Sechstes Kapitel.

[256] Ein Dialog zwischen Sophien und Jungfer Honoria, welcher ein wenig jene zartweichen Gefühle besänftigen mag, die in dem Gemüt eines gutherzigen Lesers durch die vorige Szene erregt sein dürften.


Nachdem Ihro Gnaden, Tante von Western, die Zusage von ihrer Nichte erzwungen hatten, die wir in dem vorigen Kapitel ersehen, begaben Sie sich hinweg, und unmittelbar darauf trat herein Jungfer Honoria. Sie saß und arbeitete im Nebenzimmer und war durch gewisse laut vorragende Töne im vorigen Dialog ans Schlüsselloch gerufen worden, an welchem sie dann solange verharrt hatte, bis er völlig geschlossen war. Bei ihrem Eintritt ins Zimmer fand sie Sophie ohne alle Bewegung stehend und mit über die Wangen rollenden Thränen. Worauf sie dann augenblicklich eine gehörige Quantität Thränen an ihre eigenen Augen beorderte, und darauf also begann: »O Jemine! 'r Gnaden, gnädigs Frölen, was gibt's denn!« – »Nichts!« sagte Sophie. – »O teuerste 'r Gnaden,« antwortete Jungfer Honoria, »sagen Sie mir das nicht, wenn 'r Gnaden so im Unheil sind, und wenn solch'n Präambulum zwischen 'r Gnaden und 'r Gnaden Tante gewest ist.« – »Lasse Sie mich zufrieden,« erwiderte Sophie, »ich sage Ihr, es ist nichts – gütiger Gott! warum ward ich geboren!« – »Näe, 'r Gnaden,« sagte Jungfer Honoria, »das sollen S'e mir nicht weißmachen, daß 'r Gnaden so lamentierten um nichts und wieder nichts. Mein'r Ehr, 'ch bin nur 'ne Aufwartjungfer: aber fürwahr 'ch bin 'r Gnaden immer treu gewest, und mit mein'm Leben wollt 'ch 'r Gnaden[256] dienen, wenn's hülf'; das sag 'ch so mehr, als ich's denk'.« – »Meine gute Nore,« sagte Sophie, »es steht nicht in Ihrer Macht, mir Hilfe zu leisten. Ich bin ohn' alle Gnade verloren.« – »Behüt' und bewahre!« antwortete die Zofe, »wenn ich aber nur 'n bißchen worin dienen kann, o! so sag'n Sies lieber, 'r Gnaden, 's wird m'r en Trost sein, zu wissen; bitte, bitte! liebe Frölen, sag'n Sie m'r doch, was ist's?« »Mein Vater,« sagte Sophie, »steht im Begriff, mich an einen Mann zu verheiraten, den ich verachte und hasse.« »O teuerste, gnäd'ge Frölen,« versetzte die andere, »was vor'n gottloser Mensch ist das? Denn, mein'r Ehr', 's muß 'en rechter Thunichtgut sein, sonsten würden 'r Gnaden ihn ja nicht verachten.« – »Sein Name ist Gift für meine Zunge!« erwiderte Sophie. »Sie wird ihn noch zu früh erfahren, Nore.« – Wirklich wußte sie ihn schon, die reine Wahrheit zu gestehen; und deswegen war sie über diesen Punkt nicht andringlicher. Sie fuhr also folgendergestalt fort: »Ich maße mich nicht an, 'r Gnaden Rat zu geben, derweil 'r Gnaden viel mehr verstehen, als ich m'r einbilden darf, weil ich nur 'n Kammerjungfer bin. Aberst, so wahr ich ehrlich bin! Kein Vater im ganzen Reich sollte mich wider mein'n Will'n verheiraten. Und, das ist wahr! unser gnäd'ge Herr sind so gut, daß si's nur wissen dürften, daß 'r Gnaden den jungen Menschen verachten und hassen, so würden s'e nicht drauf stehn, daß 'r Gnaden ihn doch nehmen sollten; um wenn 'r Gnaden m'r nur Verlaubnis geben wollten, daß ichs dem gnäd'gen Herrn sagen dürfte – ja, nu freilich! wär's wohl besser, wenn von 'r Gnaden eignem Munde käme; aberst, weil 'r Gnaden den häßlichen Namen nicht über die Zunge nehmen mögen –« – »Sie irrt sich, gute Nore,« sagte Sophie, »mein Vater hatte es schon beschlossen, noch ehe er jemals für dienlich erachtet hat, mir das Geringste davon zu sagen.« – »Desto schlimmere Schande für ihn,« schrie Honoria. »'R Gnaden sollen mit dem Manne zu Bette gehen, und nicht unser gnäd'ge Herr. Und ob schon's en Mann, ein ganz guter Mann sein kann, so kann's doch mit recht guten Dingen zugehen, wenn er nicht allen Frauenzimmern gleichgut gefällt. Meine Ehr wett' ich, gnäd'ger Herr würden nich so thun, als sie thun, aus eigenem Kopfe; wenn nur gewisse Leute für ihr'r eigenen Thür fegen wollten und nicht den Löffel in all'n Brei steckten! 'ch wollte meinen, s'e würden mächt'ge krause Nasen machen, wenn man ihn'n bei ähnlichen Dingen ebenso mitspielte: denn, ob 'ch wohl keine gnädige Frölen bin, so glaube ich doch leicht, daß alle Mannsbilder nicht gleich lieb sein können: und worum hätten denn 'r Gnaden soviel Schätze und Reichtümer, wenn Sie nicht den Mann freien können, den 'r Gnaden für 'n allerschönsten halten? Gut! 'ch sage nichts! aber Sünd' un Schad' ists, daß gewisse[257] Leute nicht besser von Stand un Geburt sind. Doch, dem Ding viel Guts! würd' ich sagen, und würd' mich selbst darüber keen grau' Haar wachsen lassen! Ja, nu! aber'st da ist auch nicht so en Haufen Geld! Je nu! was thut's denn; 'r Gnaden haben Gelds die Fülle für alle beide; und wor kann 'r Gnaden Vermögen besser angelegt werden? Denn, das ist wahr, das muß man gestehen! 's ist der schönste, scharmantste, feinste, längste, vortrefflichste, properste Mann auf's lieben Gott's Erdboden.« – »Was meint Sie damit, daß Sie mir dergleichen Dinge vorschwatzt, Jungfer Honoria?« unterbrach sie endlich Sophie mit einer sehr ernsthaften Miene. »Wie kömmt Sie dazu, sich solche Freiheiten bei mir herauszunehmen? was gibt Ihr die Erlaubniß?« – »Ja so 'r Gnaden, bitt' ich demütigst um Verzeihung!« antwortete die Zofe. »Aber'st, ich meint's nicht böse, und mein'r Ehr! der arme junge Herr hat mir beständig im Kopfe herumgelaufen, seitdem ich'n diesen Morgen sah – gewiß und wahr! hätten 'r Gnaden ihn nur jetzund eben gesehen, Sie müßten Mitleid mit ihm gehabt hab'n. Der arme Herr! ich wünschte, wenn ihn nur keen Unglück begegnet ist: denn er ging Ihn'n da herum, und hatte die Arme über'nander geschlagen, und sah den ganzen Morgen so melancholisch aus! Ja, ich g'lobe und schwöre, ich hätte bald geweint als ich 'n sah« – »Sah! wen sah?« sprach Sophie. – »Den armen Herrn Tom Jones,« antwortete Honoria. – – »Gesehen! ihn! wie? wo sah Sie ihn?« rief Sophie. – »Im Garten beim Kanal, 'r Gnaden,« sagte die Jungfer. »Darhat' er den ganzen langen Vormittag herumspazieren gegangen, und zuletzt hat er sich dar auf Gott's Erdboden gelegt; und 'ch glaube er liegt dar noch. Ja nun! wenn 'ch nicht zu bescheiden gewest wär', weil ich 'ne Jungfer bin, so wär' ich zu 'n gangen und hätt' mit 'n gesprochen. Hör'n 'r Gnaden! laß'n mich noch gehn und zusehn, bloß vor Spaß, ob er noch dar ist.« – »Puh,« sagte Sophie, »da! nein, nein! was sollt' er da machen? Er ist gewiß schon längst weggegangen. Ueberdem, wie – was – warum wollte Sie gehn und zusehn? – Ueberdem hab' ich sonst etwas für Sie zu thun. Geh' Sie, und hol' Sie meinen Hut und meine Handschuhe. Ich muß vor Tische noch mit Tante ins Wäldchen gehen.« Die Jungfer that alsobald wie ihr befohlen war, und Sophie befestigte ihren Hut auf dem Kopfe. Als sie in den Spiegel sah, deuchte sie, das Band um den Hut stände nicht gut; und so schickte sie die Jungfer wieder fort, um eins von anderer Farbe zu holen: und, nachdem sie der Jungfer Honoria verschiedentlich eingeprägt hatte, sie solle ja nicht von ihrer Arbeit gehn, weil es damit gar große Eile habe und sie noch heute damit fertig werden müßte, murmelte sie noch für sich verschiedenes[258] vom Spazierengehn nach dem Wäldchen, und ging dann fort, und nahm einen ganz verschiedenen Weg mit so eiligen Schritten, als ihre zarten, zitternden Glieder sie tragen konnten, grades Weges hin nach dem Kanal.

Jones war da gewesen, wie ihr Jungfer Honoria erzählt hatte. Er hatte daselbst wirklich diesen Morgen in melancholischen Gedanken an seine Sophie zwei Stunden zugebracht, und war eben zu einer Thüre des Gartens hinausgegangen, als sie durch eine andere hereintrat. So, daß die unglücklichen Minuten, welche auf die Verwechselung des Bandes verwendet worden, die Liebenden verhindert hatten, nicht zu dieser Zeit einander anzutreffen. Ein höchst trauriger Zufall, aus welchem meine schönen Leserinnen nicht ermangeln werden, eine sehr heilsame Lehre zu ziehen. Und hier verbiete ich auf's strengste allen Kunstrichtern vom Männergeschlecht, das Geringste über einen Umstand zu sagen, welchen ich bloß den Damen zu Gefallen erzählt habe, und worüber es nur diesen frei steht, ihre Anmerkungen zu machen.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 256-259.
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