Zweites Kapitel.

[228] Abenteuer, welche Sophien aufstießen, nachdem sie Upton verlassen hatte.


Unsere Geschichte hatte gerade vorher, als sie umzukehren und rückwärts zu reisen genötigt war, der Abreise Sophiens und ihrer Zofe aus dem Gasthofe erwähnt. Wir wollen nunmehr also den Schritten dieses liebenswürdigen Geschöpfes folgen, und ihren unwürdigen Liebhaber ein wenig länger sein widriges Geschick oder vielmehr seine schlechte Aufführung beseufzen lassen.

Nachdem Sophie ihren Vorreiter angewiesen hatte, querfeldein auf Nebenwegen zu reiten, gingen sie bald über die Severn, und kaum waren sie eine gute Viertelstunde weit von dem Gasthofe, als die junge Dame beim Umsehen einige Pferde in vollem Trabe hinter ihr herkommen sah. Dies verursachte ihr nicht wenig Furcht, und sie rief dem Vorreiter zu, er solle so scharf zugehen lassen als möglich.

Er gehorsamte augenblicklich und fort ritten sie in vollem Galopp. Aber je heftiger sie ritten, je eifriger folgte man ihnen nach, und da die hintersten Pferde ein wenig schneller waren als die vordersten, so wurden diese endlich eingeholt; ein glücklicher Umstand für die arme Sophie, deren Angst nebst der heftigen Bewegung des Reitens fast alle ihre Kräfte erschöpft hatte; sie fühlte aber jetzt eine unmittelbare Erleichterung, als sie eine weibliche Stimme hörte, welche sie auf die sanfteste und höflichste Weise grüßte. Diese Begrüßung erwiderte Sophie, sobald sie wieder zu Atem kommen konnte, mit gleicher Höflichkeit und mit innigster Zufriedenheit zugleich.

Die Reisenden, welche sich zu Sophie gesellten und welche ihr so viel Schrecken eingejagt hatten, bestanden, wie ihre eigne Gesellschaft, aus zwei Personen weiblichen Geschlechts und einem Vorreiter oder Wegweiser. Beide Reisegesellschaften ritten eine volle Stunde zusammen fort, ohne daß eine von ihnen wieder den Mund öffnete. Als unsre Heldin, welche ihre Furcht so ziemlich überwunden hatte[228] und sich nur noch nicht gut erklären konnte, warum die andre ihr beständig zur Seite bliebe, da sie doch auf keiner großen Heerstraße ritt und schon einigemal krumme Landwege genommen hatte, endlich die fremde Dame aufs verbindlichste anredete und sagte: »Es mache ihr ein außerordentliches Vergnügen, zu finden, daß sie beide eines und desselben Weges reisten.« Die andre, welche wie ein Gespenst nur darauf wartete, daß man sie anreden möchte, war mit der Antwort bereit: »Das Vergnügen wär' ganz auf ihrer Seite, sie wäre in dieser Gegend ganz fremd und habe sich so herzlich gefreut, eine Reisegefährtin von ihrem eignen Geschlechte anzutreffen, daß sie sich vielleicht einer Unhöflichkeit schuldig gemacht habe, für welche sie unendlichemal um Verzeihung zu bitten hätte, daß sie mit ihr einerlei Schritt gehalten und sich ihr zur Gesellschaft aufgedrungen habe.« Es fielen noch mehr Höflichkeitsbezeigungen unter den beiden Damen vor, denn Jungfer Honoria hatte dem reichen Kleide der Fremden den Rang abgetreten und hatte sich ins hinterste Glied begeben. Allein obgleich Sophie neugierig genug war, zu erfahren, warum die andre Dame immer eben die Nebenwege mit ihr ritte, ja ob sie darüber gleich in Verlegenheit war, so hielt sie doch die Furcht oder die Bescheidenheit oder andre Bedenklichkeiten zurück, sie darüber zu befragen.

Um diese Zeit geriet die fremde Dame in eine Verlegenheit, welcher zu erwähnen es fast unter der Würde der Geschichte zu sein scheinen mag. Auf einer Meile war ihr nicht weniger als fünfmal ihr Kasket vom Kopfe geweht worden, und sie konnte zu keinem Bande oder Taschentuch gelangen, um es unter dem Kinne zu befestigen. Als Sophie dies erfuhr, gab sie ihr zu diesem Ende alsobald ihr Taschentuch. Da sie solches aus ihrer Tasche hervorzog, vernachlässigte sie vielleicht den Zügel ihres Pferdes zu viel, denn das Tier that unglücklicherweise einen falschen Tritt, stolperte mit den Vorderfüßen und warf seine Reiterin aus dem Sattel.

Obgleich Sophie über Hals und Kopf herunterstürzte, nahm sie doch zum Glück nicht den allergeringsten Schaden, und dieselben Umstände, welche vielleicht zu ihrem Falle beigetragen hatten, ersparten ihr auch jetzt eine große Verwirrung, denn der Anger, über welchen sie eben ritten, lag in einem engen Thale und war stark mit Bäumen bewachsen, so daß der Mond nur wenig hindurchschimmern konnte, der noch dazu eben hinter einer so dicken Wolke verhüllt stand, daß es so gut als völlig finster war. Auf diese Weise ward die Schamhaftigkeit des Fräuleins, welche äußerst zart war, ebensowenig beschädigt als ihre Gliedmaßen, und sie ward wieder auf ihren Sattel gesetzt, ohne etwas Weiteres gelitten zu haben, als vielleicht einen kleinen Schreck beim Fallen.[229]

Endlich fing das Tageslicht an in seinem vollen Glanze hervorzubrechen, und die beiden Damen, welche Seite an Seite über ein Feld ritten, sahen sich einander einige Zeit starr an, und beider Augen hefteten sich zugleich aufeinander, beider Pferde standen still, beide Damen redeten zugleich und riefen mit gleicher Freude, die eine den Namen Sophie und die andre den Namen Henriette. Diese unvermutete Zusammenkunft machte den Damen mehr Verwunderung, als sie nach meiner Meinung dem einsichtsvollen Leser verursachen wird, der es schon erraten haben muß, daß die Fremde niemand anders sein konnte, als Madame Fitz Patrick, die Kousine des Fräuleins Western, von welcher wir angemerkt haben, daß sie nur wenige Minuten später den Gasthof verlassen habe.

So groß war die Ueberraschung und Freude, welche die beiden Kousinen bei ihrer Zusammenkunft ergriff (denn sie waren ehedem sehr vertrauliche Bekannte und Freundinnen gewesen und lange Zeit miteinander bei ihrer Tante, dem hochwohlgeborenen Fräulein von Western, zusammen erzogen worden), daß es unmöglich ist, nur die Hälfte dieser Freudenbezeigungen zu erzählen, die sie einander mitteilten, ehe die eine an die andre eine der natürlichsten Fragen gelangen ließ, nämlich, wohin sie zu reisen gedächte? Diese Frage ward gleichwohl von seiten der Madame Fitz Patrick gethan. So leicht und natürlich sie aber zu sein schien, so fand Sophie es doch schwer, darauf eine gerade und bestimmte Antwort zu geben. Sie bat also ihre Kousine, alle Neugierde solange beiseite zu setzen, bis sie in irgend einem Gasthofe anlangten. »Und ich denke, wir müssen bald einen erreichen,« sagte sie, »und dabei glauben Sie mir nur, Henriette, ich unterdrücke meinerseits ebensoviel Neugierde, denn ich zweifle wirklich nicht, daß wir beide gleich stark verwundert sind, uns hier anzutreffen.«

Das Gespräch, welches zwischen diesen beiden Damen unterwegs vorfiel, war nach meinem Bedünken nicht wichtig genug zum Aufschreiben, und das jenige gewiß noch weniger, welches die beiden Aufwartdamen miteinander führten; denn auch diese fingen gleichfalls an, sich einander zu bekomplimentieren. Den beiden Wegweisern hingegen war alle Freude des Sprechens abgeschnitten, weil der eine vorausreiten und der andre hinten den Zug beschließen mußte.

In dieser Ordnung reisten sie verschiedene Stunden vorwärts, als sie auf eine weite und wohlbefahrene Straße gelangten, welche, da sie sich rechts wendeten, in kurzer Zeit zu einer viel Gutes versprechenden Herberge leitete, woselbst sie alle abstiegen. Sophie aber war so ermüdet, daß sie sich schon seit ein paar Stunden nur mit vieler Beschwerde hatte auf dem Sattel halten können, und jetzt war sie völlig unvermögend, ohne Beistand abzusitzen. Dies wurde[230] der Gastwirt, welcher den Zügel ihres Pferdes gefaßt hatte, alsobald gewahr und erbot sich, sie mit seinen Armen vom Sattel zu heben, und sie nahm diese angebotenen Dienste nur gar zu bereitwillig an. In der That schien es, als ob es Madame Fortuna einmal für allemal darauf angelegt hätte, ihr diesen Tag eine Schamröte abzujagen, und der zweite hämische Versuch glückte ihr besser als der erste, denn der Gastwirt hatte diese junge Dame kaum in die Arme gefaßt, als sein Fuß, den noch ganz neuerlich das Podagra sehr ernstlich in der Mache gehabt hatte, ausglitschte und er dahinpurzelte. Er wußte es aber dabei doch mit nicht weniger Behendigkeit als Galanterie so zu drehen, daß er unter seine liebenswürdige Bürde zu liegen kam, so daß nur er allein eine kleine Quetschung von dem Falle bekam, denn das Schlimmste, was Sophien begegnete, war, daß ihrer Schamhaftigkeit dadurch ein heftiger Stoß versetzt wurde, und daß sie, als sie sich wieder von der Erde aufraffte, an den meisten der Umherstehenden ein tölpisches Grinsen wahrnahm. Hieraus ließ sich argwöhnen, was wirklich geschehen war, welches wir aber, eben solchen Lesern zu Gefallen, hier nicht erzählen wollen, die es über das Herz bringen können, zu lachen, wenn die zarte Bescheidenheit eines jungen Frauenzimmers gekränkt wird. Dergleichen Zufälle haben wir niemals in einem possierlichen Lichte betrachten können, wir machen uns auch kein Bedenken, zu sagen, daß derjenige sich eine sehr unrichtige Vorstellung von der Schamhaftigkeit eines hübschen Frauenzimmers machen muß, welcher nur wünschen kann, daß sie einem so nichtsbedeutenden Vergnügen, als das Lachen gewährt, zum Opfer dienen soll.

Dieser Schreck und dieser Verdruß, zusammengenommen mit der Ermüdung, die sich ihr Geist und Körper zugezogen hatten, wären beinahe der sonst vortrefflichen Gesundheit Sophiens zu mächtig geworden, und kaum hatte sie noch Kräfte genug, an dem Arme ihrer Jungfer nach dem Gasthofe hineinzuschwanken. Sobald sie sich hier niedergesetzt hatte, verlangte sie ein Glas Wasser, Jungfer Honoria verwandelte solches aber, nach meiner Meinung höchst vernünftigerweise, in ein Glas Wein.

Als Madame Fitz Patrick von Jungfer Honoria vernommen hatte, daß Sophie die beiden letzten Nächte nicht zu Bette gekommen wäre, und nun bemerkte, daß sie vor Mattigkeit gar blaß und bleich aussah, bat sie solche sehr dringend, sie möchte sich durch etwas Schlaf erquicken. Bis jetzt wußte sie nichts, weder von ihrer Geschichte noch von ihrer Besorgnis, hätte sie aber auch beide gekannt, so würde sie ihr doch eben den Rat gegeben haben, denn es war nur zu sichtbar, wie sehr sie die Ruhe nötig habe, und die Länge des Weges, welche sie außer der Heerstraße zurückgelegt hatten, entfernte[231] alle Gefahr vom Nachsetzen so völlig, daß sie selbst für sich in diesem Punkte nicht das geringste besorgte.

Sophie ließ sich leicht bereden, den Rat ihrer Freundin zu befolgen, den auch ihre Jungfer sehr herzlich unterstützte. Madame Fitz Patrick erbot sich auch ihrer Kousine Gesellschaft zu leisten, was Sophie mit vieler Gefälligkeit annahm. Das Fräulein war nicht so bald zu Bette, als ihre Zofe sich anschickte, ihrem Beispiele zu folgen. Sie begann gegen ihre Schwester Abigail viele Entschuldigungen zu machen, daß sie sie an einem so abscheulichen Orte, wie im Gasthofe, so allein lassen müßte; allein die andre, welche sich ebenso geneigt fand, ein paar Stündchen zu nicken, fiel ihr ins Wort und bat um die Ehre ihrer Bettgesellschaft. Sophiens Jungfer gestand der andern die Bettgesellschaft zu, protestierte aber, daß die Ehre allein auf ihrer Seite sei. Und so nach manchen Knicksen und Komplimenten gingen auch die Nachtrittsdamen miteinander zu Bett, wie ihre Gebieterinnen schon vorher gethan hatten.

Der Gastwirt des Hauses hatte die Gewohnheit (wie es fast durchgängig die ganze Brüderschaft zur Gewohnheit hat), sich aufs genaueste bei allen Hauderern, Bedienten, Postillons und dergleichen nach dem Namen seiner Gäste zu erkundigen, wie groß ihre Güter wären, wo sie belegen u.s.w. Es ist also nicht zu verwundern, daß die verschiedenen besonderen Umstände, welche bei unsern Reisenden zusammentrafen, und besonders der, daß sie sich alle zu einer so außerordentlichen Stunde, wie zehn Uhr des Vormittags, zu Bette legten, seine Neugier in Gang setzen mußten. Sobald als demnach die Vorreiter in die Küche kamen, fing er an, sie auszuforschen, wer die Damen wären und woher sie kämen. Die Kerle aber, ob sie ihm gleich getreulich alles erzählten was sie wußten, gaben ihm nur sehr wenig Befriedigung, und anstatt seine Neugier zu dämpfen, setzten sie solche vielmehr in lichte Flammen.

Dieser Gastwirt stand bei allen seinen Nachbarn im Rufe eines sehr schlauen Kopfes. Man hielt dafür, er dringe weiter und tiefer in die Sachen, als irgend ein Mann im Kirchspiele, den Herrn Pfarrer selbst nicht ausgenommen. Vielleicht hatte sein Blick nicht wenig beigetragen, ihm diese Reputation zu erwerben, denn in diesem lag etwas so wundervoll Weises und Bedeutsames, besonders wenn er eine Pfeife im Mund hatte, ohne welche er sich denn auch wirklich selten zeigte. Sein Betragen half ihm gleichfalls nicht wenig, die gute Meinung von seiner Weisheit zu unterhalten. In seinem Benehmen war er feierlich, wo nicht fast steif und finster, und wenn er sprach, welches selten geschah, so war es immer mit leiser Stimme, und ob er gleich nur kurze, abgebrochene Sätze vorbrachte, so spickte er sie doch immer noch mit manchen hm's, ha's! so, so's! und mehr[232] dergleichen Lückenbüßern aus, so daß, obwohl er beständig seine Worte mit gewissen nachdrücklichen Gebärden begleitete, zum Exempel den Kopf schüttelte oder nickte, oder den Zeigefinger an die Nase legte, er doch dadurch seine Hörer noch immer mehr denken ließ, als er sagte, ja er gab ihnen gewöhnlich zu verstehen, daß er noch weit mehr wisse, als er für dienlich erachte zu sagen. Dieser letzte Umstand allein konnte wirklich hinlänglich sein, den Ruf von seiner Weisheit zu erklären, weil die Menschen gar außerordentlich geneigt sind, dasjenige zu verehren, was sie nicht verstehen; ein großes Geheimnis, auf welches viele Betrüger des menschlichen Geschlechts das ganze Glück ihrer Täuschung gebaut haben.

Diese politische Person nahm jetzt ihre Frau auf die Seite und fragte sie, was sie wohl von den eben angekommenen Damen dächte? »Was ich von ihnen denke?« sagte die Frau. »Nu, was sollt' ich von ihnen denken?« – »Ich weiß wohl was ich denke,« sagte der Wirt. »Die Pferdeknechte erzählen sonderbare Dinge. Der eine gibt vor sie kommen von Gloucester, und der andre will sagen sie komm'n von Upton, und keiner von beiden, so viel ich finde, kann sagen wo sie hinwoll'n. Aber wer hat wohl jemals seinen Weg von Upton quer durchs Land hierher genommen, besonders nach London zu? und das eine von den Aufwartmädchen fragte doch, noch eh' es vom Pferde stieg, ob hier der Weg nach London durchginge? Nun hab 'ch alle diese Umstände zusammengenommen, und was meinst du wohl, hab' ich herausgebracht, was es für Damen sind?« – »Ja nun,« antwortete sie, »du weißt ja, daß ich mich niemals damit abgebe, deine Entdeckungen zu erraten.« – »Bist'n gutes Kind!« erwiderte er, und patschelte ihr unters Kinn, »ich muß bekennen, daß du mir niemals streitig gemacht, daß 'ch in solchen Sachen weiter sehe als du. Nun also, du kannst dich auf mich verlassen, merk's wohl, was ich dir sage! – Du kannst dich drauf verlassen, es sind ganz gewiß 'n paar Damen von der Partei der Rebellen, welche, wie man sagt, mit dem jungen Prätendenten herumziehen, und die hab'n diesen Umweg genommen, um der Armee des Herzogs aus'm Wege zu gehen.«

»Lieber Mann,« sagte die Frau, »du hast es gewiß richtig getroffen, denn die eine ist so reich gekleidet, als nur immer eine Prinzessin es sein kann, und fürwahr, sie sieht so hübsch aus, als nur eine Prinzessin in der ganzen Welt aussehen kann. Und doch, wenn ich eins dabei bedenke« – »Bedenken! du!« fiel ihr der Wirt mit verächtlicher Miene ins Wort, – »nun, ja doch! komm, laß 'nmal hören, was du bedenkst.« – »Ei nu! es ist,« antwortete die Ehefrau, »daß sie viel zu demütig ist für eine vornehme Dame, denn derweil unsre Liese ihr Bett wärmte, nannte sie sie immer[233] nicht anders als Kind, und meine Liebe und meine Beste! Und als ihr Liese die Strümpfe ausziehen wollte, da wollt sie's nicht leiden, und sagte, sie wollte ihr die Mühe nicht machen.«

»Puh!« antwortete der Ehegemahl, »das sagt nichts! Meinst du denn, weil du einige vornehme Damen gesehen hast, welche mit geringen Leuten barsch und grob umgingen, daß deswegen keine weiß, wie sie mit Leuten umgehen müsse, die nicht so vor nehm sind als sie selbst? Ich sollte denken, ich kennte die Leute von vornehmem Stande, wenn ich sie sehe! Ich sollte denken, ich kennte sie! Forderte sie nicht gleich ein Glas Wasser, als sie ankam? Wenn's ein andrer Schlag von Frauenzimmer gewesen wäre, so hätte sie einen Schnaps gefordert, das siehst du wohl ein, hätte sie! Wenn es nicht eine Dame von sehr hohem Stande ist, so sollst du mich zu Markte schicken und für'n Narren verkaufen, und wer mich kauft, mein' ich, soll sein Geld schlecht anlegen. Und nun, sag' nur! würde wohl eine Dame von solchem Stande ohne einen Mannsbedienten reisen, wenn es nicht eine ganz außerordentliche Bewandtniß mit ihr hätte?« – »Ja, nun freilich, lieber Mann,« sagte sie, »du verstehst solche Sachen viel besser als ich und viel andre Leute.« – »Ich sollte denken, ein wenig wüßte ich!« sagte er. »Ach ja, nun wohl,« antwortete die Frau; »das arme kleine Herzchen sah so kümmerlich aus, als sie sich in den Lehnstuhl setzte, daß ich dich versichre, ich mußte Mitleiden mit ihr haben, fast ebensoviel, als ob sie nur ein armes Mädchen gewesen wäre. Aber, was ist nun zu thun, mein lieber Mann? Wenn sie ein Rebelle ist, so denk' ich, wirst du sie doch wohl bei Hofe angeben müssen. Ja nu! 's ist eine sanftmütige, freundliche Dame! Aber mag sie sein, wer sie will, ich werd' es doch schwerlich lassen können, zu weinen, wenn ich höre, daß sie sie gehenkt oder geköpft haben.« – »Puh!« antwortete der Ehemann. »Was aber bei der Sache zu thun ist, das läßt sich nicht so leicht ausmachen. Ich hoffe, wir werden, noch ehe sie weiter reist, die Zeitung von einer Bataille bekommen, denn sollte der Prätendent die Schlacht gewinnen, so kann uns ihre Bekanntschaft bei Hofe viel Vorteil thun, und sie kann unser Glück machen, ohne daß wir sie zu verraten brauchen.« – »Ja, das ist auch wahr!« erwiderte die Frau, »und ich hoffe recht von Herzen, daß es in ihrer Gewalt stehen mag. Fürwahr! 's ist ene süße, liebe Dame; es sollte mir herzlich wehe thun, wenn ihr was Böses begegnete.« – »Pfuh!« schrie der Wirt, »Weiber sind immer so weichherzig. Wollt'st du denn wohl Rebellen im Hause beherbergen? Wollt'st du?« – »Nein, gewißlich nicht!« antwortete die Frau, »und wenn wir sie angeben, was können wir davor, was darnach kommt. Tadeln kann uns darüber niemand. Das würde ein jeder thun, der an unsrer Stelle wäre.«[234]

Unterdessen daß unser politischer Gastwirt, welcher, wie wir sehen, nicht unverdienterweise wegen großer Weisheit unter seinen Nachbarn berühmt war, sich damit beschäftigte, mit sich selbst über die Sache zu beratschlagen (denn er achtete sehr wenig auf die Meinung seiner Frau), lief die Zeitung ein, daß die Rebellen dem Herzoge entwichen wären und auf dem Wege nach London einen Marsch voraus gewonnen hätten, und bald darauf langte ein berühmter jakobitischer Junker an, welcher mit großer Freude im Gesichte den Wirt bei der Hand schüttelte und sagte: »Alles ist unser, Freund! Zehntausend brave Franzosen sind in Suffolk ans Land gesetzt. Vivat alt England! Zehntausend Franzosen! guter ehrlicher Schlag. Nun soll das Ding schon gehen; ich geh' gleich weiter und trommel's überall aus.« Diese Neuigkeit brachte den weisen Mann zu einer nähern Bestimmung seiner Gedanken und er beschloß, der jungen Dame, sobald sie aufstände, seine Kour zu machen, denn er hatte nun, wie er sagte, herausgebracht, daß es niemand anders sei, als die Geliebte des Prätendenten, die berühmte Jenny Cameron in eigner Person.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 228-235.
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