Zweites Kapitel.

[150] Enthält ein in der That sehr erstaunenswürdiges Abenteuer, welches Herr Jones bestund, als er mit dem Manne vom Berge spazieren ging.


Aurora öffnete jetzt ihre ersten Fensterladen, Germanice, der Tag fing an zu grauen, als Jones in Gesellschaft des Fremden seinen Spaziergang antrat und den Matzardberg hinaufstieg. Sie waren nicht so bald bis zu seiner Spitze gelangt, als sich ihren Blicken einer der vortrefflichsten Prospekte von der Welt darstellte. Wir würden solchen unsern Lesern ebenfalls darstellen, wenn uns nicht zwei Ursachen hinderten. Die erste ist: wir zweifeln dran, daß diejenigen, welche diesen Prospekt gesehen haben, unsre Beschreibung bewundern würden. Die zweite: wir zweifeln ziemlich stark, ob auch diejenigen, die ihn nicht gesehen, unsre Beschreibung verstehen möchten.

Jones stand einige Minuten in einer unbeweglichen Stellung und richtete seine Augen gen Süden, worauf ihn der alte Herr fragte, was er denn da mit so großer Aufmerksamkeit beschauete? – »Ach, mein Herr,« antwortete er mit einem Seufzer, »meine Gedanken beschäftigen sich damit, dem Wege nachzuspüren, auf welchem ich hierher gekommen bin. Lieber Himmel! in welcher weiten Entfernung Gloucester von uns liegt! Was für eine große Strecke Landes muß zwischen uns und meiner Heimat liegen!« – »Freilich, freilich, lieber junger Herr!« rief der andre. »Und Ihr Seufzen sagt mir, oder ich müßte mich sehr irren, was für eine Strecke Landes liegt zwischen uns und ihr, die mir noch näher am Herzen liegt als meine Heimat. Ich merke nun wohl, der Gegenstand Ihrer tiefen Gedanken liegt weiter hinaus als Ihr Blick trägt, und dennoch, deucht mich, thut es Ihrem Herzen wohl, in der Richtung[150] hinauszusehen.« – Jones antwortete ihm mit einem Lächeln: »Ich sehe, mein lieber Alter, Sie haben das Gefühl Ihrer Jugend noch nicht ganz vergessen. Ich gesteh' Ihnen, meine Gedanken waren dahin gerichtet, wie Sie gemutmaßt haben.«

Sie gingen nunmehr nach der Seite des Berges, wovon man gen Nordwesten sieht und welche über einen großen weiten Wald hervorragt. Kaum waren sie daselbst angelangt, als sie in einiger Entfernung eine weibliche Stimme in dem unter ihnen belegenen Walde sehr heftig schreien hörten. Jones horchte einen Augenblick und dann, ohne seinem Gefährten ein Wort zu sagen (denn wirklich schien der Fall dringend genug zu sein), rannte oder glitt er den Berg hinunter, und ohne die geringste Besorgnis oder Furcht für seine Sicherheit eilte er auf das Dickicht zu, woher die Stimme erschollen war.

Er war noch nicht tief in den Wald hineingelangt, als er ein wirklich entsetzliches Schauspiel erblickte. Er sah nämlich ein Frauenzimmer halb nackt ausgezogen, unter den Händen eines Bösewichts, der ihr ein Strumpfband um den Hals geschlungen hatte und mit allen Kräften arbeitete, sie an einen Baum hinaufzuziehen. Jones hielt sich hierbei nicht lange mit Fragen auf, sondern fiel augenblicklich über den Schurken her und bediente sich seines eigenen Spazierstocks mit solcher Behendigkeit, daß er ihn, mit allen Vieren von sich gestreckt, zu Boden geschlagen hatte, ehe er nur einmal daran denken konnte sich zu wehren, ja ehe er sogar noch wußte, daß er angegriffen war; er that auch seinen Streichen nicht eher Einhalt, bis ihn das Frauenzimmer selbst darum bat und sagte, sie glaube, er habe ihm schon sein völliges Genügen gegeben.

Die arme Unglückliche fiel darauf vor Jones auf ihre Kniee und sagte ihm tausend Dank für ihre Erlösung. Er hob sie alsobald von der Erde und sagte ihr, er sei höchlich erfreut über den außerordentlichen Zufall, der ihn zu ihrem Beistande hierher geführt hätte, woselbst es so unwahrscheinlich gewesen, daß sie welchen hätte finden können, und fügte hinzu, der Himmel scheine ihn zum glücklichen Werkzeuge ihres Schutzes bestimmt zu haben. – »Ach ja,« antwortete sie, »fast sollte ich denken, daß Sie ein guter Engel wären! Und, die Wahrheit zu sagen, scheinen Sie meinen Augen mehr ein Engel zu sein, als ein sterblicher Mann.« In der That war er von sehr reizender Gestalt, und wenn ein sehr feines Gewächs von Person, sehr angenehme Gesichtszüge, geschmückt mit Jugend, Gesundheit, Stärke, blühender Farbe, Mut und menschenfreundlichem Blick einem Menschen die Aehnlichkeit mit einem Engel erteilen können, so hatte gewiß diese Aehnlichkeit niemand mehr als er.[151]

Die erlöste Gefangene hatte nicht völlig soviel von dieser menschlich englischen Gattung an sich, sie schien zum wenigsten schon ihr Mittelalter erreicht zu haben, auch hatte ihr Gesicht nicht viel Anschein von Schönheit; da ihr aber vom ganzen Oberteile des Körpers die Kleider abgerissen waren, so zog ihr Busen, welcher sehr wohlgebildet und außerordentlich weiß war, die Augen ihres Befreiers auf sich, und sie standen einige Augenblicke und sahen einander stillschweigend an, bis der auf der Erde liegende Meuchelmörder wieder anfing sich zu bewegen, da denn Jones das Strumpfband nahm, welches zu einem andern Endzweck bestimmt war, und ihm damit die Hände auf den Rücken band. Und nunmehr, da er ihm ins Angesicht sah, entdeckte er mit großer Verwunderung und vielleicht nicht mit weniger Zufriedenheit, daß der Mensch niemand anders sei, als der leibhaftige Fähnrich Northerton! Der Fähnrich hatte seinen vormaligen Widersacher ebenfalls noch nicht vergessen, sondern erkannte ihn den Augenblick da er zu sich selbst kam. Seine Verwunderung war nicht geringer als Jones' seine, aber sein Vergnügen mochte wohl, wie mich dünkt, bei der Gelegenheit nicht eben so groß sein.

Jones half dem Fähnrich Northerton auf die Füße, sah ihm dann starr ins Gesicht und sagte: »Ich glaube, Herr, Sie vermuteten nicht, mich in dieser Welt noch einmal wieder anzutreffen, und ich gesteh' es, ich erwartete ebensowenig Sie hier zu finden. Unterdessen hat uns das Glück, wie ich sehe, noch einmal zusammengeführt und mir für die zugefügte Beleidigung, selbst ohne daß ich's einmal wußte, Satisfaktion gegeben.«

»Eine artige Aufführung für einen Mann von Ehre, wahrhaftig!« antwortete Northerton, »sich dadurch Satisfaktion zu nehmen, daß man einen Mann von hinterrücks zu Boden schlägt! Und geben kann ich Ihnen ebensowenig Satisfaktion hier, weil ich keinen Degen habe, wenn Sie aber das Herz haben wie ein braver Mann zu handeln, so lassen Sie uns an einen Ort gehen, wo ich einen bekommen kann, dann will ich Ihnen stehen, wie sich's für einen Mann von Ehre gehört und gebührt.«

»Schickt sich's für solch einen ehrvergeßnen Buben als Ihr seid,« schrie Jones, »das Wort Ehre dadurch zu besudeln, daß er sich's anmaßt? Aber ich will meine Zeit durch kein Gespräch mit Euch verschwenden, jetzt verlangt die öffentliche Gerechtigkeit von dem Herrn Genugthuung, und sie soll sie haben.« Darauf wandte er sich gegen das Frauenzimmer und fragte, ob ihre Wohnung in der Nähe wäre? Oder wenn das nicht, ob sie hier in der Nachbarschaft Bekannte habe, um sich mit anständiger Kleidung zu versehen, damit sie nach dem nächsten Friedensrichter gehen könnten?[152]

Sie antwortete, sie wär' in dieser Gegend des Landes völlig fremd. Nachdem sich Jones ein wenig besonnen hatte, sagte er, er habe hier einen Freund in der Nähe, der ihm die nötige Anweisung geben würde, und in der That wunderte er sich, daß dieser ihm nicht nachgefolgt sei. Allein der gute Mann vom Berge hatte sich, als unser Held von ihm gegangen, oben am Rande niedergesetzt, woselbst er, obgleich er eine Flinte in der Hand hatte, die Sache ganz ruhig und gelassen abwartete.

Jones, der zum Walde hinauseilte, sah den alten Mann in der Stellung sitzen, wie wir eben beschrieben haben. Er bot also alle seine Behendigkeit auf und erstieg mit unglaublicher Schnelligkeit die steile Höhe des Berges.

Der alte Mann riet ihm, das Frauenzimmer nach Upton zu führen, welches, wie er sagte, die nächste Stadt sei und woselbst er alles würde bekommen können, dessen sie benötigt wären.

Nachdem Jones sich den Weg nach dem Orte hatte zeigen lassen, nahm er von dem Manne vom Berge Abschied, bat ihn, er möchte ihm Rebhuhn gen Upton nachsenden, und kehrte eilig wieder nach dem Walde zu.

Unser Held hatte bei seinem Weggehen, um sich bei seinem Freunde Rats zu erholen, wohl bedacht, daß der Meuchelmörder mit auf den Rücken gebundenen Händen nicht im stande sei, dem Frauenzimmer irgend ein Leids zuzufügen. Ueberdem wußte er auch, daß sie ihn immer abrufen und er früh genug zurückkehren könnte, um allem Unheil vorzubeugen. Dabei hatte er noch dem Buben beteuert, wofern er die geringste Bosheit versuchen würde, wollte er ihn auf der Stelle die bitterste Rache dafür empfinden lassen. Zum Unglück vergaß aber Jones, daß, ob Northerton gleich die Hände auf den Rücken gebunden, er doch seine Füße völlig frei hätte, auch legte er dem Gefangenen nicht das geringste Verbot auf, von diesen einen selbstbeliebigen Gebrauch zu machen. Da sich also Northerton in diesem Punkte zu nichts anheischig gemacht hatte, so meinte er, er könne ohne den geringsten Bruch seines Ehrenworts davongehen, weil er in seinen Gedanken nach keinem Gesetze verbunden sei, auf eine feierliche Lossprechung zu warten. Er bediente sich also seiner freien Füße und wandelte durch den Wald davon, welcher seinen Rückzug begünstigte. Auch dachte das Frauenzimmer, dessen Augen weit mehr nach ihrem Befreier gerichtet waren, nicht einmal an seine Flucht oder auf die geringste Sorge und Mühe ihn daran zu verhindern.

Als demnach Jones zurückkam, fand er das Frauenzimmer allein. Er wollte sich die Zeit nehmen, den Northerton wieder aufzusuchen, sie wollte es ihm aber nicht erlauben, sondern bat ihn sehr dringend, er möchte sie nach der Stadt begleiten, die ihm angewiesen[153] worden. – »Was die Flucht des Kerls anbetrifft,« sagte sie, »so macht mir solche gar keinen Kummer, denn beides, Philosophie und Christentum, lehren uns empfangene Beleidigungen zu verzeihen. Was mir aber leid thut, mein Herr, ist, daß ich Ihnen so viele Mühe verursache, und meine Blöße macht, daß ich mich wirklich schämen muß, Ihnen unter die Augen zu sehen, und wenn ich Ihres Schutzes nicht so sehr benötigt wäre, möcht' ich wohl wünschen allein zu gehen.«

Jones bot ihr seinen Ueberrock an, sie aber, ich weiß nicht aus welcher Ursache, weigerte sich gegen sein ernstliches Bitten solchen anzunehmen. Er bat sie also, beide Ursachen ihrer Verwirrung zu vergessen. »Was die erste betrifft, so hab' ich weiter nichts gethan, als was meine Pflicht ist, da ich zu Ihrem Schutz herbeieilte, und die zweite will ich dadurch völlig heben, daß ich den ganzen Weg hindurch vor Ihnen hergehe, denn ich will nicht, daß meine Augen Ihnen wehe thun sollen, und ich möchte nicht Bürge sein können, daß ich Kraft genug hätte, den anziehenden Reizen so vieler Schönheit zu widerstehen.«

Also wandelte unser Held und die erlöste Dame auf eben die Weise als ehedem Orpheus und Eurydice miteinander gingen. Allein obgleich ich nicht glauben kann, daß Jones von seiner schönen Gefährtin mit Fleiß gereizt worden hinter sich zu sehen, so bedurfte sie doch so oft seines Beistandes, um ihr über die Stiegel zu helfen, und dabei begegnete ihr so manches Straucheln und andre kleine Zufälle, daß er oft genötigt war sich gegen sie umzukehren. Indessen hatte er doch besser Glück, als ehedem Orpheus in dem ähnlichen Falle, denn er brachte seine Gefährtin oder vielmehr Nachfolgerin ganz wohlbehalten nach der berühmten Stadt Upton.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 150-154.
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