Zehntes Kapitel.

[271] Worin Herr Alwerth von Herrn Western besucht wird.


Herr Alwerth war eben mit seinem Neffen vom Frühstück aufgestanden und war sehr vergnügt über den Bericht des jungen Herrn, von dem guten Erfolge seines bei Sophie gemachten Besuchs (denn er wünschte diese Verbindung in allem Ernste mehr in Rücksicht auf den Charakter des jungen Fräuleins, denn auf ihren Reichtum), als Herr Western ganz unangemeldet zu ihm hereintrat und ohne alle Zeremonien folgendermaßen zu sprechen begann:

»Da! da hab'n wir nun 'en schön Stück Arbeit gemacht! da hab'n Sie Ihr'n Bastard zu was Rechts aufgefüttert! 'ch glaub' wohl nicht eben, daß Sie 'n Hand mit im Spiel haben, ich meine, wie m'n wohl sagt, mit Willen und Wissen, aber da ist 'n wacker Fischkessel drüber aufs Feuer gehängt, in unsrem Haus.«

»Sag'n Sie mir doch, was gibt's denn, Herr Nachbar?« sagte Alwerth. – »Gibt? was soll's geben? Dumm Zeug gibt's die Menge, mein Seel! Mein' Tochter hat sich in Ihren Bastard verliebt, das gibt's! Aber ich geb' ihr kein'n Schilling! näh, nicht 'en Bruch vom Bruch vom roten Heller. Hab' immer gedacht, was 'raus kommen würd', ein Bastard aufzuziehen, wie 'nen Junker, und 'n in ander Leute Häuser 'rum kommen zu lassen. Sein Glück ist's, daß 'ch nicht an 'n reichen konnte; 'ch wollt 'n gewixt haben, 'ch hätt' 'n des Rollengehn legen wollen! wollt 'en Hurensohn gelernt haben, am Braten zu riechen, der auf'n Herrntisch soll. Von mein'm Braten kriegt er kein'n Bissen mehr, und keinen Pfennig dazu, sich ein'n in seine Küche zu kaufen. Will[271] Sie 'n hab'n! Nu! ein Hemd und ein Paar Schuh', damit die Thür' hint'r ihr zu. 'ch will lieber mein' Felder un Wälder uf Leibrenten legen, daß sie's Parlement damit bestechen können, das will ich.« – »Es thut mir herzlich leid!« sagte Herr Alwerth. – »Was schert mich Ihr Leidsein!« sagte Western, »'s wird m'r mächtig was helfen, wenn ich's verloren habe, mein einzig Kind, mein' arme Fieke! S' war die Freude meines Herzens, mei'n Hoffnung, mein Stecken und Stab in mei'n alten Tagen; aber ich hab's beschlossen, 'ch will sie aus 'en Hause jagen, und betteln soll sie, verhungern und verfaul'n auf der Straßen! Nicht 'en Heller, nicht 'en blutg'n Heller soll sie vom mein'gen ihr Lebtag zu sehn kriegen. Der Spürhund der! Immer war 'r fix, d'n Hasen im Lager zu rahmen! Daß er die Kränk' kriegte! Wer konnt's denken, was für'n Märten er uf'n Korn hatt'? Aberst wart! So 'en magern Märzhasen sollst du in dein'n Leben noch nicht geschoss'n hab'n. Er soll d'rs Schußgeld nich wert sein; die bloße Haut soll sie mitbringen; und das können Sie 'n nur sagen!« – »Sie sehen mich im größten Erstaunen, Herr Nachbar Western, über das, was Sie mir da sagen!« rief Herr Alwerth, »nach dem, zumal was noch erst gestern nachmittags zwischen Ihrem Fräulein Tochter und meinem Neffen vorgefallen ist.« – »Ja, ja, das ist's eben!« antwortete Western; »erst nachher, was mit Ihr'm Neffen und ihr vorfiel, kam die ganze Schand' an Tag. Ihr Blifil war noch nicht so lang weg, daß'm Amen sag'n konnt', so war's Hurkind von Jon's dar, und spukt' um's Haus herum. Da hätt' ich denk'n soll'n, da 'ch 'n als 'n gut'n Weidg'sellen so lieb hielt, daß 'r all' die Zeit über auf Wilddieb'rei ausging, auf mein' Tochter!!« – »Nun wirklich,« sagte Herr Alwerth, »ich hätte gewünscht, Sie hätten ihm nicht so manche Gelegenheit bei Ihrem Fräulein Tochter gegeben! Und Sie werden billig genug gegen mich sein, zu bekennen, daß ich's niemals recht gerne gesehen habe, wenn er sich so lange in Ihrem Hause aufgehalten hat, ob ich gleich auf so etwas niemals den geringsten Verdacht hatte.« – »Wer, Hagel!« schrie Western, »wer hätt's denk'n könn'n! Er kam ja nich hin zum Karessieren mit ihr? Er kam ja hin zum Jagen mit mir.« – »Aber, wie war's möglich,« sagte Herr Alwerth, »daß Sie niemals ein Anzeichen von Liebe zwischen den jungen Leuten wahrnahmen, da Sie solche doch so oft beieinander sahen?« – »Mein Lebtag habe 'ch nichts davon gemerkt,« sagte Western, »so wahr ich selig werd'n will. S' hätten sich doch wohl 'n mal geküßt; aber nein! Blind will ich sein, wenn 'ch 's nur einmal gesehen hab'. Mein'n Sie, daß 'r 's nur einmal 'n bißchen karessiert hätt'? Was wollt' er? Näh! gar nicht! Wenn sie in der[272] Kump'nei war, saß 'r noch mehr, als ob 'r aufs Maul g'schlag'n wär', als wenn niemand dabei war. Und 's Mädchen – ja, die that nicht halb so zuthulich zu ihm, als zu all'n andern jung'n Burschen, die nur in's Haus kam'n. Hoho! in derlei Sachen laß 'ch mir ebensowenig was aufbinden, als in andern, das könn'n S'e mir nur glauben, Herr Nachbar Alwerth.« – Herr Alwerth konnte sich hierbei kaum des Lachens enthalten; doch hielt er sich und that sich Gewalt an; denn er kannte die Menschen zu gut, und besaß zu gute Lebensart und ein zu gutes Herz, um dem Junker in seiner jetzigen Lage etwas Unangenehmes merken zu lassen. Er fragte darauf Herrn Western, was er von ihm verlange, daß er bei dieser Gelegenheit thun solle? Worauf der andre antwortete: Er möchte den Schuft zurückhalten, daß er ihm nicht ins Haus käme, und daß er hingehen wolle, das Weibsstück einzuschließen; denn er wäre entschlossen, sie solle Herrn Blifil heiraten, und wenn sie darüber auch toll und rasend werden sollte. Darauf faßte er Blifil bei der Hand und schüttelte die und schwur, er solle sein Schwiegersohn werden und sonst keine lebendige Seele, und gleich darauf nahm er seinen Abschied und sagte dabei, sein Haus sei in solcher Unordnung, daß er nur eilen müsse, wieder heimzukommen, um zuzusehen, daß seine Tochter nicht buschein ginge; und was den Jones anlange, schwur er, »wenn er ihn in seinem Hause fände, wollt' er ein'n Kerl aus ihm machen, der sich nicht weiter um andrer Töchter sollte bekümmern können!«

Als Alwerth und Neffe Blifil wieder allein gelassen waren, erfolgte zwischen beiden ein langes Stillschweigen. Die ganze Länge desselben füllte der junge Herr aus mit Seufzern, welche teils aus fehlgeschlagener Hoffnung, aber mehr noch aus Haß entsprossen; denn Jones' gutes Glück nagte ihm weit mehr am Herzen, als Sophiens Verlust.

Endlich fragte ihn sein Onkel, was er willens sei, zu thun? und er antwortete in folgenden Worten: »Ach, teuerster Herr Onkel, kann es eine Frage sein, wohin sich der Liebhaber lenken soll, wenn Vernunft und Leidenschaft zwei verschiedene Wege anweisen? Ich besorge, er werde allemal in einer solchen Verlegenheit der letztern folgen. Die Vernunft schreibt mir vor, alle Gedanken auf ein Frauenzimmer fahren zu lassen, das seine Neigung auf einen andern geworfen hat; meine Leidenschaft gebietet mir zu hoffen, sie könne mit der Zeit sich zu meinem Besten verändern. Hier sehe ich gleichwohl einen Einwurf, den man mir machen möchte, welcher, wofern ich ihn nicht hinlänglich beantworten könnte, mich ganz und gar abhalten müßte, weiter an sie zu denken. Ich meine die Ungerechtigkeit, die darin läge, einen andern aus einem[273] Herzen zu verdrängen, in dessen Besitz er bereits zu sein scheint, allein der unveränderliche Entschluß des Herrn Western zeigt, daß ich in diesem Falle zur gemeinsamen Glückseligkeit aller beitragen werde, nicht bloß zur Glückseligkeit des Vaters, der auf diese Weise vor dem höchsten Grade des Jammers bewahrt werden wird, sondern auch der übrigen, welche durch jene Verbindung in Not und Elend geraten müßten. Das Fräulein wäre, wie ich gewiß bin, auf alle Weise verloren: denn, außer dem Verluste des größten Teiles ihres Vermögens, würde sie nicht nur mit einem Bettler verheiratet, sondern auch die kleine Mitgabe, welche ihr der Vater nicht verweigern könnte, würde sehr bald an das Weibsstück verschwendet werden, mit welchem er, wie ich weiß, sein Wesen noch bis auf diese Stunde treibt. – Aber das ist noch bloße Kleinigkeit! denn ich kenne ihn als den schlechtesten Menschen von der Welt. Ach! wenn mein teuerster Onkel gewußt hätten, was ich bisher mit vieler Mühe verschwiegen gehalten habe, mein Onkel müßten schon längst einen so äußerst verderbten Menschen seinem eignen Schicksal überlassen haben!« – »Wie so?« sagte Alwerth. »Hat er noch was Schlimmeres ausgehen lassen, als was ich bereits schon weiß? Sage mir's, ich bitte dich.« – »Nein,« antwortete Blifil. »Es ist einmal vorbei! Und wer weiß, ob er's nicht schon bereut hat.« – »Ich befehle dir's bei deinem schuldigen Gehorsam,« sagte Alwerth, »mir zu sagen, was du meinst.« – »Ach! Sie wissen, lieber Herr Onkel,« sagte Blifil, »daß ich Ihnen niemals ungehorsam bin; aber es thut mir leid, daß mir's entfallen ist, weil es jetzt aussehen kann als Rachgier, da doch, dem Himmel sei Dank! solche Gesinnungen noch niemals in mein Herz gekommen sind; und wenn Sie mich nötigen, mit der Sprache herauszugehen, so muß ich herzlich in seinem Namen bitten, daß Sie ihm gewiß verzeihen wollen.« – »Ich will von keinen Bedingungen wissen,« antwortete Alwerth. »Mich deucht, ich hätt' ihm schon Güte genug erwiesen, und mehr vielleicht, als du mir zu verdanken Ursache hast.« – »Gewiß, mein liebster Onkel; mehr als er verdiente,« versetzte Blifil, »denn gerade an demselbigen Tage, da Ihre Krankheit so äußerst gefährlich war, da ich und alle Menschen im Hause Ihretwegen in Thränen schwammen, füllte er das ganze Haus an mit Toben und Lärmen. Er trank und sang und schwärmte, und als ich ihm auf die sanfteste Weise die Unanständigkeit seines Betragens zu verstehen gab, geriet er in die heftigste Wut, fluchte und schwur, nannte mich einen Schurken und fiel über mich her, mich zu schlagen.« – »Wie!« rief Alwerth, »er unterstand sich, dich zu schlagen?« – »Mein Gewissen,« erwiderte Blifil, »ist mein Zeuge, daß ich ihm das längst verziehen habe, ich wünschte nur, daß ich[274] seine Undankbarkeit gegen den allerbesten Wohlthäter ebensoleicht vergessen könnte, und doch auch das, hoffe ich, werden Sie ihm verzeihen; denn er mußte den Tag gewiß von einem bösen höllischen Geiste besessen sein: denn, noch eben den Abend, als Herr Schwöger und ich aufs Feld gegangen waren, um ein wenig freie Luft zu schöpfen und uns über die guten Anzeichen der Besserung, die sich damals mit meines Herrn Onkels Krankheit zu äußern anfingen, in unsern Herzen miteinander zu freuen, sahen wir ihn unglücklicherweise auf eine solche Art mit einem Weibsbilde beschäftigt, welche sich für mich nicht schickt, zu erzählen. Herr Schwöger ging mit mehr Herzhaftigkeit als Ueberlegung auf ihn zu, um ihm Vorstellungen zu thun, als er (es kränkt mich in der Seele, daß ich's erzählen muß) über den würdigen Mann herfiel und ihn so unmenschlich zerprügelte, daß ich wünsche, er möge die Beulen davon nicht noch bis auf diese Stunde aufzuweisen haben. Auch ich bekam meinen Teil von den Wirkungen seiner bittern Bosheit, als ich das meinige thun wollte, meinen guten Lehrer zu beschützen: doch das hab' ich längst vergessen und vergeben! Auch beim Herrn Schwöger hab' ich so viel vermocht, daß er's ihm verziehen und nicht meinem lieben Onkel eine geheime Geschichte erzählt hat, die ihm freilich nichts Gutes hätte zuziehen können. Aber jetzt, mein teuerster Herr Onkel, da ich mir nun einmal unbehutsamerweise von dieser Sache ein Wort habe entfallen lassen, und Ihr Befehl mich genötigt hat, den ganzen Vorgang zu erzählen, so erlauben Sie mir, daß ich bei Ihnen eine Fürbitte für ihn einlegen dürfe.« – »Gutes Kind,« sagte Alwerth, »ich weiß nicht, ob ich deine Gutherzigkeit, nach welcher du mir solche Schändlichkeiten nur einen Augenblick verschwiegen hast, tadeln oder billigen soll! doch, wo ist Herr Schwöger? Nicht, daß ich von allem, was du sagst, einer Bestätigung bedürfte; aber ich will doch bei dieser Sache jeden Zeugen hören, um vor der Welt das Beispiel zu rechtfertigen, das ich gesonnen bin an einem solchen Ungeheuer aufzustellen.«

Herr Schwöger ward gerufen und erschien augenblicklich. Er bekräftigte jeden Umstand, welchen der andre ausgesagt hatte. Ja, er zeigte das Protokoll davon auf seiner Brust vor, woselbst Jones' eigne Handschrift in Schwarz und Blau noch sehr leserlich aufgezeichnet stand. Er schloß damit, daß er Herrn Alwerth versicherte, er würde ihm schon längst die Sache erzählt haben, hätte ihn nicht Herr Blifil durch inständiges Bitten daran verhindert. »O!« sagte er, »das ist ein vortrefflicher junger Mensch; obgleich ein solches ›Vergeben seinem Feinde‹ die Sache ein wenig zu weit getrieben heißt.«

Es war wirklich wahr, daß Blifil sich einige Mühe gegeben[275] hatte, den Herrn Schwöger zu bereden, um zu der Zeit eine Entdeckung, zu verhindern, wozu er freilich mehr als eine Ursache hatte. Er wußte, daß das menschliche Gemüt sehr geneigt ist, sich erweichen zu lassen und von der gewöhnlichen Strenge nachzugeben, solang einer krank ist. Ueberdem war er der Meinung, wenn die Geschichte erzählt würde, solange sie noch so neu und der Arzt im Hause wäre, welcher die eigentliche Wahrheit ans Licht stellen könnte, so würde er keineswegs im stande sein, ihr die hämische Wendung zu geben, die er sich vorgesetzt hatte. Ferner war sein Vorsatz, dies Geschäft solang beiseite zu legen, bis ihm Jones' unbedachtsame Aufführung eine und die andre neue Ursache zu Beschwerden an die Hand geben würde; denn er dachte, wenn das angehäufte Gewicht vieler Thatsachen auf einmal auf ihn fiele, würde es ihn um desto leichter zerschmettern, und demgemäß lauerte er auf eine ähnliche Gelegenheit wie diese, welche ihm das Glück so günstigerweise an die Hand gab. Endlich wußte er auch, wenn er vom Herrn Schwöger erhielte, daß er die Sache auf eine Zeitlang verschwiege, so würde er dadurch die Meinung von seiner Freundschaft gegen Jones bestärken, welche er mit so vieler Mühe seinem Oheim Alwerth beigebracht hatte.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 271-276.
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