Elftes Kapitel.

[294] Die Geschichte naht sich immer mehr dem Schlusse.


Als Herr Western weggegangen war, begann Jones, Herrn Alwerth und Madame Miller zu berichten, wie seine Freiheit durch zwei Herrn vom hohen Adel bewirkt worden sei, die mit einander, nebst zwei Wundärzten und einem Freunde von Herrn Nachtigall, zu der Magistratsperson gegangen wären, die ihn hatte setzen lassen, und die ihn, auf die eidliche Aussage der Wundärzte, daß der Verwundete in keiner Art von Gefahr sei, wieder losgegeben hatte.

Nur einen von diesen Vornehmen von Adel, sagte er, habe er vorher gesehn, und zwar nur ein einziges Mal; der andre aber habe ihn in große Verwunderung gesetzt, da er ihn wegen einer ihm zugefügten Beleidigung um Vergebung gebeten, die bloß dadurch, nach seiner Versicherung, veranlaßt worden, daß ihm völlig unwissend gewesen, wer er wäre.

Nun war die eigentliche Beschaffenheit dieses Umstandes, wie Jones erst spät nachher erfuhr, diese: Der Leutnant, den der Graf Liebegrimm gebraucht hatte, um Herrn Jones, auf Anraten der Frau von Bellaston, als einen gewerblosen Landstreicher zum Seedienst wegnehmen zu lassen, sprach, als er dem Grafen von dem bekannten Vorgange Bericht erstattete, sehr vorteilhaft von Jones' durchgängigem Betragen, und versicherte diesem Herrn aufs nachdrücklichste, es müsse ein Irrtum in der Person vorgegangen sein; denn Jones wäre gewiß ein Mann von feiner Erziehung, dergestalt, daß der Graf, welcher ein Mann war, der stark auf Ehre hielt, und sich auf keine Weise eine Handlung zu schulden kommen lassen wollte, die die Welt im allgemeinen verdammt haben würde, über den Rat, den er befolgt hatte, sehr betroffen zu werden anfing.

Ungefähr ein paar Tage nachher traf sich's, daß dieser Graf mit dem irländischen Peer zum Mittagessen war, welcher, in einem Gespräche über das Duell, der Gesellschaft den Charakter des Herrn Fitz Patrick beschrieb, dem er nun freilich wohl nicht die strengste Gerechtigkeit widerfahren ließ, in Rücksicht auf seine Gemahlin besonders. Denn er sagte, sie wäre die unschuldigste und am ärgsten gemißhandelte Frau auf der Welt, und er habe sich bloß aus Mitleiden ihrer angenommen. Er sagte darauf, er sei willens, des nächsten Morgens nach Herrn Fitz Patricks Wohnung zu gehen, um ihn, wo möglich, dahin zu bereden, in eine Scheidung von seiner Frau zu willigen, die, wie der Peer sagte, für ihr Leben besorgt sein müßte, wenn sie jemals wieder unter die Gewalt ihres Ehemanns geriete. Der Graf Liebegrimm nahm mit ihm Abrede, ihn zu begleiten, um sich von dem, was den Herrn Jones und die Umstände des Zweikampfs beträfe, noch gewisser zu überzeugen; denn er war über die Rolle, die er gespielt hatte, nichts weniger als[294] ruhig. Den Augenblick, da sich der Graf merken ließ, daß er bereitwillig sei, ihm in der Befreiung der Dame beizustehn, nahm der irländische Reichsgraf das Anerbieten mit beiden Händen an, weil er ein großes Vertrauen auf Liebegrimms Ansehn setzte, und meinte, es würde ein Großes beitragen, daß Fitz Patrick aus Ehrerbietung nachgeben müßte. Und vielleicht hatte er nicht Unrecht: denn der arme Irländer sah nicht so bald, daß zwei Herrn vom ersten Adel sich der Sache seiner Ehefrau unterzogen hätten, als er sich unterwarf und die Artikel der Scheidung von beiden Seiten aufgesetzt und unterzeichnet wurden.

Fitz Patrick, entweder weil er durch Madame Waters völlig von der Unschuld seiner Frau, in Absicht auf Jones zu Upton, zufrieden gestellt war, oder, vielleicht aus einer andern Ursache, war über diese Sache so gleichgültig geworden, daß er gegen den Grafen Liebegrimm sehr vieles zum Vorteil des Herrn Jones sagte, alle Schuld auf sich selbst nahm, und versicherte, der andre habe sich völlig so benommen, wie es einem Kavalier und Manne von Ehre gezieme und gebühre; und auf des Grafen weiteres Fragen nach Herrn Jones' Umständen sagte ihm Fitz Patrick, er wäre der Neffe eines Herrn von sehr vornehmem Stande, und von sehr großem Vermögen, denn dies war die Nach richt, die er kurz vorher von Madame Waters, nach ihrer Unterredung mit Dowling, erhalten hatte.

Der Graf Liebegrimm dachte nunmehr, es gezieme ihm, alles zu thun, was in seinem Vermögen stünde, um einem Edelmann Genugthuung zu geben, den er so gröblich beleidigt hatte; und ohne alle Rücksicht auf Nebenbuhlerschaft (denn er hatte nunmehr schon alle Gedanken an Sophie aufgegeben,) nahm er sich vor, Herrn Jones die Freiheit zu verschaffen, da er von Herrn Fitz Patrick sowohl als von dem Wundarzte die Versicherung erhalten hatte, daß die Wunde nicht tötlich sei. Er beredete also den irländischen Peer, ihn nach dem Orte zu begleiten, wo Jones gefangen saß, woselbst er sich denn so betrug, wie wir bereits erzählt haben.

Nachdem Alwerth wieder nach Hause gekommen war, nahm er unsern Jones geradesweges mit sich auf sein Zimmer, und unterrichtete ihn von allem, sowohl was er von Madame Waters vernommen, als was er durch den Herrn Dowling entdeckt hatte.

Jones bezeigte hierüber sein großes Erstaunen und nicht geringeres Bedauern, ohne jedoch die mindeste Bemerkung darüber zu machen. Und nunmehr ward eine Botschaft von Blifil gebracht, mit der Bitte, zu vernehmen, ob sein Onkel Zeit habe und er ihm aufwarten dürfe. Alwerth stutzte und ward blaß, und befahl dann dem Bedienten, mit einem zornigern Tone, als womit er, wie ich glaube, in seinem Leben vorher etwas befohlen hatte, er solle Blifil sagen, er kenne ihn nicht. – »Bedenken Sie, liebster Onkel!« sagte Jones mit zitternder Stimme. – »Ich habe bedacht!« antwortete Alwerth; »und du selbst sollst dem Bösewicht meine Entschließung überbringen. Niemand kann besser dazu gewählt werden, ihm das Urteil seines eignen Verderbens anzukündigen, als der Mann, an[295] dessen Untergange er mit so höllischer Bosheit gearbeitet hat.« – »Verzeihn Sie mir, mein teuerster Onkel,« sagte Jones; »ein Augenblick Ueberlegung wird Sie, ich weiß es gewiß, vom Gegenteile überführen. Dasjenige, was von einer andern Zunge vielleicht eine Gerechtigkeit wäre, würde von der meinigen hämische Bitterkeit, und gegen wen? – gegen meinen eignen Bruder, Ihren Neffen. – Auch hat er mich nicht so barbarisch behandelt. – In der That, dies würde weniger zu entschuldigen sein, als alles, was er an mir gethan hat. Begierde nach Reichtum mag Menschen von schlechten Gesinnungen in Versuchung führen können, ungerecht zu handeln; aber hämische Schadenfreude entsteht bloß aus einem schwarzen tückischen Gemüte, und hat keine Versuchung zur Entschuldigung anzuführen. – Lassen Sie mich bitten, liebster Onkel, daß Sie in der jetzigen Wallung Ihres Zorns nichts gegen ihn vornehmen wollen. Bedenken Sie, bester, teuerster Onkel, ich ward ja auch nicht ungehört verdammt.« Alwerth stund einen Augenblick und schwieg; und dann fiel er Jones um den Hals, wobei ihm die Thränen aus den Augen stürzten: »O mein Sohn, mein Sohn! Gegen was für ein Herz bin ich so lange blind gewesen!«

Nach einem leisen Anpochen, welches nicht gehört worden, trat Madame Miller in eben diesem Augenblicke ins Zimmer, und wie sie Jones in den Armen seines Onkels sah, fiel die brave Frau in ihren Freudenkrämpfen auf die Kniee und brach aus in Worten der höchsten Erhebung der Seele für das, was geschehen, dem Himmel Dank zu opfern. – Dann lief sie nach Jones hin, umarmte ihn mit herzlichster Inbrunst, und sagte mit Thränen der Wonne: »Mein teuerster Freund, ich wünsche Ihnen tausend, tausend Glück zu diesem so seligen Tage!« Und hiernächst erhielt auch Herr Alwerth eben die Glückwünsche, auf welche er antwortete: »Wirklich, wirklich, Madame Miller, ich bin unaussprechlich glücklich!« Nachdem noch einige dergleichen Entzückungen mehr von allen Seiten vorgefallen waren, bat Madame Miller beide, sie möchten mit ins Besuchzimmer herunter kommen und zu Mittag bei ihr essen, weil daselbst, wie sie sagte, eine kleine Anzahl froher Menschen versammelt wären, welches in der That keine andern waren, als Nachtigall mit seiner jungen Ehefrau, und seine Kousine Henriette mit ihrem jungen Ehemanne.

Alwerth entschuldigte sich, daß er nicht mit der Gesellschaft essen könne. Er sagte, er habe für sich und seinen Neffen ein paar Schüsseln auf sein Zimmer bestellt, weil sie von besondern Angelegenheiten mit einander sprechen müßten; er wollte sich aber das Vergnügen nicht versagen, der lieben Frau zu versprechen, daß sowohl er als Jones ihre Gesellschaft beim Abendessen verstärken wollten.

Madame Miller fragte hierauf, wie es nun mit Blifil werden sollte? »Denn, in Wahrheit,« sagte sie, »ich kann nicht ruhig sein, so lang' ein solcher Bösewicht unter meinem Dache ist.« – Alwerth antwortete, er wäre in eben der Rücksicht nicht weniger unruhig, als sie selbst. – »O,« sagte sie, »wenn dem also ist, so lassen Sie[296] mich machen: ich will ihm bald weisen, wie die Hausthür auswendig aussieht; trauen Sie mir. Da unten sind zwei oder drei handfeste Kerle, die was anfassen können.« – »Es wird keiner Gewalt bedürfen,« sagte Alwerth. »Wenn Sie ihm eine Botschaft von mir überbringen wollen, so wird er schon, wie ich nicht zweifle, von selbst abziehn.« – »Ob ich will?« sprach Madame Miller. »In meinem Leben habe ich nichts so gerne gethan.« Hier mischte sich Jones darein und sagte, er habe die Sache reiflicher überlegt, und wollte, wenn's Herrn Alwerth so gefällig wäre, selbst der Bote sein. »Ich weiß schon ziemlich, wie's mein lieber Onkel gemacht haben will, und ich bitte nur um Erlaubnis, daß ich's ihm in meinen eignen Worten hinterbringen dürfe. – Lassen Sie sich bitten, lieber Onkel,« fügte er hinzu, »zu überlegen, was für entsetzliche Folgen es haben könnte, wenn man ihn bis zur heftigen und plötzlichen Verzweiflung triebe. Ach, wie wenig ist dieser Jüngling, in seiner jetzigen Fassung, zum Sterben geschickt!« Dieser Gedanke war nicht ohne Wirkung auf Madame Miller. Sie verließ das Zimmer mit den Worten: »Sie sind zu gut, Herr Jones, unendlich viel zu gut, in dieser Welt zu leben.« Er machte aber einen tiefern Eindruck auf Herrn Alwerth. »Mein lieber Sohn,« sprach er, »ich bin ebenfalls erstaunt über die besondere Güte deines Herzens und über die Lebhaftigkeit deines Verstandes. Es wäre allerdings fürchterlich und der Himmel woll' es verhüten, wenn diesem bösen Menschen Zeit und Mittel zur Reue und Buße versagt würden. Wohl! geh' also zu ihm und verfahre nach deiner besten Einsicht; aber schmeichle ihm nicht mit der Hoffnung auf meine Vergebung, denn Bosheiten werde ich nie anders vergeben, als in sofern mir die Religion befiehlt, und ihre Befehle erstrecken sich in dem Falle nicht bis auf Wohlthaten oder Umgang.«

Jones ging hinauf nach Blifils Zimmer, den er in einer Lage fand, welche ihn zum Mitleiden bewegte, ob solche gleich bei manchem Zuschauer eine weniger milde Leidenschaft erregt haben möchte. Er hatte sich auf ein Bett geworfen, wo er sich der Verzweiflung überließ und in Thränen schwamm. Nicht solche Thränen, die aus Reue fließen, und von solchen Seelen die Schuld abwaschen, welche verführt sind, oder sich gegen ihren natürlichen Hang unbedachtsamerweise haben hinreißen lassen, wie wohl zuweilen aus menschlicher Schwachheit selbst dem Guten begegnet. Nein, es waren die Thränen eines beängstigten Diebes auf der Leiter zum Galgen, welche ordentlicherweise eine Wirkung desjenigen Wohlwollens sind, das auch selbst die verhärtetsten Gemüter selten ermangeln – für sich selber zu empfinden.

Es würde trockene und langweilige Arbeit werden, wenn ich diese Szene der Länge nach ausmalen wollte. Es mag also damit genug sein, wenn ich sage: das Betragen des Herrn Jones war fast bis zum Uebertriebenen gütig. Er unterließ nichts von alle dem, was er nur ersinnen konnte, um Blifils gesunkenen Mut aufzurichten und zu stärken, bevor er ihm den Entschluß seines Oheims, daß er noch den Abend das Haus verlassen müßte, bekannt machte.[297] Er erbot sich, ihn mit so viel Geld zu versorgen, als er bedürfe, und versicherte ihn, daß er ihm alles, was er ihm zuwider gethan habe, von Herzen verzeihen und sich bestreben wolle, künftighin als Bruder mit ihm zu leben. Daneben wolle er auch nichts unversucht lassen, um eine Aussöhnung mit ihrem Oheim zu bewirken.

Blifil war anfangs störrig und stumm, und erwog in seinen Gedanken, ob er nicht noch alles leugnen sollte. Da er aber endlich fand, daß das Zeugnis wider ihn zu stark sei: so legte er sich zuletzt auf's Bekennen. Er bat hienächst auf die heftigste Weise seinen Bruder um Vergebung, warf sich vor ihm zur Erden und küßte ihm die Füße: kurz, er war jetzt ebenso äußerst niederträchtig, als er vorher äußerst ruchlos gewesen war.

So weit konnte Jones seine Verachtung nicht unterdrücken, daß sie sich über dieses knechtische Kriechen nicht ein wenig in seinen Mienen gezeigt haben sollte. Er hob seinen Bruder den ersten Augenblick von der Erde auf, da er nur dazu kommen konnte, und ermahnte ihn, seine Widerwärtigkeiten mehr wie ein Mann zu tragen, wobei er das Versprechen wiederholte, alles thun zu wollen, was in seinem Vermögen stünde, um solche zu mindern; wogegen Blifil, unter häufigen Beteurungen seiner Unwürdigkeit, seine tiefste Dankbarkeit ausschüttete; und als er demnächst erklärt hatte, daß er unmittelbar nach einem andern Hause ziehen wollte, ging Jones wieder zu seinem Oheim.

Unter andern Dingen erzählte nun Alwerth auch seinem Jones die Entdeckung, die er in Ansehung der fünfhundert Pfund in Banknoten gemacht hätte. »Ich habe bereits,« sagte er, »einen Rechtsgelehrten um Rat gefragt, der mir zu meinem großen Erstaunen sagt, daß auf einem diebischen Betruge dieser Art keine Strafe steht. In der That, wenn ich die schwarze Undankbarkeit dieses Kerls gegen dich erwäge, so denke ich, ein Räuber auf öffentlichen Heerstraßen sei, mit ihm verglichen, ein unschuldiger Mensch.«

»Gütiger Himmel!« sagte Jones, »ist das möglich? – Bei dieser Nachricht stehn mir die Haare zu Berge! Ich dachte, es gäbe keinen ehrlichern Kerl in der Welt. – Die Versuchung einer solchen Summe war zu groß für ihn, um ihr zu widerstehn; denn geringere Sachen sind mir durch seine Hände richtig zugekommen. In der That, mein teuerster Onkel, Sie müssen mir's nicht ungütig nehmen, wenn ich es lieber Schwachheit als Undankbarkeit nenne; denn ich bin überzeugt, der arme Kerl hat mich lieb, und hat mir Gefälligkeiten erzeigt, die ich ihm niemals vergessen kann. Ja, ich glaube, er hat eben diese Handlung schon bereut: denn es ist noch nicht länger her als ein paar Tage, da sich meine Umstände in der verzweifeltsten Lage zu befinden schienen, als er mich in meiner Gefangenschaft besuchte und mir Geld anbot, dessen ich benötigt sein möchte. Bedenken Sie, liebster Onkel, was es für eine Versuchung sein muß, für einen Mann, der solche bittre Not geschmeckt hat, zum Besitz einer Summe zu gelangen, die ihn und seine Familie auf die Zukunft vor allen solchen Leiden sichern kann.«

»Kind!« rief Alwerth, »du treibst deine Liebe zum Verzeihen[298] zu weit. Dergleichen übelverstandene Güte ist nicht nur Schwachheit, sondern grenzt nahe an Ungerechtigkeit, und wird der menschlichen Gesellschaft dadurch gefährlich, daß sie das Laster kühn macht. Die Untreue dieses Kerls hätte ich vielleicht noch verziehn, seine Undankbarkeit aber niemals. Und erlaube mir's dir zu sagen, wenn wir zugeben, daß irgend eine Versuchung einen Diebstahl selbst entschuldigen könne, so sind wir so gerecht und barmherzig, als wir sein sollen; und so weit, ich bekenne es, bin ich gegangen. Denn ich habe oft das Schicksal eines Straßenräubers bedauert, wenn ich als Geschworner habe über ihn urteilen müssen, und mehr als einmal habe ich bei dem Oberrichter eine Fürbitte für solche Delinquenten eingelegt, in deren Sache sich ein mildernder Umstand zeigte. Wenn aber Diebstahl noch von schwärzren Verbrechen begleitet wird, als Grausamkeit, Mord, Undankbarkeit oder dergleichen, so werden Mitleiden und Verzeihung wirkliche Fehler. Ich bin überzeugt, der Kerl ist ein gottloser Bösewicht, und er soll bestraft werden, wenigstens insoweit, als ich ihn bestrafen kann.«

Dies ward mit einer so ernsthaft strengen Stimme gesprochen, daß es Jones nicht ratsam dünkte, etwas weiter einzuwenden; überdem rückte die von Herrn Western bestimmte Stunde so nahe heran, daß er nur noch kaum soviel Zeit hatte, sich anzukleiden. Hier endigte sich also das gegenwärtige Gespräch, und Jones begab sich in ein anders Zimmer, wo ihm Rebhuhn, der Anweisung gemäß, die Kleider in Bereitschaft hielt.

Rebhuhn hatte seinen Herrn, nach der glücklichen Entdeckung, noch kaum gesehn. Der arme Mensch war gleich unfähig, sein Entzücken zu mäßigen oder auszudrücken. Er betrug sich wie ein Wahnwitziger, und machte beim Ankleiden des Herrn Jones ebenso manches Versehen, als ich wohl ehedem vom Harlekin gesehen habe, wenn er sich selbst auf dem Theater ankleiden wollte.

Sein Gedächtnis war indessen nicht im geringsten mangelhaft. Er erinnerte sich jetzt mancher Ahnungen und Vorbedeutungen von dieser glücklichen Begebenheit, deren er einige schon damals angemerkt hatte, vieler andern aber sich jetzt erst erinnerte. Er vergaß auch der Träume nicht, die er die Nacht vorher geträumt hatte, ehe er mit Jones zusammenkam, und schloß damit, daß er sagte: »Ich hab's Ew. Gnaden wohl immer gesagt, was mir mein Sinn zutrüge, daß es noch einstmals in Ihrer Gewalt stehen würde, mein Glück zu machen.« Jones versicherte ihm, seine Ahnungen sollten in Ansehung seiner selbst ebenso richtig zutreffen, wie alle übrigen Vorbedeutungen bis hieher schon eingetroffen wären. Diese Zusage vermehrte das Entzücken des armen Menschen nicht wenig, das er schon in Ansehung seines Herrn empfand.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 294-299.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones: Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones 1-3: Die Geschichte eines Findlings: 3 Bde.
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Die zentralen Themen des zwischen 1842 und 1861 entstandenen Erzählzyklus sind auf anschauliche Konstellationen zugespitze Konflikte in der idyllischen Harmonie des einfachen Landlebens. Auerbachs Dorfgeschichten sind schon bei Erscheinen ein großer Erfolg und finden zahlreiche Nachahmungen.

554 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon