Achtes Kapitel.

[274] Fernere Fortsetzung.


Der Herr, welcher jetzt hereintrat, war niemand anders als der Junker Western. Kaum ward er Herrn Alwerth ansichtig, als er, ohne die geringste Rücksicht auf Madame Waters' Gegenwart zu nehmen, auf folgende Weise herausbelferte: »'S'is 'ne rare Wirtschaft in mein'm Haus'! 'Ne charmante Katzenjagd ist's, der 'ch endlich auf die Spur kommen bin! Wer Satan wollt mit 'ner Tochter geplagt sein!« – »Was gibt's denn, Herr Nachbar?« sagte Alwerth. – »Was 's gibt? Gnug und satt und überlei!« antwortete Western. »Da dacht 'ch eb'n 's wär' all's weis' und wohl; ja sie hatt's so zu sag'n versprochen, sie wollt' thun, was 'ch hab'n wollt'; und wenn 'ch hoffte, 'ch hätt' weiter nichts zu thun, als zum Notarius schicken, und 'n Ehzärter aufsetzen, und damit Holla! Ja, was mein'n Sie, was sich ausg'funden hat? Daß die kleine Katze all' die ganze Weil' hindurch mir eitel Hok's Pok's vorgemacht hat, und immerweg Brief gewechselt, mit Ihrem vermaledeiten[274] Bankert da! Ma soeur Western, mit der 'ch mich über ihr gekrettelt hab', läßt mir's zu wissen thun, und 'ch gab Ordre, daß s' ihr die Taschen visentieren mußten, als sie lag und schlief, und da hab' ich's gekriegt, unterschrieben mit des Hurkinds eignen Namen! Ich ha' nicht d' Geduld gehabt, den Wischiwaschi halb zu lesen, denn 's länger als des Pfaffen Schickelmanns Predigten. Aberst das seh' ich ganz klar, 's geht all's auf Löffellei hinaus; und was sollt's auch sonst wohl sein? Ich hab' s'e wieder auf die Kammer gepackt, und morgen, sobald der Tag grauet, fort mit ihr, aufs Land! wenn sie sich nicht gleich will trauen lass'n; und dar soll sie leben bei Brod und Wasser, und nichts vor helfen; und je eh'r ein'r solchen Karnalje 's Herz platzt, je besser; 's ist nur der Teufel, daß 's viel zu zäh ist, glaub' ich. 'S wird noch lang gnug leb'n, mich ze plagen.« – »Herr Nachbar Western,« sagte Alwerth. »Sie wissen, ich habe immer dawider gesprochen, wenn von Gewalt die Rede gewesen ist, und Sie haben auch selbst Ihre Einwilligung gegeben, daß kein Zwang mehr gebraucht werden sollte.« – »Ei! ja wohl!« schrie er, »daß s'e gehorchen sollt' ohn' Zwang. Daß Dich alle Fierks und Doktor Faustens! soll ich nicht thun mit mein's Tochter, was ich will, wenn 'ch noch d'rzu nichts verlang', als ihr eigen bestes?« – »Wohl, Herr Nachbar,« sagte Alwerth, »wenn Sie es mir erlauben, so will ich es noch einmal über mich nehmen, mit dem lieben Fräulein ein vernünftiges Wort zu sprechen.« – »Wollen's?« fragte Western. »Nun sehn Sie, das is freundnachbarlich! Und wer weiß? richten Sie wohl mehr aus, als ich hab' thun könn'n bei ihr; denn, daß Sie's nur wissen, sie hält verteufelt große Stücke auf Sie!« – »Gut! gut! lieber Herr Nachbar,« sagte Alwerth; »wenn Sie nur hingehn wollen, und das Fräulein aus ihrer Gefangenschaft frei lassen, so will ich ihr in einer halben Stunde meine Aufwartung machen.« – »Ja! aber,« sagte Western, »was denn, wenn s' unter der Zeit mit'n d'rvon läuft? denn der Linksmacher Dowling sagt mir ja, daß keine Hoffnung mehr ist, daß den Kerl der Scharfrichter noch kriegt, weil der andre Mann noch lebt, und wieder besser werd'n will; und daß 'er meint, der Jon's wird all' Augenblick wieder loskommen.« – »Wie das?« sagte Alwerth, »haben Sie sich sein etwa bedient, um sich nach der Sache zu erkundigen, oder dabei sonst etwas zu thun?«

»Das hab' ich wohl bleiben lass'n!« antwortete Western. »Er sagt' mir's eb'n, eh' ich herging, aus frei'n Stücken.« – »Eben erst?« rief Alwerth; »wo sahen Sie ihn denn? Ich hätte Herrn Dowling notwendig zu sprechen.« – »Je nu! Sie könn'n gleich sprechen in mein'n Haus; denn da kommt 'n ganz Schlag Afkaten zusammen diesen Morgen übern' Hipetheke. Der ehrliche Karnalje von Nachtigall! Ich wollt', daß 'n der Satan 's Licht hielt! der wird mich, glaub ich, noch um 'n zwei oder drei tausend Pfund herum helfen!« »Nun dann,« sagte Alwerth, »ich will bei Ihnen sein, eh' eine halbe Stunde vergeht.« – »Und lass'n Sie sich 'nmal,« schrie der Junker, »von 'n Narr'n ein'n Rat geben, und lass'n das ewge in Güt' und Lindigkeit Versuchen beiseit'; denn[275] 's thut 's nicht! glaub'n S' mir auf mein Wort; ich hab's schon lang gnug versucht. Verblüfft muß sie werden, sonst geht's nicht, sag' ich. Sag'n S' ihr, daß 'ch ihr Vater bin, und von der grausamen Sünd' des Ungehorsams, und von der gräßlichen Straf' in der Hölle, und dann, sag'n Sie 'r so was von Einschließen in dieser Welt, und bei Wasser und trocknem Brod in 'm finstern Kämmerchen, ha!« – »Ich will alles thun, was ich kann,« sagte Alwerth, »denn ich versichre Sie, ich wüßte nichts, was ich mehr wünschte, als mit diesem liebenswürdigen Geschöpfe verwandt zu werden.« – »Je nun! was das anbelangt,« rief der Junker, »gut genug ist das Mädchen nun dazu wohl; ein Mensch könnt' wohl weiter gehn, und 's wohl schlimmer treff'n; so viel darf 'ch wohl von 'r sagen, obschon sie mein' eigen' Tochter ist. Und wenn sie mir nur fein gehorsam ist, so ist kein Vater uf hundert Meilwe'gs in die Runde, der 'ne Tochter lieber hab'n kann, als ich thue! Aberst, ich seh', Sie hab'n was zu thun mit den Frau'ensen hier, und so will 'ch nur nach Haus' gehn, und auf Sie warten; und somit Gott befohl'n.«

Sobald als Herr Western fort war, sagte Madame Waters: »Ich sehe, der Herr von Western erinnert sich ganz und gar meines Gesichts nicht mehr. Ich glaube, Herr von Alwerth, Sie würden mich ebensowenig wieder gekannt haben. Ich bin gar merklich verändert, seit dem Tage, da Sie mir den gütigen Rat gaben, welcher mich glücklich gemacht haben würde, wenn ich ihn befolgt hätte.« – »In der That, Madame,« versetzte Alwerth, »es that mir sehr leid, als ich zuerst das Gegenteil erfuhr.« – »Wirklich, Herr von Alwerth,« sagte sie, »ward ich durch sehr tief angelegte boshafte Pläne zu Fall gebracht, die, wenn Sie sie wüßten (ob ich gleich eben nicht so weit gehen will, zu denken, es würde mich in Ihrer Meinung ganz rechtfertigen), wenigstens meine Vergehungen mildern, und Sie dahin bringen würden, mich zu bedauern. Sie haben jetzt nicht die Zeit, meine ganze Geschichte zu hören; dieß aber versichre ich Sie, daß ich durch die feierlichsten Ehversprechungen überlistet ward; ja, in den Augen des Himmels war ich mit ihm verheiratet; denn, nachdem ich viel über diese Sache gelesen hade, bin ich überzeugt worden, daß gewisse Zeremonien nur dazu erfordert werden, um der Ehe eine gesetzliche Sanktion zu geben, und nur den weltlichen Nutzen haben, einer Weibsperson die Privilegien einer Ehefrau zuzusichern; daß aber eine Person, welche nach einer feierlichen, obgleich geheimen Zusage, beständig mit einem Manne lebt, die Welt mag sie nun nennen, wie sie will, in ihrem Gewissen darüber nicht viel zu verantworten hat.« – »Es thut mir leid, Madame,« sagte Alwerth, »daß Sie einen so üblen Gebrauch von Ihrer Gelehrsamkeit machen; Es wäre wirklich besser gewesen, wenn Sie entweder weit tiefer studiert hätten, oder in einem Stande der völligen Unwissenheit geblieben wären. Und dennoch, Madame, besorge ich, daß Sie mehr als diese Sünde zu verantworten haben.« – »So lange er lebte,« antwortete sie, »welches über ein Dutzend Jahre dauerte, kann ich[276] Sie aufs feierlichste versichern, hatte ich dergleichen nicht, und ich bitte Sie, teuerster Herr von Alwerth; lassen Sie mir den Gedanken zu statten kommen: Steht es in der Macht eines Frauenzimmers, das seinen guten Namen verloren hat und von allen Hilfsmitteln entblößt ist, ob die gutherzige Welt ein solches verirrtes Schaf wieder auf den Weg der Tugend gehen lassen will, wenn sie auch selbst es noch so herzlich wünscht? Ich beteure es Ihnen, ich würde diesen Weg gewählt haben, wenn es in meinem Vermögen gestanden hätte. Aber die Not trieb mich in die Arme des Kapitän Waters, mit dem ich, obgleich ebenfalls ungetraut, manche Jahre als Ehefrau lebte, und auch seinen Namen führte. Mit diesem Kapitän ging ich auf seinem Marsch gegen die Rebellen mit bis nach Worcester: und hier war es, wo ich zufälligerweise mit Herrn Jones bekannt wurde, der mich aus den Händen eines Bösewichts erlöste. In der That, er ist der würdigste Mensch! Kein junger Herr seines Alters ist, glaube ich, freier von Lastern, und wenige haben nur den zwanzigsten Teil seiner Tugenden; ja, was er auch für Schwachheiten begangen haben mag, so bin ich doch fest überzeugt, er hat jetzt den Entschluß gefaßt, sie abzulegen.«

»Ich hoffe, daß er den Entschluß gefaßt hat,« sagte Alwerth, »und hoffe, daß er ihm getreu bleiben werde. Ich muß auch sagen, daß ich noch eben dieselbe Hoffnung in Ansehung Ihrer selbst hege. Die Welt, ich geb' es Ihnen zu, ist bei solchen Gelegenheiten freilich fast zu hartherzig; aber Zeit und Beständigkeit können diese ihre Abneigung vom Mitleiden, wie ich es nennen möchte, überwinden; denn ob sie gleich nicht, wie der Himmel, die Hände nach einem bußfertigen Sünder ausstreckt, so erhält doch am Ende eine beharrliche Reue selbst von der Welt Vergebung. Davon wenigstens können Sie sich versichert halten, Madame Waters, daß, wofern ich finde, daß Ihnen Ihr guter Vorsatz ein wahrer Ernst sei, es Ihnen an keinem Beistande fehlen soll, der nur in meinem Vermögen steht, um solchen wirklich ins Werk zu setzen.«

Hier fiel Madame Waters vor ihm auf ihre Kniee und sagte ihm, unter einer Thränenflut, den gerührtesten Dank für seine Güte, welche, wie sie richtig anmerkte, mehr der himmlischen, als der menschlichen Natur angemessen wäre.

Alwerth hob sie auf und sprach ihr zu, auf die mildeste Weise, indem er sich solcher Ausdrücke bediente, die ihm nur sein liebreiches Herz an die Hand geben konnte, um sie zu trösten, als er darin durch die Ankunft des Herrn Dowling unterbrochen wurde, der, als er bei seinem Hereintritt Madame Waters sah, stutzte und in einige Verwirrung zu geraten schien. Er faßte sich indessen wieder so bald und so gut er konnte, und sagte dann, er habe die höchste Eile, um sich bei einer juristischen Konsultation in Herrn Westerns Hause einzufinden; indessen habe er es doch für seine Pflicht gehalten, beim Herrn von Alwerth vorzusprechen und ihn von der Meinung der Rechtsgelehrten über den Rechtsfall zu benachrichtigen, den er ihm vorhin vorgelegt hätte, daß die Erstattung des Geldes in diesem Falle zwar nicht in Zweifel gezogen werden könnte, daß[277] sich aber der Beklagte mit der Einwendung verteidigen könnte, er habe es gefunden, und wenn hernach vor Gericht bewiesen werden könnte, daß das Geld dem Kläger gehöre, so würde allerdings ein Urteil für den Kläger gefunden werden.

Alwerth, ohne hierauf ein Wort zu antworten, schloß die Thüre ab, ging dann mit einem drohenden Blicke auf Dowling zu und sagte: »Sie mögen so eilig sein, Herr, wie Sie wollen, so müssen Sie mir erst ein paar Fragen beantworten. Kennen Sie hier dies Frauenzimmer?« – »Dies Frauenzimmer! Herr von Alwerth?« antwortete Dowling mit großer Verlegenheit. Hierauf sagte Alwerth mit sehr feierlicher Stimme zu ihm: »Sehen Sie, Herr Dowling, wofern Ihnen an meiner Gewogenheit oder auch nur daran gelegen ist, einen Augenblick länger in meinem Dienst zu bleiben, so antworten Sie mir geradezu und ohne Umschweif; ich sag' es noch einmal, antworten Sie mir grade und wahr auf jede Frage, die ich Ihnen vorlege: – Kennen Sie hier dies Frauenzimmer?« – »Ja, Herr!« sagte Dowling. »Ich habe die Dame gesehen.« – »Wo, Herr?« – »In ihrer Wohnung.« – »Was hatten Sie bei ihr zu verrichten, Herr, und wer sandte Sie hin?« – »Ich ging hin, mich nach des Herrn Jones Sachen zu erkundigen.« – »Und wer sandte Sie hin, sich darnach zu erkundigen?« – »Wer? Herr Alwerth? Nun! Herr, Ihr Herr Neffe sandte mich hin.« – »Und was sagten Sie zu dieser Dame in bezug auf jene Sache?« – »Ja nun, Herr von Alwerth! Es ist unmöglich, sich genau auf jedes Wort zu besinnen.« – »Wollten Sie wohl die Gewogenheit haben, Madame, dem Gedächtnisse dieses Herrn zu Hilfe zu kommen?« – »Er sagte mir, Herr von Alwerth«, antwortete Madame Waters, »daß, wenn Herr Jones meinen Ehemann erstochen hätte, man mir mit allem benötigten Gelde beistehn wollte, um ihn gerichtlich zu verfolgen; und zwar wäre ein sehr würdiger Herr hierzu erbötig, der sehr wohl wüßte, mit was für einem schändlichen Bösewicht ich es zu thun habe. Dies waren, ich kann es mit gutem Gewissen beschwören, die eigentlichen Worte, die er zu mir sagte.« – »Waren dies Ihre Worte, Herr?« fragte Alwerth. – »Ich kann mich nicht so genau auf mein Gedächtnis verlassen«, antwortete Dowling; »aber ich glaube, daß ich so ungefähr dergleichen gesagt habe.« – »Und gab Ihnen mein Neffe Blifil Ordre, dies zu sagen?« – »O, gewiß, Herr von Alwerth! Aus meinem eignen Antrieb würd' ich nicht hingegangen sein; und wissentlich würd' ich auch meinen gemessenen Auftrag in solchen Dingen nicht überschreiten. Wenn ich so gesagt habe, so muß ich auch Herrn Blifils Instruktion so verstanden haben.« – »Nun sehen Sie, Herr Dowling«, sagte Alwerth, »ich verspreche Ihnen hier in Gegenwart dieses Frauenzimmers, daß ich Ihnen das, was Sie in dieser Sache auf Blifils Ordre gethan haben, verzeihen will; aber nur auf die Bedingung, daß Sie mir jetzt die reine Wahrheit sagen. Denn ich glaube Ihnen insofern, daß Sie in dieser Sache nicht aus eignem Antrieb und ohne ordentlichen Auftrag gehandelt haben würden. – Mein Neffe Blifil schickte Sie also auch, die beiden Werber in Aldersgate zu examinieren?« – »So that er, mein[278] Herr.« – »Wohl! und was für Instruktion gab er Ihnen dann? besinnen Sie sich so gut Sie können, und sagen mir so genau als möglich die eigentlichen Worte, deren er sich bediente.« – »Ja, nun! Herr Blifil sandte mich hin, die Leute ausfindig zu machen, welche von diesem Zweikampfe Augenzeugen gewesen wären. Er sagte, er fürchte, sie möchten vom Herrn Jones, oder von seinen Freunden bestochen werden. Er sagte, Blut verlange Blut; und daß nicht allein alle diejenigen, welche irgend etwas unterließen, was in ihrem Vermögen stünde, einen Mörder zur Strafe zu ziehen, sich seiner Blutschuld mit teilhaftig machten. Er sagte, er fände, Sie selbst wünschten sehr, daß der Bösewicht seine Strafe bekäme, ob es gleich nicht schicklich wäre, daß es davon den Anschein hätte!« – »Das sagte er?« rief Alwerth. – »Ja Herr, das that er!« erwiderte Dowling. »Ich wäre gewiß keinem Menschen zu gefallen in dieser Sache auch soweit gegangen; das glauben Sie mir, wenn es nicht aus Achtung für Sie selbst gewesen wäre.« – »Wie weit gingen Sie, Herr«, sagte Alwerth. – »Nun, Herr«, antwortete Dowling, »ich bitte, daß Eure Gnaden nicht glauben mögen, ich wäre der Mann, der aus irgend einiger Rücksicht schuld an einer Bestechung oder einem Meineide sein möchte! Aber es gibt zweierlei Art und Wege, ein Zeugnis abzulegen. Ich sagte den Leuten also, daß wofern ihnen ein Anerbieten von der andern Seite geschehen sollte, so möchten sie es nicht annehmen und könnten sie sich sicher drauf verlassen, daß sie nichts dabei verlieren sollten, wenn sie ehrliche Kerle wären und die Wahrheit sagten. Ich sagte ihnen ferner, wir hätten er fahren, daß Herr Jones den andern Herrn zuerst überfallen hätte, und wenn das die Wahrheit wäre, so sollten sie es bezeugen; und dabei ließ ich ihnen merken, daß es ihr Schade nicht sein sollte.« – »Ich sehe freilich, daß Sie sehr weit gegangen sind, wahrhaftig«, rief Alwerth. – »Ja nun, Herr!« antwortete Dowling, »ich habe doch gewiß von den Kerln nicht verlangt, daß sie ein falsches Zeugnis ablegen sollten, und ich hätte auch gewiß nicht gesagt, was ich gesagt habe, wär' es nicht aus Gefälligkeit gegen Sie geschehn.« – »Sie würden nicht gedacht haben, glaube ich«, sagte Alwerth, »mir eine Gefälligkeit zu erzeigen, wenn Sie gewußt hätten, daß dieser Herr Jones mein eigener Neffe sei.« – »Ich weiß wohl, Herr von Alwerth,« antwortete er, »daß es sich für mich nicht schickte, zu thun, als ob ich etwas wüßte, das Sie nach meiner Meinung gern geheim halten wollten.« – »Wie so?« schrie Alwerth; »Sie wußten das also?« – »Je nun, Herr!« antwortete Dowling, »weil Euer Gnaden mir befehlen, die reine Wahrheit zu sagen, so muß ich's ja thun. – Allerdings Herr, wußt ich's; denn es waren fast die letzten Worte, welche Madame Blifil in ihrem Leben sprach, die sie zu mir sagte, als ich allein an ihrem Sterbebette stand, als sie mir den Brief übergab, den ich Euer Gnaden von ihr überbrachte.« – »Was für einen Brief?« rief Alwerth. – »Je, der Brief,« antwortete Dowling, »welchen ich von Salisbury überbrachte, und welchen ich dem Herrn Blifil in die Hände gab.« – »Um Gotteswillen!« rief Alwerth. »Gut! Aber, wie lauteten die Worte?[279] Was war's, das meine Schwester zu Ihnen sagte?« – »Sie faßte mich bei der Hand,« antwortete er, »und sagte dabei, indem sie mir den Brief gab: ›Ich weiß kaum was ich geschrieben habe. Sagen Sie meinem Bruder, daß Tom Jones sein Neffe ist. Er ist mein Sohn, Gott möge ihn segnen!‹ – sagte sie, und darauf fiel sie zurück, als ob sie in dem Augenblick sterben sollte. Ich rief alsobald Leute herbei, und sie sprach weiter kein Wort mit mir; denn wenige Minuten drauf starb sie.« – Alwerth stand eine Minute stumm mit gen Himmel gerichteten Augen – und dann wendete er sich gegen Dowling und sagte: »Wie kamen Sie dazu, Herr, daß Sie mir diese Botschaft nicht ausrichteten?« – »Eure Gnaden werden sich erinnern,« antwortete er, »daß Sie damals bettlägrig waren; und da ich in großer Hast war, wie ich wirklich immer bin, so vertraute ich den Brief und die Botschaft an Herrn Blifil, welcher mir sagte, er würde beides an Sie bestellen, und nachmals hat er mir auch gesagt, daß er's gethan habe, und Euer Gnaden wollten teils aus Freundschaft für Herrn Jones, und teils aus Schonung für die Ehre Ihrer Schwester, gar nichts davon gesprochen wissen, sondern wollten es vor der Welt verborgen halten; und deswegen, wenn Euer Gnaden es nicht zuerst gesagt hätten, so hätt' ich gewiß in meinem Leben nicht gedacht, daß es für mich schicklich wäre, weder gegen Euer Gnaden, noch sonst jemand das geringste Wort von der Sache zu erwähnen.«

Wir haben bereits irgendwo die Bemerkung gemacht, wie es einem Manne möglich sei, eine Lüge durch Worte der Wahrheit zu verstehen zu geben. Dies war hier gegenwärtig der Fall: denn Blifil hatte in der That dem Dowling so gesagt, wie er's jetzt erzählte; er hatte ihm aber nicht weiß gemacht, oder auch nur geglaubt, daß er fähig sei, ihm etwas weiß zu machen. Der Wahrheit nach waren die Versprechungen, welche Blifil dem Dowling gemacht hatte, die Beweggründe, welche ihn zum Stillschweigen vermochten; und da er jetzt deutlich sah, daß das Geheimnis dennoch herauskommen würde, so hielt er für ratsam, diese Beichte abzulegen, welche ihm Alwerths Versprechen der Verzeihung, zusammengenommen mit dessen Drohungen, Stimme, Blicken und Entdeckungen, die er bereits gemacht hatte, abnötigten; da er noch dazu unvermutet überrascht wurde, und keine Zeit hatte auf Ausflüchte zu sinnen.

Alwerth schien dieser Erzählung Glauben beizumessen; und, nachdem er dem Dowling über das Vorgefallene das genaueste Stillschweigen auferlegt hatte, begleitete er den Herrn Anwalt selbst bis an die Thüre, damit er keine Gelegenheit hätte, mit Blifil zu sprechen, welcher wieder hinaufgegangen war nach seinem Zimmer, und sich daselbst mit dem Gedanken an die letzte Nase, die er seinem Onkel gedreht hatte, ergötzte, und sich gar nicht träumen ließ, was in dem Stockwerk unter ihm seitdem vorging.

Als Herr Alwerth wieder nach seinem Zimmer hinaufgehn wollte, fand er Madame Miller unten an der Treppe, welche mit einem blassen Gesicht voller Schrecken zu ihm sagte: »O liebster Herr Alwerth, ich sehe dies gottlose Weibsbild ist bei Ihnen gewesen,[280] und Sie wissen nun alles. Aber ich bitte, verlassen Sie doch deswegen den armen jungen Menschen nicht! Bedenken Sie doch, liebster Herr, er wußte ja nicht, daß es seine eigne Mutter war! Und diese Entdeckung allein schon wird ihm höchst wahrscheinlicherweise das Herz brechen, ohne daß Ihr Zorn dazu kommen darf.« – »Madame,« sagte Alwerth, »ich bin über das, was ich gehört habe, noch dermaßen erstaunt, daß ich wirklich unfähig bin, Ihnen etwas Befriedigendes zu sagen. Aber kommen Sie mit mir auf mein Zimmer! In der That, Madame Miller, ich habe wunderbare Entdeckungen gemacht, und Sie sollen sie bald erfahren.«

Die arme Frau folgte ihm zitternd nach. Und jetzt ging Herr Alwerth zu Madame Waters, nahm sie bei der Hand, wendete sich darauf gegen Madame Miller und sagte: »Was für Dank soll ich diesem guten Frauenzimmer für den Dienst abstatten, den sie mir erwiesen hat! O, Madame Miller, Sie haben mich wohl tausendmal den jungen Mann, dessen so getreue Freundin Sie sind, meinen Sohn nennen hören. Wie wenig dachte ich dazumal, daß er mir wirklich nur einigermaßen verwandt sei – Ihr Freund, Madame, ist mein Neffe. Er ist ein Bruder von der boshaften Schlange, welche ich so lange in meinem Busen genährt habe. – Sie wird Ihnen selbst die ganze Geschichte erzählen, und zugleich, wie es zugegangen, daß der Jüngling für ihren Sohn gehalten worden. In der That, Madame Miller, ich bin überzeugt, daß ihm Unrecht geschehen ist, und daß ich betrogen worden bin; betrogen von einem, den Sie mit Recht in Verdacht hatten, daß er ein Bösewicht wäre. Er ist in der That der ärgste von allen Bösewichtern.«

Die Freude, welche Madame Miller jetzt empfand, benahm ihr das Vermögen zu sprechen und möchte ihr vielleicht die Sinne, wo nicht das Leben selbst geraubt haben, hätte sich nicht ein freundschaftlicher Thränenguß zu rechter Zeit zu ihrer Erleichterung eingestellt. Endlich kam sie insoweit von ihrem Entzücken wieder zu sich selbst, daß sie reden konnte, da sie dann sagte: »So ist mein teurer Jones wirklich Ihr Neffe, und nicht der Sohn dieser Dame? Und sind Ihnen endlich die Augen aufgegangen über ihn? Und soll ich's wirklich erleben, ihn so glücklich zu sehn, als er's verdient?« – »Mein Neffe ist er gewiß,« sagte Alwerth, »und alles das übrige hoff' ich.« – »Und ist dies die teure, liebe Dame, die Person,« schrie sie, »die diese Entdeckung ans Licht gebracht hat?« – »Sie ist es allerdings,« sagte Alwerth. – »O so,« rief Madame Miller knieend, »überschütte sie, gütigster Himmel, überschütte sie mit deinem besten Segen, und dieser einer guten That wegen vergib ihr alle ihre Sünden, und wären ihrer auch wie Sand am Meer!«

Madame Waters sagte ihnen hierauf, wie sie glaube, daß Herr Jones ganz in kurzem aus dem Gefängnis werde entlassen werden; weil der Wundarzt mit einem Zeugen, der von hohem Adel, zu der obrigkeitlichen Person gegangen wäre, die ihn hatte setzen lassen, um anzuzeigen, daß Herr Fitz Patrick außer aller Gefahr sei, und also dem Gefangenen die Freiheit zu erteilen sei.

Alwerth sagte, es sollte ihn freuen, wenn er seinen Neffen vorfände,[281] wenn er wieder heimkäme; daß er aber genötigt sei, wichtiger Geschäfte halber auszugehn. Er rief darauf einen Bedienten, der ihm eine Sänfte herbeischaffen mußte, und ließ bald darauf die beiden Frauenzimmer beieinander allein.

Als Blifil hörte, daß eine Sänfte geholt würde, kam er herunter, um seinem Oheim die Aufwartung zu machen; denn an dergleichen Pflichtsbezeigungen ließ er's nie ermangeln. Er fragte seinen Onkel, ob er sich austragen lassen wolle? Welches einen Mann auf eine höfliche Art fragen heißt, wo er hingehe? Als der andre hierauf keine Antwort gab, wünschte er ferner zu erfahren, wann es ihm gefällig sein würde, wieder zu Hause zu kommen? – Alwerth antwortete auch hierauf nicht eher, als eben beim Einsitzen, da er sich umguckte und zu ihm sagte: »Höre, junger Herr! Bis ich wieder komme, suche den Brief auf, den mir deine Mutter auf ihrem Sterbebette geschrieben hat!« Hierauf gingen die Träger mit Herrn Alwerth fort und Blifil blieb in einer Stellung und Fassung, die nur ein Mensch beneiden kann, der eben zum Richtplatz geführt wird.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 274-282.
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