Fünftes Kapitel.

[140] Enthält einige Dinge, welche den Leser rühren, und andere, die ihn überraschen werden.


Die Glocke hatte nunmehr sieben geschlagen, und die arme Sophie saß einsam und melancholisch, und las in einem Trauerspiele. Es war die Unglückliche Heirat, und sie war bis an den Auftritt gekommen, wo die bedrängte Isabella ihren Trauring weggibt.

Bei dieser Stelle entfiel ihr das Buch aus den Händen, und ein Thränenstrom rann in ihren Busen hinab. Sie hatte sich eine Minute in dieser Stellung befunden, als die Thüre aufging und Graf Liebegrimm hereintrat. Sophie sprang bei seiner Erscheinung vom Stuhle, und Seine hochgräfliche Gnaden traten weiter vor und machten eine tiefe Verbeugung, wobei Sie zu sagen geruhten: »Ich fürchte, mein gnädiges Fräulein von Western, daß ich ebenso ungelegen, als unangemeldet komme.« – »In der That, Herr Graf!«[140] sagte sie, »ich muß bekennen, daß mich dieser unerwartete Besuch ein wenig überrascht.« – »Wenn dieser Besuch unerwartet ist, gnädiges Fräulein,« antwortete der Graf, »so müssen meine Augen sehr ungetreue Dolmetscher meines Herzens gewesen sein, als ich das letzte Mal die Ehre hatte, meine Aufwartung zu machen; denn sonst hätten Sie doch gewiß nicht hoffen können, mein Herz in Ihrem Gewahrsam zu behalten, ohne von seinem vorigen Eigentümer einen Besuch zu erhalten.« Sophie, so verwirrt sie war, antwortete auf diesen Bombast und zwar sehr schicklich, wie ich glaube, mit einem Blick voll unbeschreiblicher Verachtung. Der Graf hielt darauf eine andere und noch längere Rede in eben dem Stile, worauf Sophie zitternd sagte: »Soll ich denn wirklich dafür halten, Herr Graf, daß Sie Ihren Verstand verloren haben? Denn auf eine andre Art wüßte ich ein solches Betragen gewiß nicht zu entschuldigen.« – »Mein gnädiges Fräulein, ich befinde mich wirklich in der Lage, die Sie mir zuschreiben,« rief der Graf, »und Sie werden gewiß die Wirkung einer Raserei entschuldigen, die Sie selbst veranlaßt haben, denn die Liebe hat mich so völlig meiner Vernunft beraubt, daß ich selbst kaum weiß, was ich beginne.« – »Auf mein Wort, Herr Graf,« sagte Sophie, »ich verstehe ebensowenig Ihre Worte, als Ihr Betragen.« – »So erlauben Sie mir denn, gnädiges Fräulein,« rief er, »daß ich beides zu Ihren Füßen erkläre, indem ich Ihnen meine ganze Seele eröffne, und Ihnen beteure, daß ich bis zum höchsten Grad des Wahnsinns in Sie verliebt bin. O höchst anbetungswürdigstes, göttlichstes Fräulein, welche Sprache vermag die Empfindungen meines Herzens auszudrücken!« – »Ich versichre Sie, Herr Graf,« sagte Sophie, »ich werde nicht länger bleiben, solche Dinge von Ihnen anzuhören.« – »Nein, nein!« rief er, »Sie müssen nicht so grausam sein, mich so zu verlassen! Wären Ihnen nur die Qualen zur Hälfte bekannt, die ich leide, Ihr zärtliches Herz müßte Mitleiden mit der Pein empfinden, die Ihre Augen verursacht haben.« Darauf holte er einen tiefen Seufzer und fuhr, indem er ihre Hand ergriff, einige Minuten in einem Tone fort, welcher dem Leser nicht viel angenehmer klingen würde, als er Sophien klang, und beschloß endlich mit der Erklärung, daß, wenn er Herr der ganzen Welt wäre, er solche zu ihren Füßen legen würde. Sophie riß drauf mit Gewalt ihre Hand aus der seinigen und antwortete mit Entschlossenheit: »Ich versichre Sie, Herr Graf, ich würde Ihre Welt, samt ihrem Herrn, mit gleicher Verachtung von mir stoßen.« Hierauf wollte sie fortgehen; Graf Liebegrimm ergriff aber ihre Hand von neuem und sagte: »Verzeihen Sie mir, geliebtester Engel, wenn ich mir Freiheiten nehme, zu denen mich nur die äußerste Verzweiflung treiben kann! Glauben Sie mir, hätte ich die geringste Hoffnung fassen können, daß Sie meinen Stand und mein Vermögen, welche beide nur alsdann unbeträchtlich scheinen können, wenn sie gegen Ihren hohen Wert auf die Wagschale gelegt werden, Ihrer Annahme würdig finden würden; – wirklich, aufs demütigste hätte ich Ihnen solche angetragen. – Aber ich kann Sie nicht verlieren! Beim Himmel! lieber verliere ich meine eigne Seele. Sie[141] sind, Sie müssen, Sie sollen einzig und allein die meinige bleiben!« – »Herr Graf,« sagte sie, »ich ersuche Sie, von einem eitlen Vorsatz abzustehen; denn auf meine Ehre! ich will über diesen Punkt nie etwas weiter von Ihnen hören. Lassen Sie meine Hand, Graf; denn ich bin entschlossen, in diesem Augenblick von Ihnen zu gehen und nie wieder einen Besuch von Ihnen anzunehmen.« – »So muß ich denn, mein Fräulein,« schrie der Graf, »diesen Augenblick bestens zu nutzen suchen, denn ich kann und will nicht ohne Sie leben.« – »Was meinen Sie damit, Herr Graf?« sagte Sophie. »Ich werde Lärm im Hause machen.« – »Ich fürchte in der Welt nichts, mein Fräulein,« antwortete er, »als Sie zu verlieren, und bin entschlossen, diesen Verlust auf die einzige Art zu verhindern, welche mir die Verzweiflung anweist.« – Hierbei faßte er sie in seine Arme, worüber sie so laut schrie, daß ihr jemand hätte zu Hilfe eilen müssen, hätte nicht die Bellaston dafür gesorgt, alle Ohren weit genug zu entfernen. Aber es begab sich ein glücklicher Umstand für die arme Sophie, es erhob sich ein andres Gelärm, welches ihr Geschrei fast verschlang, denn jetzt ertönte im ganzen Hause: »Wo ist sie? Blitz und der Hagel, den Augenblick will ich sie losriegeln! Weist mir ihre Kammer, sage ich! Wo ist meine Tochter? Ich weiß, sie ist im Hause, und sehen will ich sie, wenn sie übern Grund ist! Zeigt mir, wo ist sie?« – Bei diesen Worten flog die Thüre auf, und herein stürzte Junker Western mit seinem Pfarrer und einem großen Troß von Gefolge auf seinen Fersen.

Wie elend müssen die Umstände der armen Sophie gewesen sein, wenn die wütende Stimme ihres Vaters ihren Ohren willkommen war! Willkommen aber war sie in der That, und zum großen Glück kam er; denn es war der einzige Zufall auf Gottes Erdboden, welcher verhindern konnte, daß Sophien der Friede ihrer Seele nicht auf ewig geraubt wurde.

Ungeachtet ihrer Angst erkannte Sophie augenblicklich die Stimme ihres Vaters, und Se. hochgräfl. Gnaden, ungeachtet Dero Leidenschaft, erkannten die Stimme der Vernunft, welche Dieselben aufs schleunigste versicherte, es wäre jetzt nicht die Zeit Hochdero Schandthat auszuführen. Sonach, als er die Stimme näherkommen, und gleichfalls hörte, wessen sie wäre, (denn sowie der Junker mehr als einmal das Wort Tochter brüllte, so hatte auch Sophie mitten unter ihrem Sträuben oft das Wort Vater gerufen), so hielt er für ratsam, seine Beute fahren zu lassen, nachdem er bloß ihr Halstuch ein wenig in Unordnung gebracht, und mit seinen unverschämten Lippen an ihrem liebreizenden Busen einige Gewaltthätigkeiten verübt hatte.

Wenn mir die Einbildungskraft des Lesers nicht zu Hilfe kommt, so bin ich platterdings nicht im stande, die Fassung dieser zwei Personen zu beschreiben, als Western ins Zimmer trat. Sophie schwankte hin auf einen Stuhl, worauf sie saß, verstört, bleich, atemlos, kochend vor Zorn über den Graf Liebegrimm, dabei voller Angst und doch noch mehr voller Freuden über die Ankunft ihres Vaters. Se. Hochgräfl. Gnaden setzten sich nahe bei ihr nieder, den Haarbeutel[142] der Perücke über eine seiner Schultern hervorhängend, den Ueberrest seiner Kleidung ein wenig in Unordnung, und ein wenig mehr von der weißen Wäsche, als gewöhnlich, vor den Busen hervorgezaust; im übrigen erstaunt, erschrocken, verdrießlich und beschämt.

Was den Junker Western betrifft, so hatte ihn eben um diese Zeit ein Feind erhascht, welcher die Landjunker dieses Reichs sehr oft verfolgt und sie nicht selten einzuholen pflegt. Buchstäblich gesagt: er war betrunken; welcher Umstand, zusammengenommen mit seiner natürlichen Heftigkeit, keine andere Wirkung hervorbringen konnte, als daß er spornstreichs auf seine Tochter zulief und bitterlich mit seiner Zunge über sie herfiel; ja, er würde vermutlich mit den Händen gewaltthätig zuwerk gegangen sein, hätte sich nicht der Pfarrer dazwischen gelegt, welcher sagte: »Ums Himmelswillen! gnädiger Herr, geruhen Sie zu bedenken, daß Sie in dem Hause einer vornehmen Dame sind. Lassen Sie sich erbitten, Ihren Eifer zu mäßigen! Es sollte Ihnen schon ein großes Maß von Beruhigung gewähren, daß Dieselben Ihre Tochter gefunden haben; denn die Rache, gnädiger Herr, ist nicht unser. Ich bemerke große Reue und Leid auf dem Gesichte des gnädigen Fräuleins. Ich bin der Gewißheit, daß, wofern Sie ihr Vergebung angedeihen lassen, solche alle ihre bisherigen Versündigungen gegen Sie bereuen und zu ihrer kindlichen Pflicht zurückkehren werden.«

Die Stärke der Arme des Pfarrers hatten anfangs bessere Dienste geleistet, als die Stärke seiner Wohlredenheit. Unterdessen thaten seine letzten Worte einige Wirkung, und der Junker antwortete: »Na! ich will's ihr vergeben, wenn sie 'n hab'n will! Wenn 'n hab'n willst, Fike, so will' ich dir alles vergessen und vergeb'n. Na! w'rum sprichst' nicht? Sollst'n hab'n, straf' mir Gott! sollst'n haben. Was? antwortst' nicht? Was das für 'n halsstarrige Kröt' ist!«

»Lassen Sie mein Bitten stattfinden, gnäd'ger Herr, sich ein wenig mehr zu mäßigen,« sagte Herr Pfarrer Schickelmann; »Sie erschrecken das gnäd'ge Fräulein so, daß Sie ihr das Vermögen der Sprache benehmen.«

»Vermögen meines A – auch!« antwortete der Junker. »Woll'n Sie 'r beistehn also? woll'n S'e? E'n wacker'r Pfarrer, mein Seel, der 's mit 'n ungehorsam'n Kind' hält. Ja, ja! 'ne bess're Pfarre sollst' hab'n, wenn Nimmerstag kommt, eh'r will ich s'e dem höllsch'n Satan geb'n.«

»Ich bitte ganz gehorsamst um Verzeihung,« sagte der Pfarrer, »das ist meine Meinung nicht gewesen! Ew. Gnaden untertänigst zu versichern.« Nunmehr kam Frau von Bellaston ins Zimmer, und nahte sich dem Junker, welcher sie nicht so bald erblickte, als er im Vorsatze, den Vorschriften seiner Schwester zu folgen, ihr auf gut landjunkerisch einen sehr höflichen Kratzfuß machte, und einige seiner besten Komplimente herstammelte. Hierauf stimmte er augenblicklich seine Klaglieder an, und sagte. »Da, gnäd'ge Kesine, da steht das ungehorsamste Kind auf dem ganzen Weltrevier; da girrt s'e nach'n lumpigen Bettlerschuft, und will ein'n der reichsten Partien nicht heiraten, die wir für s'e ausgesucht hab'n.«[143]

»In der That, Kousin Western,« antwortete die Dame vom Hause, »ich bin gewiß, Sie thun dem Fräulein Unrecht; dazu hat sie zu viel Verstand. Ich bin überzeugt, sie wird eine Partie nicht ausschlagen, die, wie sie selbst einsehen muß, so sehr vorteilhaft für sie ist.«

Dies war ein vorsätzliches Mißverständnis von der Frau von Bellaston; denn sie wußte recht gut, wen der Junker Western im Sinne hatte, ob sie gleich dabei auch denken mochte, er würde leicht zu des Grafen Vorschlägen herüberzubringen sein.

»Hörste, da? hörste da,« sagte der Junker, »was gnäd'ge Muhme sagt? Deine ganz' Familie ist für d'Partie. Komm Fikchen, sei artig! Sei 'n gut Kind, und mach dein'n Vater 'ne Freude.«

»Wenn mein Tod Ihnen Freude machen kann, liebster Vater,« antwortete Sophie, »so werden Sie diese Freude bald haben.«

»'S ist en' Lügen, Fikchen! 's ist 'n' verdammte Lügen, und das weißt du!« sagte der Junker.

»In der That, Fräulein Western,« sagte die Frau von Bellaston, »Sie thun Ihrem Vater Unrecht! Er hat bei dieser Verbindung nichts vor Augen, als Ihr Bestes, und ich und alle Ihre Freunde können es nicht anders, als für die größte Ehre aufnehmen, die durch diese Anwerbung Ihrer Familie erzeigt wird.«

»Ja wohl, wir alle mit'nander!« sagte der Junker. »Ja weißt ja wohl, daß es nicht 'nmal mein eigner Vorschlag ist. Sie weiß, daß 'n ihre Tante, mein' Schwester, zuerst that. Komm Fikchen, ich bitt' dich noch e'mal, sei'n fromm Kind und gib m'r dein Jawort, hier, daß dein' Kousine dabei ist!«

»Lassen Sie mich ihm Ihre Hand geben, liebe Kousine,« sagte die Dame vom Hause. »Heutzutage ist es Mode, die Zeit der langen Bräutigamsbesuche abzukürzen.«

»Pah!« sagte der Junker, »was ist 'r zu Bräutigams besuchen; zum liebeln und Bübeln ist's Zeit genug nachher! Was sie sich zu sagen haben, könn'n s'e noch gut genug thun, wenn s'e unter ein'n Bettlaken gewesen sind.«

Da der Graf Liebegrimm völlig versichert war, daß die Frau von Bellaston niemand sonst meine als ihn, und bis dahin noch kein Wort von Blisil gehört oder vermutet, noch geargwöhnt hatte, so zweifelte er nicht, daß der Vater gleichfalls von ihm spreche. Er ging also auf den Junker zu und sagte: »Ob ich gleich nicht die Ehre habe, mein Herr, persönlich bekannt zu sein, so erlauben Sie mir gleichwohl, da ich sehe, daß ich so glücklich bin mit meinem Vorschlage Gehör zu finden, für das gnädige Fräulein eine Fürbitte einzulegen, die dahin geht, daß man für jetzt nicht weiter in sie dringen möge.«

»Nä! Eine Fürbitte? Sie, Herr?« sagte der Junker. »Wer alle Teufel sind denn Sie?«

»Mein Herr, ich bin der Graf von Liebegrimm,« antwortete er, »und bin der glückliche Mann, dem Sie, wie ich hoffe, die Ehre erzeigt haben, ihn zu Ihrem Schwiegersohn anzunehmen.«

»Schwiegersohn? zum Schwernotssohn auch!« erwiderte der[144] Junker; »wenn Ihr' Kleider auch noch so sehr glimmern! Er mein Schwiegersohn! Nach Pfingsten auf'm Eise.«

»Von Ihnen, mein Herr, werd' ich mir mehr gefallen lassen, als von irgend einem andern Manne,« antwortete der Graf. »Dennoch muß ich Ihnen sagen, mein Herr, daß ich nicht gewohnt bin, dergleichen Sprache zu hören, ohne es zu ahnden.«

»Ahn' du meinen A –!« sagte der Junker. »Meinst' etwa, daß 'ch m'r vor solch'n Kerl fürcht', als du bist, weil du 'n lang' Bratspieß an der Lende bummeln hast? Leg' 'nmal 's Fangeisen weg, ich will d'r soviel geb'n, daß du dich nicht wieder in Ding' mischen sollst, die 'r nichts angehn – 'ch will dich beschwiegersohn'n, sollst all' dein Lebstage dran denk'n!«

»Es ist sehr gut, mein Herr!« sagte der Graf; »ich werde hier vor den Damen keine Unruhe anfangen, es wird sich alles schon finden! Ihr gehorsamer Diener, mein Herr. Gnäd'ge Frau von Bellaston, Ihr ganz gehorsamster.«

Seine hochgräfliche Gnaden hatten sich nicht so bald empfohlen, als Frau von Bellaston zum Junker Western hinging und ihm sagte: »Bewahre uns der Himmel! Herr von Western, was haben Sie angefangen! Sie wissen nicht, wen Sie beschimpft haben. Es ist einer der ersten Reichsgrafen, und ein äußerst reicher Herr, der gestern um Ihre Tochter geworben hat. Ein Mann, den Sie, nach meiner Ueberzeugung, mit dem äußersten Vergnügen annehmen müßten.«

»Was schiert mich Ihr' Ueberzeugung, hochgnädige Kousine?« sagte der Junker. »Ich will mit Ihr'n großen Reichsgrafen nichts zu thun hab'n. Mein' Tochter soll 'n hübsch ehrbar'n Landedelmann hab'n. Ich hab' schon ein'n, für s'e aufgetrieb'n, und den soll s'e habn. Vor all' die Müh die Sie mit 'r gehabt hab'n, hochgnäd'ge Muhm', thut's m'r herzlich leid! herzlich leid!« Frau von Bellaston sagte ihm allerlei Höflichkeiten über das Wort Müh, auf welche der Junker antwortete: »Nu, das ist dankenswert! – und ich könnt' für 'R Gnaden eben das thun. Ganz recht, Verwandte sollten so was für'n ander thun, und damit gut' Nacht, 'R Gnaden. Komm du, Madam Fiekchen, sollst mit m'r gehn, und das in all'n Guten, oder 'ch laß dich bei Kopf und Füß'n in d'Kutsche schleppen.«

Sophie sagte, sie wolle ihn ohne allen Zwang begleiten, bat aber, daß sie sich in einer Sänfte dürfte tragen lassen, weil sie das Fahren nicht würde aushalten können.

»I, I, sieh doch!« schrie der Junker. »Willst m'r wohl weiß machen, daß du nicht in 'ner Kutsche fahren kannst, nicht so? Hübsch ausgedacht, recht hübsch! Ne, ne! ich laß dich nun nicht wieder aus 'n Gesicht', bis du mit 'n getraut bist, das kannst' nur glaub'n.« Sophie sagte, sie sähe wohl, er habe sich vorgesetzt, ihr das Herz zu brechen. »O alle Hagel mit Herzbrechen und kein Ende!« sagte er. »Laß's brechen, wenn's dir 'n guter Ehemann brechen kann. Ich scheere mich kein'n Groschen, kein'n Heller, um ein'n ungehorsam'n Balg auf Gott's Erdboden.« Er faßte sie drauf mit Gewalt bei dem Arm, worauf sich der Pfarrer abermals in's Mittel legte[145] und ihn bat, sanfte Mittel zu gebrauchen. Hiergegen donnerte der Junker los mit einem derben Fluche, und befahl dem Pfarrer das Maul zu halten, indem er sagte: »Denk' nicht, daß du in deiner hölzern Tonne stehst, wenn du da stehst, muß ich dir wohl schnaken lassen, was du willst; aber ich bin kein Pfaffenscharwenzel, daß du's nur weißt! und will mich von dir nicht präzeptern lassen, wie 'ch mich aufführen soll, von dir. Nochmals 'R Gnaden, gute Nacht. Komm mit Fiekchen, bis 'n fromm Kind, so soll all's gut sein! Sollst 'n hab'n, beim Satan, sollst 'n hab'n!«

Jungfer Honoria kam unten an der Treppe zum Vorschein, und war nach einem sehr tiefen Knicks gegen den Junker auf dem Wege, ihr Fräulein zu begleiten; er stieß sie aber auf die Seite und sagte: »Halt, halt, Madam, halt! laßt Euch nicht wieder in mein'n Hause blicken.« – »Sie wollen mir doch nicht meine Aufwärterin nehmen, Papa?« sagte Sophie. – »Doch, doch, Püppchen, das will ich,« rief der Junker. – »Brauchst nicht zu fürchten, daß du keine Aufwartung haben sollst! 'ch will dir 'ne andre Putzjungfer verschaffen, und 'ne bess're Jungfer als die; denn ich will wohl zehn Thaler gegen 'n Groschen setzen, daß die ebensowenig ein' Jungfer ist, als meine Großmutter. Ne, ne! Feikchen, die soll dich nicht mehr bei Nacht und Nebel aus 'm Hause helfen, das kannst' mir glaub'n!« Hierauf packte er seine Tochter und den Pfarrer in die Mietkutsche, stieg darauf selbst hinein und befahl, ihn nach seiner Herberge zu fahren. Auf dem Wege dahin ließ er Sophie in Ruh und vertrieb sich damit die Zeit, dem Pfarrer ein Kollegium über die gute Lebensart zu lesen, und wie man sich gegen Vornehme mit Schicklichkeit zu betragen habe.

Es ist wohl möglich, daß er seine Tochter nicht so leicht aus dem Hause der Frau von Bellaston weggebracht haben möchte, wenn diese gute Dame Lust gehabt hätte, sie länger bei sich zu behalten. Sie war aber in Wahrheit nicht wenig vergnügt über die Art von Gefängnis, nach welchem Sophie gebracht wurde, und da ihr Plan mit dem Grafen Liebegrimm mißlungen war, so gereichte es ihr zum großen Vergnügen, daß andre gewaltthätige Mittel zu gunsten eines andern Mannes angewendet werden würden.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 140-146.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones: Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones 1-3: Die Geschichte eines Findlings: 3 Bde.
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Agrippina. Trauerspiel

Agrippina. Trauerspiel

Im Kampf um die Macht in Rom ist jedes Mittel recht: Intrige, Betrug und Inzest. Schließlich läßt Nero seine Mutter Agrippina erschlagen und ihren zuckenden Körper mit Messern durchbohren. Neben Epicharis ist Agrippina das zweite Nero-Drama Daniel Casper von Lohensteins.

142 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon