Fünftes Kapitel.

[197] Zeigt, wer die liebenswürdige Dame und ihre liebenswidrige Zofe waren.


Wie gegen Ende des Junimonats die Damaszener Rose, welche der Zufall zwischen die Lilien hin versetzt hat, die ihr blendendes Weiß zu ihrer zarten Röte mischen, oder wie ein schäkerndes Queckrind im wonnigen Monat Mai seinen wohlriechenden Atem über die blumenreichen Wiesen verbreitet, oder wie in dem blütereichen April das Bild treuer Liebe die Taube auf dem schlanken Baumaste sich wiegt und girrend an ihren Gatten denkt, so von tausend Reizen strahlend, ebensoviel Wohlgerüche hauchend, mit ihren Gedanken geheftet auf ihr liebes Tömchen, mit einem Herzen so gut unschuldsvoll als voll ihr Gesicht von Schönheit, lag Sophie (denn sie war es selbst) mit ihrem liebenswürdigen Haupt auf ihre Hand gestützt, als ihre Zofe ins Zimmer trat und spornstreichs dem Bette zurennend ausrief: »Gnädigs Fröln! o, gnädigs Fröln! Was meint' Ihr Gnaden, wer wohl hier ist im Haus?« Sophie richtete sich erschrocken auf und sagte: »Ich denke doch nicht, daß mein Vater uns nachgekommen ist!« – »Ach nein, Ihr Gnaden! 's ist wohl wer wer so gut ist, als hundert Papas; Herr Jones selbst ist hier in dieser sticken Stunde!« – »Herr Jones?« sagte Sophie. »Es ist unmöglich, Nore! Wie sollt' ich zu dem Glück kommen!« Ihre Jungfer beteuerte die Wahrheit und ward unverzüglich von ihrer Gebieterin abgefertigt, um ihn zu bitten zu ihr zu kommen, denn[197] sie sagte, sie wäre entschlossen, ihn noch diesen Augenblick zu sprechen.

Jungfer Honoria hatte kaum die Küche verlassen auf die Art, wie wir vorhin gesehen haben, als die Frau Wirtin sie sehr scharf auf die Hechel nahm. Die arme Frau hatte schon lange ihrem Herzen manches unsaubre Schimpfwort aufgeladen, und nun flossen solche aus ihrem Munde wie der Gassenkot von einem Dreckkarren, wenn der Schieber, der ihn aufhielt, weggezogen wird. Rebhuhn schaufelte gleicherweise sein Häufchen Verleumdung mit auf, und (was vielleicht den Leser verwundern mag) beklexte nicht nur die Zofe, sondern bestrebte sich auch selbst den lilienweißen Charakter des Fräuleins Sophie zu beschmutzen. »Wie die Zucht, so die Frucht,« sagte er: »noscitur a socio, ist eine sehr wahre Sage. Wohl wahr, man kann's nicht leugnen, die Dame in der verbrämten Schabracke ist bei weitem die höflichste von beiden. Aber das ist doch auch wahr, daß sie am Ende beide aus einer Lauge gewaschen sind. Ein paar Badenymphen sind's, darauf setz' ich meinen Kopf zum Pfande. Denn adliche Personen reiten bei so später Nachtzeit wohl nicht ohne Bedienten auf der Heerstraße herum!« – »Dem ewigen Juden will ich Herberge geben, Herr, wenn Sie nicht recht haben,« rief die Wirtin; »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn hohe adliche Personen kommen in keinen Gasthof ohne eine Abendmahlzeit zu bestellen, sie mögen sie nun essen können oder nicht.« Als sie sich noch dergestalt unterredeten, kam Jungfer Honoria wieder zurück und entledigte sich dadurch ihres Auftrags, daß sie der Wirtin gebot, sie solle Herrn Jones ungesäumt aufwecken und ihm sagen, es wäre eine Dame da, die ihn zu sprechen verlange. Die Wirtin verwies sie an Rebhuhn mit dem Bedeuten, er wäre des Junkers Freund, denn sie für ihr Teil rufe niemals Mannspersonen aus dem Bette, besonders solche junge Herren, und damit watschelte sie ganz mürrisch zur Küche hinaus. Honoria wendete sich an Rebhuhn. Er aber schlug's ab: »Denn,« sagte er, »mein Freund ist sehr spät zu Bett gegangen und er würd' es sehr übel nehmen, wenn man ihn so früh im Schlafe störte.« Jungfer Honoria bestand darauf, er müsse ihn wecken und sagte: »Sie wüßte ganz gewiß, anstatt es übel zu nehmen würd's ihm vielmehr die größte Freude machen, wenn er erführe, wer ihn rufen ließ.« – »Auf ein andermal möchte das wohl sein,« rief Rebhuhn, »aber non omnia possumus omnes. Ein Frauenzimmer ist auf einmal genug für einen vernünftigen Mann.« – »Was will Er mit seinem einen Frauenzimmer auf einmal sagen, Kerl?« schrie Honoria. – »Bleib' Sie mir mit Ihrem Kerl vom Leibe!« antwortete Rebhuhn. Und darauf sagte er ihr mit dürren Worten, Jones wäre mit einer[198] Person vom weiblichen Geschlecht zu Bett gegangen und bediente sich dabei eines Ausdrucks, der zu unsittlich war, um ihn hier herzusetzen und worüber Jungfer Honoria dermaßen wütig wurde, daß sie ihn einen faulzüngigen Hanswurst nannte und über Hals und Kopf wieder zu ihrem Fräulein rannte, welchem sie den Ausgang ihrer Botschaft überbrachte und was für Nachrichten sie gelegentlich eingezogen hätte, die sie denn womöglich noch übertrieb, indem sie auf Herrn Jones ebenso zornig war, als ob er alle die Worte selbst gesagt hätte, die aus Rebhuhns Mund gegangen waren. Sie schüttete einen Strom von Schimpfworten über den Herrn aus und riet ihrem Fräulein, alle Gedanken auf einen Mann fahren zu lassen, der sich noch niemals als ihrer würdig bezeigt habe. Sie zog darauf die Geschichte mit Molly Seegrim aufs neue hervor und machte darüber, daß er vorher Sophien selbst entsagt, die allerboshafteste Auslegung, welcher, ich muß es gestehn, der jetzige Vorfall keinen geringen Grad von Wahrscheinlichkeit gab.

Sophiens Lebensgeister waren zu sehr von Betrübnis niedergeschlagen, um im stande zu sein, den Strom ihrer Zofe zu dämmen. Zuletzt fiel sie ihr gleichwohl in die Rede und sagte: »Ich kann dies unmöglich glauben! Irgend ein Bösewicht hat Sie belogen. Sie sagt, Sie hab' es von seinem Freunde. Es wäre aber gewiß kein Freundschaftsdienst, dergleichen Geheimnisse zu verraten.« – »Ich glaube, mein'r Ehre,« sagte Honoria, »der Kerl ist sein Zubringer, denn mein Lebstag habe ich kein so'n Eulengesicht von Lumpen gesehn, als den Buben, und denn so sind auch solche liederliche Hurenjäger als der Herr Jones mit so was eben nicht heimlich, denn sie schämen sich nicht und grämen sich nicht.«

Die Wahrheit zu bekennen, war dies Betragen des Rebhuhns nicht so platterdings zu entschuldigen, aber er hatte die Wirkung der Malzkraft, welche er vorigen Abend zu sich genommen hatte, noch nicht völlig wieder ausgeschlafen und des Morgens war noch eine Pinte warmen Weins oder vielmehr Weizengeist (denn selbst der Birnmost war nicht unverfälscht) hinzugekommen. Nun war der Raum in seinem Kopfe, welchen die Natur zum Behälter des Getränks bestimmt hatte, sehr flach und es durfte nur ein wenig von geistigem Getränk hineinlaufen, so floß er über und öffnete die Schleusen seines Herzens so, daß alle darin aufbewahrten Geheimnisse mit fortschwammen. Diese Schleusen waren auch freilich von Haus aus nicht zum sichersten verwahrt. Um seine Gemütsneigung von der besten Seite zu nehmen, wo wir nur können, wollen wir sagen, er war ein sehr ehrlicher Mann, denn so wie er einer der neugierigsten unter allen Sterblichen war und ewig und ohne Unterlaß die Nase in andrer Leute Geheimnisse stecken mochte, so bezahlte er solche[199] dadurch auf Treu und Glauben, daß er dagegen alles wieder mitteilte, was nur jemals zu seiner Wissenschaft gelangt war.

Unterdessen, daß Sophie, von ängstlichen Zweifeln gequält, nicht wußte, was sie glauben, noch was für einen Entschluß sie fassen sollte, langte Susanne mit dem Sekt-Thee an. In diesem Augenblick flüsterte Jungfer Honoria ihrem Fräulein den Rat ins Ohr, diese Dirne ein wenig auszupumpen, weil sie ihr vermutlich die rechte Wahrheit sagen könnte. Sophie billigte den Rat und begann wie folgt:

»Komm Sie her, gutes Kind, antworte Sie mir aufrichtig auf das, was ich Sie fragen will, und sei Sie versichert, daß ich Sie reichlich belohnen werde. Logiert hier im Hause ein junger Herr, – ich meine, so ein recht hübscher junger Herr, der« – hier ward Sophie ganz rot und konnte vor Stottern nicht weiter reden – »Ein junger Herr«, schrie Honoria, »der hier kam in Kompanie mit dem Zotenreißer, da unten in der Küche?« Susanne antwortete bejahend. »Weiß Sie etwas von einem gewissen Frauenzimmer«, fuhr Sophie fort, »von einem gewissen Frauenzimmer – ich frag eigentlich nicht, ob sie schön ist; vielleicht ist sie's nicht; und das thut auch nichts zur Sache; aber ich meine, ob Sie was von einem gewissen Frauenzimmer weiß?« – »Mein'r Ehr! gnädig's Fröln«, schrie Honoria, »aufs Examinieren haben sich Ihr' Gnaden noch nicht recht gelegt. – Hörst du, Mädchen, sag' mir,« fing Honoria an, »ist nicht eben der junge Herr, mit einer gewissen klaatrigen Betze zu Bette gegangen?« Hier schmutzerte Susanne und blieb stumm. »Antworte Sie mir, mein Kind,« sagte Sophie, »und da ist hier eine Guinee für Sie.« – »Eine Guinee, Ihr Gnaden!« rief Susanne; »eine Guinee will nicht viel sagen. Wenn's unsre Frau erfährt, so komm' ich gewiß den Augenblick um meinen Dienst.« – »Da hier ist noch eine,« sagte Sophie, »und ich versprech's Ihr, auf mein Gewissen, Ihre Herrschaft soll davon nichts erfahren!« Nach einem sehr kurzen Bedenken nahm Susanne das Geld, erzählte die ganze Geschichte, und sagte, als sie damit fertig war: »Wenn Ihr' Gnaden recht neugierig sind, so kann ich mich ganz leise in sein Zimmer schleichen und zusehn, ob er in seinem eignen Bett' ist, oder nicht.« Sie that dies auf Sophiens Verlangen, und brachte eine verneinende Antwort zurück.

Jetzt fing Sophie an zu zittern und blaß zu werden. Jungfer Honoria bat sie, sie möchte sich doch zufrieden geben und an einen so unwürdigen Laffen nicht weiter denken. »Ja, nun, so!« sagte Susanne, »ich hoffe doch, Ihr Gnaden werden mir nicht bös werden! Aber ich möcht' wohl bitten, Ihr Gnaden, ob Ihr Gnaden nicht das gnädige Frölen Sophie von Western wären?« – »Wie ist[200] es möglich, daß Sie mich kennen sollte?« antwortete Sophie. – »Je, nun! der Mann, wovon diese Madame hier eben sprach, der in der Küche ist, der hat den ganzen Abend nichts anders gethan, als von Ihr Gnaden zu sprechen. Aber ich hoffe, Ihr Gnaden werden mir's nicht ungnädig nehmen.« – »Ganz und gar nicht, Kind«, antwortete sie; »ich bitt' Sie, sage Sie mir nur alles ohne Umstände, und ich versprech' Ihr ein recht gutes Trinkgeld.« – »Je, ja nun, Ihr Gnaden,« fuhr Susanne fort, »der Mann erzählte uns allen, wie wir in der Küche waren, die gnäd'ge Frölen Sophie von Western – ja, aber ich weiß nicht, wie ich's so recht von mir geben soll.« – Hier stockte sie, bis ihr Sophie von neuem Mut zugesprochen hatte, und Honoria ihr aufs nachdrücklichste zusetzte, da sie denn folgendergestalt fortfuhr: »Ja, da erzählt' er uns, sozusagen, aber es ist gewiß alles erstunken und erlogen, daß Ihr Gnaden in den jungen Junker ganz sterbensverliebt wären; und daß er deswegen in den Krieg zöge, um von Ihr Gnaden nur abzukommen. Ich dachte gleich in meinem Herzen, so für mich selbst, 's wäre doch e'n recht falschherziger Mannskerl; aber nun mit meinen Augen zu sehn, eine so liebe, scharmante, schöne, junge Fröln, als Ihr Gnaden sind, die um eines solchen gemeinen Weibsen wegen sitzen bleiben soll, fürwahr! denn 's ist obendrein noch eines andern Ehemanns Frau – das kann ich mit meinem Verstande nicht klein kriegen, so wunderlich ist das.«

Sophie gab ihr noch eine dritte Guinee dazu; und nachdem sie ihr gesagt hatte, sie wolle gewiß ihre Freundin sein, wenn sie von dem, was vorgefallen, keinem Menschen ein Wort und auch nicht sagte, wer sie wäre: entließ sie die Dirne mit dem Befehle, dem Postillon zu sagen, er solle den Augenblick die Pferde satteln und vorführen.

Nachdem sie jetzt mit ihrer Jungfer alleingeblieben war, sagte sie ihrer getreuen Aufwärterin, ihr wäre niemals leichter ums Herz gewesen, als eben jetzt. »Ich bin nun überzeugt«, sagte sie, »er ist nicht nur ein falscher Mensch, sondern auch verächtlich und niederträchtig. Ich kann ihm eher alles verzeihn, als daß er meinen Namen so barbarischerweise aufs Spiel setzt. Dadurch hat er meine ganze Verachtung verdient. Ja, Nore! mir ist jetzt ganz leicht ums Herz, wirklich recht leicht, recht leicht!« Und damit stürzte ihr eine heftige Thränenflut aus den Augen.

Nach einer kurzen Zwischenzeit, welche Sophie hauptsächlich damit hinbrachte, daß sie weinte und ihre Kammerjungfer versicherte, ihr Herz sei vollkommen ruhig, brachte Susanne die Nachricht, daß die Pferde vorgeführt wären, als unsrer jungen Heldin ein sehr sonderbarer Einfall in den Sinn kam, wodurch Herr Jones erfahren würde, daß sie in demselben Gasthofe gewesen, und zwar auf eine[201] Art erfahren würde, daß, wenn er nur noch einen Funken von Zuneigung für sie im Herzen hätte, es ihn wenigstens einigermaßen für sein Vergehn bestrafen würde.

Der Leser wird die Güte haben, sich eines kleinen Muffs zu erinnern, welchem die Ehre widerfahren ist, schon mehr als einmal in dieser Geschichte erwähnt zu werden. Dieser Muff war seit Herrn Jones' Abreise Sophiens beständiger Gefährte bei Tage und ihr Schlafgeselle bei Nacht gewesen; und diesen Muff trug sie eben diesen Augenblick am Arme. Sie nahm ihn mit großem Unwillen herab, schrieb mit ihrem Bleistift ihren Namen auf ein Stückchen Papier, steckte solches mit einer Nadel an den Muff und bestach das Mädchen, beides in Herrn Jones leeres Bett zu legen; und wofern er's nicht darin finden sollte, ließ sie sich von ihr versprechen, den Muff des Morgens, auf eine oder die andere Art, ihm vor die Augen zu bringen.

Als sie darauf für das bezahlt hatte, was Jungfer Honoria verzehrt, nebst der übrigen Rechnung des Postillons, mit einbegrissen, was sie selbst hätte verzehren können, stieg sie zu Pferde, und setzte in der abermaligen Versicherung gegen ihre Gefährtin, wie es ihr ganz leicht ums Herz sei, ihre Reise weiter fort.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 197-202.
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