Zehntes Kapitel.

[209] Folgen des vorigen Besuchs.


Herr Fitz Patrick, welcher von der Tante Western, wie vorhin erzählt, den Brief seiner Frau empfangen und auf diese Weise erfahren hatte, wohin sich seine Ehehälfte begeben hatte, kehrte gerades Weges nach Bath zurück, und von da ging er gleich des folgenden Tages weiter nach London.

Der Leser ist schon oftmals von der eifersüchtigen Gemütsart dieses Herrn belehrt worden. Er wird gleichfalls die Güte haben, sich des Verdachts zu erinnern, welchen er auf Herrn Jones zu Upton geworfen hatte, da er ihn in dem Zimmer der Madame Waters fand, und ob nun zwar nachher hinlängliche Gründe diesen Verdacht zu heben schienen, so machte doch die vorteilhafte Beschreibung, welche seine Frau Gemahlin vom Herrn Jones in diesem Briefe gab, daß er sich des Umstands erinnerte, wie sie zu eben der Zeit gleichfalls in dem Gasthofe gewesen, und dies rührte einen solchen Wirrwar von Umständen in einem Kopfe durcheinander, der von Natur schon eben keiner von den hellsten war, daß sich aus dem ganzen Brei jenes grünäugige Ungeheuer bildete, dessen Shakespeare in seinem Trauerspiele Othello Erwähnung thut.

Und nun, eben da er in der Gasse nach seiner Gemahlin fragte, und in dem Augenblick, da ihm ihre Hausthür gezeigt worden, trat zum Unglück Herr Jones heraus.

Fitz Patrick erkannte Herrn Jones' Gesicht nicht sogleich; da er gleichwohl eine junge, wohlgekleidete Mannsperson aus dem Hause seiner Ehefrau kommen sah, so ging er geradeswegs auf ihn zu und fragte ihn, was er in dem Hause da gemacht habe? »Denn drin müssen Sie gewesen sein, das weiß ich gewiß, da ich Sie herauskommen sah.« Jones antwortete ganz bescheiden, daß er eine Dame besucht habe, die drin wohnte. Worauf Fitz Patrick erwiderte: »Was haben Sie bei der Dame zu thun?« Worauf Jones, welcher sich nunmehr der Stimme, der Gesichtszüge und in der That auch des Rocks dieses Herrn vollkommen erinnerte, ausrief: »Ha, mein lieber Freund, geben Sie mir Ihre Hand! Ich hoffe es ist kein böses Blut mehr unter uns beiden, über einen kleinen Irrtum, der sich vorlängst zutrug.«

»Mein Seel, Herr!« sagte Fitz Patrick, »ich kenne Ihren Namen nicht, und Ihr Gesicht auch nicht.« – »In der That, mein Herr,« sagte Jones, »auch ich habe nicht das Vergnügen Ihren Namen[209] zu wissen. Ich erinnere mich aber noch ganz wohl, daß ich ehemals Ihr Gesicht zu Upton gesehn habe, wo sich ein possierlicher Streit unter uns beiden erhob, den, wenn er noch nicht beigelegt sein sollte, wir jetzt gleich bei einer Bouteille Wein beilegen wollen.« – »Zu Upton?« schrie der andre – »ha! mein Seel! ich glaub' Ihr Name ist Jones.« – »Wirklich,« antwortete er, »so heiß ich.« – »O mein Seel!« schrie Fitz Patrick, »Sie sind just der Mann, den ich finden wollte, – mein Seel! ich will gleich eine Bouteille mit Ihnen trinken, aber erst will ich dir das Spund im Hirn-Lägel verkeilen. Da! das ist für dich, du Schurke! Mein Seel! wenn Sie mir keine Satischfakschon geben für den Schlag, so geb' ich Ihnen noch einen dazu.« Damit zog er seinen Degen und stellte sich in die Positur des Parirens, denn das war die einzige Wissenschaft, die er verstand.

Jones war ein wenig betäubt von dem Schlage, der ihn zu unerwartet traf; er faßte sich aber bald wieder und zog gleichfalls, und ob er gleich nichts von der Fechtkunst verstand, so drang er doch so herzhaft auf Fitz Patrick los, daß er seinen Degen durch die Parirung hindurch, und die Hälfte der Klinge seinem Gegner in den Leib stieß, welcher diesen Stoß nicht sobald empfangen hatte, als er zurücktrat, die Spitze seines Degens zur Erde senkte, sich darauf lehnte und ausrief: »Satischfakschon genug, ich bin ein Mann des Todes!«

»Das hoff' ich nicht,« schrie Jones, »aber es fall' auch aus, wie es wolle, so müssen Sie wissen, daß Sie es sich selbst zugezogen haben.« In diesem Augenblicke stürzte eine Anzahl Kerle herbei, die sich des Herrn Jones bemächtigten, welcher ihnen sagte, daß er keine Gegenwehr thun wolle und bat, daß doch wenigstens einige von ihnen für den verwundeten Herrn Sorge tragen möchten.

»Nu, nu!« schrie einer von den Kerlen, »für den verwundeten Herrn wird man schon Sorge genug haben, denn ich denke, er wird wohl nicht viel Stunden mehr leben. Und er, Herr, hat wenigstens noch einen ganzen Monat zugute.« – »Verflucht Stoffel,« sagte ein andrer, »seine Seereise hat er aufgekündigt und steuert nun auf einen andern Hafen zu,« und mehr dergleichen Matrosenwitz wurde über Herrn Jones von diesen Kerlen gesagt; denn es waren wirklich eine Rotte Werber, welche der Graf Liebegrimm aufgestellt hatte, und welche vom Herrn Jones bis in Madame Fitz Patricks Haus Spur genommen, und ihm an der Ecke dieser Gasse aufpaßten, als sich diese unglückliche Begebenheit zutrug.

Der Offizier, welcher diese Rotte anführte, schloß sehr weislich, seine Sache wäre jetzt, seinen Gefangenen in die Hände der bürgerlichen Obrigkeit zu liefern. Er befahl also, ihn nach einem öffentlichen Hause zu bringen, wohin er einen Gerichtsdiener holen ließ, dem er ihn zum Gewahrsam überantwortete.

Da der Gerichtsdiener sah, daß Herr Jones sehr wohl gekleidet war und dabei vernahm, daß die That in einem Zweikampf geschehen war, so begegnete er seinem Gefangenen mit vieler Höflichkeit und sendete auf dessen Verlangen einen Boten hin, sich nach[210] dem Verwundeten zu erkundigen, welcher in einem Weinhause sich unter den Händen eines Wundarztes befand. Die zurückgebrachte Nachricht lautete: die Wunde sei gewiß tötlich und es sei keine Hoffnung, daß er davon kommen könne. Auf diese Nachricht sagte der Gerichtsbediente dem Herrn Jones, er müsse mit ihm zu einem Richter gehen. »Wohin Sie wollen!« sagte dieser. »Mir ist es gleichgültig, was mir begegnet, denn ob ich gleich überzeugt bin, daß ich den Gesetzen nach keines Mords schuldig bin, so finde ich doch, daß das vergossene Blut meiner Seele eine zu unerträgliche Last ist.«

Jones ward also vor den Richter geführt, woselbst auch der Wundarzt erschien, der Herrn Fitz Patrick verbunden hatte, und zu Protokoll erklärte: »er halte die Wunde für tötlich,« worauf der Gefangene in ein Turmgefängnis geführt wurde. Es war hierüber sehr spät am Abend geworden, so daß Jones nicht eher, als des folgenden Morgens nach Rebhuhn schicken konnte, und weil er vor sieben Uhr kein Auge zuthat, so war es beinahe zwölf Uhr mittags, bevor der arme Kerl, welcher sehr in Aengsten war, in so langer Zeit nichts von seinem Herrn zu hören, eine Botschaft erhielt, die ihm beinahe das Leben raubte, als er sie hörte.

Mit zitternden Knieen und klopfendem Herzen ging er hin nach dem Gefängnis und war nicht sobald zum Herrn Jones eingelassen, als er das Unglück, welches ihm begegnet, mit heißen Thränen bejammerte und dabei ohne Unterlaß mit heftigem Grauen umhersah, denn da jetzt die Zeitung einlief, Herr Fitz Patrick sei gestorben, so fürchtete der arme Kerl alle Augenblicke, sein Geist würde in die Gefangnenstube treten. Endlich übergab er ihm einen Brief, den er beinahe vergessen hätte und welcher ihm durch den schwarzen Jakob von Sophie überbracht worden war.

Jones ließ alsobald jedermann aus dem Zimmer entfernen und nachdem er den Brief sehr begierig erbrochen hatte, las er wie folgt:


»Daß Sie noch einmal ein paar Zeilen von mir erhalten, daran ist ein Umstand schuld, der mich, ich läugn' es nicht, in Erstaunen gesetzt hat. Eben jetzt hat mir meine Tante einen Brief gezeigt, den Sie an die Frau von Bellaston geschrieben haben und welcher einen Heiratsvorschlag enthält. Von Ihrer eignen Hand ist er, das leider keinen Zweifel, was mich aber noch mehr wundert, ist, daß er zu eben der Zeit geschrieben worden, da Sie mich bereden wollten, Sie erlitten meinetwegen so großen Kummer. Ich überlass' es Ihnen selbst, über diese Begebenheit die natürlichen Anmerkungen zu machen. Alles was ich verlange, besteht darin, daß ich Ihren Namen nie wieder nennen hören möge.

S.W.«


Von der gegenwärtigen Gemütsverfassung des Herrn Jones und von den Qualen, wovon er sich gepeinigt fühlte, können wir dem Leser keinen bessern Begriff machen, als wenn wir sagen, sein Elend war zu der Höhe gestiegen, daß selbst Schwöger ihn beinahe bedauert haben würde. Aber so bitter dieses Elend ist, wollen wir[211] ihn doch für jetzt darin verlassen, sowie sein Schutzengel (wenn er wirklich einen hatte) ihn verlassen zu haben scheint, und hiermit endigen wir das sechzehnte Buch dieser Geschichte.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 209-212.
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