Elftes Kapitel.

[226] Ein Gleichnis in einer von Popens meilenlangen Perioden als Vorbereitung zu einer so blutigen Schlacht, als nur jemals ohne Beihilfe des Stahls oder kalten Eisens ausgefochten werden kann.


Zur Zeit der Brunft (ein hartes Wort, jedoch der wahre und ehrenvolle Kunstausdruck, um das süße Liebeln und Lübeln unter den edelsten Bewohnern der hohen Wälder zu bezeichnen, welches der gemeine Mann, auf Gefahr des Weidmessers, Brunst zu nennen pflegt) wenn der hochgekrönte Hirsch auf seine sultanischen Freuden ausgeht und sich ein paar Stöber oder andre Tiere von feindseligem Rufe dem Tempel der Venus Ferina so weit nähern sollten, daß die schöne Hindin, gerührt von dem etwas, sei es Furcht oder Schalkheit, Scheu oder Schamhaftigkeit, womit die Natur jedes weibliche Geschöpf geschmückt, oder wenigstens es gelehrt hat, sich damit zu zieren, damit nicht wegen des Ungestüms des Männleins die Sameanischen Mysterien von unheiligen Augen belauscht werden: denn bei Feierung dieser Gebräuche pflegt die Priesterin mit jener beim Virgil (welche damals nach aller Wahrscheinlichkeit eben in voller Arbeit war, die heiligen Mysterien zu feiern) auszurufen:


Procul, o procul este profani;

Proclamat vates, totoque absistite luco.


– Fern, fern, hinweg von hier, Profane!

Hinweg den Blick von diesem Wäldchen! schrie laut die Sybille.


– Ich sage, wenn diese heilige Feier, welche von allem, was lebt und liebt, und liebt und lebt, als allgemein heilig begangen wird, eben zwischen dem hochendigen Hirsch und seiner Geliebten gerade im Werke ist und ein feindseliges Tier sich zu nahe hinzuwagen sollte und die zartscheue Hindin das geringste Zeichen des Schreckens darüber merken läßt, stolz und furchtbar stürzt er hervor,[226] der hochgekrönte Edelhirsch, hin bis an die äußerste Grenze des Brunstplatzes; da steht er kühn und wacht über seine Liebe, stampft den Boden mit seinen Läufen, schwingt sein Geweihe in der Luft und fordert mutbeseelt den von seiner Geliebten gefürchteten Feind zum tötlichen Kampf heraus.

So, und fürchterlicher noch, sprang unser Held hervor, als er die Annäherung des Feindes vermerkte. Manchen Schritt that er vorwärts, um die scheue Hindin zu verhehlen und womöglich ihren Rückzug zu decken. Und nun, nachdem Schwöger erst einige schwefelgelbe Blitze aus seinen stieren Augen geschossen, begann er loszudonnern. »Pfui, pfui, junger Herr! Ist es möglich, daß ich Sie so antreffe!« – »Sie sehen,« antwortete Jones, »daß es möglich ist, denn ich bin hier.« – »Und wer,« sagte Schwöger, »ist das gottlose Weibsstück, das Sie da bei sich haben?« – »Wenn ich ein gottloses Weibstück bei mir habe,« schrie Jones, »so ist's möglich, daß ich Sie's nicht wissen lasse, wer sie ist!« – »Ich befehl' Ihnen, es mir den Augenblick zu sagen,« sagte Schwöger, »und Sie müssen sich nicht einbilden, junger Mensch, daß Ihr Alter, ob es gleich den Zwang des Unterrichts nicht so viel mehr bedarf, Sie aller Macht und Ansehens des Lehrers entzieht. Das Verhältnis des Lehrers und Schülers ist unzerstörbar, so gut wie alle übrigen Standesverhältnisse; denn sie sind ursprünglich alle vom Himmel eingesetzt. Wisse der Herr also, daß er noch ebenso verbunden ist, jetzt zu gehorchen, als damals, da ich ihn seinen Donat lehrte.« – »Daß Sie das verlangen,« schrie Jones, »glaub' ich wohl! Aber geschehen wird's nicht. Sie müßten denn noch eben die Birken und Haselstauden zu meiner Ueberzeugung brauchen können.« – »So muß ich Ihnen denn ohne Umstände sagen,« versetzte Schwöger, »daß ich fest entschlossen bin, das gottlose Mensch zu kennen.« – »Und ich muß Ihnen denn wieder ohne alle Umstände sagen,« erwiderte Jones, »ich bin fest entschlossen, Sie sollen sie nicht kennen.« – Schwöger erdreistete sich vorwärts zu gehen, und Jones packte ihn beim Arm, welchen Herr Blifil freizumachen suchte und dabei sagte: er könne es nicht leiden, seinen alten würdigen Lehrer so gemißhandelt zu sehen.

Jones, der sich jetzt mit zweien verwickelt fand, hielt für nötig, sich so bald als möglich von einem seiner Widersacher zu befreien. Er wandte sich also an den Schwächsten zuerst, ließ den Theologen los und führte einen Schlag auf die Brust des Junkers, welcher so glücklich seine rechte Stelle traf, daß er ihn der Länge nach auf den Boden hinstreckte.

Schwöger war so erpicht auf die vorhabende Entdeckung, daß er den Augenblick, da er sich in Freiheit sah, nach dem Gebüsch[227] hinwackelte, ohne sich eben darum zu bekümmern, wie's derweile seinem Freunde ginge; aber er war nur wenige Schritte vorwärts gekommen, als Jones, welcher Blifiln zu Boden gestreckt hatte, den Geistlichen einholte und ihn beim Zipfel seines Kleides zurückzerrte.

Dieser Stiegelhüpfer war in seiner Jugend ein allzeitfertiger »Komm heraus auf den Platz« gewesen, und hatte sich durch seine Fäuste viel Ehre erfochten, sowohl auf Schulen als auf Universitäten; er hatte nun allerdings seit ziemlich vielen Jahren her keine Uebung mehr in dieser edlen Kunst, dennoch war sein Mut noch ebenso handfest als sein Glaube, und seine Gliedmaßen nicht weniger stark als beide. Ueberdem lief ihm, wie der Leser vielleicht schon bemerkt haben wird, ein wenig leicht die Galle über. Sonach, als er sich umsah und seinen Freund, die viere von sich, auf'm Boden gestreckt, erblickte, und zu gleicher Zeit sich so unbehende angefaßt fühlte, und zwar von jemand, der bisher bei allen zwischen beiden vorgefallnen Kampfspielen sich bloß passive verhalten müssen (ein Umstand, welcher das ganze um so verhaßter machte): so entging ihm endlich die Geduld; er warf sich in eine angreifende Stellung, raffte alle seine Kräfte zusammen und ging ebenso ungestüm auf Jones Fronte los, als er's ehedem mit seinem Hintergliede gewohnt war.

Unser Held stand dem Angriffe des Feindes mit der unerschütterlichsten Tapferkeit, und sein Brustgewölbe erklang von dem Schlage. Er gab solchen sogleich mit nicht minderer Heftigkeit zurück und zielte dabei ebenfalls auf Ehrn Schwögers Brust; der aber drückte nach guter Boxer Art und Kunst, Jones' Fäuste niederwärts, so daß er bloß den Bauch traf, welcher mit zwei Pfund Rindfleisch und ebensoviel Pudding angefüllt war, und also vom Schlage nicht hohl erschallen konnte. Ein mancher fester Faustschlag, lustiger und leichter anzusehen, als zu lesen oder zu beschreiben, ward von beiden Seiten gegeben und empfangen; und es hatte ein heftiger Fall, bei welchem Jones seine Kniee auf Schwögers Brust geworfen hatte, den letzten so entkräftet, daß der Sieg nicht länger zweifelhaft geblieben wäre, hätte nicht Blifil, der unterdessen wieder zu Kräften gekommen, das Gefecht wieder erneuert und dadurch, daß er mit Jones anband, dem geistlichen Herrn einen Augenblick Zeit verschafft, wo er die Ohren schütteln und sich verschnaufen konnte.

Und nun griffen beide unsern Helden an, dessen Streiche nicht mehr die Kräfte behielten, womit sie zu Anfang gefallen waren: so geschwächt hatte ihn dieser Kampf mit Schwögern. Denn, obgleich der Pädagog lieber sein Solo auf dem Menscheninstrument[228] spielen mochte und die letzte Zeit her nur dergleichen Sonaten geübt hatte, so hatte er doch von seiner alten Wissenschaft noch soviel behalten, daß er auch noch ganz gut mit einem Duett zurechtkommen konnte.

Der Sieg schien der neuern Gewohnheit nach sich auf die Seite der stärkern Anzahl zu lenken, als plötzlich ein viertes Paar Fäuste in der Schlacht erschienen und im Augenblick gleich dem geistlichen Herrn ihr Kompliment machten, wobei ihr Führer ausrief: »Sei'n keine Sünd' und Scham in euch, verdammte Kerls, daß 'r zwei auf einen fallt!«

Die Schlacht, welche von der Art war, welche man zum Unterschiede von kleinen Wettfäusteleien die königliche nennt, wütete nun mit entsetzlicher Heftigkeit einige Minuten hindurch fort; bis Schwöger, als er sah, daß Blifil zum andernmale von Jones zu Boden gestreckt worden, sich herabließ, um Quartier bei seinem neuen Widersacher anzusuchen, in welchem man nunmehr Herrn Western selbst entdeckte; denn in der Hitze des Treffens hatte ihn keiner von den Kombattanten erkannt.

Die Sache traf so zu: dieser ehrliche Junker ging bei seinem Abendspaziergange mit einiger Gesellschaft, zufälligerweise eben in der Gegend, wo die blutige Schlacht gefochten wurde; und nachdem er daraus, daß er drei Mann im Handgemenge erblickte, schloß, daß zwei davon auf einer Seite sein müßten, so verließ er eilig seine Gesellschaft und nahm biederherzig genug, aber ganz unpolitisch, sich der schwächern Partei an. Vermittelst dieses großmütigen Verfahrens, verhinderte er wahrscheinlicherweise, daß Jones nicht Schwögers Zorne und der frommen Freundschaft, welche der pflichtliebende Blifil für seinen alten Lehrer hegte, hingeopfert wurde. Denn, die überlegene Anzahl abgerechnet, hatte Jones in seinem eben geheilten Arme noch nicht alle Kräfte wieder. Diese Verstärkung machte indessen dem Treffen bald ein Ende, und Jones und seine Alliierten behielten das Feld.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 226-229.
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