putzte seine Krone blank.


So oft ich dem Häuschen vorübergeh,

Ein blau Gewand ich vor mir seh.

Geht nicht, steht nicht, schwebt vielmehr

In einiger Höhe vor mir her.

Schöne Gottesaugen schlagen

Sich nach mir auf mit freundlichem Fragen,

Und von der Schulter unserm Herrn

Nickt schwankend der goldne Blätterstern,

Die Sonnenblume, voll erblüht,

Von einem himmlischen Leuchten umglüht.


War nie diesen Blumen recht gut gewesen.

Schalt sie bäuerisch und gemein,

Kamen mir vor wie Küchenbesen,

Die gerne wollten Prinzessinnen sein.

Aber so läßt, was wir verachtet,

Ehs drüber getagt nur oder genachtet,

Oft plötzlich die schlichte Hülle sinken

Und uns seine heimliche Schönheit trinken.

Besonders Poeten kommen oft

Zu solchen Gnaden unverhofft.


Quelle:
Gustav Falke: Ausgewählte Gedichte. Hamburg 1908, S. 9-10.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

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