Vierzehntes Kapitel.

[35] Was dem Herrn Jones auf seinem Wege von Sankt Albans nach London begegnete.


Sie waren ungefähr eine kleine Stunde Weges hinter Barnet gekommen, und es war bereits in der Abenddämmerung, als ein Mann von artigem Ansehn, aber auf einem sehr schäbigen Pferde auf Herrn Jones zuritt und ihn fragte, ob sein Weg nach London ginge, worauf Jones mit Ja antwortete. Der fremde Herr versetzte: »Ich würde Ihnen verbunden sein, mein Herr, wenn Sie sich meine Gesellschaft wollten gefallen lassen, denn es fängt an spät zu werden und ich bin des Weges unkundig.« Jones willigte sehr gerne in sein Verlangen und so ritten sie mit einander fort und führten die Art von Gesprächen, welche bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich sind.

Straßenräuberei war gleichwohl der vornehmste Inhalt dieser Gespräche, ein Punkt, worüber der Fremde große Besorgnis äußerte; Jones aber erklärte, er habe sehr wenig zu verlieren und folglich ebensowenig zu fürchten. Hier konnte Rebhuhn sich nicht enthalten, seinen Senf mit dazu zu geben. »Eur Gnaden,« sagte er, »mögen's wohl für wenig halten! Aber ich, bei meiner Treue! wenn ich eine Banknote von hundert Pfund in meiner Tasche hätte, wie Sie haben, so sollte mir's sehr leid thun, drum gebracht zu werden. Doch meinesteils hab' ich mich in meinem Leben nie so wenig gefürchtet als jetzt; denn unser sind vier, und wenn wir Fuß bei Fuß setzen, so biet' ich dem Manne Trotz, der uns berauben wollte. Gesetzt auch, er hätte eine Pistole, nu! so kann er nur einen von uns erschießen und ein Mensch kann nur einmal sterben, das ist mein Trost! Einmal kann ein Mensch nur sterben!«

Außer der Zuversicht auf die größere Anzahl, welche eine Art von Tapferkeit gibt, wodurch sich eine gewisse Nation unter den Neuern bis zu einem hohen Grade von Ruhm emporgeschwungen hat, beruhte auch der außerordentliche Mut, welchen Rebhuhn jetzt bezeigte, noch auf einem andern Grunde; denn er hatte gegenwärtig von dieser Eigenschaft grade so viel an sich, als die Macht des starken Getränkes zu verleihen im stande war.

Unsre Gesellschaft war nunmehr bis auf eine halbe Stunde Weges von Highgate gekommen, als sich der Fremde plötzlich gegen[35] Herrn Jones umwandte, eine Pistole hervorzog und die kleine Banknote forderte, deren Rebhuhn erwähnt hatte.

Anfangs stutzte Jones ein wenig über dieses unerwartete Begehren; er faßte sich indessen wieder sehr bald und sagte zu dem Straßenräuber: alles Geld, was er bei sich habe, sei völlig zu seinem Dienst; und mit diesen Worten langte er ungefähr auf drei Guineen hervor und wollte ihm solches hingeben; der andere aber antwortete mit einem Schwur, das wäre nicht genug. Jones antwortete ganz kaltblütig: das thäte ihm leid und steckte damit das Geld wieder in seine Tasche.

Der Räuber begann ihm zu drohen, wenn er ihm nicht den Augenblick die Banknote aushändigte, so müsse er ihn erschießen und hielt ihm dabei die Pistole sehr nahe auf die Brust. Jones ergriff wirklich die Hand des Kerls, welche dergestalt zitterte, daß er kaum die Pistole darin halten konnte, und kehrte die Mündung von sich ab. Hierauf folgte ein Handgemenge, worin der erste seinem Gegner die Pistole aus den Händen wand, und beide kamen von ihren Pferden herunter auf die Erde, der Räuber kam auf den Rücken zu liegen und der siegende Jones über ihm.

Der arme Kerl begann nunmehr seinen Ueberwinder um Barmherzigkeit anzuflehen; denn die Wahrheit zu bekennen, war er an Stärke dem Herrn Jones keineswegs gewachsen. »In der That, mein Herr,« sagte er, »ich konnte den Vorsatz nicht haben, Sie zu erschießen, denn Sie werden finden, daß die Pistole nicht geladen war. Dies ist der erste Straßenraub, den ich jemals habe begehen wollen, und ich bin durch die äußerste Not dazu verleitet worden.«

In eben diesem Augenblick lag ungefähr ein paar hundert Schritt davon eine andre Person auf dem Erd boden, welche mit einer viel lautern Stimme als der Straßenräuber um Barmherzigkeit brüllte. Dies war niemand anders als der leibhaftige Rebhuhn, der sich mit möglichster Eile dem Handgemenge hatte entziehen wollen, darüber vom Pferde abgeworfen war und nun platt auf'm Angesicht lag, nicht das Herz hatte, die Augen aufzuschlagen und jeden Augenblick erwartete, er würde erschossen werden.

In dieser Stellung lag er, bis der Vorreiter, (der um weiter nichts besorgt war, als um seine Pferde), nachdem er das strauchelnde Vieh wieder zu Beinen gebracht, zu ihm kam und ihm sagte, sein Herr habe den Straßenräuber in seine Gewalt bekommen.

Bei dieser Neuigkeit sprang Rebhuhn auf und lief zurück nach dem Platze, wo Jones mit gezogenem Degen stand, um den armen Kerl zu bewachen; welches Rebhuhn nicht so bald gewahr ward, als er ausrief: »Stoßen Sie den Schurken über'n Haufen, Herr! Rennen[36] Sie ihm den Degen durch den Leib, stoßen Sie'n nieder auf der Stelle!«

Indessen war zu gutem Glück der arme Mensch in mitleidigere Hände gefallen. Denn nachdem Jones die Pistole untersucht und gefunden hatte, daß sie wirklich nicht geladen war, begann er dem allem zu glauben, was ihm der Mann gesagt hatte, bevor Rebhuhn dazu kam, nämlich daß er ein völliger Neuling in dem Gewerbe wäre und daß er durch die Not dazu verleitet worden, welche er vorstellte, und welches wirklich eine der größesten war, die man sich denken konnte: Fünf hungrige Kinder und eine Frau, die mit dem sechsten beim äußersten Mangel und Elend in den Wochen lag. Die Wahrheit von diesem allem beteuerte der Straßenräuber aufs heftigste und erbot sich, Herrn Jones selbst davon zu überzeugen, wenn er sich die Mühe geben wollte, mit nach seinem Hause zu gehen, welches keine Stunde weit davon läge; wobei er sagte, er begehre keine Schonung, wenn nicht alles, was er angeführt hätte, völlig wahr befunden würde.

Jones stellte sich anfangs, als wollte er den Kerl beim Worte fassen und mit ihm gehen, wobei er erklärte, sein Schicksal solle völlig von der Wahrheit seiner Erzählung abhängen. Hierbei bezeigte der arme Kerl augenblicklich eine so große Bereitwilligkeit, daß Jones völlig überzeugt wurde, er habe ihm die Wahrheit gesagt, und nun anfing, Bewegungen des Mitleids für ihn zu fühlen. Er stellte dem Mann die ungeladene Pistole wieder zu und gab ihm den Rat, auf redlichere Mittel zu denken, wie er seiner Not abhelfen könne; zugleich schenkte er ihm ein paar Guineen zur unmittelbaren Hilfe für seine Frau und Kinder, wobei er hinzufügte, er wünschte seinetwegen, daß er mehr bei sich hätte, die hundert Pfund aber, wovon die Rede gewesen, gehörten nicht ihm selbst zu.

Unsre Leser werden vermutlich in ihren Meinungen über diese Handlungsweise geteilt sein; einige werden sie vielleicht als eine außerordentlich menschenfreundliche That billigen und loben, während andere von strengerer Gemütsart solche als einen Mangel an Achtung gegen diejenige Gerechtigkeit betrachten, welche jedermann seinem Vaterlande schuldig ist. Rebhuhn betrachtete sie gewiß in diesem Lichte, denn er bezeigte bei dieser Gelegenheit ein großes Mißvergnügen, führte ein altes Sprüchwort an und sagte: es würde ihn nicht wundern, wenn sie der Spitzbube von neuem anfiele, ehe sie noch nach London gelangt wären.

Der Straßenräuber strömte über von Dank und Erkenntlichkeit. Er vergoß wirklich Thränen oder stellte sich, als ob er welche vergösse. Er beteuerte, daß er unverweilt nach Hause kehren und eine[37] solche Uebertretung niemals wieder begehen wolle. Ob er Wort gehalten hat oder nicht? das zeigt sich vielleicht in der Folge.

Nachdem unsre Reisenden wieder ihre Pferde bestiegen hatten, gelangten sie ohne fernern Unfall in der Stadt an. Unterwegs fielen zwischen Jones und Rebhuhn allerlei angenehme Gespräche über ihr letztes Abenteuer vor. Jones bezeigte in denselben ein großes Mitleiden mit solchen Straßenräubern, welche gleichsam durch unvermeidliche Not zu einem so gesetzwidrigen Gewerbe getrieben würden, welches ihnen gemeiniglich ein schmähliches Ende zuzieht. »Ich meine,« sagte er, »bloß solche, deren höchstes Verbrechen sich nicht weiter erstreckt als auf Diebstahl, und welche sich keiner Grausamkeit oder Menschenbeschädigung schuldig machen. Dies ist ein Umstand, welcher, zur Ehre meines Vaterlandes muß ich's sagen, die Straßenräuber in England von den Straßenräubern aller übrigen Nationen unterscheidet, denn bei allen übrigen ist der Mord vom Straßenraube fast allemal unzertrennlich.«

»Ganz richtig,« antwortete Rebhuhn, »besser ist's, einem Menschen sein Geld nehmen als sein Leben. Inzwischen ist's doch sehr hart für ehrliche Leute, daß sie nicht in ihren Geschäften reisen können, ohne vor diesen Schurken in Gefahr zu stehen. Und das ist doch wahr, daß es besser wäre, wenn alle die Gaudiebe aufgehängt wären und so die Wege rein würden, als daß nur ein einziger ehrlicher Mann darunter leidet. Ich für mein Teil freilich! ich möchte nicht gerne das Blut von einem einzigen unter ihnen auf meinem eignen Gewissen haben; aber der hohen Obrigkeit käm's doch eigentlich zu, sie alle mit einander aufknüpfen zu lassen. Was für ein Recht hat irgend ein Mensch, mir einen Groschen abzunehmen, den ich ihm nicht geben will? Ist in einem solchen Manne wohl die geringste Ehrlichkeit?«

»Nein, gewiß nicht,« versetzte Jones, »ebensowenig als in demjenigen, welcher aus eines andern Mannes Stalle Pferde nimmt oder der das Geld zu seinem eignen Gebrauche verwendet, welches er gefunden hat, wenn er seinen rechten Herrn kennt.«

Diese Winke stopften dem Rebhuhn das Maul und er öffnete solches nicht eher wieder, bis er sich gegen einige satirische Scherze des Herrn Jones über seine Zaghaftigkeit mit der Ueberlegenheit des Schießgewehrs zu rechtfertigen suchte und dabei sagte: »Tausend nackte Menschen sind nichts gegen eine Pistole; denn es ist wohl wahr, bei jedem Schuß kann sie nur einen töten; aber wer ist davor sicher, daß man dieser eine nicht selbst sei.«

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 35-38.
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