Erstes Kapitel.

[39] Eine Anrufung.


Komm, strahlende Liebe des hohen Ruhmes, komm, begeistere meine glühende Brust! Nicht du, dich ruf' ich nicht an, die du auf emporsteigenden Wogen von Blut und Thränen den Helden hinträgst zur glänzenden Siegespforte, indessen die Seufzer von Millionen Elendgewordenen seine ausgebreiteten Segel schwellen! Nein, nur dich, schönes, holdes Mädchen, von Mnesis, der glücklichen Nymphe, zuerst an den Ufern des Hebrus gezeugt. Dich ruf' ich an, dich, die du in Mäonien erzogen wardst, die du dein Mantua mit Zärtlichkeit liebtest, und die du gern sitzest auf den Höhen des steilen Hügels bei deinen Lieblingen, den unsterblichen Sängern der Wahrheit und Natur, und ihnen zufächelst die Kühlung des lieblichen Zephyrs, wann von dem hohen Geschäft, mit ihrer heroischen Leier die Herzen der horchenden Sterblichen zu entzücken, ihre strahlenumwundenen Schläfe glühen! Fülle du meine wonnetrunkene Phantasie mit der süßen Hoffnung, noch einst der Liebling entfernter Zeiten zu sein! Weissage mir: das empfindsame Mädchen, deß Großmutter noch erst späterhin die Welt betreten soll, werde, wann sie unter dem dichterischen Namen Sophia die Züge hoher Würde und Schönheit liest, die ehedem in meiner Charlotte wirklich die Welt beglückten, werde aus sympathetischem Busen tiefe Seufzer entwickeln. Lehr' du mich voraussehen in der Zukunft den Lohn der Nachwelt; nicht nur voraussehen, sondern auch genießen – lehr' mich an ihm meines Lebens nötige Weide finden! Sprich Ruh' und Trost in meine Seele durch die feierliche Verheißung, man werde mich lesen, auch dann noch, wann längst das Zimmerchen, worin ich eben hier sitze, enger noch schwinden wird zum schnöden Moderschrein; auch dann noch werden mich lesen mit Preis und Ehren, sie, die mich nicht sahen, nicht kannten, und die ich nie kennen werde noch sehen.

Und du, weit wohlbeleibtere Dame, die nie sich hüllet in ätherische Formen, noch in Traumgestalten erhitzter Einbildungskraft; die du dich erlabest am saftigen Braten von Rindern und Kälbern und am reich mit Pflaumen durchmengten Pudding; dich ruf' ich an, dich, von welcher einst in einer Treckschuit, auf einem Neerdütschen Kanal, Juffrow Geld, befruchtet von einem stämmigen Amsterdamer Kaufmann, entbunden ward; im Büchermachergäßchen wurdest[39] du aufgepäppelt mit dem Mehlbrei von Erudition. Hier hast du in reiferen Jahren die Reimkunst gelehrt und getrieben, zu kitzeln nicht das Ohr, nein, sondern den Dünkelstolz des reichen Gönners. Von dir gelehrt schreitet das Lustspiel in feierlichem Pompe daher, und unterdessen stürmt das Trauerspiel laut und tobt und wütet und zerschmettert die bange Bühne mit seinem Donner. Deine müden Glieder in Schlummer zu säuseln, erzählt Alderman Historikus seine langweilige Mär, und dich wieder aufzuwecken gaukelt Monsieur Roman dir seine wundersamen Hokus Pokus vor. Nicht weniger gehorcht der wohlgenährte Verleger deinem stetigen mächtigen Einfluß. Auf deinen Rat wird der schwere, ungelesene Folio-Ballen, der längst im bestaubten Laden als treuer Hüter schlief, in dünne Hefte und Nummern gespalten, mit Titeln blau und rot und grün, und treibt so sich kreiselbehende durch die Nation. Von dir belehrt täuschen der Bücher manche, gleich Salbadern, durch groß versprechende Wunder die Welt, während daß andre sich in zierliche Herrchen verwandeln und ihren ganzen Wert auf schön vergoldeten Schnitt und Brämung setzen. Komm, du füllereiche Grazie mit deinem blinkenden Antlitz! Du magst mir deine Begeisterung entziehen, nur reiche mir dar deine lockenden Belohnungen, deine blanken klingenden Haufen, deine behende zu verwandelnde Banknote, schwanger mit ungesehenem Reichtum, dein steigend und fallen des Aktienkapital, das warme gemächliche Wohnhaus, und endlich auch noch einen wackeren Anteil an jener liebreichen Mutter, deren segentriefenden Brüsten reichlich Nahrung entquillt für alle ihre zahllosen Kinder, wenn nicht einige, zu gierig und zu mutwillig, ihre Brüder von der Nüpfel drängten. Komm, du! Und hätt' ich selbst nicht Sinns genug für deine Schätze, so wärme du meine Brust mit dem herzerhebenden Gedanken, sie an andre zu verteilen. Sag' es mir, daß durch deine milden Gaben der stammelnde Säugling, der oft durch meine Arbeit in seiner Freude gestört ward, einst sehr reichlich könne belohnt werden.

Und nun, nachdem dies zwistige Joch und Pharaos doppelte Träume, der magere Schatten und die fette Substanz, mich zum Schreiben getrieben haben, wessen Beistand ruf' ich jetzt an, meinen Federkiel zu leiten?

Vor allen Genie! des Himmels freie Gabe, ohne dessen Hilfe wir alle vergebens anarbeiten gegen den Strom der Natur; du, der du ausstreuest den trefflichen Samen, den die Kunst nährt und pflegt und bis zur Reife entwickelt; nimm du mich bei der Hand und leite mich durch die verschlungenen Gänge und die dunklen Schlupfwinkel des verwickelten Labyrinths der Natur. Weihe mich ein in alle jene Mysterien, welche profane Augen nie sehen. Lehre[40] mich, denn dir ist es ein Leichtes, die Menschen besser kennen als sie selbst sich kennen. Zerstreue den Nebel, der die Augen des Verstandes der Sterblichen verdunkelt, so daß er Menschen vergöttern läßt wegen ihrer Kunst, und andre verabscheuen wegen ihrer List, damit sie andre täuschen; wann beide dem wahren Wesen nach weiter nichts sind als Thoren zum Belachen, die nur sich selber betrügen. Nimm hinweg die dünne Verkleidung, wohinter Selbstdünkel für Weisheit, Geiz für Mäßigkeit, Reichtum und Prahlsucht für Ehrliebe gehalten sein möchten. Komm! Du begeistertest deinen Aristophan, deinen Lucian, deinen Cervantes, deinen Rabelais, deinen Moliere, deinen Shakespeare, deinen Swift, deinen Marivaux, (und deiner nicht minder Geliebten manche, unter unsrer sächsischen Sippschaft, deren Namen schwer lauten, dem, der nicht ihre tonvolle Sprache kennt). Komm und fülle auch mein Blatt mit der beizenden Würze noch unverdunsteten Witzes, bis die Kinder der Menschen die Gutmütigkeit lernen, über andrer Thorheiten bloß zu lachen und die Demut, über ihre eignen sich zu härmen.

Und du, fast unzertrennliche Begleiterin des wahren Genies, Menschenliebe! Bring' herbei alle deine feinen Gefühle, und hast du sie alle bereits verteilt unter deinen Allen und deinen Lyttleton, o, so müssest du sie auf eine kleine Weile aus ihrem Busen stehlen. Wer kann rührende Szenen malen ohne sie! Von ihnen allein entspringen die edle, uneigennützige Freundschaft, die seelenschmelzende Liebe, die großmutsvolle Gesinnung, die heiße Dankbegierde, die liebreiche Meinung von andern, und alles thätige Wirken eines wohlwollenden Herzens, das das wässernde Auge mit Thränen füllt, die glühenden Wangen mit Blut, und die Seele überströmt mit Gram, mit Freude und Seligkeitsgefühl im Wohlthun.

Und du, Gelehrsamkeit! (denn ohne deinen Beistand kann selbst das Genie nichts Reines, nichts Korrektes hervorbringen), leite du meinen Kiel! Dir brachte ich meine Verehrung dar zur Zeit meiner frühesten Jugend, in jenen von dir begünstigten Gefilden, wo die helle, sanftwallende Themse an Etons Ufern spielt. Dir opferte ich, mit ächter spartanischer Andacht, an deinem birkenen Altare mein Blut. So komm denn auch nun und öffne mir die vollen Speicher, wo deine großen, unerschöpflichen Reichtümer in bejahrten Antiquitäten aufgehäuft liegen. Schließe mir auf deine mäonischen und mantuanischen Schränke, und worin sonst deine philosophischen, poetischen und historischen Schätze aufbewahrt liegen, sei das Mark in griechischen oder römischen Charakteren, womit es dir beliebt hat, die schweren Kisten zu bezeichnen! Mir gieb nur auf eine Zeitlang die Schlüssel zu deinen Schätzen, die du deinem Warburton wohl ehemals anvertraut hast.[41]

Zuletzt noch komm auch du, Erfahrung! Bewährte Vertraute des Weisen, des Guten, des Gelehrten und des feinen Weltmanns. Doch nicht nur mit diesen hieltst du Umgang, sondern auch mit Menschen von jedem Range und jedem Stande, vom Minister in seinem Konferenzkabinet herab bis zum Werkmeister des gram- und planvollen Spinnhauses, vom Assembleesaal der Gräfin bis herunter zum Zahltisch der Wirtin des Weinschanks, oder nur auch schäumenden Bieres. Bloß allein durch dich lernt man die Sitten der Menschenkinder kennen, ewig fremde dem menschenscheuen Pedanten, so weitumfassend er auch sei, der Kreis seines toten Wissens oder des unübersehbaren Feldes seiner Gelehrsamkeit.

Ihr alle, und wenn es möglich noch mehrere, kommt! Denn wichtig ist mein unternommenes Werk und wird mir, helft ihr nicht alle, so fühl' ich's, für meine Kräfte zu schwer. Lächelt ihr aber alle meiner Arbeit, so hoff' ich noch, bring' ich sie glücklich zum Ziele.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 39-42.
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