Zehntes Kapitel.

[222] Zeigt die Wahrheit mancher Bemerkung des Ovid und andrer tiefsinnigen Weltweisen mehr, welche ohne Widerrede bewiesen haben, daß oft der Wein ein Vorläufer der Unenthaltsamkeit sei.


Jones begab sich aus der Gesellschaft, in welcher wir ihn gesehen haben, hinaus aufs Feld, wo er sich durch einen Spaziergang in freier Luft ein wenig abzukühlen dachte, bevor er zum Herrn Alwerth hineinging. Hier begegnete ihm unterdessen, daß er die Beobachtungen über seine teure Sophie erneuerte, welche die gefährliche Krankheit seines Freundes und Wohlthäters auf eine Zeitlang unterbrochen hatten, ein Zufall, welchen wir mit Betrübnis erzählen und welchen man gewiß mit Betrübnis lesen wird. Gleichwohl zwingt uns die Wahrheit, der wir bekanntlich die treueste Anhänglichkeit gelobt haben, diesen Zufall der Nachwelt mitzuteilen.

Es war eben ein sehr anmutiger Abend, gegen Ende des Juni-Monats, als unser Held in dem lieblichsten Wäldchen spazieren ging, wo die linde Luft, welche die Blätter fächelte, das sanfte Rieseln eines murmelnden Bächleins, die melodischen Töne der Nachtigallen miteinander eine bezaubernde Harmonie ausmachten.[222] In dieser für die Liebe so wonniglich zubereiteten Szene überließ er sich dem Nachdenken über seine teure Sophie. Derweil seine erwärmte Phantasie alle ihre Schönheiten mit ungebundener Freiheit umflatterte und seine verliebte Einbildungskraft ihm das reizende Mädchen in tausend verschiedenen entzückenden Gestalten vormalte, zerschmolz sein warmes Herz in Zärtlichkeit, und endlich warf er sich hin ins Gras am Ufer eines rieselnden Stroms und brach aus in folgende Ergießungen eines liebequellenden Herzens:

»O Sophie! wollte der Himmel dich meinen Armen schenken, wie überschwenglich glücklich wäre mein Los! Verwünscht sei das Glück, welches die weite Kluft zwischen uns legte! Könnte ich nur zu deinem Besitze gelangen und dein ganzes Vermögen enthielte nur einen einzigen Anzug von schlechten Lumpen, wo wäre der Mann auf dieser Welt, den ich beneiden könnte! Wie verächtlich wäre dann meinen Augen die blendendste cirkassische Schöne, geschmückt mit allen Schätzen beider Indien an köstlichen Steinen! Aber was hat ein andres weibliches Geschöpf mit meinen Gedanken zu schaffen! Könnte ich nur glauben, meine Augen wären fähig, eine andre mit Zärtlichkeit anzublicken, diese Hände sollten sie mir aus dem Kopfe reißen. Nein, meine Sophie, sollte auch das grausame Glück auf immer uns trennen, so soll doch meine Seele ewig nur an der deinigen festhangen. Dein Bild will ich ewig mit reinster Keuschheit in meinem Herzen bewahren. Sollte ich auch niemals deine reizende Person besitzen, dennoch bleibt dir allein der unumschränkte Besitz meiner Gedanken, meiner Liebe, meiner Seele. O, mein liebekrankes Herz ist so in jene treue Brust verwebt, daß die glänzendste Schönheit für mich keinen Reiz hätte, noch ein Einsiedler bei ihrer Umarmung kälter sein könnte, als ich. Sophie, Sophie nur soll die meinige sein. Welch Entzücken liegt in diesem Namen! In jeden Baum will ich ihn schneiden.«

Bei diesen Worten sprang er auf und sah – nicht seine Sophie – nein, auch nicht eine cirkassische Schöne, reich und zierlich geschmückt für den Harem des Großtürken. Nein, ohne Rock, im Hemde, das so ziemlich ins gröbste fiel und nicht eben das reinste, durchtaut ein wenig mit gewissen starkriechenden Dünsten, erregt durch die Arbeit des Tages, mit einer Heugabel in der Hand – kam daher – Molly Seegrim. Unser Held hielt in der Hand sein Federmesser, welches er zum vorhin gedachten Endzweck, in die Baumrinden zu graben, hervorgezogen hatte. Als das Mädchen näher hinzukam, rief sie mit einem Lächeln: »Sie meenen mich doch nicht tot zu stecken, Junker, hoffe ich!« – »Warum meint Sie, sollte ich Sie erstechen?« antwortete Jones. – »Nu,« erwiderte sie, »nach der grausamen Begegnung, die Sie mir thäten, als[223] ich Ihnen das letztemal sah, wär's wohl die größte Küte, die 'ch von Sie erwarten könnte, wenn Sie mich umbrächten.«

Hier begann eine Kapitulation, welche ich weglasse, weil ich mich nicht verbunden erachte, solche der Länge nach anzuführen. Genug, daß eine ganze Viertelstunde über ihrer Schließung hingebracht wurde, worauf sich die Parteien in den dicksten Teil des Wäldchens begaben.

Einige von meinen Lesern mögen geneigt sein diesen Vorfall für unnatürlich zu halten. Gleichwohl hat die Sache ihre Richtigkeit und vielleicht läßt sie sich hinlänglich erklären, wenn man annimmt, daß Jones wahrscheinlicherweise dachte, ein Frauenzimmer sei besser als gar keins, und Molly ebenso wahrscheinlicherweise der Meinung war, zwei Männer wären besser als nur einer. Der Leser wird auch die Güte haben, zum besten unsers Jones sich zu erinnern, daß außer den vorangeführten Beweggründen seiner jetzigen Aufführung er auch wirklich in diesem Augenblicke nicht Herr von der wundermächtigen Gewalt der Vernunft war, welche weise und ernsthafte Männer so geschickt macht, ihre unbändigen Leidenschaften zu bezähmen und alle Anwandlungen von dergleichen verbotenen Gelüsten von sich abzulehnen. Der Wein hatte jetzt alle dergleichen Macht und Gewalt in unserm Jones weggeschwemmt, wie in allgewaltigen Wassern der Sintflut! Er war wirklich in einem Zustande, worin die Vernunft, hätte sie sich obgleich nur als Ratgeberin ins Mittel legen wollen, leicht eben die Antwort erhalten können, welche ein gewisser Kleostratus bereits vor vielen Jahren einem einfältigen Gesellen gab, der ihn fragte: ob er sich nicht schäme, betrunken zu sein? »Schämst du dich nicht,« sagte Kleostratus, »einem betrunkenen Menschen etwas vorzuwerfen?« – Die Wahrheit zu sagen, muß zwar in bürgerlichen Gerichten Betrunkenheit für keine Entschuldigung gelten; dennoch ist es eine vor dem Gerichte des Gewissens. Deswegen denn Aristoteles, welcher die Gesetze des Pittakus lobt, nach welchen ein Betrunkener doppelte Strafe für sein Verbrechen erlitt, dennoch eingesteht, daß dieses Gesetz sich mehr auf Polizei als auf Gerechtigkeit gründe. Da nun aber manche Vergehungen der Trunkenheit wegen zu entschuldigen sind, so gehören gewiß diejenigen darunter, in welche jetzt unser Jones verfiel; über welchen Satz ich eine große Menge von Gelehrsamkeit auskramen könnte, wenn ich dächte, daß solches meine Leser belustigen oder irgend etwas lehren könnte, was sie nicht bereits wissen. Ihretwegen also will ich meine Gelehrsamkeit lieber nicht auspacken und wieder auf meine Geschichte kommen.

Man hat die Beobachtung gemacht, daß das Glück eine Sache selten nur halb thue: und es ist wahr, ist es einmal in der Laune,[224] jemand etwas zu Gefallen oder zuwider zu thun, so nimmt es mit seinem Hisse Bissen kein Ende. Nicht so bald also hatte sich unser Held mit seiner Dido auf die Seite begeben,


Speluncam Blifil, dux et divinus eandem

Deveniunt –


Wo mit dem göttlichen Helden auch Blifil zu eben derselben Höhle gelangte – –


als der geistliche Herr Schwöger und der Junker Blifil, welche einen ernsthaften Spaziergang zusammen machten, bei der Höhe ankamen, über welche man steigen mußte, um in das Wäldchen zu kommen, und der letzte einen Blick von den Verliebten erhaschte, gerade als sie aus dem Gesichtskreise verschwinden wollten.

Blifil erkannte seinen Jones sehr gut, obgleich in einer Entfernung von ein paar hundert Schritten; und ebenso gewiß war er in Ansehung des Geschlechts seiner Begleiterin, obwohl nicht in Ansehung ihrer eigentlichen Person. Er stutzte, entsetzte sich und sagte ein paar Stoßgebete vor sich hin.

Schwöger bezeigte sein Verwundern über diese plötzliche Gemütsbewegung und fragte nach ihrer Veranlassung. Worauf Blifil antwortete: er sei gewiß, er habe einen Kerl und ein Weibsbild ins Gebüsch schleichen sehen, und zweifle nicht, daß solche auf bösen Wegen gingen. Was Jones' seinen Namen anbetrifft, so hielt er für ratsam den zu verschweigen, und das warum? müssen wir dem Urteil des einsichtsvollen Lesers überlassen; denn wir mögen nicht gern Ursachen für die Handlungen der Menschen anführen, solange noch die geringste Möglichkeit vorhanden ist, daß wir uns dabei irren können.

Ehrn Herr Schwöger, der nicht nur sehr streng keusch für seine eigene Person, sondern auch ein großer Feind des entgegengesetzten Lasters bei andern war, geriet bei dieser Nachricht in Feuer und Flammen. Er begehrte, Herr Blifil solle ihn augenblicks zu dem Platze hinführen: und so wie sie hingingen, stieß er Schmähreden und Klaglieder aus; auch enthielt er sich nicht auf den Herrn Alwerth einige Seitenhiebe fallen zu lassen, indem er zu verstehen gab, das Sittenverderbnis des Landes sei hauptsächlich eine Folge davon, daß er die Gottlosen in ihrer Bosheit dadurch bestärkte, daß er einem Bastarde so liebreich begegnet sei und die heilsame Strenge des Gesetzes gemildert habe, welches den unzüchtigen Weibsbildern eine harte Züchtigung auferlegt.

Der Weg, den unsre Jäger nehmen mußten, um ihr Wildbret zu verfolgen, war dergestalt mit Dorngesträuchen verwachsen, daß es ihnen sehr beschwerlich fiel, hindurchzukommen, und nebenher machten[225] sie auch ein solches Geräusch, daß Jones dadurch hinlänglich von ihrer Annäherung Warnung erhielt, ehe sie ihn überrumpeln konnten; ja, Schwöger war auch wirklich so wenig fähig, seinen heiligen Eifer zu verbergen, und solche Rache drohte er bei jedwedem Schritte mit vernehmlicher Stimme, daß Jones dadurch überflüssig überzeugt werden mußte, man habe ihn (nach Weidmannssprache) im Kessel gerahmt.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 222-226.
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