Gold, wenn ich's hätte

[54] Gold, wenn ich's hätte,

Das große Los!

Ob ich mir ein Reitpferd hielte?

Einen Viererzug?

Ob ich mir ein Rittergut kaufte?

Vielleicht gründete ich ein Asyl

Für verarmte Börsianer

Oder invalide Rennpferde,

Vielleicht kaufte ich Schopenhauers

Gesammelte Werke.

Ich thäte noch viel mehr,

Schöneres, Edleres:

Ich rauchte eine bessere Cigarre,

Und gäbe meiner Frau

Hundert Mark,

Tausend Mark Wochengeld.

Vielleicht auch hielt' ich eine zweite Frau,

Ein kleiner Pascha,

In jedem Stadtviertel eine.

Vor allem aber

Würde fromm ich, sehr fromm,

Und ließe für Sankt Marien

Ein Altarbild malen:

Christus,

Die Schächer zum Tempel hinausjagend.

Aber ein Realist sollt' es malen,

So einer mit großen, wahren Augen,[55]

Der die Dinge sieht, wie sie sind,

Ohne Heiligenschein.

Christus,

Mit dem heiligen Feuer des Zornes,

Verachtung im edlen Antlitz,

Das derbe Tau in der strafenden Hand,

Und vor ihm geduckt,

Zitternd, stolpernd, fluchend, greinend,

In Kaftan und Frack,

Schmierig außen und innen,

Oder nur innen,

Und außen parfümiert und geschniegelt,

Alle die edlen Seelen,

Die hundert Prozent nehmen;

Die Kaffeeschwindler mit scheinehrlichem Gesicht;

Die Buttermanscher mit den angesehenen Bäuchen;

Die Gotteswortfälscher

Mit den gleichfalls angesehenen Bäuchen,

Und noch viele andere.

Und einige Leute,

Die ich besonders hasse,

Die sollten mir ganz vorne abkonterfeit werden,

Ganz so ehrlich, tugendhaft,

Mit Pharisäerlächeln,

Wie ich täglich sie sehe.

Aber das Genie meines Realisten

Ereilte sie mit heiliger Vergeltung,

Und durch Farbe und Lack,

Durch Dünkel und Lächeln

Grinste ihr hohles Nichts,[56]

Deutlich,

Man könnte es mit Händen greifen.

Gold wenn ich's hätte,

Das große Los.

Kein Reitpferd, keine Maitresse.

Kein Asyl

Für Opfer unserer modernen Wirtschaftsordnung,

Freiheit, weite gold'ne Freiheit.

Fort! irgendwohin,

Nur fort!

In die Einsamkeit?

In die Haide?

Oder aufs Weltmeer hinaus

Auf wiegender Planke?

Oder durch die stille,

Herzüberschauernde Wüste

Auf stelzendem Kamel?

Freiheit. Welt. Nur fort.

O, der kleine lächelnde Jude,

Den ich neulich auf der Pferdebahn traf,

Wie ich ihn beneide,

Diesen kleinen schmunzelnden Israeliten,

Der Konstantinopel gesehen hatte,

Rossschweife, Harems, das goldne Horn,

Und andere Hörner.

Wie ward das Herz mir groß

Bei seinem Erzählen.

Und er war nur ein Kaufmann,

Reiste vielleicht

Mit wollenen Unterhosen,[57]

Patentierte Jäger,

Oder mit Wiener Schuhwaren,

Und ich, ich bin ein Dichter

Und würde mit meiner Muse reisen.

O, meine Muse.

Neulich noch schalt sie mich,

Dass ich sie versauern ließe,

Stubenhockerisch.

Sie hätte keine Lust,

Eine alte Hutzel zu werden.

Sie bedürfe Bewegung,

Luftveränderung,

Zerstreuung,

Nahrung.

Von Hamburger Rauchfleisch allein

Könnte sie nicht leben.


O, meine Muse,

Ich weiß,

Du bist schlecht daran,

Sehr schlecht.

Dir fehlt es am Nötigsten

Zu deiner Entwicklung,

Du wirst ewig

Bleichsüchtig bleiben

In der stickigen Stadtluft,

In der Misere

Des täglichen Lebens.

Glaube, das Herz thut mir weh darob,

Aber ich kann dir nicht helfen.[58]

Gold, wenn ich's hätte,

Das große Los.

Ja, wollt' ich dich halten.

Herrlich solltest du sein,

Eine Fürstin,

Getränkt mit dem Nektar der Freiheit,

Gespeist mit dem Brot der Freiheit,

Groß, heiter.

Wie es Göttern geziemt und Göttinnen,

Gingst du mit Siegesschritten, Tanzschritten,

Über Länder,

Über Meere,

Brächest Rosen

Aus dem glutflammenden Nordlicht

Und schöpftest Diamanten

Mit hohler Hand

Aus den flimmernden Feldern

Des Südpols.

Aus den Tiefen der Meere

Drängten sich jauchzend

Die Wunderwesen entgegen dir,

Tritonen und Nereiden,

Und lachend,

Dass es widerhallte durch alle Himmel

Neigten aus Sternenhöhen

Selige Scharen sich

Entgegen der Schwester.


O, meine Muse.

Ich bin nur ein armer,[59]

Stundenlaufender Klavierlehrer,

Verheiratet,

Ohne Vermögen,

Und bitter büße

Den Übermut ich,

Dass ich mir den Luxus gestatte,

Mir eine Muse zu halten,

Die ich nicht ernähren kann,

Nicht standesgemäß ernähren kann,

Wie es sich für Musen gehört.

Nun welkst du hin,

Blutarm,

Und kränkelst in Sehnsucht

Und Heimweh.


O, meine Muse,

Gold, wenn ich's hätte,

Das große Los.


Quelle:
Gustav Falke: Mynheer der Tod. Hamburg 1900, S. 54-60.
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