Viertes Kapitel.

[194] Enthält den wahren Stein der Weisen, vermittelst dessen wir aller Menschen Gesinnungen gegen uns in Haß und Abscheu verwandeln können.


Die Dame hatte sich nicht so bald zu Bette gelegt, als die Kammerjungfer wieder nach der Küche zurückkehrte, um sich mit einigen von den leckern Gerichten gütlich zu thun, die ihre Gebieterin ausgeschlagen hatte. Bei ihrem Eintritte erwies ihr die Gesellschaft eben den Respekt, den sie vorher ihrer Gebieterin bewiesen hatte, und die Leute standen auf von ihren Sitzen beim Feuer. Sie vergaß aber ihrer Herrschaft nachzuahmen und sie zu bitten, sich wieder niederzusetzen. In der That hätten sie das auch kaum gekonnt, denn sie gab ihrem Stuhle eine solche Stellung, daß dadurch beinahe aller Platz beim Feuer eingenommen wurde. Darauf gab sie Befehl, man solle ihr augenblicklich ein junges Huhn auf dem Rost braten, mit der Verwarnung, wenn es in einer Viertelstunde nicht fertig wäre, so wollte sie's hernach gar nicht. Nun würde zwar, obgleich das besagte Küchlein noch auf dem Hühnerbalken schlief und noch die Zeremonien des Fangens, des Abschlachtens und Brühens vorhergehen mußten, ehe es auf den Rost gebracht werden konnte, die Frau Wirtin dennoch ihr möglichstes gethan haben, in der bestimmten Zeit damit zustandezukommen, aber zum Unglück war der Gast hinter dem Vorhang zugelassen worden und hätte also den ganzen Betrug als Zeuge mit ansehen müssen; die gute Frau sah sich sonach genötigt zu gestehen, daß sie kein abgethanes Küchlein im Hause hätte. »Aber, Madame,« sagte sie, »ich kann in einem Augenblick Hammelfleisch vom Metzger haben, was für ein Stück Sie nur befehlen.«

»Meint Sie denn,« antwortete die Nachtritts-Dame, »daß ich einen Pferdemagen habe, um in dieser späten Nachtzeit Hammelfleisch genießen zu können? Auf meine teure Ehre! Ihr Gastwirtsleute schert alle andre bessere Menschen über euren eignen Kamm. Hab' ich's doch wohl gedacht, daß ich an einem so elenden Orte nichts erwarten dürfte! Ich wundre mich, daß mein gnädigs Frölen hier absteigen konnte. Denn hier kann doch wohl kein honetter Mensch logieren, als Handwerksleute und Roßtäuscher.« Der Frau Wirtin juckte die Zunge bei dieser Beschimpfung, die man ihrem Hause anhängte, unterdessen that sie sich Gewalt an und begnügte sich damit, zu sagen: »es kämen wohl Personen von sehr hohem Adel[194] und logierten in ihrem Hause, daß sie es Gott zu danken hätte!« – »O geh' Sie mir mit Ihrem hohen Adel,« schrie die andre. »Ich sollte denken, ich kennte ein bißchen mehr Personen vom hohen Adel, als Sie und Ihresgleichen. Aber wenn ich bitten darf, wozu soll ich alles das Geträtsche anhören? Ich möchte viel lieber wissen, was ich zum Souper haben kann, denn ob ich gleich kein Pferdefleisch genießen kann, so hab' ich doch wirklich viel Appetit.« – »Nun ja doch wirklich, Madame,« antwortete die Wirtin, »Sie hätten mir zu keiner leidigern Stunde kommen können, denn ich muß es nur gerade heraus gestehen, ich habe nichts weiter vorrätig im Hause als ein Stück kaltes Rindfleisch. Doch daran haben der Bediente des Herrn da oben und der Postknecht schon bis an die Knochen genagt.« – »Frau!« sagte Jungfer Abigail (denn so wollen wir sie der Kürze halber nennen), »mach' Sie nicht, daß m'r übel wird. Und wenn ich vier Wochen gefastet hätte, so könnt 'ch doch von so was nicht speisen, was solche Kerl mit ihren Mistfäusten bekrabbelt haben. Ist denn nichts Reinlichs und Propres an diesem abscheul'chen Orte zu haben?« – »Was sagen Madame zu ein paar Eier auf Schinken geschlagen?« sagte die Wirtin. – »Sind Ihre Eier frisch gelegt? Ist's auch recht gewiß, daß sie nur tagalt sind? Und dann muß der Schinken ja recht delikat und dünn, dünn geschnitten werden, denn ich kann nichts ausstehn, was dick ist und grob – Nu! sei Sie so gut, greif' Sie sich e'nmal an und seh' Sie zu, gute Frau, ob Sie was Erträgliches zu Gange bringen kann. Und thu' Sie nicht so, als ob sie eine Pachtersfrau vor sich hätte, oder so 'ne Kreatur aus'n Hause.« Die Wirtin fing an, mit ihrem Messer zum Werke zu schreiten, aber die andre that ihr Einhalt, indem sie sagte: »Bei Leib und Leben, geh' Sie doch erst hin und wasche Sie sich die Hände, denn Sie muß wissen, ich bin gar unmenschlich reinlich und bin von meiner Wiege an gewohnt, alles aufs properste zu haben.«

Die Wirtin, der es herzlich sauer wurde ihre Zunge im Zaum zu halten, schritt nunmehr zu den nötigen Vorbereitungen, denn was Susannen betrifft, so war die platterdings davon abgewiesen, und zwar mit so verächtlichen Worten, daß es der armen Dirne ebenso sauer einging ihre Hände von Thätlichkeiten abzuhalten, als es der Wirtin schon längst schwer geworden war, ihre Zunge zu halten. Dies that indessen Susanne nicht so ganz und gar, denn ob sie solche gleich buchstäblich hinter den Zähnen hielt, so murmelte solche doch manches: »Daß dich!« »Dächt ich doch, was mich biß!« »Möcht' mein Fleisch mit deinem nicht tauschen!« und mehr solche Stoßworte des verbißnen Aergers.

Unterdessen die Mahlzeit zubereitet wurde, hob Jungfer Abigail[195] an zu beklagen, daß sie nicht befohlen, Feuer in der großen Gaststube anlegen zu lassen, aber sie meinte, dazu wär's nun zu spät: »Je nu!« sagte sie, »so kann ich doch erzählen, wie's einem zu Mut ist, wenn man in der Küche speist, denn ich wüßte mein Lebstage nicht, daß ich in 'r Küche gegessen hätte.« Darauf wendete sie sich gegen die beiden Postillons und fragte sie, warum sie nicht hingingen nach dem Stalle zu ihren Pferden? – »Wenn ich meine Kummersmahlzeit hier essen soll, Madame,« sagte sie zu der Wirtin, »so möcht' ich doch wohl bitten, daß die Küche gesäubert wird und daß ich nicht mitten unter allen Fink und Stink sitzen müßte. Nun! Sie, Herr,« sagte sie zu Rebhuhn, »Sie sehn noch ein bißchen aus, als ein rechtlicher Mann und können sitzen bleiben, wenn Sie wollen. Ich mag nicht gern sonst jemand stören, als nur die Kretis und Pletis.«

»Ja, ja! Madame,« rief Rebhuhn, »ich bin gewiß kein Kreti und Pleti, und glauben Sie nur, daß ich mich nicht eben so leicht stören lasse. Non semper vox causalis est verbo nominativus.« Dieses Latein hielt sie für spitzige Redensarten und antwortete: »Sie mögen meinetwegen ein rechtlicher Herr sein, so viel Sie wollen, aber mit Ihrer Aufführung zeigen Sie's nicht, daß Sie lateinisch oder was es ist zu einer Dame sprechen können.« Rebhuhn gab ihr eine höfliche Antwort, woran er noch einige Brocken mehr Latein hängte. Hierüber warf sie die Nase in die Höh' und begnügte sich damit, ihm dadurch eins zu versetzen, daß sie ihn einen hochgelahrten Herrn hieß.

Die Nachtmahlzeit war jetzt zu Tische gebracht und für eine so delikate Person aß Jungfer Abigail gar wacker drauf los, und unterdessen, daß auf ihren Befehl eine zweite Portion in der Pfanne zum Feuer gebracht ward, sagte sie: »Und so, Madame, erzählt' Sie mir, daß Ihr Haus von vornehmen Personen von Adel besucht wird?«

Die Wirtin gab eine bejahende Antwort und sagte: »Es wären viele adeliche Personen und viele andre vornehme Leute grad jetzt im Hause. Da ist der junge adliche Herr von Alwerth unter andern, wie der Herr da wissen.«

»Ei, ich bitte! kann ich nicht erfahren, wer dieser junge Herr von Adel, dieser Junker von Alwerth ist?« sagte Abigail.

»Wer sollt' es sein«, antwortete Rebhuhn, »als der Sohn und Erbe des reichen Junkers von Alwerth in Sommersethire?«

»Meiner Ehre«, sagte sie, »Sie sagen m'r da recht grause Dinge! Ich kenne Herrn von Alwerth in Sommersethire mehr als zu gut, und daß er keinen lebendigen Sohn hat, weiß ich auch, meiner Ehre!«[196]

Die Wirtin spitzte bei diesen Worten die Ohren und Rebhuhn sah aus wie jemand, dem die Petersilge abgehagelt ist, und nachdem er sich ein Weilchen besonnen hatte, antwortete er: »Madame haben wohl recht, es ist wahr, es weiß nicht jedermann, daß es des Herrn von Alwerths Sohn ist, denn er war mit seiner Mutter nicht getraut. Aber daß es sein Sohn ist, dar auf können Sie sich verlassen, und daß er sein Erbe sein wird, das ist ebenso gewiß, als sein Name Jones heißt.« Bei diesem Worte ließ Abigail die Schnitte Schinken, mit der sie eben zum Munde fahren wollte, von der Gabel fallen und rief aus: »Herr, Sie erstaunen mich! Ist's möglich? Ist er jetzund hier im Hause? Jones? Ist's möglich?« – »Quare non?« antwortete Rebhuhn. »Es ist möglich, denn es ist gewiß.« Jetzt hastete sich Abigail mit dem Ueberreste ihrer Mahlzeit fertig zu werden, und verfügte sich dann hinauf zu ihrer Gebieterin, worauf die Unterredung vorfiel, welche man in dem nächsten Kapitel lesen kann.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 194-197.
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