Achtes Kapitel.

[71] Enthält einen Auftritt von Not und Jammer, welcher den meisten unsrer Leser sehr außerordentlich vorkommen wird.


Nachdem sich Jones durch ein paar Stunden Schlaf erquickt hatte, ließ er Rebhuhn vor sich kommen, gab ihm eine Banknote von fünfzig Pfund Sterling und befahl ihm, solche in klingende Münze umzusetzen. Rebhuhn nahm solche mit funkelnden Augen, obgleich, als er hernach die Sache reiflicher überlegte, ein Argwohn bei ihm rege ward, der seinem Herrn eben zu keiner sonderlichen Ehre gereichte. Hierzu trugen die fürchterlichen Ideen bei, die er von einer Maskerade hatte, nebst der Verkleidung, in welcher sein Herr ausgegangen und wieder nach Hause gekommen, und daß er die ganze Nacht ausgeblieben war. Mit verständlichen Worten gesagt, die einzige Art und Weise, die er begreifen konnte, wie sein Herr zum Besitz dieser Note habe gelangen können, war Raub, und die Wahrheit zu gestehen, wird auch der Leser schwerlich andrer Einbildung sein, es wäre denn, daß er vermute, es sei ein Geschenk der großmütigen Bellaston gewesen.

Um also die Ehre des Herrn Jones vom Verdacht zu retten, und der Freigebigkeit dieser Dame die billige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sagen wir, daß er wirklich dieses Geschenk von ihr[71] erhalten hatte. Denn, obgleich diese Dame eben nicht viel auf die abgedroschene Mildthätigkeit unsrer Zeiten hielt, wie zum Beispiele Waisen- und Krankenhäuser bauen und dergleichen – so war sie doch dieser christlichen Tugend nicht ganz bar, und des Dafürhaltens (und, wie ich meine, mit Recht), daß ein junger Mann von Verdiensten, der keinen Groschen im Vermögen hätte, kein unschicklicher Gegenstand dieser Tugend sei.

Die Herren Jones und Nachtigall waren gebeten worden, diesen Mittag bei Madame Miller zu essen. Zur gewöhnlichen Stunde versammelten sich also die beiden Herren und die beiden Töchter im Eßzimmer, woselbst sie von drei Uhr bis fast um fünfe warteten, ehe die gute Frau zum Vorschein kam. Sie war außer der Stadt gewesen, eine Anverwandte zu besuchen, von der sie bei ihrer Nachhausekunft folgende Nachricht gab.

»Ich hoffe, meine Herren, Sie werden es mir verzeihen, daß ich Sie habe müssen warten lassen! Ich weiß gewiß, wenn Ihnen die Veranlassung bekannt wäre – ich habe eine Kousine besucht, die ein paar Stunden Wegs von der Stadt wohnt, und eben in den Wochen liegt. – Es sollte allen Leuten eine Warnung sein (sagte sie und sah dabei ihre Töchter an), sich nicht aufs Geratewohl zu verheiraten. In dieser Welt ist keine Glückseligkeit ohne ein ordentliches Auskommen. O Nette, wie soll ich die elenden Umstände beschreiben, in welchen ich deine arme Base fand! Sie ist kaum seit acht Tagen in den Wochen, und da lag sie, bei diesem fürchterlich kalten Wetter, in einem ungeheizten Zimmer, in einem Bette ohne Vorhänge, und ohne einen Sack Kohlen im Hause, um ein Feuer zu unterhalten. Ihr zweiter Sohn, ein süßer, lieber Junge, liegt am Scharlachfieber in einem Bette mit seiner Mutter, denn sie haben kein ander Bett im Hause. Das arme kleine Tömchen! Ich fürchte, Nette, Du kriegst deinen Liebling nicht wieder zu sehen, denn er ist wirklich recht krank. Die übrigen Kinder sind so ganz gesund; aber Mariechen wird, sorge ich, ihrer Gesundheit zuviel zumuten. Sie ist erst dreizehn Jahre alt, und dennoch, Herr Nachtigall, ich versichre Sie, habe ich in meinem Leben noch keine bessere Krankenwärterin gesehen. Sie pflegt beide, ihre Mutter und ihren Bruder; und, was bei einem so jungen Geschöpfe sehr zu bewundern ist, sie zeigt ihrer Mutter immer ein heiteres Gesicht; und dennoch, Herr Nachtigall – dennoch sah ich das arme Kind heimlich das Gesicht wegkehren und sich verstohlnerweise die Thränen aus den Augen wischen.« Hier ward Mutter Miller durch ihre eigenen Thränen verhindert, weiter zu erzählen, und ich glaube, es war keiner unter allen Gegenwärtigen, der nicht ein gleiches that. Endlich faßte sie sich wieder ein wenig und erzählte folgendermaßen weiter: »In all diesem Jammer[72] zeigt die Mutter eine bewundernswürdige Standhaftigkeit. Die Gefahr ihres Sohnes liegt ihr am schwersten auf'm Herzen; und doch thut sie ihr möglichstes, auch diese Betrübnis ihren Mann nicht merken zu lassen. Zuweilen gewinnt gleichwohl ihr Kummer über all ihr Bestreben die Oberhand, denn sie hat diesen Knaben beständig außerordentlich lieb gehabt, und es ist auch ein kluger, süßherziger Bube. Ich kann Sie versichern, in meinem Leben war ich nicht so gerührt, als da ich den kleinen Hiob, der kaum sieben Jahr alt ist, seine Mutter bitten hörte, da sie ihn mit ihren Thränen benetzte, sie solle sich doch zufrieden geben. – – Gewißlich, Mama, sagte das Kind, ich werde nicht sterben; der liebe Gott ist ja allmächtig; ich weiß, er wird Tom noch nicht zu sich nehmen: es mag im Himmel wohl recht schön sein; aber ich will doch lieber hier bleiben und mit Ihnen und mit dem lieben Papa zuweilen hungern, als nach dem schönen Himmel gehn! – Verzeihen Sie mirs, meine Herren, aber ich kann mir nicht helfen,« sagte sie und wischte sich die Augen, »solcher Verstand und solche Liebe in einem Kinde! – – Und doch ist er vielleicht am wenigsten zu bedauern; denn in einem oder ein paar Tagen wird er höchst wahrscheinlicherweise dahin kommen, wo keine menschlichen Leiden und keine Thränen mehr sind. Der Vater verdient wirklich das Mitleiden am meisten. Der arme Mann! Sein Gesicht ist ein wahres Gemälde des tiefsten Grames, und er hat mehr das Ansehn eines Toten, als eines Lebendigen. Gütiger Gott, was das für ein Anblick war, als ich ins Zimmer trat! Der gute Mann lag hinter dem Kopfkissen, um beide, seine Frau und sein Kind zu unterstützen; er hatte nichts an, als ein dünnes Kamisol, weil sein Rock über das Bett gebreitet war, um den Mangel einer Bettdecke zu ersetzen. Als er aufstand, da ich hineintrat, konnte ich ihn kaum erkennen. Und vor vierzehn Tagen, Herr Jones, war er noch ein so wohlgestalteter Mann, als Sie nur einen gekannt haben; Herr Nachtigall hat ihn gesehen. Seine Augen waren eingesunken, sein Gesicht war bleich und sein Bart lang gewachsen; seine Glieder bebten vor Kälte, und sein Körper sah ausgemergelt aus, von Hunger; denn meine Kousine sagte, es würde ihr schwer, ihn dahin zu bringen, daß er einen Bissen äße. – Er selbst raunte mir leise zu, und sagte – ich kanns kaum wieder sagen; er sagte: er könne es nicht über sein Herz bringen, das Brot zu essen, dessen seine Kinder so nötig hätten. Und doch, können Sie es glauben, meine Herren? hat bei allem diesem Mangel seine Frau einen so guten Buttertrank, als die wohlhabendste Frau in ihren Wochen nur haben kann. Ich habe davon gekostet, und habe noch nicht viel bessern geschmeckt. – Die Mittel, ihr diesen zu verschaffen, wären ihm, wie er glaubte, durch einen Engel vom Himmel gesendet. Ich weiß nicht,[73] was er damit sagen wollte, denn ich war so niedergeschlagen, daß ich ihm nicht eine einzige Frage thun konnte.«

»Dieß war eine Heirat aus Liebe, wie man es nennt, von beiden Seiten; das heißt, eine Heirat unter zwei Bettlern. Ich muß freilich gestehn, daß ich niemals ein zärtlicheres Ehepaar gesehen habe; aber wozu dient alle diese Zärtlichkeit, als sich einander Qualen zu machen?« – »In der That, Mama,« sagte Nettchen, »ich habe meine Base Anderson (denn so hieß ihr Name) beständig für eine der glücklichsten Frauen gehalten.« – »Ich bin versichert,« sagte die Mutter, »daß sich jetzt die Sache ganz anders verhält; denn das konnte jedermann sehen, daß die zärtlichen Besorgnisse, die sie einer für des andern Leiden empfinden, sowohl für Mann als Weib der unerträglichste Teil ihres Elendes sind. Hunger und Kälte, insofern solche nur ihre Personen betreffen, sind in Vergleichung mit jenen kaum noch Uebel zu nennen. Ja selbst die Kinder, das jüngste, welches noch keine zwei Jahr alt ist, ausgenommen, denken und fühlen auf eben die Weise; denn es ist eine sehr herzige Familie; und hätten sie nur ein notdürftiges Auskommen, so wären es die glücklichsten Menschen auf dieser Welt.« – »Ich habe niemals das geringste Zeichen von Dürftigkeit in ihrem Hause bemerkt,« versetzte Nette. »Ich bekenne es, mein Herz blutet über das, was Sie mir da sagen, Mama.« – »O Kind!« antwortete die Mutter, »Sie hat beständig gesucht, die beste Seite nach außen zu kehren. Die Not war bei ihnen immer groß; aber freilich, dies völlige Verderben ist ihnen von andern über den Hals gebracht worden. Der arme Mann hatte sich für die Schulden des Schurken, seines Bruders verbürgt; und ungefähr vor acht Tagen, grade den Tag vor ihrer Niederkunft, wurden ihnen alle ihre Habseligkeiten weggenommen und von Obrigkeitswegen verkauft. Er schickte mir einen Brief durch einen von den Gerichtsdienern; aber der Bösewicht hat mir ihn nicht gebracht. – Was muß er von mir gedacht haben, daß ich eine ganze Woche hingehn lassen konnte, ohne ein Wort von mir hören zu lassen!«

Es war nicht mit trocknen Augen, daß Jones diese Erzählung anhörte. Als sie geendigt war, nahm er Madame Miller mit sich in ein besondres Zimmer auf die Seite und gab ihr seinen Geldbeutel, worin die Summe von den fünfzig Pfunden war und bat sie, davon den armen Leuten so viel zu schicken, als sie für dienlich erachte. Der Blick, den Madame Miller Herrn Jones bei dieser Gelegenheit gab, läßt sich nicht leicht beschreiben. Sie verfiel in eine Art von konvulsivischer Entzückung und rief aus: »Gütiger Gott! gibt es einen solchen Menschen auf dieser Welt!« – Sie faßte sich aber bald wieder und sagte: »Doch, doch! ich kenne so einen Mann; aber kann es so noch einen andern geben?« – »Ich hoffe, Madame,«[74] sagte Jones, »es gibt der Menschen viele, welche gemeine Menschenliebe besitzen: denn unsern Nebenmenschen in solchen Nöten beizuspringen, kann doch wohl nicht gut einen höhern Namen verdienen.« Madame Miller nahm darauf zehn Guineen und wollte sich auf keine Art bereden lassen, noch mehr zu nehmen und sagte: sie wolle schon Gelegenheit finden, dies Geld morgen frühzeitig hinauszusenden; wobei sie hinzufügte, sie habe selbst schon eine Kleinigkeit für die armen Leute gethan und habe sie nicht ganz in so großem Mangel verlassen, als sie sie gefunden.

Sie gingen hierauf wieder ins Besuchzimmer, woselbst Nachtigall sein großes Leidwesen über die fürchterliche Lage dieser armen Menschen bezeigte, welche er wirklich kannte; denn er hatte sie mehr als einmal bei Madame Miller gesehen. Er schalt auf die Thorheit, sich für andrer Leute Schulden zu verbürgen; stieß manche bittre Verwünschungen aus gegen den Bruder; und beschloß mit dem Wunsche, daß man doch für die unglückliche Familie etwas möchte thun können. »Wie wäre es,« sagte er, »wenn Sie solche Herrn Alwerth empföhlen? Oder was sagen Sie zu einer Kollekte? Ich trage gerne meine Guinee mit bei, gerne!«

Madame Miller gab darauf keine Antwort, und Nettchen, der ihre Mutter die Freigebigkeit des Herrn Jones ins Ohr geflüstert hatte, ward dabei ganz blaß. Wenn indessen eine oder die andre sich über Herrn Nachtigall ärgerten, so hatten sie gewiß unrecht; denn Jones' Freigebigkeit, wenn er sie auch erfahren hätte, war ja kein Beispiel für ihn, dem er verpflichtet gewesen wäre zu folgen; und es gibt ja der Menschen zu tausenden, die nicht einmal einen Dreier gegeben haben würden; wie er nun freilich selbst auch eigentlich nicht that; denn er ließ es bei den Worten bewenden, und da die andern also nicht für gut fanden etwas zu fordern, so behielt er sein Geld in der Tasche.

Ich habe in Wahrheit bemerkt und werde wohl keine so gute Gelegenheit wieder finden, wie die gegenwärtige, meine Bemerkung an den Mann zu bringen, daß die Welt überhaupt über Wohlthun und Mildthätigkeit sich in zwei ganz entgegengesetzte Meinungen geteilt hat. Die eine Partei scheint dafürzuhalten, daß alle Handlungen dieser Art als ganz freiwillige Gaben anzusehen sind; und so wenig man auch geben möge (wenn es auch im Grunde nichts weiter wäre als gute Wünsche), man doch allemal dabei ein großes Verdienst habe. – Die andre hingegen scheint der festen Ueberzeugung zu sein, Mildthätigkeit sei eine positive Pflicht, und wenn Reiche merklich weniger geben, als ihr Vermögen wohl zuließe, um die Not der Armen zu lindern, ihre knickrigen Wohlthaten so weit entfernt seien, etwas verdienstliches zu haben, daß sie vielmehr ihre[75] Pflicht nur halb erfüllt haben, und gewissermaßen noch verächtlicher seien, als diejenigen, welche solche ganz und gar verabsäumen.

Diese beiden Neigungen mit einander zu vereinigen, steht nicht in meinem Vermögen. Nur soviel will ich hinzusetzen: Die Geber sind gemeiniglich der ersten Meinung, und die Nehmer neigen sich fast durchgängig zu der letztern.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 71-76.
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