Siebentes Kapitel.

[11] Eine sonderbare Entschließung Sophiens; und eine noch sonderbarere Kriegslist der Jungfer Honoria.


Jungfer Honoria war freilich hauptsächlich auf ihr eigenes Frommen bedacht; indessen war sie doch nicht so ganz ohne alle Anhänglichkeit an Sophie. Die Wahrheit zu sagen, so war es für jedermann sehr schwer, dieses junge Fräulein zu kennen, und es nicht zu lieben. Sie hörte also nicht so bald eine Neuigkeit, die ihr für ihr Fräulein von großer Wichtigkeit schien, als sie allen ihren Zorn und Unwillen, den sie vor zwei Tagen über die unfreundliche Verweisung aus Sophiens Gegenwart empfunden hatte, vergaß und stracks hinlief, ihr diese Zeitung zu hinterbringen.

Sie plumpte ebenso mit ihrer Rede heraus, als sie ins Zimmer hereingeplatzt war. »O liebst' 'R Gnaden,« sagte sie, »was sagen gnädige Frölen darzu? Mein'r Ehr', mir stehn drüber die Haare zu Berg'. Doch, dacht' ich, 's wäre meine Schuldigkeit, es 'R Gnaden zu sag'n, ob's m'r gleich Ungnädigkeit zuziehen kann; denn wir armen Bediensteten wissen nicht immer, was unsere Damens ungnädig machen kann; denn vorwahr, 'ne Kammerjungfer muß immer alles ausbad'n. Wenn unsre gnädigen Damens nicht in Laune sind, so schmälern sie mit uns, und, mein'r Ehr'! 's soll mich nicht wundern, wenn 'R Gnaden mißlaunisch wären; o ja freilich, 's muß Sie erstaunen, und erschrecken obendrein noch.« – »Liebe Nore, lasse Sie mich ohne längere Vorrede hören, was Sie hat,« sagte Sophie; »es gibt sehr wenige Dinge, ich versichre Sie, worüber ich erstaune, und noch weniger, worüber ich erschrecke.« – »Liebste 'R Gnaden,« antwortete Honoria, »vorwahr, auf meine Ehr', ich hab' unsern gnädigen Herrn mit Pastor Schickelmann so von fern sprechen hören, von'n Freischein zur Trauung hol'n, noch heut nachmittag; und mein'r Ehr, ich hört 'n sag'n, 'R Gnaden sollt'n morgen vormittag getraut werden.« Sophie ward bleich und blaß bei diesen Worten, und wiederholte hastig: »Morgen vormittag!« – »Ja, ja, 'R Gnaden; 'ch will mein'n körperlichen Eid drauf thun, daß ich's unsern gnädigen Herrn hab' sagen hören.« – »Nore,« sagte Sophie, »Sie hat mir ein solches Erstaunen und Schrecken gemacht, daß ich kaum[11] noch Atem schöpfen kann. Was soll ich bei meiner so fürchterlichen Lage anfangen?« – »Ich wollt' wünschen, 'ch könnt 'R Gnaden 'n guten Rat geben,« sagte sie. – »Thu Sie's, rate Sie mir,« sagte Sophie; »liebstes Norchen, ich bitte, gebe Sie mir einen guten Rat! Was meint Sie, würde Sie thun, wenn Sie an meiner Stelle wäre.« – »Vorwahr, gnädiges Frölen,« rief Honoria, »ich wollt' wünschen, 'R Gnaden und ich könnten tauschen; das ist, ich meine nur so, ohn' daß 's 'R Gnaden zu nah thät'; denn vorwahr! so bös mein' ich's mit 'R Gnaden nicht, daß ich wünschen sollt', Sie wären eine arme Kammerjungfer; sondern nur so, weil ich, wenn ich an 'R Gnaden Stelle wär', es mir ganz gemütlich sein sollt. Denn nach meiner geringen Meinung ist der junge Herr von Blifil ein so scharmanter, süßer, schöner Mann« – »Sage Sie mir nicht solch dummes Zeug vor!« rief Sophie. – »Dumm Zeug! dumm Zeug!« wiederholte Honoria. – »Ja, nun so! – Man mag wohl sagen: ein's Menschen sein' Speise, ist des andern Menschen sein Gift; und das ist, mein'r Ehr', ebenso wahr von's Weibsen.« – »Nore,« sagte Sophie, »ehe ich darein willigte, die Frau eines so elenden, verächtlichen Menschen zu werden, wollte ich mir einen Dolch ins Herz stoßen.« – »O Jemini! 'R Gnaden,« antwortete die andere, »vorwahr, Sie mach'n, daß 'ch zittr' und bebe, wie ein Hespenblatt. Lassen 'R Gnaden sich doch erbitten, und leid'n 'R Gnaden nicht, daß Ihnen ein so sinnloser Gedanke in 'n Kopf steige. O Jemini! Ich krieg' davon ein' Gänsehaut über mein'n ganzen Leib. O teuerste 'R Gnaden, bedenken 's doch! kein ehrlichs Begräbnis zu kriegen, bei frommer Christen Grab! und Ihre Leiche so hinschleppen zu lassen, an die Landstraßen und Zäune, und 'n großen Pfahl durchschlag'n zu lass'n, wie sie mit 'n Pachter Dreyer zu Ox-Croß umsprungen! und vorwahr, nun kann sein' arme Seele nicht zu Gnaden komm'n, und spukt da alle Nächte herum, denn 's haben 'n viel Leute gesehn. Vorwahr und sicher! Nichts in der Welt, als der leibhaftige Gott sei mit uns! kann 'n Menschen solche arge Gedanken einblasen; denn 's läßt sich nichts Aergers und Gottlosers denken. Lieber die ganze Welt zu Grund' richten, als sich Schaden an seinem eignen lieben Leibe thun; das hab' ich von mehr als ein'n P'storen sagen hören! – Wenn 'R Gnaden so 'n gräulichen Abscheu für den jungen Herrn haben, und so 'ne gräßliche Pike, daß Ihnen schon graust, wenn Sie nur dran denken, daß 'R Gnaden mit 'm zu Bett gehn soll'n! – Ja, freilich wohl, mag's solche Anterpartien in der Welt geben, daß einer lieber eine Kröte anfaßt, als das Fleisch von g'wissen Leuten. Ja, worum nicht?« –

Sophie war viel zu tief im Nachdenken versunken, um auf die vorhergehende gar ausbündige Rede ihrer Kammerjungfer die gehörige[12] Aufmerksamkeit verwenden zu können; sie fiel ihr also ein, ohne im geringsten darauf zu antworten, und sagte: »Liebes Norchen! Ich habe einen Entschluß gefaßt. Es ist bei mir ausgemacht, ich verlasse meines Vaters Haus noch diese Nacht; und wenn Sie die Freundschaft für mich hegt, die Sie mir oft beteuert hat, so wird Sie mir Gesellschaft leisten.« – »Das will ich, 'R Gnaden, so weit hin, da die Welt mit Brettern zugenagelt ist,« antwortete Honoria. »Aber ich bitt 'R Gnaden, bedenken 's wie 's gehn wird, ehr Sie 'ne unkluge That begehn. Wo könn'n 'R Gnaden wohl hingehn?« – »Ich kenne eine vornehme Dame in London,« versetzte Sophie, »die mir verwandt ist, welche verschiedene Monate bei meiner Tante auf dem Lande zubrachte, die mir während der ganzen Zeit gar viel Freundschaft erzeigte, und ein solches Wohlgefallen an meiner Gesellschaft hatte, daß sie meine Tante sehr dringend bat, sie möchte mir erlauben, daß ich mit ihr nach London gehen dürfte. Und es ist eine sehr wohlbekannte Dame, so, daß ich solche ganz leicht werde ausfragen können, und ich zweifle keineswegs, daß sie mich sehr gütig und freundschaftlich aufnehmen wird.« – – »Wohl gut, aber nicht allzugut!« versetzte Honoria. »Ich wollt' doch nicht, daß 'R Gnaden sich gar zu fest darauf verlassen thäten! Denn die erste Dame, die ich bediente, bat auch die Leute gar dringlich, 's sollten s' besuchen, und hernacher, wenn sie hörte, sie kämen: ja da ging 's ihn'n weit aus'm Wege. Darzu auch mein'r Ehr', wenn's auch dieser Dame sehr lieb wär', 'R Gnaden zu sehn, und Krety und Plethy muß das lieb sein, 'R Gnaden zu sehn, vorwahr! Aberst, wenn sie denn hört, daß 'R Gnaden so weggeloffen sind vom gnädigen Herrn« – »Da irrt' Sie sich, gute Nore,« sagte Sophie. »Sie hat gar keine so hohe Begriffe von der Macht eines Vaters, als ich habe. Denn sie bestand gar gewaltig darauf, daß ich mit nach London gehen sollte, und als ich mich weigerte, ohne Einwilligung meines Vaters mit ihr zu gehn, da lachte sie, und höhnte mich aus, und nannte mich ein einfältiges Landfräulein, und sagte, ich würde ein gehorsames Eheweib werden, weil ich ein so pflichtvolles Kind gegen meinen Vater wäre. – Sonach zweifle ich nicht, sie wird mich nicht nur aufnehmen, sondern auch beschützen, bis mein Vater, wenn er sieht, daß ich nicht mehr in seiner Gewalt bin, wieder auf billigere Gedanken gebracht werden kann.« – »Wohl gut genug,« antwortete Honoria, »aber wie meinen 'R Gnaden aus'm Hause zu komm'n? Wo nehmen Sie Pferd' her und Wagen, und so was? Denn 'R Gnaden eignes Reitpferd – ja, da wissen's die Knechte, daß 's zwischen 'n gnädigen Herrn und meiner gnädigen Frölen nicht so recht richtig ist; und Robert läßt sich ehr häng'n, als daß ers aus'm Stall läßt, wenn's unser gnädige Herr nicht selbst befiehlt.« – »Ich[13] denke aus'm Hause zu kommen, wie man daraus kommt,« sagte Sophie, »wenn man aus der Thüre geht, weil sie offen ist. Meine Füße sind, dem Himmel sei Dank, recht gut im stande mich zu tragen! Haben sie mich doch manchen langen Abend getragen, wenn ich nach einer Geige mit einem nicht sehr angenehmen Tänzer tanzte, und sicherlich werden sie mich nicht im Stiche lassen, wenn ich einem so verhaßten Tänzer auf meine ganze Lebenszeit zu entweichen suche.« – »O Jemini! Wissen 'R Gnaden auch was Sie sagen?« schrie Honoria. »Woll'n gnädiges Frölen wohl so bei nachtschlafender Zeit, so allein zu Fuß, durch Heid' und Weid gehn?« – »Nicht allein,« antwortete Sophie; »Sie hat mir ja versprochen, mir Gesellschaft zu leisten.« – »Nun ja, vorwahr!« sagte Honoria, »'ch will 'R Gnaden durch d' ganze Welt folgen. Aberst, 'R Gnaden, sind damit nicht besser, als mutterseelallein! denn ich, ja ich kann 's nicht schützen, wenn Räuber und andre Schelme Sie überfall'n sollt'n. Ach nöh! ich würd' mich eb'nso entsetzlich fürcht'n als 'R Gnaden; denn, mein' Ehr', sie würd'n uns, ohn' Gnad' und Barmherzigkeit, all' beide Notzucht anthun: und denn, bedenk'n 'R Gnaden, wie kalt die Nächte jetzunder sind! Wir frieren gewiß zu Tode.« – »Ein guter, rascher Schritt wird uns vor Kälte schützen,« antwortete Sophie. »Und wenn Sie mich nicht vor Räubern schützen kann, Honoria, so will ich Sie beschützen; denn ich will eine Pistole mitnehmen, es hängen immer welche im Vorsaale, die geladen sind.« – »Teureste 'R Gnaden,« – schrie Honoria, »Sie jagen mir größere Bangigkeit ein. Gnädigs Frölen werden's doch vorwahr nicht losschießen woll'n? Lieber laß mir's gehn, wie's der Himmel will, als 'R Gnaden das thun sollt'n.« – »Wie so?« sagte Sophie mit Lächeln; »wollte Sie nicht lieber, daß ich auf jeden Verwegenen eine Pistole abschösse, der ihre Tugend rauben wollte?« – »Wohl wahr, 'R Gnaden,« schrie Honoria, »Tugend ist 'n teur und wertes Ding! besonders vor uns arme Kammerjungfern, weil's unsre ganze Mitgabe ist, wie man wohl recht hat, zu sag'n: Aberst, ich kann's Schießen vorn Tod nicht leiden! 'S kommt so'n manch Unglück d'raus!« – »Nun gut denn!« sagte Sophie, »ich glaube, ich kann Ihre Tugend ganz wohlfeil assekurieren, wenn wir auch keine Pistolen mitnehmen; denn ich bin gesonnen, im ersten Orte, wo wir hinkommen, Pferde zu nehmen, und auf unserm Wege bis dahin werden wir schwerlich angefallen werden. Sieht Sie, Nore, zur Reise bin ich fest entschlossen, und will Sie mich begleiten, so will ich es Ihr so reichlich vergelten, als es nur immer in meinen Kräften steht.«

Dies letzte Argument hatte eine kräftigere Wirkung auf die Zofe, als alle vorhergehende; und da sie ihr Fräulein dermaßen entschlossen sah, enthielt sie sich alles fernern Ausredens. Sie fingen[14] nun an, über die Mittel und Wege zu beratschlagen, wie sie ihr Vorhaben ins Werk setzen könnten. Hier ergab sich eine härtere Schwierigkeit, die war, wie sie ihre Sachen fortschaffen wollten? Die Herrschaft war weit eher darüber hinaus, als ihre Jungfer: denn, wenn eine Dame einmal sich vorgesetzt hat, einem Liebhaber in die Arme, oder aus den Armen zu rennen, so werden alle Schwierigkeiten, zu Wasser und zu Lande, für sie bloße Kleinigkeiten. Aber Jungfer Honoria hatte nun eben solche Inspiration nicht; sie hatte keine Entzückungen zu erwarten, und keinem Entsetzen aus dem Wege zu gehen; und den wahren Wert ihrer Kleidungsstücke ungerechnet, worin ein großer Teil ihres Reichtums steckte, so hatte sie auch noch eine Art grillenhafte Liebschaft zu gewissen Röcken und dergleichen Dingen; entweder weil sie ihr gut paßten und sie gut kleideten; oder weil sie ein Geschenk von dieser oder jener werten Hand waren; oder, weil sie sie erst neulich gekauft; oder, weil sie solche schon lange gehabt hatte; oder aus andern ebenso triftigen Ursachen mehr: so, daß sie den Gedanken nicht ausstehen konnte, ihre armen Sachen Herrn Western auf Gnade und Ungnade zu überlassen, denn sie fürchtete zu sehr, er würde solche in seiner Grimmesflamme nicht verschonen.

Die sinnreiche Jungfer Honoria, nachdem sie vorher alle ihre Redekunst angewendet, ihrem Fräulein die Flucht auszureden, und fand, daß solche durchaus auf ihren Sinnen beharrte, grübelte endlich folgenden Behelf aus, ihre Sachen fortzuschaffen, daß sie sich nämlich selbst noch an eben dem Abend aus dem Hause jagen lassen wollte. Sophie erteilte dem Einfalle zwar alles verdiente Lob, zweifelte aber, ob und wie sie ihn wirklich ausführen konnte. – »O! sonst nichts!« schrie Honoria, »das lass'n 'R Gnaden mich nur über. Mein'r Ehr'! wenn wir Kammerjungfern woll'n, so wissen wir's schon so zu mach'n, daß die Herrschaften uns diese G'fälligkeit gern erweis'n; manchmal wohl, freilich! wenn 'm so mehr Lohn bei ihn'n steh'n hat, als sie eben bezahl'n könn'n, so kann 'm poch'n und verwogen thun wie 'm will, und sie stecken's all's ein, und thun, als ob sie 's nicht hören, wenn man 'n das Stühlchen für die Thüre setzt. Aberst unser Gnäd'ger ist'n ganz andrer Herre. Und derweil nun 'R Gnaden mit Gott's Gewalt noch heint Nacht auf und d'rvon wollen, vorwahr und mein'r Ehr', so will ich noch heint nachmittag mein'n Laufpaß hab'n, wie nichts!« Sonach ward beschlossen, sie solle für ihr Fräulein einige Wäsche und ein Nachtkleid zu ihren eigenen Sachen packen. Alle ihre übrigen Kleider verließ die gute Sophie mit ebenso wenigem Widerwillen, als der Bootsmann dabei fühlt, wenn er andrer Leute Frachtgüter über Bord wirft, um sein eignes Leben zu retten.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 11-15.
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