Sechstes Kapitel.

[248] In welchem der Irrtum des Gastwirts Sophie in große Angst und Schrecken setzt.


Madame Fitz Patrick stand im Begriff, mit ihrer Erzählung fortzufahren, als sie zu Sophiens großem Bedauern durch das aufgesetzte Abendessen unterbrochen wurde, denn die Widerwärtigkeiten unsrer Freundin hatten ihr Herz beklemmt und keinen andern Hunger übrig gelassen, als nur den, welchen Madame Fitz Patrick durch ihre Erzählung befriedigen konnte.

Der Wirt stellte sich ein mit einem Teller unterm Arme, um mit eben der Ehrerbietung in Mienen und Worten bei Tische aufzuwarten, als er nur hätte thun können, wenn die Damen in einem sechsspännigen Wagen angekommen wären.

Die verheiratete Dame schien von ihrem eignen Unglücke weniger gerührt zu sein als ihre Kousine; denn die erste aß sehr herzlich, indessen die letzte kaum einen Bissen genießen konnte. Sophie zeigte ebenfalls mehr Leid und Betrübnis auf ihrem Gesichte, als an der andern Dame zu merken war, welche, als sie diese Spuren der Betrübnis an ihrer Freundin wahrgenommen hatte, solche bat, sie möchte gutes Muts sein, und dabei sagte: »Vielleicht nimmt alles noch ein bessres Ende, als weder Sie noch ich erwarten.«

Unser Herr Gastwirt glaubte, jetzt hab' er eine Gelegenheit gefunden, seinen Mund zu öffnen und war nicht gesonnen, sie ungenützt vorbeigehen zu lassen. »'S thut mir leid, meine gnädigste Dame,« schrie er, »daß Ihro Gnaden nicht essen können, denn nach einem so langen Fasten müssen Hochdieselben doch gewiß hungrig sein. Ich hoffe, Ihro Gnaden haben sich über nicht das geringste[248] zu beunruhigen; denn wie die gnädige Dame da gar wohl sagten: alles kann noch ein bessres Ende nehmen, als wir alle erwarten. Ein Herr, der den Augenblick hier war, brachte gar herrliche Zeitung; und vielleicht kommen gewisse Leute, welche andern gewissen Leuten den Vorsprung abgewonnen haben, früher nach London, ehe sie noch wieder eingeholt werden können; und wenn dem also geschieht, so hab' ich keinen Zweifel, werden sie Personen finden, welche willig und bereit stehen, sie mit vielen Freuden aufzunehmen.«

Alle Menschen, welche in Besorgnis vor Gefahr stehen, machen alles, was sie sehen und hören, zu Gegenständen der Besorgnis. Sophie schloß also unmittelbar aus der vorbesagten Rede, daß man sie kenne und daß ihr Vater in der Nähe sei. Sie ward daher von großer Angst befallen und auf einige Minuten des Vermögens der Sprache beraubt, welche sie nicht so bald wieder erhielt, als sie den Wirt ersuchte, er möchte seine Bedienten aus dem Zimmer schicken. Als dies geschehen war, richtete sie ihre Rede an ihn und sagte: »Mein lieber Herr Wirt, Sie wissen, wer wir sind; aber ich bitte Sie, und wenn Sie nur einiges Mitleiden und Gutheit haben, werden Sie mir's nicht abschlagen – ich bitte, verraten Sie uns nicht.«

»Ihro Gnaden verraten! Ich?« sagte der Wirt. »Nein!« und dabei schwur er einige nachdrückliche Eide. »Lieber wollt' ich mich in zehntausend Stücke zerhacken lassen. Ich hasse alle Verräterei auf den Tod. In meinem Leben hab' ich noch niemand verraten und werde doch bei einer so süßen, gnädigen Dame, als Hochdero Gnaden sind, nicht den Anfang machen! Die ganze Welt würde mich aufs ärgste tadeln, wenn ich's thäte, weil's in so kurzem in Hochdero Gnaden Gewalt stehn wird, mich reichlich zu belohnen. Da ist meine Frau, die kann mir's bezeugen, ich kannte Hochdero Gnaden gleich den Augenblick, da Sie ankamen. Ich sagte gleich, daß es Ihro Gnaden wären, noch ehe ich Sie noch einmal vom Pferde gehoben hatte, und ich werde die blauen Flecken, die ich in Höchstdero Gnaden Diensten bekommen habe, mit in mein Grab nehmen. Aber das will nichts sagen, so lang als ich Ihro Gnaden glücklich gerettet habe. Freilich wohl wollten gewisse Leute heute morgen so davon sprechen, daß ein hübscher Lohn zu verdienen stände; aber solche Gedanken sind mir nie in den Kopf gekommen. Ich wollte lieber Hungers sterben, als einen Lohn dafür nehmen, daß ich Ihro Gnaden verriete.«

»Ich verspreche Ihnen, Herr Wirt,« sagte Sophie, »wenn es jemals in meinem Vermögen stehen wird, Sie zu belohnen, so sollen Sie durch Ihre Großmut nichts verlieren.«

»Ach lieber Himmel,« antwortete der Wirt, »ob's in Höchstdero[249] Gnaden Vermögen stehen wird? Gebe nur der Himmel Höchstdenenselben dazu ebensoviel Willen! Ich fürchte nur, Höchstdieselben werden einen so armen Mann, als einen Gastwirt, vergessen. Sollten Ihro Gnaden aber das nicht, so hoff' ich, werden Höchstdieselben sich erinnern, was ich für eine Belohnung ausgeschlagen habe – ausgeschlagen! das ist, die ich ausgeschlagen haben würde; und doch kann man's wohl ausschlagen nennen, denn ich hätte sie gewiß haben können; und freilich hätten Ihro Gnaden nur in gewissen Häusern sein dürfen! – Für mein Teil aber, ich möchte sozusagen nicht um die ganze Welt, daß Ihro Gnaden mir ein so großes Unrecht anthäten und glaubten, ich hätte nur mit einem Gedanken dran gedacht, Höchstdieselben zu verraten, nicht einmal noch eh ich die gute Zeitung gehört hatte.«

»Was für eine Zeitung? sagen Sie mir doch,« sagte Sophie etwas eilig.

»Haben Hochdero Gnaden sie also noch nicht gehört?« rief der Gastwirt. »Ja nun freilich wohl möglich! denn es sind nur erst ein paar Minuten, daß ich sie gehört habe; und wenn ich sie auch niemals gehört hätte, so soll mich der böse Feind vor Ihren Augen wegholen, wenn ich Ihro Gnaden hätte verraten wollen. Nein, wenn das nicht wahr ist, so will ich –« Hier fügte er noch einige fürchterliche Verwünschungen hinzu, welche Sophie zuletzt unterbrach und zu wissen begehrte, was er mit der guten Zeitung meinte. – Er wollte eben antworten, als Jungfer Honoria ganz blaß und atemlos ins Zimmer gerannt kam und ausschrie. »Gnädigs Fräulein, wir sind alle verloren, sind alle unglücklich! sie sind kommen, sind kommen!« Bei diesen Worten starrte fast alles Blut in Sophiens Adern. Madame Fitz Patrick aber fragte das Mädchen, wer gekommen wäre. – »Wer?« antwortete sie. »Ah, ah, die Franzosen; viele Hunderttausend sind'r ins Land kommen zu Wasser und werden uns alle totschlagen und notzüchtigen.«

Wie ein Geizhals, der in einer wohlgebauten Stadt eine schlechte Hütte besitzt, die wenige Gulden wert ist, wenn er in weiter Entfernung »Feuer!« schreien hört, bleich und blaß wird und vor seinem Verluste zittert, hernach aber findet, daß nur bloß die schönen Paläste abgebrannt sind und seine eigne schlechte Kote unversehrt bleibt, augenblicklich sich wieder erholt und sich lächelnd seines guten Glücks freut: oder wie (denn das vorige Gleichnis will uns nicht so durchaus gefallen) wie eine zärtliche Mutter, wenn sie mit der Nachricht erschreckt wird, ihr geliebtester Knabe sei ertrunken, vor Angst und Kummer gefühllos und fast tot zur Erde sinkt; wenn ihr aber hernach gesagt wird, der kleine Liebling sei außer Gefahr und bloß ein Linienschiff mit zwölfhundert tapfern Männern auf[250] der See versunken, ihr Leben und Empfindungen zurückkehren, die mütterliche Zärtlichkeit sie plötzlich von aller ihrer Angst befreit und das Gefühl des allgemeinen Wohlwollens, welches sich zu einer andern Zeit über das furchtbare Unglück sehr mächtig geregt haben würde, jetzt in ihrer Seele in tiefem Schlafe liegt.

So Sophie. Niemand als sie war fähiger, das allgemeine Elend ihres Vaterlandes zu fühlen; aber so innig war ihre Zufriedenheit, da sie sich von der Angst befreit fand, worin sie schwebte, von ihrem Vater eingeholt zu werden, daß die Ankunft des französischen Kriegsheers kaum den geringsten Eindruck auf sie machte. Mit aller Gelindigkeit verwies sie ihrer Jungfer den Schreck, welchen sie ihr verursacht habe, und sagte: 's wär' ihr lieb, daß es nichts ärgeres wäre, denn sie hätte gefürchtet, es möchte sonst jemand gekommen sein.

»Ja, ja!« antwortete der Wirt mit Schmutzerlachen; »Höchstdero Gnaden haben wohl bessere Nachrichten! Höchstdieselben wissen es wohl, die Franzmänner sind unsre besten Freunde und sind bloß uns zu gute herübergekommen! Es sind eben die rechten Leute, die unser Altengland wieder in Flor bringen wollen. Ich wollte wohl wetten, Hochdero Gnaden meinten, der Herzog wär' im Anmarsch: ja, so was hätte wohl in Furcht jagen können. Ja ich wollt' doch Ihro Gnaden die neue Zeitung erzählen. – Seine prätendentische Majestät, den Gott behüte! haben dem Herzog das Nachsehn gelassen und marschieren mit ihrer Armee so eilig wie sie können auf London zu, und zehntausend Franzmänner sind gelandet, um sich unterwegs mit unsers allergnädigsten Ritters Majestät zu vereinigen.«

Sophie war eben nicht sonderlich vergnügt über diese Nachricht, noch über den wackern Patrioten, der sie erzählte; weil sie sich aber noch immer einbildete, er kenne sie (denn es war ihr nicht wohl möglich, auf die Vermutung der eigentlichen Wahrheit zu fallen), so mochte sie ihn ihren Unwillen nicht merken lassen. Und nachdem nunmehr der Wirt reinen Tisch gemacht, ging er hinweg; beim Abgehn aber wiederholte er noch verschiedenemal seine Hoffnung, man werde einst seiner in höchsten Gnaden gedenken.

Sophiens Vermutung, daß sie hier im Hause bekannt sei, machte ihr nicht wenig Unruhe: denn sie deutete noch immer verschiedene Dinge auf sich, wel che der Wirt der Jenny Cameron zu sagen vermeint hatte: sie trug also ihrer Jungfer auf, den Mann ein wenig auszuforschen, auf was Art und Weise er dazu gekommen sei, ihre Person zu kennen, und wer es gewesen, der ihm eine Belohnung versprochen hätte, wenn er sie verriete? Zugleich befahl sie auch, daß morgen früh um vier Uhr die Pferde bereit sein sollten, um welche Stunde Madame Fitz Patrick ihr Gesellschaft zu[251] leisten versprach; und hierauf faßte sie sich so gut wie möglich und bat diese Dame, mit ihrer Geschichte fortzufahren.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 248-252.
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