Neuntes Kapitel.

[217] Welches unter andrem auch als ein Kommentar über die Stelle im Aeschines dienen kann, wo er sagt: Trunkenheit zeigt das Gemüt eines Menschen, wie ein Spiegel seine persönliche Gestalt zurückwirft.


Der Leser mag sich vielleicht wundern, daß er im vorigen Kapitel kein Wort von Jones gehört hat. Die Ursache davon ist:[217] sein Betragen war von dem Betragen der andern darin erwähnten Personen so verschieden, daß wir lieber seinen Namen mit den ihrigen nicht vermengen mochten.

Nachdem der edle Mann seine Rede abgebrochen hatte, war Jones der letzte, der das Zimmer verließ. Er begab sich von da in sein eigenes, um seiner Betrübnis freien Lauf zu lassen. Allein die Unruhe seines Gemüts erlaubte es ihm nicht, lange daselbst zu verbleiben. Er schlich sich also leise auf den Zehen herunter bis an Herrn Alwerths Stubenthür, vor der er eine ziemliche Zeit lauschte, ohne darin die geringste Bewegung zu vernehmen, ausgenommen ein heftiges Schnarchen, welches ihn endlich seine Furcht für das letzte Todesröcheln halten ließ. Dies beängstigte ihn dergestalt, daß er sich nicht enthalten konnte, in das Zimmer hineinzuschleichen. Hier fand er nun den guten Mann in einem hübschen geruhigen Schlafe und seine Krankenpflegerin auf die obbesagte Art am Fuße des Bettes herzlich schnarchen. Er ergriff augenblicklich das einzige Mittel, diesen Generalbaß ins Pausieren zu setzen, weil er fürchtete, seine Musik möchte den Schlaf des Herrn Alwerth stören; und nachdem er sich bei der Wärterin niedergesetzt hatte, blieb er still, ohne sich zu regen, bis Herr Blifil und der Doktor zusammen hereintraten und den guten Mann aufweckten, damit der eine ihm den Puls befingern und der andre ihm die Zeitung überbringen könne, welche schwerlich unter diesen Umständen ihren Weg zu Herrn Alwerths Ohr gefunden haben möchte, wenn Jones den geringsten Wind davon gehabt hätte.

Jones, als er den Anfang dieser Geschichte hörte, welche Blifil seinem Onkel erzählte, konnte kaum den Zorn zurückhalten, welcher sich in seiner Brust über des andern Unbehutsamkeit entzündete, um so mehr da der Doktor dabei den Kopf schüttelte und seine Unzufriedenheit darüber bezeigte, daß man dem Kranken diese Nachricht sagen wollte. Allein da ihn sein Zorn nicht in dem Grade des Gebrauches seines Verstandes beraubte, daß er nicht die Folgen hätte begreifen sollen, welche heftige Ausdrücke gegen Blifil hätten für den Kranken hervorbringen können, so besänftigte diese Sorgsamkeit für jetzt seinen Aerger, und nachher ward er so vergnügt, als er fand, daß diese Nachricht wirklich kein Uebel gestiftet habe, daß er seinen Unwillen in seiner eigenen Brust ersterben ließ, ohne seiner jemals gegen Herrn Blifil zu erwähnen.

Der Arzt aß des Mittags in Herrn Alwerths Hause, und als er nach Tische seinen Patienten besucht hatte, sagte er der Tischgesellschaft, da er wieder zurück kam, daß er nunmehr das Vergnügen haben könne, mit Zuverlässigkeit zu sagen: sein Patient sei außer aller Gefahr, sein Fieber habe sich nunmehr völlig gebrochen[218] und er zweifle nicht, er würde mit einer Gabe Chinarinde sicher verhindern, daß es wiederkehre.

Diese Nachricht gefiel unserm Jones dermaßen und setzte ihn in einen solch hohen Grad der Entzückung, daß man mit Wahrheit von ihm hätte sagen können, er sei freudetrunken. Eine Trunkenheit, welche der Wirkung des Weines sehr zu statten kommt. Und da er bei dieser Gelegenheit gar nicht blöde mit seiner Weinflasche war (denn er trank manchen Bumper auf die Gesundheit des Doktors sowohl als andrer Personen), so ward er bald in buchstäblichem Verstande betrunken.

Jones hatte von Natur sehr bewegliche und heftige Lebensgeister. Da diese durch den Weinspiritus vermehrt und in Gang gesetzt wurden, so brachte das die allersonderbarsten Wirkungen hervor. Er küßte den Doktor und umarmte ihn unter den heftigsten Liebkosungen, schwur, daß er ihn nächst Herrn Alwerth selbst unter allen lebenden Menschen am liebsten hätte. »Doktor,« setzte er hinzu, »Sie verdienen, daß man Ihnen auf gemeine Kosten ein öffentliches Denkmal setzte, weil Sie einen Mann erhalten haben, der nicht nur der Liebling aller guten Menschen ist die ihn kennen, sondern eine Wohlthat für die Menschheit, eine Ehre seines Vaterlandes und ein Triumph der menschlichen Natur. Gott soll mich strafen, wenn ich ihn nicht lieber habe wie meine eigne Seele!«

»So mehr Schande für Sie, junger Herr!« rief Schwöger, »ob ich wohl glaube, daß Sie Ursache haben ihn zu lieben, denn er hat sie gar artig bedacht. Und vielleicht wäre es für jemand besser gewesen, wenn er nicht gelebt hätte, um gute Gründe zu finden, sein Vermächtnis wieder zurückzunehmen.«

Jones, der jetzt auf Schwöger mit unaussprechlicher Verachtung herabsah, antwortete: »Und glaubt Eure jämmerlich kleine Seele, daß irgend eine solche Betrachtung bei mir vom geringsten Gewicht sein könne? Nein, laßt die Erde sich aufthun und ihren eigenen Kot verschlingen (denn so würde ich es nennen, wenn ich eine Million Acker besäße), lieber, als daß sie meinen teuern, glorwürdigsten Freund verschlinge.«


Quis desiderio sit pudor aut modus

Tam cari capitis?


Um solch ein liebes Herz, wer schämte sich

Der Sehnsucht, oder wüßte je ihr Maß?


Hier legte sich der Doktor dazwischen und verhinderte die Wirkungen eines Zorns, der sich zwischen Jones und Schwöger entzündet hatte. Hierauf gab der erste seiner Munterkeit Raum, sang ein Paar oder mehr verliebte Lieder und fiel in alle jene Unordnung,[219] welche eine ungezähmte Freude einzuflößen pflegt. Aber so weit war er entfernt von aller Neigung zum Zank, daß er womöglich noch zehnmal friedfertiger und aufgeräumter war, als bei gewöhnlichem nüchternen Mute.

In Wahrheit, nichts kann irriger sein als die gemeine Sage, daß bösartige, zänkische Menschen beim Trunke die würdigsten Personen bei nüchternem Mute sind, denn wirklich kehrt Trunkenheit die menschliche Natur nicht um, oder erschafft Leidenschaften in ihnen, welche vorher nicht da waren. Sie schafft allerdings die wachende Vernunft beiseite und nötigt uns folglich, uns in der Gestalt zu zeigen, welche manche, so lange sie nüchtern sind, Kunst genug besitzen, zu verbergen. Sie erhöht und entzündet unsre Leidenschaften (freilich am gewöhnlichsten diejenige, welche eben in unsrem Gemüt die Oberhand hat,) solchergestalt, daß die zänkischen Gemüter, die Verliebten, die Großmütigen, die Friedseligen, die Geizigen, kurz alle menschlichen Gemütsarten beim Trunke sich am deutlichsten zu Tage legen.

Und dennoch, weil keine Nation so viele Zänkereien im Trunke hervorbringt als die englische, besonders unter dem gemeinen Manne (denn wirklich heißt bei ihnen mit einander trinken und sich schlagen fast einerlei und ebendasselbe), so möchte ich doch nicht, nach meiner Ueberzeugung, daß man daraus schlöße, das englische Volk sei eben das schlimmste auf der Welt. Vielleicht liegt bloß die Liebe zum Ruhme dabei zum Grunde, so daß die reinste Schlußfolge zu sein scheint, unsre Landsleute besitzen mehr von dieser Liebe und mehr Tapferkeit als der Pöbel irgend eines andern Reiches. Und dies um so mehr, als selten etwas Ungroßmütiges, Hinterlistiges oder Niederträchtiges bei diesen Gelegenheiten verübt wird. Ja es ist gewöhnlich, daß die Fechter, selbst in dem Augenblick ihrer Balgereien, einer dem andern eine gewisse Gutherzigkeit bezeigt, und so wie ihre trunkene Fröhlichkeit sich gemeiniglich mit einer Schlägerei endigt, so endigen sich die meisten ihrer Schlägereien in Freundschaft.

Aber wieder zu unsrer Historie. Obgleich Jones keinen Vorsatz gezeigt hatte jemand zu beleidigen, so ward Herr Blifil doch sehr aufgebracht über ein Betragen, das zu der ehrbaren, klugen Mäßigkeit seiner eigenen Gemütsart so wenig stimmte. Er ertrug es mit desto größerer Ungeduld, weil es ihm höchst unanständig vorkam, besonders zu einer Zeit, da, wie er sagte, das Haus ein Haus der Trauer und Klage sei über den Tod seiner Mutter, und wenn der Himmel so gnädig gewesen, ihnen einige gute Hoffnung auf Herrn Alwerths Besserung zu verleihen, so würde es sich besser für sie schicken, die Freude ihrer Herzen durch Lob- und Dankpsalmen[220] auszudrücken, als durch Saufen und Schwärmen, wodurch man den Zorn des Himmels reize, anstatt solchen von sich abzuwehren. Schwöger, der weit mehr Wein und Bier zu sich genommen hatte als Jones, nur daß ihm nicht so leicht etwas zu Kopfe stieg, unterstützte diese fromme Strafrede des Herrn Blifil; Quadrat aber blieb aus Ursachen, die der Leser vielleicht erraten wird, dabei völlig stumm.

Jones war vom Weine dergestalt überwältigt, daß er sich an Blifils Verlust gar nicht erinnerte, bis jetzt, als desselben erwähnt wurde. Da nun kein Mensch bereitwilliger war als Jones, seine Irrtümer und Fehler zu bekennen und zu verdammen, so bot er dem Herrn Blifil die Hand, um ihn um Verzeihung zu bitten, und sagte dabei: seine übermäßige Freude über Herrn Alwerths Genesung habe alle übrigen Gedanken aus seinem Kopf und Herzen verjagt.

Blifil schlug seine Hand mit Verachtung aus und antwortete mit zornigem Unwillen: »Es wäre eben kein Wunder, wenn tragische Schauspiele keinen Eindruck auf Blinde machten; für sein Teil aber habe er das Unglück, zu wissen wer seine Eltern gewesen, und folglich müsse ihr Verlust ihm wohl zu Herzen gehen.«

Jones, der ungeachtet seines aufgeräumten Gemüts doch eine kleine Mischung von Galle in seinem Blute hatte, sprang hastig von seinem Stuhle auf, faßte Blifiln bei der Halskrause und rief aus: »Ei, du verdammter Schurke! willst du mir das Unglück meiner Geburt in die Zähne werfen?« Er begleitete diese Worte mit so unsanften Handlungen, daß solche sehr bald das friedsame Gemüt des Herrn Blifil überwältigten; und es erfolgte auf der Stelle eine Balgerei, welche hätte unglücklich ablaufen können, wenn sich nicht Schwöger und der Arzt dazwischengelegt und es verhindert hätten; denn die Philosophie des Quadrats setzte ihn über alle Gemütsbewegungen hinaus und er schmauchte gelassen seine Pfeife fort, wie seine Gewohnheit bei jedem Zank und Streite war, es sei denn, daß er Gefahr besorgte, sie möchte ihm im Munde zerschlagen werden.

Nachdem die Fechter verhindert worden, für jetzt ihre Rache aneinander auszulassen, nahmen sie ihre Zuflucht zu den gewöhnlichen Mitteln einer ohnmächtigen Wut und machten ihrem Aerger Luft durch Schimpfen und Drohen. In dieser Art von Kampfe war das Glück, welches beim persönlichen Angriff sich auf Jones' Seite zu neigen schien, seinem Feinde hinwiederum ebenso günstig.

Nichtsdestoweniger ward endlich durch Vermittlung der neutralen Mächte ein Waffenstillstand beliebt, und die ganze Gesellschaft setzte sich wieder an den Tisch; wo man Jones dahin vermochte, daß er um Verzeihung bat, und Blifil, daß er sie erteilte und also[221] der Friede hergestellt und alles wieder in statu quo zu sein schien.

Allein, obgleich der Streit nach allem Anschein völlig ausgeglichen war, so ward doch die gute Laune, welche dadurch unterbrochen worden, keineswegs wiederhergestellt. Alle frohe Munterkeit hatte nun ein Ende und das folgende Gespräch bestand in steifen Erzählungen von Thatsachen und in Anmerkungen darüber, die ebenso steif und trocken waren. Eine Art von gesellschaftlicher Unterredung, wobei zwar viele Würde und Belehrung, aber sehr wenig Unterhaltung stattfindet. Da wir also nur die letzte dem Leser zu verschaffen beabsichtigen, so wollen wir alles überschlagen was gesagt wurde, bis die übrigen von der Gesellschaft nach und nach fortgegangen waren und den Arzt und Quadrat allein bei einander gelassen hatten. Um diese Zeit ward das Gespräch etwas lebhafter durch diese und jene Anmerkung über dasjenige, was zwischen den jungen Herren vorgefallen war. Beide, meinte der Doktor, wären am Ende weiter nichts als ein paar dumme Jungen; welche Benennung der Philosoph durch ein sehr weises Achselzucken bestätigte.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 217-222.
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